Auf den Spuren bedeutender Frauen in Pankow

Historische Stadtgänge sind eine schöne Tradition. Sören Benn (Linke),  Bezirksbürgermeister von Pankow,  pflegt sie und schafft so Kontinuität. In diesen Tagen war unsere AG Spurensuche beim Frauenbeirat Pankow gefragt.  „Auf den Spuren berühmter Frauen in Pankow“ lautete das Motto des Kiezspazierganges. Wir hatten die Vorbereitung, Auswahl und Route in die Hände genommen.  „Berühmt“ im landläufigen Sinne sind die meisten Frauen nicht, an deren Arbeit und Wirken mit Gedenktafeln an verschiedenen Häusern des Bezirks erinnert wird.  Aber, Dank der 3 Bände „Spurensuche“, die in der Regie des Pankower Frauenbeirates entstanden sind, werden sie bekannter.

Zahlreiche Teilnehmer*innen am Treffpunkt Rathaus

Als ich mich dem Treffpunkt Rathaus näherte, war ich ziemlich verblüfft, wie viele Leute sich eingefunden hatten. Unter ihnen auch bekannte Vertreter des Bezirksparlaments wie Tina Pfaff – Vorsitzende des Ausschuss für Gleichstellung und Gender Mainstreaming und natürlich Mitglied des Frauenbeirates.

Eröffnung Sören Benn

Gleichstellungsbeauftragte Heike Gerstenberger begrüßte die zahlreichen Teilnehmer. Neben ihr: Bezirksbürgermeister Sören Benn

 

Martha Wygodzinski (1869 bis 1943)

Unsere erste Station war das Haus in der Neuen  Schönholzer Straße 13 vor der Gedenktafel für Marta Wygodzinski. Nein, sie ist  nicht „berühmt“,  sie war eine engagierte und couragierte Kämpferin für die Nöte obdachloser lediger Mütter und ihrer Kinder.

„Es gibt nur eine Moral, sie ist die Gleiche für beide Geschlechter“ steht als Motto über der Gedenktafel, die sowohl auf die politische  als auch soziale Tätigkeit der jüdischen Ärztin, die man auch „Engel der Armen“ nannte, verweist. Im jetzt sanierten Haus fanden Frauen, die in höchst prekären und schwierigen Situationen lebten,  seit 1911 eine Unterkunft.  Ein Mieter der Gegenwart beschwerte sich übrigens lautstark über den Lärm vorm Haus, der aber nur 10 Minuten dauerte, denn wir hatten ein enges Programm geplant.

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Susanne Bach berichtet über das Wirken der Ärztin Martha Wygodzinski vor der Gedenktafel in der Neuen Schönholzer Straße

Das Frauenzentrum „Paula Panke“

Astrid Landero begrüßt bei Paula Panke
Vor dem Frauenzentrum Paula Panke informierte Astrid Landero, langjährige Leiterin des Projektes, über seine Arbeit und sein Engagement

Seit einigen Monaten ist Paula Panke im Visier der AfD.  Ein am 1. Mai inszeniertes AfD-Stadtfest auf dem Gelände des Bleichröder Parks in der Nähe von Paula Panke hatte Proteste hervorgerufen. Und weil das Frauenprojekt seine Tür für Teilnehmer am Protest geöffnet hatte, gab es ziemliche Drohungen. „Der Tag wird kommen, an dem wir diesen ganzen ökokommunistischen Sumpf trockenlegen“ hieß es drohend auf der Website der AfD. Der Frauenbeirat hat seine Solidarität bekundet und – auch aus diesem Grund-  war Paula Panke eine Station auf unserem Gang durch den Pankower Kiez.

Anna Maria Tobis (1888 – 1944)

Anna Maria Tobis
Susanne Bach erinnerte an die Kinderkrankenschwester Anna Maria Tobis, die in der ehemaligen Geburtsklinik   in der Breiten Straße arbeitete und bei einem Bombenangriff ums Leben kam

Dr. Ursula Katzenstein (1916 – 1998)

Dr. Ursula Katzensteins Verdienste um  die Etablierung der Ergotherapie in der DDR und ihr dramatisches,  wechselvolles Leben wurden den Zuhörerinnen und Zuhörern nahe gebracht.

