Sondergericht Nr. 3

Teil 8 – Die Gerichtsverhandlung und der nachfolgende „Aufbruch“ zu weiteren Stationen in anderen Haftanstalten bestimmen Mariannes weiteres Schicksal. Hunger, Ungeziefer und Müdigkeit waren die Begleiter. Aber sie hat sich auch die Erinnerung an viele Leidensgenossinnen erhalten und berichtet davon sehr anschaulich.

Das Landgericht in der Leipziger Elisenstraße 64 war auch Standort der Sondergerichte.

Doch will ich nun, lieber Herr Pfarrer in meinen Schilderungen fortfahren. Weihnachten und Neujahr hatten wir „überstanden“ und so kam der 2. Januar 1945. Es war ein Tag wie jeder andere, doch für mich nicht. Hilde Vetter hatte mir für den Gerichtstermin ihre Kostümjacke geliehen und früh um 9.30 Uhr kam die Wachmeisterin Tkotsch und brachte mich hinüber in das Gerichtsgebäude. Sondergericht Nr. 3 stand auf dem Vorladeschein. Mein Rechtsanwalt Dr. Jünemann und ein Wachmeister nahmen mich gleich in Empfang. ich war sehr verwundert, als mich sogar beide fragten „Welcher Lumich hat Sie denn hier hereingebracht?“. Ich habe wohl den Eindruck gemacht, so wie ein geduldiges Schaf, das alles über sich ergehen läßt. Diese Frage konnte ich damals noch nicht beantworten, nach meiner Haft habe ich dann alles erst erfahren. (sie hat erfahren, dass jemand ihrer Arbeitskollegen sie denunziert hat, aber eigentlich wollte sie sich damit nicht weiter befassen. Sie ist der Sache nicht nachgegangen. Sie hatte, so sagte sie, andere Sorgen- Magda)- Ich war in dieser Situation auch sehr verlegen, doch sagte Dr. Jünnemann “Sie brauchen sich nicht zu schämen, hier sitzen noch ganz andere Leute drin als Sie, Sie brauchen die Strafe bestimmt nicht abzusitzen“. So trösteten sie mich beide.

Strenge Bestrafung gefordert

Um 10 Uhr begann dann die Verhandlung. Der  Gerichtsvorsitzende Dr. Kolbe begann mit folgenden Worten:“ Die Verhandlung findet statt unter Ausschluß der Öffentlichkeit“, nun ja wegen der Auslandsnachrichten. Es waren nur drei Personen im Saal. Sie mußten das „Lokal“ verlassen. Der Staatsanwalt betonte es ganz besonders, daß die geheime Wühlarbeit die Gefährlichste sei und solche Verbrecher, die in der Maske der Harmlosigkeit herumlaufen am schwersten bestraft werden müßten. Dr. Jünemann sagte dann in seiner Verteidigungsrede, ich sei in moralischer Hinsicht ein einwandfreier und unbescholtener Staatsbürger und vielleicht hätte ich mich gerade in meiner Harmlosigkeit zu diesen Dingen verleiten lassen, auch sei ich sehr gutmütig und vielleicht auch manchmal unüberlegt in meinen Handlungen. Doch all diese Argumente, mit denen mich Dr. Jünemann verteidigen und entlasten wollte, es prallte alles ab an den immer wiederkehrenden Anschuldigungen des Staatsanwaltes, wobei er besonders den Ernst und die Schwere der Zeit hervorhob. Ich habe mich vor jedem seiner Worte gefürchtet und dachte an die schreckliche Vernehmung der Gestapo in der Auenstraße. Ich hatte wiederum die entsetzlichste Angst, auch der Staatsanwalt werde die gleichen Worte der Gestapo wiederholen „ich beantrage die Todesstrafe“. In meinem Innern war ein wirres Durcheinander und ich hatte das Gefühl, als stehe ich auf einem schwankenden Steg, zu beiden Seiten drohen Abgründe mich in einen kreisenden Strudel hineinzureißen, aus dem es kein Entrinnen mehr gäbe. Ich habe in diesen Minuten der Angst und Erwartung des Urteils den lieben Gott angefleht “Laß mich jetzt nicht allein, trage Du mich hinüber, über diesen schwankenden Steg an das rettende Ufer“. Doch der Staatsanwalt hatte die Todesstrafe nicht beantragt. Ich könnte und möchte hier noch Vieles hinzufügen doch davon später und ich will nun in meinen Schilderungen fortfahren.

Das Gericht zog sich zur Beratung des Urteils zurück, der Richter machte noch vorher die Bemerkung, die Öffentlichkeit kann wieder zugelassen werden“. Aber dann war der Saal ganz leer. Die Verhandlung muß ja „furchtbar“ interessant gewesen sein. Und als er den Gerichtssaal wieder betrat, schaute er sich verwundert um in dem leeren Raum.

Ein „mildes Urteil“*

Und dann sprach er das Urteil:

Das Gericht verurteilt die Angeklagte zu zwei Jahren Zuchthaus und fünf Jahren Ehrenrechtsverlust wegen ihrer sonstigen Unbescholtenheit.

Und damit war dann die Verhandlung geschlossen. Dr. Jünemann tröstete mich noch draußen auf dem Gang „ganz bestimmt brauchen Sie die Strafe nicht abzusitzen“, und gerne hätte ich ihn nach der politischen Lage gefragt. Aber das konnte ich nicht mehr, die Wachmeisterin Klepzig kam mir auf dem Gang entgegen. Ich habe mich sehr schnell von meinem Rechtsanwalt verabschieden müssen. Ich ging mit Frau Klepzig wieder hinüber ins Frauengefängnis. Zurück in dieses trübselige Einerlei , wo nur wieder graue Mauern, schmale Eisentreppen und eine düstere Gefängniszelle mich erwarteten. Alles in mir bäumte sich auf, über das Unrecht was mir angetan worden war. „„Warum nur?“ fragte ich mich, sperrt man mich hier en. Solche ein Widersinn, der Richter hatte doch selbst gesagt „wegen ihrer sonstigen Unbescholtenheit“: Aber wir waren ja Staatsfeinde und als solche wurden wir behandelt. Getreu nach den Parolen des „Herrn Propagandaministers Dr. J. Göbbels“: „Wer sich als Staatsfeind betätigt, den werden wir auch als Staatsfeind behandeln.“ Oh ja, Herr Pfarrer , das wurde gewissenhaft befolgt. Das ganze Gefängnispersonal, allen voran die Oberin, sie konnten es alle, schließlich wurden sie ja auch dafür bezahlt und da mußte man doch zeigen, was man kann.  Wenn wir unsere gute Frau Wachmeisterin Frau Hilme nicht gehabt hätten. Im Maschinensaal hatte sie immer die Aufsicht und in der Nachtschicht war sie ja meistens da. So muß ich sie doch immer wieder als rühmliche Ausnahme lobend erwähnen.

