Widerstand und Liebe

(4. Teil meiner biographischen Erkundungen – meine Mutter gerät in die Fänge der GESTAPO) )

Meine Mutter war immer eine entschiedene Gegnerin der Nazis. Sie erklärte – nach dem Kriege – dass doch jeder hätte sehen müssen, dass dieser Hitler ein Verbrecher war. Diese Entschiedenheit hat mich in ihrer Eindeutigkeit beeindruckt. Aber ich frage mich – jetzt so aus der Vergangenheit – ob dahinter nicht auch der Groll auf diesen prominenten „illegitimen“ Vater steckte. Aber, über ihn sprach sie nie ein böses Wort. Es muss eine instinktive Abwehr gewesen sein. Ihre Erinnerungen an jene Zeit legen das nahe.  Es kann auch zu tun haben mit der Mitgliedschaft in der Kirchengemeinde, St. Liebfrauen in Leipzig Lindenau.

Pfarrer Theo Gunkel 1898 – 1972

Es gehört zu den dialektischen Faszinosa des Internets, dass dieses so moderne zukunftsweisende Medium Schätze aus der immer tieferen Vergangenheit zugänglich macht. Bei den Recherchen über meine kleine Familie wurde mir das wieder besonders deutlich.

Der Pfarrer der Liebfrauen-Gemeinde, Theo Gunkel, seiner Gemeinde im Arbeiterbezirk tief verbunden und von großer Güte und Einfachheit, war ein entschiedener Gegner des Naziregimes. Auf ihn bezog sich meine Mutter oft, wenn sie ihre Gegnerschaft zum Naziregime erklärte. Sie erinnerte an die Gespräche über die sehr bekannte Enzyklika von Papst Pius XI., Mit brennender Sorge, die dezidierte Worte der Ablehnung gegenüber dem Naziregime mit seinen „neuen Göttern“ formulierte. Pius XI. war Vorgänger von Papst Pius’XII, der damals katholischer Nuntius in Deutschland war.

Pfarrer Gunkel und seine Mitbrüder des Oratoriums Philip Neri positionierten sich sehr klar gegen das Naziregime und als die Judenverfolgungen begannen, halfen sie auch Bedrängten, wie ich jetzt erst jetzt viel deutlicher durch Internet-Recherchen erfuhr.

Bernd Lutz Lange über Theo Gunkel

Eine Gedenktafel in Lindenau erinnert daran

Meine Mutter hatte auch in ihrem beruflichen Umfeld – der ATG – ziemlich deutlich die Nazis verdammt und zwar so, dass sie einmal ein Verfahren wegen Führerbeleidigung am Hals hatte und später auch – aber aus anderen Gründen – unter Gestapoaufsicht geriet. Ihre Kollegen warfen ihr Leichtsinn und Mangel an Vorsicht vor, warnten, dass man sie irgendwann nochmal „abholen“ werde. Aber – so erzählte sie uns – sie habe einfach den Mund nicht halten können.

Französische Zwangsarbeiter.

Die ATG – Zulieferer der Rüstungsindustrie, zum Flickkonzern gehörend – hatte in den Jahren ab 1942 starke Zugänge an Fremdarbeitern, aus Frankreich. Meine Mutter, die recht gut französisch sprach, wurde zu ihrer Betreuung eingesetzt. Man muss wissen, dass es auch solche Fremdarbeiter gab, die sich freiwillig hatten rekrutieren lassen. Sie wohnten zwar in Gemeinschaftsunterkünften, auch für sie galten strenge Regeln und Ausgangsverbote, aber sie wurden weniger scharf überwacht.

Ein Fremdarbeiter namens Marcel Emphraix aus Montlucon in Frankreich und meine Mutter verliebten sich ineinander. Meine Mutter hat nie genau erzählt, ob er freiwillig nach Deutschland gekommen war. Seine Kameraden – ob freiwillig oder zwangsverpflichtet – waren alle stark interessiert am weiteren Kriegsverlauf.  1944 wurde ein Kind geboren – mein Bruder Andreas – und meine Mutter kam noch 1944 Haft.