Vor Ursula Katzensteins Gedenktafel
 Karin Schulz (ganz links ) während ihres Vortrages vor dem Haus in der Kavalierstraße

Vor einem Jahr schon wurde die Gedenktafel für Dr. Ursula P. Katzenstein enthüllt.

Paula Dehmel (1862-1918)

Heike vor Paula Dehmel
Heike Gerstenberger vor dem Haus von Paula Dehmel in der Parkstraße 56

Paula Dehmel, lange Zeit verheiratet mit dem Dichter Richard Dehmel,  lebte eine ganze Weile in Pankow.Ihre Kinderlieder und -gedichte sind heute noch im Repertoire von Kindergärten oder Kinderzimmern zu finden. „Leise Peterle leise“ singen auch heute noch die Kinder und einige der Fitzebutze-Gedichte erheitern ebenfalls.

Elisabeth Christine von

Braunschweig Bevern  (1715 – 1797) 

Elisabeth Christine, die unglückliche, aber loyale Gemahlin Friedrichs des Großen lebte lange Jahre im Schloss Schönhausen, vor dessen Toren die kleine Reise durch den Kiez ihr Ende fand.

Vor Schloss Schönhausen
Trotz eines kleinen Regenschauers fanden sich am Ende der Tour untern einem Baum vor dem Schloss Schönhausen doch viele Zuhörerinnen und Zuhörer ein. Das Leben von Elisabeth Christine von Braunschweig Bevern setzte den Schlusspunkt, den ich gestalten durfte

Es war eine sehr gelungene Veranstaltung, signalisierten uns die Teilnehmerinnen und Teilnehmer.  Und auch Bände der „Spurensuche“ haben wir unter die Leute gebracht.

Am 20. Oktober 2018,  wird ein Rundgang über den Friedhof St. Marien und St. Nicolai stattfinden.   Treffpunkt: 14 Uhr Prenzlauer Allee/Ecke Mollstraße

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Moral als Wanderungsbewegung

Es ist viel momentan viel Moral unterwegs. Vertreter unterschiedlicher Auffassungen über die Migrationsfrage hauen sie sich gegenseitig um die Ohren. Die einen wenden sich hohnlachend vom linken „No Border“-Motto ab und schlagen über deren realitätsferne Moralapostelei die Hände über dem Kopf zusammen. Während sie noch damit zu tun haben, führen auch sie Moral im Schilde. Oskar Lafontaine z. B. ruft tiefsinnig den Arzt aus Lambarene Albert Schweitzer in Erinnerung, der aus dem Elsass nach Gabun ging und mit seinem Spital viel Gutes bewirkte. Heute würde die Solidarität auf den Kopf gestellt, empört er sich und ich frage mich, ob er damit die Ärzte meint, die aus Afrika stammen und hier in Kliniken arbeiten.

Der schwarze „kleine Bruder“

Ich sehe schon, wie der Arzt einer der hiesigen Kliniken seinem Kollegen aus dem fernen Äthiopien oder einem anderen schwarzafrikanischen Staat diese These entgegenhält. Gerade war man noch ein Team, jetzt wandelt der eine in hoher moralischer Überlegenheit neben jenem Kollegen mit der nicht vorhandenen originaldeutschen Herkunft und der sollte doch eigentlich bleiben oder dahin gehen ,„wo er hingehört“. Er ist eben doch nur ein „kleiner Bruder“, wie der Albert Schweitzer einmal über den „Neger“ erklärte. Auch wenn man den gesamten Zeitgeist von damals berücksichtigt und Schweitzers Barmherzigkeit würdigt, sie ist „von oben“ gewährt und empfunden. Gabun wurde übrigens von mehreren europäischen Mächten aufgesucht. Die Deutschen waren auch dabei, aber sie waren wenig barmherzig. Und auch heute ist die Sorge um die Entwicklung in afrikanischen Ländern, wenig barmherzig und auch nicht immer begründet.

