Stationen in deutschen Gefängnissen

Teil 5 – So begann eine Reise durch sehr viele verschiedene Untersuchungsgefängnisse und Zuchthäuser, die meine Mutter mit sehr drastischen Details schildert. Ihre allergrößte Sorge bleibt die um die Familie, in deren Haus sie die Radiosendungen abgehört hat. Sie selbst besaß keinen Empfänger.

1. Station: Polizeigefängnis Wächterstraße

Das Gebäude Wächterstraße – Foto Wikimedia

Im Polizeigefängnis Wächterstraße war ich drei Tage zusammen mit drei Frauen. Ich habe von den Dreien nur einen Namen noch im Gedächtnis. Eine Charlotte Beckstein, die ich auch nie vergessen kann. Sie stammte sogar hier aus Liebertwolkwitz, 20 Jahre alt, war mit ihrem Freund im Kino gewesen und hatte ganz laut der Bemerkung gemacht: „Wenn Krieg vorbei, Nazis alle— hier!“ und dabei machte sie eine bedeutungsvolle Handbewegung quer über den Hals hin. Ihr Freund hatte sie aber nicht angezeigt. Wer es war, wusste sie nicht. Dann war da noch eine Bibelforscherin mit in der Zelle, nicht mit allzu großen Geistesgaben gesegnet, Anfang 60. Von ihr muss ich Ihnen auch erzählen, Herr Pfarrer und Ihnen zum besseren Verständnis: Ich war freitags eingeliefert worden, hatte drei Tage kein Mittagessen gehabt, denn es war Sonntag geworden.

Mittags an dem bewussten Sonntag schloss die Wachtmeisterin die Zellentür auf. Die Bibelforscherin durfte hinuntergehen in die Besuchszelle. Sie hatte Besuch bekommen und ihre Bibelschwestern hatten ihr einen Topf mitgebracht und einer herrlichen Soße und einem Becher mit Apfelmus hatte sie auch noch in der Hand und einen Löffel. Es ist doppelt schwer zu ertragen, wenn man das dann sieht und solch schrecklichen Hunger hat. Und sie aß mit großem Appetit, sie hatte auch Hunger und dann war der Topf bald leer. So kann die Nächstenliebe vergessen werden, wenn die primitivsten menschlichen Bedürfnisse nicht gestillt werden. Neben mir saß als die Vierte eine „Asoziale“, ungefähr Mitte 30 war sie, war eingesperrt, wie sie uns erzählte wegen völliger Verwahrlosung. Sie schämte sich gar nicht, uns das groß und breit immer wieder aufzutischen. Charlotte Beckstein flüsterte mit zu: „Die hat wohl nicht alle Tassen im Schrank, zu ihr habe sie gesagt, im 3.Reich werden genug Huren gebraucht und ich sagte zu Charlotte, dann soll sie aber erstmal saubere Wäsche anziehn“.

So verging nun der Sonntag, es war der 26. Juli 1944. Ich war so unglücklich und dazu noch die Sorge um die G‘s, die durch mich in diese Misere hineingekommen waren. Dann habe ich gegrübelt und simuliert, wie sie aus dieser Affaire nur wieder herauskommen könnten. Und tatsächlich, es fiel mir ein rettender Gedanke ein. Doch davon später. So kam dann Montag der 27. Juli 1944.

2. Station: Untersuchungsgefängnis Beethovenstraße (Spottname „Beethovendiele“)

Nun gleich zu Anfang möchte ich Ihnen dann noch berichten, Herr Pfarrer, Charlotte Beckstein und die Bibelforscherin durften hinunter gehen in die Abgangszelle, sie wurden entlassen. Was aus der Prostituierten geworden ist, weiß ich nicht. Als Häftling erfährt man ja nichts.

Ungefähr eine Stunde später klirrten wiederum die Schlüssel. Die Wachtmeisterin nahm mich mit hinunter ins Erdgeschoß, unsere Zelle war im 3.Stock, Nr. 92, komisch, die Nummer weiß ich heute noch. Unten im Gang standen noch mehr Häftlinge ungefähr konnten es 30 Personen sein, 4 Paare vor mir standen Herr und Frau G., sie schaute mich an, den Blick kann ich auch nie vergessen. Er verfolgt mich manchmal noch, wenn ich an dieses zurückdenke. als wollte sie mir sagen „was hast Du bloß gemacht“.

Nun muß ich Ihnen, lieber Herr Pfarrer, wieder einmal vorher etwas erklären. Von der Wächterstraße bis zum Gefängnis Beethovenstraße führt ein unterirdischer Gang. Durch diesen Gang wurden wir dann hinübergebracht in das Gefängnis Beethovenstraße. Das war ein düsteres Gebäude, verwahrlost, dreckig und starrend vor Ungeziefer. Es war alles da, was kribbelt und krabbelt. Läuse, Wanzen Flöhe usw. So begann nun für mich der Montagvormittag. Es konnte ungefähr so gegen 11.00 Uhr sein und ich hatte noch kein warmes Mittagessen. Ich habe in der Reihe auf dem Hinübergang meine Nachbarin gefragt (eine kriminelle) „hast Du schon ein warmes Essen im Polizeigefängnis bekommen“? Ja, wir hatten noch etwas bekommen, aber wir hatten 15 Zugänge, da hat es nicht mehr gereicht“, war ihre Antwort. Die Wachtmeisterin kam „Ruhe hier, hier wird nicht geflüstert“. Meine Nachbarin machte nämlich den Posten der Kalfaktorin, das sagte sie mir und musste es ja wissen. (Kalfaktor – Gefängnisausdruck für Essenausträger)