Ich war vom Hauptthema ein wenig abgekommen, doch nun weiter. Das passiert ja nun öfter mal. So wurde ich nun wieder in Zelle 52 hineinbeordert und die Wachmeisterin Klepzig knallte wieder einmal die Tür hinter mir zu. Das konnte sie am allerbesten. Die Türen knallen und herumschnauzen. Sie raste immer über die Gänge und Treppen als würde sie vom Satan verfolgt, nun vielleicht war sie es auch. Einmal, so erzählte uns die Kalfaktorin, war sie mit den Absätzen auf den Treppenstufen ausgerutscht. So waren wir dieses Biest wenigstens 14 Tage los. Doch dann, war sie plötzlich wieder da. Ganz gewiß konnte da Gefängnis „Elisenburg“ ohne Frau Wachmeisterin Klepzig nicht bestehen. ( Alter ungefähr 40 Jahre). Und wieder vergingen die Wochen. Es kam der 20. Januar 1945. Wir waren gerade aus der Nachtschicht in unsere Zellen gegangen und wollten uns auf die Strohsäcke zur Ruhe niederlegen, da wurde die Tür aufgeschlossen. Die Wachmeisterin Hilme rief mich auf den Gang „Geißler zum Transport in die Effektenkammer.“ Luise Gatscha und auch die anderen Gefangenen sagten mir schnell auf Wiedersehen, Luise rief mir noch nach „Geißlein, draußen sehen wir uns wieder“. Ich konnte ihr nicht mehr antworten. Man wurde immer nur angetrieben.

Ich bekam meinen Kleiderbeutel ausgehändigt und zog meine Sachen an. Nun war ich immer gewöhnt, in Holzpantinen herumzulaufen, so mußte ich mich erst wieder an die bequemen Lederschuhe gewöhnen. Das war ja nun keine Kunst. Die Wachmeisterin Heine sah beim Umziehen meine zerkratzte Haut. „Warum haben Sie sich nicht verarzten lassen“, Ich bin von Frau Wachmeisterin Schmidt abgewiesen worden, es sei eine Hafterscheinung hatte die erklärt. Nun ja, auch hier: Kommentar überflüssig. Unten im Gang standen ungefähr 20 Frauen. Davon kannte ich auch Niemanden. Wir waren es schon gewöhnt, immer nur fremde Gesichter zu sehen. Es war furchtbar, Weiß Gott! Trotz aller Gewöhnung. Ich wollte weinen, weil ich auch an meinen Jungen dachte. Ich konnte nicht mehr an die Pflegemutter Frau Weber nach Lörrach scheiben und hatte von dort lange nichts mehr gehört. Aber ich habe nicht geweint, ich habe zum Hlg. Geist gebetet. „Tröster in Verlassenheit, Labsal voll der Lieblichkeit, komm o süßer Seelenfreund“. Diese Sequenz zum Heiligen Geist in der Pfingstmesse hat mich immer wieder getröstet. Wie oft habe ich sie gebetet.-

Ja, Herr Pfarrer, ich will mich nun nicht weiter in Betrachtungen verlieren. Also weiter.

Nun standen wir Frauen auf der Straße und wurden von SS-Beamten zur Straßenbahn gebracht. Sie hatten scharfe Wachhunde mit und ein Beamter sagte:“ wer versucht, auszureißen, wird umgelegt“. Ich war so müde, vorher hatte ich ja Nachtschicht gehabt, kein Frühstück, nichts. Und ich bin nicht umgekippt. Der Franzose sagt „quand même“ Trotzdem nicht. Verschiedene haben schlapp gemacht, ich nicht.

20. Januar 1945 –  Durchgangsgefängnis und Arbeitshaus Riebeckstraße

Während der NS-Zeit war die städtische Arbeitsanstalt in der Riebeckstraße kommunaler Akteur an der Verwahrung und Verfolgung von als asozial stigmatisierten Gruppen beteiligt. Zudem diente das Gelände als Sammelstelle für Juden, Sinti und Roma, die von hier in die Konzentrations- und Vernichtungslager deportiert wurden, sowie als zentrale Verteilerstelle von NS-Zwangsarbeit. (Quelle: https://www.zwangsarbeit-in-leipzig.de)

Es war so ungefähr 12 Uhr geworden. Ach Gott! Ich hatte Hunger und die Müdigkeit tat noch ihr übriges. Den anderen Häftlingen ging es ja nicht besser, warum nur klagen und jammern. Neben mir stand eine Russin, Mitte der zwanzig war das gute Kind, sie schaute mich traurig an und fragte mich „wann Krieg aus?“, ich wußte ja auch nichts. Sie erzählte mir, sie studiere Medizin. Sie sprach auch ziemlich gut deutsch, man merkte ihr die akademische Bildung wohl an. Weiter konnte ich von ihr nichts erfahren, sie war sehr verschlossen. Der Zufall wollte es, daß ich auch noch zu ihr in die gleiche Zelle kam. Sie konnte ganz wunderbar singen, eine herrliche Stimme hatte sie. Wir waren ungefähr sechs Häftlinge in einer Zelle und hatten dieses junge Mädchen alle gerne. Es war ein ständiges Kommen und Gehen, da hörte man nicht, wenn jemand sang. Dann wurde die Tür aufgeschlossen und wir bekamen endlich was zu essen. Im „Freßnapf“ schwammen die Maden herum, immer nur Dörrgemüse. Ich war so furchtbar müde. In der Zelle war keine Pritsche. Es waren ja auch nur Baracken. Das Schlimmste war auch noch, dort wurde „gekübelt“. Und die Abortkübel mußten wir ja selber hinaustragen, überall roch es nach Chlor. An den Wänden krochen die Wanzen entlang, genau wie in der „Beethovendiele“ Ach, Herr Pfarrer —

Mir gegenüber saß eine Frau in mittleren Jahren. Sie erzählte immer nur das Gleiche, sie wäre eine weltberühmte Hellseherin und hätte schon zur Zeit der Königin Marie Antoinette gelebt, sie war eine Jüdin auf dem Transport in irgendein Vernichtungslager. „Du armes Geschöpf“ dachte ich. Die tat mir leid, sie war schon vollkommen durchgedreht. Die Anderen waren ruhig und schwiegen. Das nette russische Mädchen sagte zu mir „auf Deinem Hals sind ganz viele Läuse, ich habe auch ganzen Kopf voll, immer kratzen“. Ich antwortete ihr, „das ist nicht alles ich habe auch noch am Körper Läuse“.

Ich war so müde, die Müdigkeit wurde immer unerträglicher. Es war so gegen Abend. Die Kalfaktorin brachte das Abendessen. Zwei Schnitten mit Pferdefett beschmiert, ich erkannte es an der gelben Farbe, dazu noch einen Becher Tee ohne Zucker. Als ich das Fett sah, wurde mir übel und ich mußte mich ( mit Erlaubnis gesagt) übergeben und dann noch über dem Chlorkübel. Das kam wohl auch noch von der Müdigkeit. Ich klingelte, die anderen Frauen haben auch nicht auf mich geschimpft. Da kam dann die Wachmeisterin und nahm mich hinüber in die Schlafzelle. Da waren auch Pritschen. Ich hatte ihr gesagt, ich wäre so furchtbar müde. Nun konnte ich schlafen und nochmal schlafen. – Doch dann wurde ich wieder wach! In die  Zelle kamen ungefähr 10 Frauen, ihre Holzpantinen klapperten und es waren nur vier Pritschen in dem Raum. Ich kannte keine davon-

