Mein illegitimer Großvater – vom preußischen Leutnant zum Nazifunktionär

(2. Teil meiner biographischen Erkundungen)

Die Großmutter war ein Miststück, ein künstlerisch begabtes Miststück. Ich nehme an, dass das den noch sehr jungen Fahnenjunker Wilhelm Friedrich enorm fasziniert hat.

Wilhelm Friedrich L. aber war ebenfalls ein Miststück,  ein politisches Miststück, denn noch mehr als Laura Helene hat ihn –  später – ein Mann namens Adolf Hitler fasziniert. All das führte dazu, dass er später in Dessau, seiner Heimatstadt, den Bau eines reichlich protzigen Theaters initiiert hat. Vorher hat er sich noch an der Vertreibung der Bauhaus-Künstler aus Dessau beteiligt mit bösartigen antisemitischen Argumenten. Als das Theater eingeweiht wurde, war er schon tot, denn er ist bereits im Jahr 1935 gestorben, Sein aufopferungsvoller Kampf für Hitlers Machtergreifung hat dazu geführt, dass der Führer an seinem Grab die Trauerrede hielt.  Seine Funktion nannte sich Reichsstatthalter von Dessau Anhalt und Braunschweig. Sein Lebensweg wäre ein Gang durch die Dramen und Tragödien der deutschen Geschichte. Das soll hier nicht so ausführlich erzählt werden weil es die familiäre Linie, der ich ja folgen will, einfach zu sehr ausdehnt. Aber ich kann auf einige zusätzliche Texte von mir dazu verlinken .

Wer war Wilhelm Friedrich Loeper

Sein einziger Berufswunsch war, Offizier zu werden. So trat er 1903 als Fahnenjunker in das Pionierbataillon Spandau ein. Dann besuchte er die Kriegsschule in Neiße und wurde 1904 zum Leutnant befördert. Danach war neben Allenstein und Graudenz auch Stettin sein Standort, wo er Laura Helene begegnete.

Geboren wurde Wilhelm Friedrich Loeper 1883 als Sohn eines Apothekers in Schwerin, er wuchs aber in Rosslau an der Elbe auf, weil sein Vater die dortige Apotheke übernommen hatte. Er soll ein stilles Kind gewesen sein, das gern mit Soldaten spielte.

Ich frage mich. Wo könnten sich Wilhelm Friedrich und Laura begegnet sein. Hat er sie im Theater bewundert und nach der Vorstellung eingeladen? Sind sie an den Hakenterassen spazieren gegangen? Wo haben sie sich getroffen? Sie sind sich doch so nahe gekommen, dass ein Kind gezeugt wurde. Die spätere Prominenz Wilhelm Friedrich Loepers hat dazu geführt, dass es zahlreiche Bilder von ihm im Netz gibt. Er ist ein unscheinbarer Mann, wenig auffällig, wahrscheinlich auch nicht sehr groß. Kein Mann, der besonders viel Charme ausstrahlte.

Nicht verwandt mit seinem Kind

Ich hatte bei meinen Recherchen die Hoffnung, dass der Vater trotz der unehelichen Geburt irgendwie eine Spur in offiziellen Dokumenten – z. B. den Kirchenbüchern, die ich durchsah – eingetragen ist, aber wie ich jetzt weiß, war das ist nach der damaligen Rechtslage gar nicht möglich. Nach den Gesetzen der Kaiserzeit war er noch nicht einmal mit seinem Kind verwandt. Die Kindesmutter hatte zwar das Sorgerecht, aber nicht das Recht zu seiner gesetzlichen Vertretung. Dafür brauchte es einen Vormund, über den meine Mutter jedoch nie etwas berichtet hat. Anzunehmen wäre, dass es die Eltern der Kindesmutter waren oder die des Kindesvaters. Ein uneheliches Kind hatte bis zum 16. Lebensjahr Unterhaltsansprüche gegenüber dem Erzeuger. Da der preußische Leutnant für sein Kind aufgekommen ist, wie meine Mutter mir berichtete, muss er also die Vaterschaft anerkannt haben. Vielleicht war er sogar zugegen als das Kind getauft wurde, auch wenn er nicht im Taufregister als Vater auftaucht.

Wilhelm Friedrich wird bald zu anderen Standorten weiterziehen. Er besucht die Militär-Technische Akademie in Berlin. 1912 wird er zum Oberleutnant befördert.

Das weiß ich aus Quellen, die mir bis 1989 niemals bekannt geworden wären. geschweige denn, dass ich sie hätte in der Hand halten können. Daher weiß ich auch, dass er seine Liebe zum Theater bis zu seinem Tode behalten hat.

Der Eulenburg-Skandal

Wilhelm Friedrich L.‘s  Eskapaden sind ein Spiegelbild der Tändeleien des Zeitgeistes am Beginn des 20. Jahrhunderts, dieses ständigen Schwankens zwischen Schwärmerei, Eroberungsdrang, Poesie und Marschtritt. Was der Kaiser – der von allen verehrte Monarch – pflegte, konnte ja nicht vollends nichtswürdig und weichlich sein. Wenn er das Leben genoss mit Rosengirlanden und Gartenlaube, mit gefühlvollen Theaterstücken und allgemeiner Liebesschwärmerei, warum nicht auch ein kleiner Militär in dieser Zeit? Schon bald war es damit ohnehin zu Ende.