Sorge um inhaftierte Mitwisser – ein Gewissenskonflikt

In der „Beethovendiele“ wurden wir wieder in einen langen Gang geführt, er war ziemlich breit. Dort mussten wir an der Wand stehen. Frau Gietzold und ihr Mann stellten sich gleich neben mich und sie flüsterte mir zu „nichts eingestehen, wir kennen uns gar nicht, hörst Du?“ „Ja“, sagte ich, doch es kam anders. Da kam die Hauptwachmeisterin auf uns zu, sie hatte unsere Gesten beobachtet. „Ihr seid wohl Komplizen“? Sie sperrte mich in eine Zelle. Es war noch eine Frau drin, ungefähr 30 Jahre alt. Die kam gleich auf mich zu. Sie trug einen grauen Kittel, viel zu lang für sie, sie war so klein so wie ich und sprach Berliner Dialekt, sie war aus dem Gefängnis Moabit gekommen. Die tat mir leid, denn als ich näher hinsah, oh Schreck!! Sie hatte die Krätze. Zwischen den Fingern, auf den Beinen und am Halse. Daher die Einzelhaft. Sie wollte nun alles über die Lage wissen. Ich erzählte ihr, was ich so wusste. Dann wurde die Tür aufgeschlossen. Die Wachmeisterin kam, es wurde mir so übel, als ich auf dem Gang stand, der leere Magen und der Ekel vor ihrer Hautkrankheit ( ich meine die Frau in der Zelle), die Wachmeisterin nahm mich mit hinauf in den 2. Stock. In der Zelle gab es ein warmes Essen — Endlich!! Es war Mittagszeit. Die Kalfaktorin füllte mir den Napf bis an den Rand, ich tat ihr leid wegen meines Aussehens. Das weiß ich auch noch, was im Napf war: Dörrgemüse mit grünen Bohnen und viele Maden schwammen darinnen herum. Ach hat mir das gutgeschmeckt. Hunger ist der beste Koch, nicht wahr Herr Pfarrer?—

Ich war mit noch drei Frauen zusammen. Alle kriminell. Wer die alle waren, weiß ich nicht mehr. Es interessierte mich auch nicht. Ich war so unglücklich über all das, was über mich gekommen war. Und ich dachte immer wieder an G‘s. Wer hatte mir das nur angetan? In der Wächterstraße und auch in diesem Gefängnis war Wasserspülung, allerdings wie überall in der Zelle. Die Klosettbecken waren einmontiert, die Spülung war aber draußen auf dem Gang  und so mußten wir immer geduldig warten, bis es der Kalfaktorin oder der Wachtmeisterin endlich einfiel, abzuspülen.—Kommentar überflüssig-

Eine „Politische“ – ein armes Schwein

Schon in der Untersuchungshaft bekamen wir Arbeit. Wir mußten für eine Samenhandlung in Halle durch kleine Preisschildchen rotes Garn durchziehen. Wahrscheinlich wurden sie an die Tüten mit dem Samengut angehängt (das nur so nebenbei). Die Mitgefangenen fragten mich nach der Zeit, sie sahen meine Armbanduhr, nach dem Datum allerdings man verliert tatsächlich auf dem Gebiet jede Orientierung. Das sollte ich auch bald merken. „Wie ist die Lage und warum biste hier, was haste ausgefressen“: So hörte ich es von allen Seiten. Ich erzählte wieder mal, was ich so wusste über den Grund meiner Haft. „Ach Du armes Schwein“ , sagte eine, eine Politische, die Andre sagte „das sagen die alle, wer gesteht schon gerne ein, dass er gemaust hat“. Wir sind wenigstens ehrlich.

Ich war doch so unglücklich und überhörte vieles. (Es war so schätzungsweise der 8. oder 9. August). Das entsetzliche Ungeziefer schikanierte uns auch Tag und Nacht. Die Wanzen krochen an den Wänden entlang, über unsere Arme in unseren Kleidern saßen sie, ich musste mich auch viel am Kopf kratzen, auch noch Läuse. Das hatte mir gerade noch gefehlt. Einmal gab es Linsen, darin schwamm eine Scheibe Pferdeblutwurst. Hat auch geschmeckt. „Hunger tut weh“. Jawohl Herr Pfarrer und eine Frau sagte zu mir, verwechsle nicht die Linsen mit den Wanzen, sie sind auch manchmal durch den Dampf und die Wärme in den Fressnapf hineingefallen, darum die Bemerkung, das hatte schon seinen Grund. über allem Kummer kam auch noch die Schlaflosigkeit. In der Nacht fraßen uns die Wanzen auf, da kann man nicht schlafen und durch die Haare krochen die Läuse. Überall kratzen und nochmal kratzen. Die Pritschen waren sooo hart!!

Ich konnte nicht schlafen und dachte an G’s. „Komm Heiliger Geist, hilf Du mir Tröster in der Verlassenheit, tröste den der Tränen weint“, so inbrünstig habe ich noch nie gebetet. Wie oft hatte Pfarrer Gunkel mir die Pfingstsequenz zur Buße und zum Beten aufgegeben und empfohlen. „Heiliger Geist, Du musst mir helfen, Du bist der Geist des Rates und der Stärke. Gib mir einen guten Rat.

Anmerkung: Mir ist aufgefallen, dass es den Begriff „Beethovendiele“ für Untersuchungshaftanstalt bis in die DDR-Zeit gab. Aber da taucht der Name nur im Zusammenhang mit Stasi-Gefängnissen auf.

(Fortsetzung folgt demnächst)

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