Paulette auf dem Weg ins Vernichtungslager

Mir fiel ein junges Mädchen ganz besonders auf, sie war so klein und zierlich wie ich. Dann sprach sie mich an. „Ich bin Französin, ich heiße Paulette“. Ich habe sie nicht gefragt, warum du hier? und sie mich auch nicht. Sie sagte nur „morgen Abtransport Vernichtungslager“. Ich sagte „Ich Zuchthaus Waldheim“. Ach du arme kleine Paulette, Vernichtungslager ist ja viel schlimmer als Zuchthaus Waldheim. Armes Dingele du, du bist doch noch so jung, mit welchem Recht begeht man solche Verbrechen und warum schweigt der liebe Gott zu allem, was da geschieht. Ich hatte vor Paulette ein schlechtes Gewissen wegen der Pritsche und bot ihr an „Du kannst drauf schlafen, Du bist doch sehr müde und kaputt“. Darüber freute sich Paulette und war gleich eingeschlafen. Außer den vier Pritschen lagen auf der Erde kleine Matratzenteile. Wir lagen jeder auf einem, das reichte schon zur Not. Wir rollten unsere Kleider und Mäntel ein, als Kopfkissenersatz und es ging auch. Trotzdem der Raum mäßig geheizt war und der Fußboden sehr hart war, so hat mich das Liegen überhaupt nicht gestört, gefroren habe ich auch nicht und es war doch Januar und ich habe trotzdem gut geschlafen. Nun ja, wenn viele Menschen in einem Raum sind, das bringt auch Wärme. Aber die schlechte Luft, das Ungeziefer, die zwei Kübel, jeder in einer Ecke. Oh weh!!!

Frühmorgens kam die Wachtmeisterin – ich kannte sie nicht – zum Ausrufen der Kübelleerung. Ich habe auch mit einer Frau ausgeleert, ganz tief versteckt war die Grube, was man nicht alles lernt und draußen war ja frische Winterluft, wenigstens ein Vorteil. So vergingen noch zwei Tage mit Nichtstun. Und die Französin Paulette war schon nicht mehr da. Ich habe mich um Niemanden gekümmert, ich hätte heulen können, wie ein eingesperrter Hund, aber was nützt denn das, schließlich war ich ja nicht allein in Haft und ich dachte an die Worte Dr. Jünemanns „hier sitzen noch ganz andere Leute drin als sie“ und an Herrn Pfarrer Jung „ich werde sie ganz besonders in meine priesterlichen Gebete einschließen.“ Ich habe diese tröstenden Worte nicht vergessen und sie haben mir immer wieder neuen Mut gegeben. Heute könnte ich noch den beiden Herren dafür danken. Drei Tage waren wir nun in der Riebeckstraße im Durchgangsgefängnis der Stadt Leipzig.

Ich fahre so manches Mal durch die Riebeckstraße, weil ich in diesem Stadtteil wohne und immer, wenn ich an diesem Gebäude vorbei fahre, wende ich mich ab und schaue auf die andere Seite. Es sind nun 30 Jahre vergangen, eine lange Zeit und doch kann ich nicht vergessen, was man mir angetan hat.

* Meine Mutter hat später mir gegenüber immer vermutet, dass viele im Justizwesen, so wie alle anderen Leute schon sicher waren, dass die Naziherrschaft bald zu Ende ist. Nur die ganz fanatischen Parteigänger:innen waren unerbittlich und fällten harte Urteile. Meine Mutter hatte „Glück im Unglück“. Erst nach der Befreiung erfuhr sie, dass auf ihrer Akte Stand: Nach Verbüßung der Strafe, Rückführung zur Gestapo zwecks KZ-Einweisung.

(Fortsetzung folgt)

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Monate in ständiger Angst

Teil 7 – Berichte aus dem Häftlingsalltag. Begegnungen mit Frauen, deren Erinnerung in Leipzig wachgehalten wird. Und immer wieder Sorgen um ihr Kind bestimmten das Leben. Meine Mutter hat aufmerksam ihre Umgebung beobachtet trotz aller ihrer Ängste.

„Kümmere Dich um meinen Buben“.

Es war nun so ungefähr 15. oder 16. September 1944. Der nächste Sonntag darauf war Schreibsonntag. Ich schrieb an die Pflegemutter von meinem kleinen Andreas, Frau Weber nach Lörrach. 1/4 Stunden Schreibzeit. Ich konnte mich konzentrieren so gut es ging. Allerdings sehr schnell, fast im Telegrammstil. „Liebe Verena, kümmere Dich nur recht lieb um den Buben. So weit geht es mir so leidlich. Seit 3 Monaten bin ich in Haft. Tröste mich und erzähl mir was vom kleinen Andreas. Du wirst ihm ja immer eine gute Pflegemutti sein“. Den Vater meines Kindes habe ich im Brief nicht erwähnt. Frau Weber stand schon längere Zeit wegen der monatlichen Zahlungen mit ihm in Verbindung. Den Vater meines Andreas, der französischer Fremdarbeiter war, liebte ich damals schon nicht mehr, aber das Kind!

Doch nun weiter, ich will ja nicht abschweifen. Und so kam dann meiner heutigen Erinnerung nach, so ungefähr der 20. September 1944. Dann war wieder mal Zellenwechsel. Das war furchtbar, immer wieder andere Gesichter. Ich kam in eine kleine Zelle, 3 Quadratmeter groß. Wir waren zu viert in dieser Zelle. Drei Kriminelle und ich. Leider war nur eine Pritsche da und wir haben uns immer mal abgewechselt. Dann kam aber wieder der Zellenwechsel, schlimm —

Seitentrakt des Amtsgerichtsgebäudes Leipzig mit dem Eingang zur ehemaligen Justizvollzugsanstalt Moltkestraße. heute Alfred-Kästner-Straße. Die JVA ist inzwischen abgerissen. Ich vermute, dass meine Mutter diese JVA meinte. Sie hat sich in all den Jahren in Leipzig nie wieder in diesen Stadtteil des Leipziger Südens begeben, soweit ich mich erinnere.

(Quelle Martin Geisler, CC BY-SA 4.0 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0, via Wikimedia Commons)

Immer wieder neue Gesichter

Ich will Ihnen nun von einer Frau erzählen. Es waren alles ziemlich verkommene Typen. Doch die war die Schlimmste. Sie hieß Eva Rund, war aus Erfurt, mehrere Male vorbestraft und geistig sicher nicht ganz intakt. Die hatte ganz bestimmt einen „Jagdschein“. Und gerade die hing sich immer wieder an mich wie eine Klette. Sie war ungefähr Mitte der Dreißig. Im Hof wurde wieder der Zellenwechsel abgezählt. Immer Vier und Vier. Die Wachmeisterin Frau Hilme zählte ab, dabei schwang sie ihren Gummiknüppel wie einen Dirigentenstab1,2,3,4. Ich verlor mit Absicht einen Holzpantoffel und schleuderte ihn unauffällig bis in die Hofmitte, um von der Rund wegzukommen. Ich wollte mich beim Abzählen in die Reihe anderer Häftlinge einschmuggeln. Dann drehte ich mich um und da war doch das Aas wieder hinter mir. Ich kam in eine andere Zelle, aber die war auch mit hineingekommen. Sie war lesbisch- ach du Schreck- und ich sollte das Opfer sein.