Bericht für einen Pfarrer

Was weiter geschah und wie sich alles zum Tragischen entwickelte hat meine Mutter viele Jahre später in einem langen Brief an einen katholischen Pfarrer, der ihr geraten hatte, ihre Erinnerungen aufzuschreiben, berichtet

Der Bericht ist recht lang. Ich stelle ihn hier – unwesentlich gekürzt so nach und nach vor. Der Bericht ist so wie meine Mutter war: Immer ohne Pathos immer aufs Alltägliche konzentriert und jenseits allen Trachtens nach Heldentum. Meine Mutter ist nicht nur katholisch erzogen, sie war auch immer sehr der Kirche verbunden und religiös. Und ihre Verbindungen zur Liebfrauengemeinde in Lindenau waren von Fürsorge bestimmt. Ein uneheliches Kind von einem Fremdarbeiter hinderte den Pfarrer Theo Gunkel, den ich selbst noch kennenlernte und mit dem ich Jahre später lange Gespräche führte, wenn ich ihn in Leipzig-Lindenau besuchte, nicht, sich besonders um meine Mutter zu kümmern. Sie vermittelte z. B. einem französischen Priester, der als Fremdarbeiter in Leipzig war, die Möglichkeit, eine Heilige Messe zu lesen. Sie engagierte sich in der Gemeinde und war dort mit ihrer Nazigegnerschaft in einer gutem Umgebung.

Sehr geehrter Herr Pfarrer R.

Sie hatten die Freundlichkeit, mir das „Gefängnistagebuch“ von Luise Rinser auszuleihen.

Ich habe es mit besonderer Aufmerksamkeit gelesen und danke recht herzlich dafür. Sie können es mir sicher nachfühlen, daß es mich als ehemaligen Häftling des Naziregimes, die ich doch den gleichen Weg wie die Verfasserin gegangen bin, außerordentlich bewegt und erschüttert hat.

So werde auch ich nun versuchen, Ihnen in einem Bericht das wiederzugeben, was ich in meiner Haft erlebt, erlitten und ertragen habe.

Wie es zu meiner Inhaftierung kam

Ich arbeitete damals in einem großen Rüstungsbetrieb als Kontoristin und Stenotypistin. Auch in unserem Werk, gleich vielen anderen, waren ausländische Arbeiter beschäftigt. Hauptsächlich Franzosen und Belgier. Da ich ihre Sprache so ziemlich gut sprechen kann, wurde ich alsdann für ihre Angelegenheiten als Dolmetscherin herangezogen. Doch dabei blieb es nicht. Weil die Leute unsere Zeitungen und auch Radionachrichten nicht lesen und verstehen konnte, so habe ich ihnen vieles übermittelt, was sie besonders interessierte: die Lage an den Fronten usw.

Ich hatte Bekannte, die hatten einen großen Radioapparat. Wir haben sehr viele Auslandssendungen miteinander abgehört. Und, das was ich dann gemacht habe, war nicht richtig von mir, lieber Herr Pfarrer. Die Leute, Herr und Frau G., kamen durch mich in eine große Bedrängnis. Sie waren nur 10 Tage in Haft. Doch wie es zu meiner Inhaftierung kam, will ich Ihnen zuerst erzählen und muss Ihnen dann noch über Herrn und Frau G.  im Besonderen erzählen und berichten. Das hat nämlich einen bestimmten Grund.