Die Menschen z. B. aus Schwarzafrika kommen in der Tat auch nicht aus Barmherzigkeit zu uns, sondern weil sie eigene Interessen verfolgen, weil sie vorankommen wollen und vor allem, weil sie selbst entscheiden wollen, was sie tun, wohin sie sich bewegen. Da sind sie schon ganz „europäisch“ geworden. Sie sind so autonom, wie hier Menschen auch sein wollen.

Hegel: Ein Kontinent ohne Bewegung

Sie haben sich damit auch entfernt von Definitionen, die ein gewisser Georg Wilhelm Friedrich Hegel z. B. über sie niederschrieb. Er meinte, Afrika sei ein Kontinent ohne „Bewegung und Entwicklung“…

Wolle man den „Neger“ richtig auffassen, so müsse man abstrahieren „von aller Ehrfurcht und Sittlichkeit, von dem, was Gefühl heißt“. Beim „Neger“ sei das Charakteristische, dass sein Bewusstsein noch nicht zur Anschauung irgendeiner festen Objektivität gekommen sei.

Wie man das auch immer einordnet, jetzt ist der afrikanische Kontinent in Bewegung. Nicht nur in einer Richtung, nicht nur in Richtung Europa. Es gibt auch mehr und mehr Menschen dort, die kritisch auf den Kontinent blicken, von dem die Einheimischen noch immer denken, er sei ein Sehnsuchtsort für viele.

Das Wandern ist eigentlich europäisch

Wanderungsbewegungen gabs und gibt’s immer. Wandern war einst in Europa beliebt. Von der romantischen Bewegung, die „des Müllers Lust“ war, nahm es Witterung und Fahrt auf in alle Welt. Europäer wanderten aus, von der „Great Famine“ in Irland gezwungen, von religiöser und politischer Verfolgung vertrieben, auf der Suche nach einem sicheren Hafen.

Es scheint, als sei man den Amerikanern noch heute darüber gram, weil sie aus Europa einst in Bewegung geraten, weggegangen sind. Und einst ein großer Dichter meinte: „Amerika, Du hast es besser“.

Alle grausamen Taten gegen die Ureinwohner, alle brutale Landaneignung dienen jetzt oft – wie es scheinen will – der Bestätigung der eigenen Reflexe der redlich im Lande und  Sesshaft gebliebenen. Vielleicht ist der Zorn auch deshalb so groß, weil die Eingewanderten dort nur das fortführten, was in Europa Gang und Gäbe war: Krieg führen, Erobern, Gnadenlos sein. Sie halten den Spiegel vor.  

Wie  Paternalisten eben so sind

Ein kluger Mann, der britische Ökonom Paul Collier, der warnt, dass die armen Länder nicht aufholen, wenn wenn die klügsten Leute das Land verlassenDarüber gibt es sehr unterschiedliche Auffassungen, aber Collier bemüht sehr viel Moral und Ethik bei seinen Überlegungen. Er meint es gut mit Afrika – und ich denke an Oskar Lafontaine, der es auch gut meint. Wie Paternalisten eben so sind.

Das Angst- und Furchtbild des Überwältigt Werdens durch Fremde geistert durch den europäischen Kontinent.  Es erzeugt bei den einen moralischen Erwägungen über das Dableiben und bei anderen solche über das Hereinlassen. Dableiben ist moralisch o.k, Hereinlassen ist neoliberal und bedenklich.

Das ist nicht zu ändern. Manche Menschen sind nun mal gern in Bewegung und andere nicht. Und manchen Menschen bleibt gar nichts anderes übrig. Über die Entwicklung im afrikanischen, so vielfältigen Kontinent nachzudenken, ist das eine, restriktive Maßnahmen ergreifen, um Menschen am Wandern zu hindern, ist das andere. Und der Ausweg, den manche ZeitgenossInnen wählen: Über die Moral all derer zu räsonieren, die in Bewegung sind.

Nachsatz: über die Frage, wieviele Flüchtlinge – vor allem Wirtschaftsflüchtlinge – das Land verträgt wurde auch im Zusammenhang mit der großen Fluchtbewegung aus der DDR in den 80er Jahren meditiert.