Bolzen bohren für Maschinengewehre

In dieser Zeit habe ich fast nur Nachtschicht machen müssen. Dann saß sie auch immer neben mir. Die anderen Frauen standen an großen Maschinen. Elsa Rund und ich, wir mußten in der Nacht von 21 Uhr bis 6 Uhr morgens 4.000 Bolzen bohren. Die wurden für die Maschinengewehre gebraucht. Die hohe Norm habe ich nie geschafft. Sie half mir dabei, mit ihren flinken Fingern war es ihr wie ein Kinderspiel. Wenn man das nicht schaffte, war es gleich Sabotage und dann gab es Dunkelarrest. Ich gab ihr immer meine Mittagsration ab als Entgelt. Meistens hatte ich Glück, es gab doch immer Nachessen, so brauchte ich nicht zu hungern und auch kein Dunkelarrest. Das ist etwas ganz Schlimmes. Einzelhaft kann den Menschen seelisch fertigmachen. Vor der Arrestzelle ist ein dunkler Vorraum, dann kommt erst die äußere Zellentür auf den Hauptgang. Wir waren öfter beim Fliegeralarm in diesen Zellen, sie sind nämlich alle unten im Erdgeschoß und daher weiß ich das. Ich muß nochmal auf Elsa Rund zurückkommen. Sie erzählte mir, sie käme ins Vernichtungslager, ich sollte der Wachmeisterin sagen, daß ich dorthin mitkommen soll, sie könne ohne mich nicht leben. Meine anderen Zellengenossinnen winkten ab und zeigten sich die Stirn. Doch eines Tages wurde sie geholt. Sie mußte einige Jahre Gefängnis absitzen und kam nicht ins KZ. Wie es ihr weiterging haben wir nie erfahren.
Und die Wachmeisterin Hilme hat bei mir nach der Zahl der gebohrten Bolzen nie gefragt. Schwein gehabt und eine Wachtmeisterin, die sich trotz allem ein wenig Menschlichkeit bewahrt hatte.

Dr. Margarete Blank* – Begegnung auf dem Gefängnishof

Manchmal erzählte sie uns in der Nachtschicht von anderen Häftlingen. Dann kam das Thema auf Frau Dr. Blank. Ich sah sie manchmal bei der Bewegung auf dem Gefängnishof. Diese Ärztin hat viel Gutes getan und war in Haft wegen antifaschistischen Widerstandes. Sie war Kommunistin. Frau Hilme lobte Frau Dr. Blank sehr, sie habe die anfallenden Arbeiten so gemacht, als habe sie nie in ihrem Leben etwas Anderes getan. Sie war der Meinung, sie würde wohl nach Ravensbrück kommen und dort als Lagerärztin eingesetzt werden. Ja, lieber Herr Pfarrer , es kam aber alles ganz anders. Eines Tages sahen wir sie nicht mehr und im 1. Stock hing wieder ein weißes Handtuch an der Zellentür. Frau Dr. Blank war zum Tode verurteilt worden. Sie kam vor den Volksgerichtshof nach Dresden und wurde dort erschossen.

*Erinnerungen an Dr. Margarete Blank sind hier zu finden:

https://hait.tu-dresden.de/ext/publikationen/publikation-99/

Anni Pluss – Todesurteil wegen Spionage

Und dann die Anni Pluss. Die saß wegen Spionage. Auch Todesurteil. Sie ließ sich vor ihrem Abtransport nach Dresden in ihrer Zelle das heilige Abendmahl geben und verlangte nochmal nach Frau Hilme. „Ausgerechnet ich“, sagte Frau Hilme, „wo ich in keine Todeszelle gehen kann, da kann ich den ganzen Tag hinterher nichts essen und sehe immer vor mir den hochgeklappten Spion und das weiße Handtuch an der Zellentür.“ Es stimmt schon, einem Todeskandidaten kann man solch einen Wunsch schwer versagen.

Ja, lieber Pfarrer und wieder spreche ich Sie nun so an. Die Sondergerichte Adolf Hitlers waren eine wohleingerichtete Mordmaschine. Wer diesen Leuten nicht paßte, wurde abgeknallt, geköpft oder im KZ vergast. Und zu diesen letzten Opfern sollte auch ich gehören—

Eine Sekretärin Dr. Goerdelers*

Doch nun wieder zurück zur Wachmeisterin Hilme. Sie gehörte eigentlich zum guten Aufsichtspersonal. Das werden Sie schon aus meinen Schilderungen entnommen haben und sie schaute mich manchmal an, als wollte sie sagen“ Sie gehören ja nun wirklich nicht hierher“. Das sind schließlich auch Menschenkenner. Ich will Ihnen nun auch von anderen Häftlingen erzählen. Da denke ich an Frau Steinmann. Was sie gemacht hatte, wußten wir alle nicht so recht. Sie war irgendwie mit in das Hitlerattentat verwickelt. Als eine der Sekretärinnen des Oberbürgermeisters Dr. Gördeler von Leipzig hing sie mit in der ganzen Sache. Näheres wußten wir alle nicht. Sie hatte eine Bemerkung gemacht zu einer Wachmeisterin Schmidt, die hatte die Wäscherei und war zufällig bei uns unten im Maschinensaal. „Sie müßten doch ganz ruhig sein, Steinmann, sie wissen doch wie es um Sie steht“. Die Wachmeisterin mußte es ja schließlich wissen und eines Tages war Frau Steinmann auch nicht mehr bei uns unten im Maschinensaal. Sie war eine sehr intelligente, selbstbewußte Frau, ungefähr Anfang 40 und auch hübsch. Sie hat mich auch viel getröstet.

*https://www.leipzig-lexikon.de/biogramm/Goerdeler_Carl.htm

Todesurteil wegen Spionage

Von Frau Hilme haben wir auch nichts über Frau Steinmann erfahren, unseren Fragen wich sie so komisch aus. Nun vielleicht auch hier 1. Stock. Dann war da noch eine Ursula Lindner. Sie war Nachrichtenhelferin an der Westfront oder am damaligen Westwall. Ihr Mann war desertiert. Sie war 28 Jahre. Sehr intelligent. Auf irgendeine Weise hatte sie den Amerikanern Karten von der Frontlinie an der Westfront zugespielt. Todesurteil! Volksgerichtshof Dresden. Tod durch Erschießen. Und so ging das immer weiter. Die Kalfaktorin vom 1. Stock hat uns mal erzählt, manche Todeskandidaten haben sich sogar noch Nachessen geben lassen.- Na, ich weiß nicht. Was soll man da noch denken. Wahrscheinlich hat jeder Mensch seine eigene Weise, mit den schlimmsten Dingen, selbst mit der eigenen Vernichtung fertig zu werden.