Doch nun zuerst zu meiner Festnahme

Die Nachrichten des Londoner Rundfunks habe ich auf kleine Zettelchen mit der Maschine ins Französische übertragen, auf einer Ormigmaschine abgezogen und dann den Leuten, wenn ich in den Betrieb hinunterging, in die Taschen hineingesteckt. Ich forderte sie auf, das Tempo zu verlangsamen, nicht so schnell zu arbeiten, der Krieg sei sowieso verloren, und die verhassten Nazis würden millionenfach gehängt werden. So und ähnlich waren unsere Parolen „a-bas Hitler“, das war unsere Devise, wenn ich mich mit den Ausländern (traf) und sie sich mit mir unterhielten. So was konnte ja nicht lange gutgehen. Ich bin manchmal sehr impulsiv und ich war auch in unserer Abteilung in politischer Hinsicht ein Draufgänger und dafür allgemein bekannt. „Dich holen sie noch mal“, warnten mich meine Kolleginnen immer wieder. „Mit Euch kann man auch kein Pferd mausen gehen“, w[ar oft meine lakonische Antwort. Von Natur bin ich ein Träumer, doch dieses verhasste Regime regte einen immer wieder von Neuem auf.

Es kam der 23. Juni 1944

Ich wurde früh, als ich in unsere Abteilung kam, gegen 9.00 Uhr von der Gestapo abgeholt. Es waren zwei Beamte, die mich mit dem Auto in die Auenstraße brachten. Das ging alles sehr ruhig und ohne viel Aufhebens vonstatten. In der genannten Straße waren damals das Gebäude und die Büros der Gestapo untergebracht.

Sie wissen ja, Herr Pfarrer, dass ich als unverheiratete Mutter zwei Kinder habe. Andreas ist 1944 geboren, Magdalene ist 1946, nach dem Krieg geboren. Das muss ich nochmal erwähnen, im Verhör spielte das alles eine große Rolle.

Ich wurde sofort in das Dienstzimmer eines Gestapobeamten buchstäblich hineingeschoben. Das Aussehen dieses Mannes und mag es nun 30 Jahre her sein, kann ich Ihnen, lieber Herr Pfarrer, heute noch ganz genau beschreiben. Aber das ist ja nun nicht so wichtig.

„Nun setz Dich mal hin, Du kleines gefährliches Biest, da geht aber der Kopf runter und Deine unschuldige Fresse wirst Du nie wieder aufmachen können“. So begann er mit dem Verhör. Er schlug unbarmherzig auf mich ein. Die Brille fiel auf die Erde und ich konnte mich auf seine Fragen gar nicht richtig konzentrieren.

„Du hast ja selbst kein Radio und nun sag uns, wo Du die Sendungen gehört hat, gib uns die Adresse an, wo die Leute wohnen“! Ich habe mich hartnäckig geweigert, eine Auskunft zu geben. Er hat mich nicht mehr geschlagen, aber dann stellte er eine furchtbare Bedingung. „Ich gebe Dir eine halbe Stunde Zeit zum überlegen, nennst Du uns nicht die Adresse, dann muss Dein Kind dran glauben. Ein Ferngespräch an unsere Dienststelle in Lörrach und Dein Junge wird das zweite halbe Lebensjahr nicht mehr beginnen. Da machen wir kurzen Prozess und sein Lebenslichtlein wird ausgepustet!“ Mein Junge – das Kind von Marcel Emphraix, einem Fremdarbeiter, war in dem Ort in einer Pflegestelle untergebracht, bei einer Frau Weber. Unsere Gemeindeschwester in der Liebfrauengemeinde hatte mir diese Stelle besorgt.

So war er dorthin gekommen. Auf der vorhergehenden Seite hatte ích ja schon meinen kleinen Jungen erwähnt—. Ich bekam fast einen Schock, diese Eröffnung lähmte alle meine Sinne.

Er hatte mich bei meiner schwächsten Stelle gepackt. Und die Leute, Herr und Frau G. kamen nun durch mein Verschulden ebenfalls in diese furchtbare Bedrängnis, wie ich es Ihnen, Herr Pfarrer, ja schon angedeutet hatte. Ich hatte nun die Adresse angegeben und auch sie wurden gleich verhaftet. Auch das hatte ich Ihnen zum Verständnis erwähnt, dass die beiden Gottseidank nur acht oder zehn Tage in Haft waren. – Doch will ich nun weitererzählen.

Fortsetzung folgt demnächst.

Hier sind die bisherigen Teile der Familiengeschichte

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