Kein Pardon für DDR-Wirtschaftsflüchtlinge

 

 

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Anregung zum Streit

Der Essay Migration und Demokratie von Oliviero Angeli versucht zwischen sehr unterschiedlichen Standpunkten zu „vermitteln“.
 

Wem gehört die Erde, die wir bewohnen. Sind Grenzen wirklich Besitzmarkierungen? Seit wann gibt es Territorien, die verteidigt werden.

 Die Chance und die Möglichkeit, sich in der Welt frei zu bewegen, ist das nicht ein Menschenrecht? Fragen, die viel zu bedenken und zu durchdenken geben.

Einwanderung gab es schon immer – darauf kann man heutzutage noch so oft und viel verweisen, es prallt ab, denn die Weichen stehen in Richtung Zukunftsangst. Migration kann eine durchaus gute und nützliche Sache sein, wenn sie praktisch betrachtet und der Ideologisierung widerstanden wird.

Der Streit um das Thema scheint ein probates Mittel für populistische Einwirkungen zu sein. Die Beschwörung kultureller – noch schlimmer. religiöser – Unterwanderung, von Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt ist täglich zu beobachten. Debatten darüber sind berechtigt, aber schwarz-weiß Malereien wenig sinnvoll Dabei hat sich selten ein gesellschaftliches Klima so vehement geändert wie in den letzten drei Jahren. Über Migration wurde schon einmal viel positiver diskutiert. Die offene Republik

Manchmal allerdings nahm das auch höchst kuriose Formen an. Der Abwehrslogan „Kinder statt Inder“ war  ein Satz, der  komisch die demographische Entwicklung gegen die Einwanderung setzen wollte.

Der Politikwissenschaftler Oliviero Angeli hat zu dem Thema einen sehr dichten Essay geschrieben, der sowohl philosophisch als auch pragmatisch zu Werke geht. Angeli bewegt sich in seinen Argumenten also immer zwischen den Stühlen, zwischen Idealisten und Pragmatikern. Migration irritiert und problematisiert zugleich rechtliche und territoriale, kulturelle und auch demokratische Grenzen, erklärt der Autor.

So sinniert er über die allgemeine Frage, wieso Menschen die Einreise in ein Land verweigert wird, wenn – nach den Sätzen großer Denker – die Erde doch allen Menschen gehört?

Andererseits gehörten die Schaffung von Privateigentum und die Schaffung von Territorien zusammen, weil nur so die Menschen die Früchte ihrer Tätigkeit in Ruhe genießen könnten. Er erinnert daran, dass Migration und Eroberung in der Antike gar nicht klar voneinander zu trennen waren. Auch in der Mittelalterzeit war es ähnlich und daraus entsteht eine gewisse Beunruhigung, wenn Migration zu lebhaft wird.

Im Kapitel „Migration zwischen Problem und Dramatisierung“ setzt er sich mit allerlei Fehleinschätzungen auseinander.

Entwicklungshilfe vor Ort

Begrenzt die Migration nicht sofort

Eine davon ist jene, die in allen politischen Programmen – quer durch alle Parteien – auftaucht: Entwicklungshilfe „vor Ort“ begrenze die Migration. Das aber sei nicht erwiesen, jedenfalls nie in direkter Folge. Eher erhöhe sich dadurch erst einmal die Zahl der Auswanderer, meint er. Sie steige meist und zumindest so lange bis ein akzeptables Wohlstandsniveau im eigenen Land erreicht ist. Mit steigendem Pro-Kopf-Einkommen erhöht sich auch die Fähigkeit und Neigung zum Auswandern.

Die Auswanderung von Fachkräften den Entwicklungsländern schade – so meint er – den Entwicklungsländern nicht. Eher würde dadurch Entwicklungshilfe geleistet, weil die Migranten sehr viel Geld in ihre Heimatländer schicken. 500 Milliarden Dollar ist die Summe der Rücküberweisungen in Entwicklungsländer. Das ist dreimal so hoch wie die offizielle Entwicklungshilfe.