Ehefrau von Georg Schwarz – ein Leipziger Widerstandskämpfer

In dieser Zeit habe ich Frau Schwarz kennengelernt. War auch unten im Maschinensaal. Nach ihrem Mann ist hier eine Straße benannt. Die Georg-Schwarz-Straße in Lindenau-Leutzsch. Sie erzählte mir, sie wüßte garnichts vom Zeitgeschehen. „Wir sind Kommunisten, mein Mann ist drüben im Männergefängnis, ich habe Schreibverbot und erfahre überhaupt nichts von draußen. Ich wußte ja nun auch nichts Konkretes zu erzählen und dann hörte sie so schlecht. Man konnte sie ja garnicht richtig trösten oder ihr was erzählen, wenn man dann noch so schreien muß. Es war doch jegliche Unterhaltung verboten. Ich sehe sie immer noch daherlaufen in ihrem viel zu kurzen Gefängniskleid und dann war sie auch noch so dick und klein. Ein groteskes Bild. Da mußte man trotz aller Misere auch noch lachen. In einer Nacht wurden 14 Männer drüben im Gefängnis in die Todeszelle gebracht. Sie kamen dann auch nach Dresden und wurden erschossen. Der Mann von Frau Schwarz war auch dabei. Das hat sie erst nach 6 Wochen erfahren. Sie erzählte es mir, als wir nach unserer Befreiung uns draußen wiedersahen.-

Post aus Lörrach und beinahe Zusammenbruch

Und nun weiter . Es wurde ungefähr Mitte Oktober. Ich war immer noch im Maschinensaal beschäftigt.. Auch hatte ich Post von Frau Weber aus Lörrach bekommen. Ich könnte ohne Sorge um Andreas sein, sie würden den Kleinen an Kindesstatt annehmen – wenn – achso, ich hatte verstanden! Ich war nahe daran, einen Haftkoller zu bekommen. Nein- nun gerade nicht, Frau Stange, auch eine politische Gefangene kam zu mir. „Reiß Dich zusammen, Dein Kind braucht Dir, ich zerreiße den Brief“. Ich gab in ihr. Sie meinte auch „Wir brauchen die Strafe nicht abzusitzen“, „Ja, wenn uns die Nazischweine nicht noch vorher kaltmachen“, antwortete ich. Das war die geheime Angst bei allen politischen Gefangenen. Diese Angst war wohl berechtigt. — Manchmal hatte auch die Wachmeisterin Frau Tkotsch Nachtaufsicht bei uns. Dann kam die Hauptwachmeisterin Heine mit herunter. Sie kochten sich unten in der Teeküche Kakao und Bohnenkaffee und aßen dazu weiße schöne Brötchen und ließen es sich wohlschmecken, auch noch vor den Gefangenen. Vielleicht bekamen sie Sondermarken, weil sie sich mit uns ungeratenen Geschöpfen den ganzen Tag herumärgern mußten.

So vergingen die Tage und die Wochen in einer düsteren und grauen Einförmigkeit. Es war furchtbar. Die Außenkommandos, Häftlinge aus der 2. Etage ungefähr 40 Frauen rückten früh 5.30 Uhr aus, abends 18. 00 Uhr rückten sie wieder ein. Alles immer im gleichen Schema. Die Holzpantinen hörte man über die Eisentreppen klappern. Das waren alles Kriminelle, von denen ich niemanden kannte. Einige Bekannte aus Plagwitz wollten mich in einem Gefangenenwagen gesehen haben. Das war gar nicht möglich, wir politisch Eingesperrten kamen aus den Haftanstalten überhaupt nicht auf die Straße. Das wäre ja auch zu interessant gewesen, mich in meinem Unglück zu sehen. Die Sensationsgier der Menschen ist manchmal widerlich.

Gespräch mit einem katholischen Pfarrer

So will ich Ihnen, Herr Pfarrer , doch nun wieder weiter erzählen. Es war so ungefähr Mitte November 1944. Als ich in der Tagschicht wieder einmal arbeitete, kam die Hauptwachmeisterin Heine, sprach mich an „Stellen Sie sich vor die Zelle 12 drüben im Gang, sie werden dann geholt“. Dann kam ein Wachmeister und nahm mich mit in die nebenan liegende Zelle. „Sie wollten doch einen katholischen Pastor mal sprechen“. Ich ging hineine, da stand ich nun in meiner armseligen Gefängniskleidung, das graue Kopftuch umgebunden und klapperte mit meinen Holzlatschen auf einen sehr liebenswürdigen Herrn zu. Er stellte sich mir vor „Mein Name ist Jung, ich bin Kaplan an St. Bonifazius und für die Haftanstalten Leipzigs als Gefängnisgeistlicher zuständig. Er konnte so Anfang der 30 sein und war sehr schlank. Da stand ich nun da und wußte vor lauter Verlegenheit nicht, wie ich mich eigentlich benehmen sollte und überall hätte ich mich gern gekratzt. Ich hatte Kleiderläuse, Kopfläuse usw. aber vor solch einem feinen Herrn mußte ich mich doch zusammennehmen. Gottseidank, wir waren allein, darüber wunderte ich mich aber sehr. Kaplan Jung erfaßte gleich die Situation und half mir liebevoll in einer netten, ungezwungenen Art, mich wieder zurecht zu finden. Ich erzählte ihm alles und mußte mich kurz fassen, denn die Unterhaltung durfte nur eine Viertelstunde dauern. Er sprach so zu mir, als überlege er vorher jeden einzelnen Satz: „Viel kann ich ja nicht für Sie tun, ich werde Sie immer in meine priesterlichen Gebete einschließen, jeden Tag, und das möge Sie mit einigem Trost erfüllen, je Frau Geißler, und wenn Sie auch noch keine Anklageschrift haben und in dieser Ungewißheit monatelang schon leben müssen, so legen wir beide, Sie und ich, Ihr Schicksal in Gottes Hände. Er macht alles recht“. Mit diesen Worten verabschiedete er sich und schüttelte mir auf das Herzlichste die Hand. Diese wenigen Worte hatten mich so getröstet und mir soviel neuen Mut gemacht und diese gütige Stimme klang noch lange in meinem Innern nach. Sie beruhigte ungemein meine aufgeregten Nerven. Man war von den Wachmeisterinnen nur noch den Kommandoton gewöhnt, immer anschnauzen und antreiben. Schließlich wurden sie ja dafür auch bezahlt und bekamen vielleicht eine Prämie dafür.

Wir näherten uns dem Monatsende , so ungefähr konnte es der 28. oder der 30. November sein. Das weiß man ja nicht mehr so genau, wir hatten ja keinen Zeitbegriff mehr. Die Wachmeisterin Hilme sagte uns immer das Datum und die Uhrzeit an. Auf dem Hof bei der Bewegung versteckte sie den Gummiknüppel auf dem Rücken, das war anständig von Frau Hilme. Noch einiges über die Gefängniskost in der „Elisenburg“ möchte ich hier auch noch erwähnen. Herr Pfarrer. Die Mittagsspeisung war gar nicht mal so schlecht und auch reichlich. Aber das Frühstück und Abendbrot furchtbar und noch mal furchtbar. Früh zwei Scheiben Brot und Marmelade und einen Becher Malzkaffee und abends das Gleiche aber statt Marmelade gab es ein kleines Blechnäpfchen mit Pferdefett ( sieht gelb aus) und eine Scheibe Pferdeblutwurst. In der Zelle war nur eine Pritsche. Nun ja ich bin nicht so sehr auf meinen Vorteil versessen. In der Beziehung war ich immer großzügig und überließ sie den Andern. Wer wird sich denn auch um eine Pritsche zanken und schließlich hatte ich andere Sorgen. So lag ich mit den zwei anderen Frauen auf kleinen Strohsäcken, 1 Quadratmeter breit auf der Erde, ach das war mir so egal. Wir rollten unsere Kleider und Schürzen ein zu einer Rolle, das war der Ersatz für das Kopfkissen und es ging auch. Decken hatten wir ja auch. Sie waren sehr dünn, aber die Zellen waren so mäßig geheizt, es ging zur Not zu ertragen. Und schließlich wärmten wir uns gegenseitig. Am Tage wurde die Pritsche an die Wand hochgeschlossen, damit sich niemand drauf setzen konnte und auch das Eßbrett. So saßen wir ja meistens auf der Erde. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, jawohl — konnte man hier auch sagen.