Ein Jahr nach der Geburt meiner Mutter erschütterte der Eulenburg-Skandal das Reich und ganz Europa. Die politisch-peinliche Debatte darum, ob Kaiser Wilhelm II. nicht mit zu vielen weibischen, weichen und schöngeistigen Spinnern verkehrte wurde umfassend geführt. Mit Philipp Fürst zu Eulenburg-Hertefeld, einem Diplomaten, Schöngeist und Salonkünstler hatte der Monarch die einzig wirkliche Freundschaft geschlossen. Der nutzte diese Freundschaft allerdings zu massiven politischen Intrigen und Einflussnahmen. Die Anschuldigungen des politischen Publizisten Maximilian Harden gegen ihn und die kaiserliche Kamarilla, die alle in den Verdacht der Homosexualität brachten, erschreckten die Schwärmer. Es ging Harden damals wohl nicht darum, Homosexuelle zu denunzieren, aber darum, Männer als Politiker zu vernichten, die – aus seiner damaligen Sicht – zu weich waren, „im Notfall das Schwert“ zu ziehen. Im Jahre 1908 wurde ein Prozess gegen Eulenburg wegen Meineids vor dem Berliner Landgericht eröffnet. Er hatte beschworen, keine homosexuellen Beziehungen unterhalten zu haben. Es fanden sich jedoch zwei Männer, die bezeugten, vor 20 Jahren mit ihm solche unterhalten zu haben. Wilhelm II. ließ seinen langjährigen Freund und Vertrauten sofort fallen.

Schluss mit den Tändeleien

Wilhelm Friedrich L. hatte seine Ausbildung fortgesetzt. Und nun wird bald Schluss sein mit der Tändelei und den Leichtfertigkeiten. Er ist gewappnet der preußische Leutnant: Gegen eventuelle Reizbarkeiten, Schwärmereien Spinnereien und Kunstsinnigkeiten. Auch gegen die Verführungen der Sinnlichkeit? Gegen die Frauen, das ewig unordentliche, verführerische und subversive Geschlecht? Waren sie nicht überhaupt die Urheberinnen allen Übels, die Frauen?

Jetzt ist er seriös geworden, lässt die unordentlichen Zeiten hinter sich, verlobt sich mit einer jungen Frau, die – nach dem, was bekannt ist – aus seinen Kreisen stammt und den Namen Elisabeth trägt. Energisch wendet er sich seiner wahren Bestimmung zu. Alles was ab jetzt in seinem Leben geschieht, ist nur noch militärisch-preußisch, hat mit seiner Offizierslaufbahn, mit Krieg und Kampf zu tun. Im Jahre 1912 war er zum Oberleutnant befördert worden. Im Sommer 1914 ist er 31 Jahre alt und führt einen Scheinwerferzug in einem Pionierbataillon, zuständig für die Beleuchtung der Kriegsszenerie und für Sprengarbeiten.

Das Attentat von Sarajevo erschüttert den Kontinent. Das „Augusterlebnis“, die überschwängliche Kriegsbegeisterung schlägt auch ihn in seinen Bann. „So muss denn das Schwert entscheiden. Mitten im Frieden überfällt uns der Feind. Darum auf! zu den Waffen! Jedes Schwanken, jedes Zögern wäre Verrat am Vaterlande.“ so hatte der Kaiser am 6. August das Volk zu den Waffen gerufen.

Der Glaube, dass ein solcher Waffengang jetzt schicksalhaft geboten sei, ist auch beim preußischen Oberleutnant L. unerschütterlich. „

 

Marianne in Dessau

Vater und Tochter kannten sich kaum.  Sie wusste nicht viel über ihn  und schon gar nicht war meine Mutter von Adolf Hitler oder den Nazis fasziniert. Ganz im Gegenteil. Ich nehme aber an, dass sie sich von ihm Hilfe bei der Suche nach einer Arbeitsstelle erhoffte. Das muss so 1933 gewesen sein und sie Ende Zwanzig. Damals habe er ihr gesagt, „Ihre Mutter konnte man nicht heiraten“. Das kann alles Mögliche heißen, sowohl dass sie ihn nicht für die Ehe wollte, weil sie ihr Leben anders leben wollte, als auch, dass er sie zurückgewiesen hat, weil er ebenfalls eine Karriere anstrebte, eine militärische. Als die Tochter zu ihm kam, war er verheiratet und nun kam die „Frucht einer sündigen alten Beziehung zu ihm. Eine Konstellation wie in einem Kitschroman.

Hier einige Links zu Texten über ihn beim FREITAG.

Ein Vorfahr und sein Krieg

Ein Vorfahr und sein Krieg II

Eine Ohrfeige in Oranienburg

Ein Vorfahr und sein Antisemitismus

(Wie es mit Marianne, seiner Tochter, meiner Mutter weitergeht folgt demnächst)

 

 

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