Liberale Einwanderungspolitik

Muss kompromissfähig sein

Zur gegenwärtigen Debatte merkt er an, dass eine liberale Einwanderungspolitik konsens- und kompromissfähig sein muss. Deutlich wird auch, dass das Recht auf Einwanderung immer auf das Recht auf Ausschluss treffen kann. Auch das wird umfangreich begründet. Sorge um den Zusammenhalt einer Gesellschaft ist so ein Grund, dieses Recht in den Vordergrund zu rücken. In einer Gesellschaft, die sich auf demokratische Traditionen beruft, kann man die Migration nicht einfach so stoppen. Dies gelingt eher durch das Schüren ohnehin schon vorhandener Ängste und Besorgnisse.

Eine stille Gegenrevolution

Es geht im Grunde eigentlich um ein ständiges Austarieren des „Für“ und „Wider“ und um die Suche nach praktikablen Wegen in Zeiten, da – wie der Autor konstatiert – eine stille Gegenrevolution gegen Migration zu verzeichnen ist und dies obwohl – wie er ebenfalls nachweist- die Migration weltweit zwar zugenommen, aber sich in Europa nicht wesentlich erhöht hat.

Zusammenspiel von

Markt und Migration?

Er macht Vorschläge zur Migration, die sicher sehr viel Gegenrede hervorrufen werden, weil der Zusammenhang von Markt und Migration abgelehnt wird.Die Idee, Migration dem Schwarzmarkt-Bereich zu entreißen und Migration zu legalisieren ist so ein Konzept, das der amerikanischer Ökonom Gary Becker vorgelegt hat.

Dabei geht es auch darum, Migration zu steuern.Jeder europäische Staat legt einen festen Preis für eine zeitlich beschränkte Zuzugs- und Niederlassungserlaubnis von Zuwanderern aus Entwicklungsländern fest und kann diesen entsprechend der konjunkturellen und strukturellen Veränderung nach und nach anpassen. Für Zuwanderer besonders begehrte Länder könnten einen höheren Zutrittspreis veranschlagen. Es geht um Einreise und Arbeitserlaubnisse.

Finanzierung wie

Bei Studiengebühren

Die Finanzierung kann privat, aber – wie bei Studiengebühren – auch als Kredit erfolgen. Oder Unternehmen, die Fachkräfte suchen können die Gebühren bezahlen. So sieht Angeli in diesem Modell der preisbasierten Zuwanderungssteuern sowohl wirtschaftsliberale als auch linksliberale Elemente. Das Modell widerspreche im Grunde dem Freiheitsideal des Liberalismus, das überhaupt keine Einreisebeschränkungen vorsehe, Solche Modelle stünden aber, meint Angeli in keinem guten Ruf, weil sie an die ungute Gastarbeiterpolitik der 1960er  Jahre erinnerten.Interessant ist sein Verweis auf transnationale Staatsbürgerschaftskonstruktionen, die die Lebenswirklichkeit der Menschen viel eher abbildeten.Die Debatten hierzulande aber sind eher wieder verstärkt aufs Nationale gerichtet.

„Spätestens seit der sogenannten „Flüchtlingskrise“ wissen wir, das Migration das Potential hat, Gesellschaften zu spalten und die Bruchlinien überkommener Differenzierungen zwischen ‚uns‘ und ‚den anderen‘ radikaler zu markieren,“ 

warnt er in seinem Text. Aber er meint dennoch, dass Fremdenfeindlichkeit mehr in den allgemeinen sozioökonomischen Verhältnissen ihren Ursprung hat.  Und gerade daraus aber speisen sich – wenn man die Argumente der Linken um Oskar Lafontaine und Sahra Wagenknecht betrachtet – die populistischen Argumente gegen Einwanderung. „Offene Grenzen“ sind nicht neoliberal, das ist ein höchst einseitiges Verdikt. Offene Grenzen sind ein Appell zu durchdachtem Umgang mit Migration, die auf der Erde weiter zunehmen wird. So wie die Dinge jetzt liegen, werden sich Asylbegehren und Arbeitseinwanderung ständig weiter vermischen, werden enorme Ressourcen verschwendet, um Menschen von Europa fernzuhalten und Menschen um ihre Chancen gebracht, ein besseres Leben zu finden.

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Pacific Palisades 1550 San Remo Drive

Ach ich bin ziemlich faul und träge in der letzten Zeit. Trotzdem gibts dann auch wieder Sachen, die mich aufwecken.