Streit und Gewalt zwischen den inhaftierten Frauen

Beim nächsten Zellenwechsel kam ich mit einer Luise Gatscha zusammen. Sie war noch sehr jung, aber leider auch sehr labil. Hatte Lebensmittelkarten „gemaust“ und mußte zwei Jahre Gefängnis absitzen. Wir konnten uns gleich gut leiden. Das gute Mädchen nahm mich immer in Schutz, wenn die anderen mich gehässig beschimpften und eine sagte mir ganz unverfroren, das was ich gemacht habe, da stünde sowieso die Todesstrafe drauf, eine Elfriede Mühlberg, auch kriminell und mußte 3 Jahre Zuchthaus absitzen. ( Sie kam dann nach Waldhein). Luise Gatscha fuhr die Mühlberg an, „Ich knalle Dir gleich eine auf die Rübe, Du Schwein Du, sag das ja nicht nochmal, wir haben alle gemaust und die „Geißlein“ ist so nett und anständig und ist politisch hier. Halte Du Deine blöde Fresse, Mühlberg, Du hast ja nur Wut, weil Du drei Jahre Z. absitzen mußt“. Beinahe wäre es zu einer Schlägerei gekommen. Luise stellte sich schützend vor mich hin, ich hatte schon auf die Klingel gedrückt. Die Wachmeisterin kam, eine Frau Klepzig. „Was ist hier los?“, Mühlberg runter in die Transportzelle, Sie kommen sowieso nach Waldheim.“ Gottseidank, die waren wir los. Luise sagte gleich zu mir, deswegen geht der Kopf nicht runter und wenn wir wieder frei sind, besuche ich Dich mal. Schade, ich habe Luise Gatscha nicht wiedergesehen. Trotzdem möchte ich hier gerade über dieses junge Mädchen noch Einiges hinzufügen. Unsere Einladungen beruhten auf Gegenseitigkeit, und sie hatte solch ein schönes Zuhause, um das ich sie sehr beneidete. Sie war von Natur aus eigentlich ein guter Mensch und diese Tatsache war trotz allem, was sie gemacht hatte, nicht hinweg zu leugnen. Sie war aus Chemnitz und hatte ein gutes Elternhaus.

Sonntags bekamen wir, wer Interesse hatte, auch Bücher. Die meisten lasen nicht viel, wer hat in solche einer Situation Freude an einem Buch. Ich habe mir einige Titel angesehen. Es waren anspruchslose Erzählungen von Ludwig Ganghofer. Solche Alpenromane usw. interessierten mich nicht.

Noch immer keine Anklageschrift

Und ich hatte immer noch keine Anklageschrift. Diese monatelange Ungewi0heit macht mich gegen alles apathisch. Das war gewiß auch verständlich.
Die Zeit verging. Der Weihnachtsmonat kam heran und Dezember 1944. Es konnte wohl in den ersten Tagen gewesen sein. Wir waren wieder einmal aus der Nachtschicht hinaufgegangen, da kam die Wachmeisterin Klepzig und brachte mir meine Anklageschrift, knallte die Zellentür zu und verschwand. Die Verhandlung war auf den 2. Januar 1945 früh um 10 Uhr festgesetzt worden. Ich hatte oder besser gesagt, ich mußte mich wieder einmal um einen guten Rechtsanwalt bemühen. Das muß ich Ihnen lieber Herr Pfarrer auch noch mal mündlich erzählen, wie das wieder zusammenhing. (meine Mutter hatte vorher ein Verfahren wegen Führerbeleidigung gehabt. Sie stand seitdem, hat sie erzählt unter Gestapoaufsicht und musste sich einmal im Monat melden.) Und so nahm ich auch in dieser neuen politischen Affäre den Rechtsanwalt Dr. Jünemann zu meinem Verteidiger. Das hatte ich schon an einem Schreibsonntag getan. und mich, da ich seine Adresse noch wußte, schriftlich an ihn gewandt. Es waren ungefähr 14 Tage vergangen, da wurde ich eines Tages in die Sprechzelle beordert. Die Sekretärin von Dr. Jünemann war gekommen, aber leider waren wir nicht allein, ausgerechnet unser „Stern“ Wachmeisterin Klepzig war bei der Unterredung zugegen.
Ich gab der Sekretärin die Adresse einer Arbeitskollegin an, die von mir Geld in Verwahrung hatte, es handelte sich hier um die Verteidigungskosten, das muß ja vorher auch geregelt werden)
Leider kann ich mich heute nicht mehr genau erinnern, ob ich der Sekretärin die Anklageschrift gegen habe. Ich glaube doch Dr. Jünemann wußte in seiner Verteidigungsrede über alles genau Bescheid. Ich hatte bei einer Arbeitskollegin 300,00 Mk. in Aufbewahrung. Ich gab der Sekretärin ihre Adresse und schrieb eine Vollmacht aus. Es handele sich hier um Verteidigungskosten, denn das mußte vorher ja geregelt werden. Es war tröstend und zugleich auch ermunternd für mich, daß die Sache nun endlich ins Rollen kam. Ich hatte wieder einmal einen Menschen von draußen sprechen können, es war für uns beide ein komisches Gefühl. Man möchte sich so viel sagen und kann nicht. Ihr warmer Händedruck bei der Verabschiedung sagte mir genug. Ich hatte wohl verstanden.

Heiligabend in Untersuchungshaft

Die Zeit verging, so kam der 24. Dezember 1944. Wir interessierten uns nicht dafür. Für uns gab es keinen Heiligen Abend. Um 5 Uhr nachmittags kam die Wachmeisterin Tkotsch und schloß alle Zellen auf. Nur die Zellentüren im 1. Stock bleiben verschlossen. Ich habe für diese Menschen ganz gleich ob politisch oder kriminell zum Tode verurteilt, den lieben Gott um Erbarmen angefleht. Ganz gewiß, lieber Herr Pfarrer, das habe ich getan.– Frau Tkotsch stand auf dem Zellengang und gab Anweisungen“ die politischen Verbrecher auf die rechte Seite, die Kriminellen auf die andere“. Unten in der Eingangshalle wurde ein evangelischer Gottesdienst abgehalten. Die Kriminellen durften daran teilnehmen. Sie waren vielleicht frömmer und besser als wir. Der liebe Gott wollte wohl nach der Meinung der Nazis von uns bösen Staatsfeinden auch nichts wissen. Wir Politischen standen nun auf dem Zellengang. Frau Tkotsch ging auf und ab, uns immer im Auge behaltend. Ich hätte gerne eine schöne Weihnachtspredigt gehört, leider konnten wir die Worte des Pastors nicht verstehen. Wir hörten bloß das Klappern der Holzpantinen, dann wurde geschnaubt und gehustet, alle waren zutiefst gerührt und schluchzten und weinten. Neben mir stand Hilde Vetter aus Wurzen – sie war in Haft wegen Vergehens gegen das Heimtückegesetz und Führerbeleidigung. Sie war auch noch in den zwanziger Jahren und auch sehr nett, wir kannten uns aus dem Maschinensaal. Die anderen Gefangenen kannte ich alle nicht, wir haben uns aber zugewinkt. Schließlich waren wir ja Leidensgenossen. Unterdessen ging nun unten der Gottesdienst zu Ende. Da kamen sie alle herauf und als wir wieder in den Zellen waren, war alle Rührung verflogen. Dann erzählten mir meine Zellengenossinnen, es habe sich während des Gottesdienstes herumgesprochen, daß wir zum Abendbrot Kartoffelsalat und Bockwurst bekämen. Die Kalfaktorinnen wußten es ganz genau. Und es stimmte wirklich. Sie waren im Gottesdienst alle brav und fromm gewesen und doch hatte diese Eröffnung überall die Runde gemacht. Vielleicht war der Kartoffelsalat doch noch verlockender als die Weihnachtspredigt des Pfarrers. – So passierte weiter nicht viel. Aber die Fliegeralarme wurden häufiger und wir waren unten im Erdgeschoß, wenn die Sirenen heulten. Manchmal nach der Entwarnung fingen Einige auch noch an zu singen. Meistens waren es Schlager und erbärmliche Schnulzen und alle erfaßte eine Nostalgiewelle, wenn ich diesen modernen Ausdruck mal gebrauchen darf. Ich will von diesen Klageliedern nur von zweien den Refrain herausgreifen–„Drum bin ich ein Mensch nur und werde kaum satt, vom Baume der Großstadt ein w-e-e-elkendes Blatt“. Und nun das Andere „So geht es in dem deutschen Reich, ach nur für arme Arbeitsleut, setzt man die größte Strafe gleich“. Es ist mir noch eins eingefallen „Nun bin ich hier und bin gefangen, welch bittres schweres Herzeleid, die Tränen unaufhörlich fließen, auf das gestreifte Zuchthauskleid“ – schön!!–

Einmal kam die Wachmeisterin Schmidt und schnauzte uns an, „ Ihr Verbrechergesindel, wir haben hier keinen Gesangsverein, ist jemand da zum Verarzten?“. Ich habe mich auch gemeldet, weil ich mich durch die Kleiderläuse überall zerkratzt hatte, sie sagte , „das ist eine Hafterscheinung“ und schob mich ab. Dann wurde ich zur Oberin heraufbestellt. ( Diese Frau war ein geborenes Scheusal). Sie fragte mich, ob ich dem Maschinenmeister Hermann auch einen Brief zur Besorgung nach draußen mitgegeben hätte? Ich wußte auf Ehre und Gewissen gar nichs „Ihr schwindelt doch alle, ihr verlogenes Pack, machen sie daß sie herunterkommen und gehen sie an ihre Arbeit“. —

(Fortsetzung folgt)

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Ein rettender Gedanke

Teil 6 – Meine Mutter musste lange auf ihren Prozess warten. Sie traf viele Mitgefangene und beobachtete viel in ihrer Umgebung. Sie „gewöhnte“ sich an die Untersuchungshaft und traf auf Menschen, die Schlimmeres verhüten wollten. Dennoch wurde lange kein Urteil gesprochen

Erste Vernehmung beim Untersuchungsrichter

Meine Mutter in ihren 30er Jahren – so um 1940

Am anderen Morgen nach dem Frühstück ( zwei Schnitten trocknes Brot und einen Becher Pfefferminztee ohne Zucker) wurde die Tür aufgeschlossen, „Geißler zur Vernehmung“. Die Wachmeisterin nahm mich mit hinüber ins Gerichtsgebäude. Ich wurde dem Untersuchungsrichter vorgeführt. Das Protokoll von der Gestapo lag vor ihm. „Ich werde nicht klug daraus, erzählen Sie uns nochmal den Grund Ihrer Verhaftung“. Ich sagte ihm, „ich bin dermaßen geschlagen worden und konnte mich nicht konzentrieren“. „Sie werden hier nicht geschlagen. Konzentrieren Sie sich und machen Sie ein neues Geständnis. Hier tut Ihnen niemand keiner was“.

Eine bedeutungsvolle Bemerkung

Die Sekretärin tippte eifrig auf der Schreibmaschine und dann, nachdem ich mich überhaupt mehr und mehr beruhigt und gesammelt hatte, machte ich eine bedeutungsvolle Bemerkung: „Herr Richter ich muß Ihnen etwas Wichtiges sagen“. „Ja, sprechen Sie sich in aller Ruhe aus“. „Ich bin mit Gietzolds jahrelang gut befreundet und genoß ihr vollstes Vertrauen und war auch manchmal allein in deren Wohnung , wenn sie beide Luftschutzdienst hatten, dann habe ich wie man so sagt, das Haus gehütet.

Sie hat oft gesagt „Kleine, mach Dir das Radio an, ein wenig Musik gegen die Langeweile“. Ich habe die Auslandsnachrichten allein abgehört, Herr Richter“.

Er hatte sofort begriffen. „Herr Wachtmeister, holen Sie Gietzolds herein“. Sie redeten gleich auf den Untersuchungsrichter ein. „Die Frau kennen wir gar nicht, haben wir noch nie gesehen“. Das war eine schlechte Logik. Das stimmt aber nicht, Frau Geißler war sehr oft allein in Ihrer Wohnung, wenn Sie beide Luftschutzdienst hatten. Sie haben ihr erlaubt, das Radio anzustellen, um ein wenig Musik zu hören, also kennen Sie sich sehr gut und Frau Geißler genoß Ihr vollstes Vertrauen, nicht wahr??“. Er betonte das ganz besonders. Nun hatten die Gietzolds begriffen.

Es gab Menschen, die bereit waren, Unglück zu verhindern

Und dann machte der Untersuchungsrichter zum Wachtmeister eine Handbewegung. Der Richter sagte noch vorher zu Gietzolds: “Sie haben mit dieser ganzen Sache nichts zu tun und sind hiermit sofort entlassen. Sie starrten den Richter und mich fassungslos an und dann weinten sie beide. Der Wachtmeister wischte sich über die Augen, so ganz heimlich, aber ich habe es doch gesehen. Ich durfte mitgehen bis zum Ausgangstor,

Marianne mit ihrem Sohn, meinem Bruder Andreas im Frühjahr vor ihrer Verhaftung. Andreas – vor zwei Jahren gestorben – ist der Sohn eines französischen Fremdarbeiters

Gietzolds versprachen mir, für mein Kind zu sorgen. Ob sie es wirklich getan haben, weiß ich nicht. Ich habe es nie erfahren. Auf jeden Fall wurde die Anklage gegen sie eingestellt. Der heilige Geist hatte mir diesen rettenden Gedanken in der Nacht eingegeben.

Aber ich fand neben meinem „rettenden Gedanken“ auch Menschen, die bereit waren, diesen Gedanken aufzugreifen und damit weiteres Unglück zu verhindern. Sie hatten zwar nicht den Mut, gegen das System aufzutreten, aber sie hatten die Menschlichkeit, Schlimmeres zu verhüten.

Auf dem Gefängnishof

Der Gefängnishof in der Beethovenstraße ist sehr klein. An der linken Mauer sah ich beim „Spaziergang“ immer zwei ältere Damen auf und abgehen. Man sah es, sie waren reih und brauchten nicht mit uns im Kreis zu gehen. Ich habe mal gefragt, wer sie sind. Eine Frau sagte mir, die Ältere hieße Frau Köhler, den anderen Namen wußte sie nicht. Die große Druckerei „Köhler und Amelang“ gehörte ihnen Sie hatten zusätzlich für ihre Freunde und Bekannten Lebensmittelkarten drucken lassen. Das wurde natürlich bestraft. Vielleicht hatten sie auch eine bessere Zelle??