Vor zwei Jahren schrieb ich einen Blog für den Freitag , der über Thomas Manns letztes Wohnhaus in den USA berichtete. Damals gabs noch eine Debatte über dessen Ankauf und weitere Verwendung.

Jetzt aber – so vergeht die Zeit – kann ich schon eine Meldung verlinken, die die Eröffnung des angekauften und zu einer Begegnungsstätte umgestalteten Hauses.

Eröffnung des Hauses

Das ist doch sehr erfreulich. „Der erste Fellow, der vom frisch renovierten Thomas Mann Haus aus den transatlantischen Dialog anregen wird, ist der Schauspieler Burghart Klaußner. Wichtig, so Programmdirektor Blaumer, wird es sein, Gespräche auch mit Menschen zu führen, die unterschiedlicher Meinung sind und einander widersprechen.“ heißt es im Bericht vom Deutschlandradio Kultur.

Zur Würdigung dieses Ereignisses kann ich mir nicht verkneifen, aus dem Tagebuch des großen Schriftstellers ein paar hübsche Zeilen zu zitieren:

P.P. Dienstag, den 6. III. 51

Regen. – Seit Wochen vollständiges und ungewohntes Versagen der geschl. Potenz. Drastischste (und betrüblichste? Der Teufel hol’s!) Äußerung des seit der Europareise spürbare Alterschubes. Da ich es ablehne, ohne Vollerektion zu masturbieren, scheint das Ende meines physischen sexuellen Lebens gekommen. 

(Aber, das gibt sich wieder, wie ein Eintrag etwas später dokumentiert:)

P.P. Freitag, den 9. III. 51

Das Erlöschen der „Potenz“ – voreilige Bemerkung. -… 

Etwas später wird Thomas Mann sich zur Umsiedlung in die Schweiz entschließen.

Und 1955 stirbt er in Zürich.

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Du holde Kunst

Während zum Thema #metoo hierzulande allerorten schon wieder Ruhe einkehrt und die Meinung sich mehr und durchsetzt, es sei jetzt  – mal wieder – Zeit für was anderes, für einen Schlussstrich, gehen die Debatten anderswo weiter und erreichen auch andere Gebiete.

In den USA zog ein einen Skandal um die Turnerinnen, bei dem ein Sportarzt auf viele Jahre hinter Gitter verschwand, weite Kreise. Hier ein Bericht im Spiegel dazu

Aber, auch die schönen Künste, über deren Entstehung einst der Mythos der zu großen Werken sublimierten Sexualität schwebte – sind auf dem Boden der schleimig-schmutzigen Missbräuche aufgeschlagen. Allerdings – auch dies nicht nur hierzulande – mit großer Verspätung.

Stichwort:  James Levine

Die Metropolitan Opera beendete schon im vergangenen Jahr die Zusammenarbeit mit James Levine, nachdem über 70 Personen sich über sexuellen Missbrauch durch den Maestro geäußert hatten.

Dass hinter dem Klatsch und dem Gerede mehr steckte, war hinlänglich bekannt. Aber, so lange der Beschuldigte alles abstreitet, kann man nichts tun. Und es erheben sich – wie immer – die Stimmen, die meinen, das sei Hexenjagd und solange das alles nicht zu beweisen sei und gerichtlich geklärt werden könne, seien das alles nichts als Versuche, den Maestro zu vernichten.

Levine selbst sieht eher eine Verschwörung gegen sich, die vom Manager der Met, Peter Gelb, gegen ihn angezettelt sei.

Ich habe meine Energie der Entwicklung, dem Wachstum und der Förderung von Musik und Musikern auf der ganzen Welt gewidmet – besonders mit der Metropolitan Opera, wo meine Arbeit der Lebensnerv und die Leidenschaft meiner künstlerischen Vorstellungskraft war“, sagte er in der Erklärung. „Meine inbrünstige Hoffnung ist, dass die Menschen mit der Zeit die Wahrheit verstehen werden und ich meine Arbeit mit voller Konzentration und Inspiration fortsetzen kann.“ Man kann davon ausgehen, dass er glaubt, was er  erklärt

Die Münchner Debatte

um James Levine

Schon vor fast zwanzig Jahren führte der Plan, James Levine zum Chefdirigenten der Münchner Philharmoniker – als Nachfolger von Sergiu Celibidache – zu machen, zu heftigen Debatten . Damals warnten die „Grünen“ und wollten absichern,  dass gegen Levine kein Strafverfahren lief, obwohl die Gerüchte über ihn fast schon was Legendäres hatten. Hier eine umfangreiche Erinnerung daran.

„Selbsternannte Sittenwächter“

Viel Häme über die „Grünen“ machte die Runde. Hier ein Beitrag im Spiegel

Aber, waren es nicht gerade die „Grünen“, die eigene Erfahrung und Fehler im Umgang mit sexuellem Missbrauch durchaus sensibilisiert hatten? Wie auch immer, der Spiegel meinte: „Seitdem der Name Levine im Münchner Gerede ist, schnüffeln selbsternannte Sittenwächter unter der Gürtellinie des Dirigenten und streuen ihre unappetitlichen Ondits, feiger noch und frecher als die Holzköpfe im Rathaus ihre Vorbehalte.  Unter dem Siegel konspirativer Recherche animieren sie Journalisten, sich doch einmal im New Yorker Underground umzutun, Codewort: Lebenswandel, Stichwort: lasterhaftes Treiben bis hin zu kriminellen Verfehlungen, Michael Jackson und so. Wenn da was dran wäre“

Tja, es ist was dran. Für Levine war es ein Sturz ins Bodenlose

Und es ist durch die Hinfälligkeit und Krankheit des Maestro in ein Licht getaucht, das der Aufklärung etwas Gnadenloses, Grausames gibt. Aber, soll deshalb das Schweigen siegen? Levine hat keinen Grund mehr, sich den Anschuldigungen wirklich zu stellen, er ist in der Dämmerung seines künstlerischen Lebens.

Norman Lebrecht

Der Maestro-Mythos

Der US-amerikanische Autor: Norman Lebrecht hat sich schon vor vielen Jahren in seinem Buch „Der Maestro-Mythos“ auch mit dem „Sexuellen Leben von Dirigenten“ beschäftigt.

Nach der Veröffentlichung schlug ihm viel Ablehnung entgegen. Es sei ein Klatschbuch, keine ordinäre Anekdote sei ihm zu gering. Das Publikum wollte seine Götter behalten. So war das halt 1991. Jetzt aber ist sie da, die Götterdämmerung. In der britischen Zeitschrift Spectator hat er sich – nachdem er sich durch den Wandel des Zeitgeistes ermutigt fühlt – zum Thema geäußert. Das sexuelle Leben der Dirigenten

Da nimmt er sich nicht nur James Levine vor, auch andere große Dirigenten kriegen ihr Fett ab. Z. B. der Schweizer Charles Dutoit. Ihm wird vierfacher sexueller Missbrauch vorgeworfen, berichtet die klassiker-welt.

Norman Lebrecht berichtet über die französische Sopranistin Anne-Sophie Schmidt, die erklärte, dass ihr Kalender leer blieb nachdem sie die anhaltenden Avancen des Schweizer Dirigenten Dutoit immer wieder abgelehnt hatte. Das war Mitte der 90er Jahre. Sie ist davon überzeugt, dass sie auf einer schwarzen Liste gelandet sei, auf die sie der Dirigent gesetzt hätte.

„Sex würde als eine Art selbstverständliches  „Vorrecht“ des Dirigenten   genommen, es ginge um Macht und wer mit dem Maestro nicht schläft oder ihn nicht an sich ranlässt, hat Probleme mit neuen Verträgen.  Der Deal ist: Schlaf mit dem Maestro, oder du wirst nie wieder arbeiten.

Und absolut bittere Passage schildert Lebrecht in seinem Beitrag: :

„Der schwerwiegendste Fall, den ich kenne, ist die Solistin in ihren späten Teenagerjahren, die etwa eine Stunde vor einem Konzert in einem der berühmtesten Säle Europas in das Zimmer des Dirigenten gerufen wurde, um ein paar Punkte in der Partitur zu besprechen. Sie tauchte eine Weile später auf und schluchzte unkontrolliert. Sie war vergewaltigt worden, und sie musste immer noch auf die Bühne gehen, ein Konzert spielen und sich mit ihrem Vergewaltiger verbeugen. Ich habe versucht, sie dazu zu bewegen, etwas zu sagen, aber sie möchte verständlicherweise mit ihrem Leben weitermachen und hat wahrscheinlich immer noch mehr Angst als der Mann, der sie vergewaltigt hat, nach all den Jahren immer noch ihre Karriere beschädigen kann. Mehrere Musikinsider sahen sie aus diesem grünen Raum kommen. Niemand hat den Aggressor konfrontiert.“

So manches kommt aus den gegenwärtigen Debatten in anderen Gebieten der Kunstausübung recht bekannt vor. Auch die Gegenargumente sind ähnlich: Hat es ein Maestro denn überhaupt „nötig“, sich so aufzuführen, werden die nicht von Kunstfreundinnen belagert? Gibt es nicht auch einvernehmlichen Sex in aller Liebe? 

Die gleichgeschlechtliche Variante

Entlarvt manche Debattentricks

Interessant ist es, wenn der Maestro nicht heterosexuell ist, denn dann werden manche merkwürdigen öffentlichen Diskussionspunkte auch nochmal schärfer als das entlarvt, was sie sind: Versuche, Schuld abzuwälzen und zu entlasten. Ich erinnere an eine Gesprächsrunde zum Thema „Dieter Wedel“, in der Heike Melba Fendel als Teilnehmerin andauernd behauptete, das weibliche Begehren spiele bei der Debatte eine zu geringe Rolle. Sie wurde lebhaftest bejubelt, nicht zuletzt von Thomas Fischer, der gar nicht wieder aufhören konnte, sie zu preisen. Die als Gast geladene Schauspieler-Agentin Heike-Melba Fendel formulierte den mit Abstand intelligentesten Gedanken des Abends: Wolle man über Sexismus sprechen, müsse man zunächst über Sex sprechen, also über männliche und weibliche Selbst- und Fremdbilder. Man müsse sich vom Stereotyp lösen, immer nur über „Taten“ zu sprechen, ohne zu fragen, wie, warum und woraus sich diese Bedeutung überhaupt ergebe. schrieb er in der ZEIT

Wenn es um Begehren geht, dann darum,

dass dies mit Macht gestillt wird

Das würde im Umgang mit Übergriffen auf einen jungen Mann völlig wegfallen, denn wenn ein Mann mit so viel Macht, junge Praktikanten anfasst, ihnen in die Hose greift, sich masturbieren lässt und sie masturbiert, würde eine Frage nach deren Begehren kaum glaubhaft sein. Niemand würde angesichts der Übergriffe auf kleine Jungs über die Frage sinnieren ob es auch ein Jungmännerbegehren gibt und ob der junge Mann vielleicht mit seinen aufreizenden T-Shirt oder engen Jeans den Künstler herausgefordert hat? Ob er es „drauf angelegt“ hat.

Nein, die gleichgeschlechtliche Variante macht deutlich: Es ist der Maestro, der bestimmt, wen er mit seinem sexuellen Begehren belästigt. Das sexuelle Begehren seiner Opfer ist ihm wurscht und das gilt dann wieder für alle Varianten – hetero oder homosexuell.

 

Höhere Weihen – es war ein Kult

Dass es – vielleicht auch im Gefühl, dass man sexuelle Übergriffigkeit und Machtausübung ein bisschen mit Weihen versehen soll – auch den Versuch gibt, Sexualität in eine Art gemeinschaftliche Kunstausübung zu betten, wird in der Neuen Zürcher Zeitung thematisiert,

Das war ein Kult versucht der Autor zu definieren. Und – es sei in die Eigenverantwortung derer gegeben, ob sie ich in den Bannkreis eines solchen Kultes begäben oder nicht. Tja, es ist nicht leicht, ausgeübter Macht zu entgehen – das gilt nicht nur für sexuelle Übergriffigkeiten.

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