Im Hof konnte man auf die große Figur sehen, die „Justitia“, die auf dem Reichsgericht steht (heute Dimitroffmuseum). Ich machte ein bestimmtes Zeichen und tippte mit dem Zeigefinger an die Stirn. Meine Nachbarin hatte verstanden. Die Wachmeisterin schrie mich an: “Geißler, sehe ich das noch einmal, dann gibt’s Dunkelarrest.“ Vor mir Im Kreise ging eine Polin hocherhobenen stolzen Hauptes. Die sind eben anders als wir. Schon, daß ich diesen kurzen Anblick nicht vergessen habe, zeigt Ihnen, welche große Hilfe das nur kurze Erlebnis von Unbeugsamkeit, Stolz und bewahrter Menschenwürde für mich in dieser schweren Zeit war.

Anmerkung: Das „Dimitroffmuseum in Leipzig war damals das Reichsgericht. Es ist heute Sitz des Bundesverwaltungsgericht

Auch ich denke heute, dass meine Mutter Glück hatte mit Ihrem Untersuchungsrichter. Zu bedenken ist aber, dass viele der Justizangestellten auch schon wussten, dass Deutschlands Niederlage unausweichlich ist.

­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­Ungefähr 20. oder 21. August 1944

Untersuchungsgefängnis Moltkestraße, heute Bernhard-Göring-Str. (Spottname „Elisenburg“) *

Das Datum kann auch später sein, ich weiß nicht mehr. Mir waren auch meine Armbanduhr und  zwei goldene Ringe abgenommen worden. Ich trug immer ein kleines goldenes Kettchen mit einem Kreuzlein dran, beides echtes Gold, es war aber gerade in Reparatur. Doch davon dann auch mal später. Früh, so gegen 9.00 Uhr klirrten wie an jedem Morgen draußen die Schlüssel. „Geißler zum Transport“, rief die Wachmeisterin. Dann nahm sie mich mit hinunter ins Erdgeschoß. Da standen auch wieder 10 oder 12 Frauen. Wir wurden aneinander immer zwei und zwei mit Handschellen um die Handgelenke angeschlossen, damit niemand „ausreißen“ konnte. So gingen wir nun durch die damalige Adolf-Hitler-Straße (heute  Karl-Liebknecht-Str.) zum Gefängnis „Elisenburg“. Die Straßenpassanten wandten sich entsetzt von uns ab. Wir kamen auch hier wieder in einen langen Gang. Wir mußten mit dem Gesicht zur Wand stehen, die Hände anlegen.

  • Es kann sein, dass meine Mutter sich mit dem Gefängnisstandort geirrt hat. Die damalige Moltkestraße ist die heutige Alfred-Kästner-Straße. Die JVA ist inzwischen abgerissen worden. .

Den Häftlingen ist der Hitlergruß verboten

 Da standen überall Inschriften groß und dick aufgetragen „Den Häftlingen ist der Hitlergruß verboten“. Darüber waren wir aber gar nicht beleidigt. Vielleicht die Kriminellen! Für die war ja der Endsieg gewiß. Wenn der errungen war, dann gab der „göttliche Führer“, der ja immer recht hatte, eine Amnestie. „Wir kommen dann alle heraus und Ihr Politischen müßt immer drinnen bleiben“. Das wurde mir öfter gesagt. ( Die Kriminellen waren ja auch die Supergescheiten, die mußten es ja schließlich wissen)

Wir standen auf dem Korridor vor der Effektenkammer (Aufbewahrungsraum für die private Kleidung der Häftlinge). Unsere Sachen wurden in Hängebeutel gesteckt und aufgehängt. Wir bekamen die Gefängniskleidung ausgehändigt. Die Holzpantinen paßten so einigermaßen. Zelleneinweisung. Zuerst kam ich in eine Massenzelle. Ungefähr 12 Häftlinge waren drinnen und sage und schreibe, ein richtiges WC mit einer Tür davor. Oh—Die Häftlinge, die mit mir von der „Beethovendiele“ gekommen waren, kamen in andere Zellen.

Und nun ein wenig über einige der neuen Zellengenossen. In der Ecke saß eine Bibelforscherin. Sie trennte Säcke auf. Die Zellenälteste, deren Namen ich nicht mehr weiß, hatte die Verantwortung für Scheren und Messer usw. , wegen Selbstmordverhinderung. Diese Bibelforscherin, die ich eben erwähnte, war auch 1 1/2 Jahre schon in Haft. Ich quatsche sie an und frage sie „warum sitzen Sie denn eigentlich?“ „Aber nein, war ihre empörte Antwort, wollen Sie sich nicht gefälligst kultivierter ausdrücken. Sie befinden sich hier in einem vornehmen Hause „Hotel ohne Klinke“.

„Gut“, sagte ich, „Sie haben es erfaßt“. Dann war noch eine andere Frau in dieser großen Zelle. Das war ein besonderer Fall. Mit der war es auch besonders schlimm. Eine Frau Nötzig. War auf Anfang 60 wie die Bibelforscherin. Aber die war auch kriminell eingesperrt. Sie war beim Paketamt an der Hauptpost beschäftigt und hatte große Mengen Feldpostpäckchen „gemaust“ und in ihrer Wohnung aufbewahrt. Das haben mir andere Häftlinge erzählt. Wo die das immer so her wußten. Von Frau Nötzig habe ich nichts erfahren und die Kriminellen sind doch alle „so ehrlich“. Ich habe sie, das war dann schon Mitte September bei Fliegeralarm einmal wiedergesehen, wir waren durch den Zellenwechsel auseinandergekommen.

Gefangenengeschichte: Eine Berufung führt zum Todesurteil

Sie hatte die Gerichtsverhandlung hinter sich und hatte 3 Jahre Zuchthaus bekommen. Das Urteil nahm sie aber nicht an und legte Berufung ein. Sie erzählte mir das alles. Ich hatte ein großes Loch im Strumpf und sie lieh mir ihre Stopfnadel und Garn. Beim nächsten Fliegeralarm suchte ich sie und wollte ihr, das war unten im Maschinensaal im Erdgeschoß das Geliehene zurückgeben. Da war sie schon nicht mehr da. Ich fragte die Wachmeisterin nach Frau Nötzig. „Bei der Gaunerin geht der Kopf ab“, war ihre kurze Antwort. Frau Nötzig war schon im 1. Stock in der Todeszelle und da hing auch an der Zellentür das schmale weiße Handtuch. Denken Sie nur, Herr Pfarrer, durch ihren Einspruch war noch mehr herausgekommen—-Todesurteil— und die Stopfnadel habe ich heute noch.

(Fortsetzung folgt)

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Stationen in deutschen Gefängnissen

Teil 5 – So begann eine Reise durch sehr viele verschiedene Untersuchungsgefängnisse und Zuchthäuser, die meine Mutter mit sehr drastischen Details schildert. Ihre allergrößte Sorge bleibt die um die Familie, in deren Haus sie die Radiosendungen abgehört hat. Sie selbst besaß keinen Empfänger.

1. Station: Polizeigefängnis Wächterstraße

Das Gebäude Wächterstraße – Foto Wikimedia

Im Polizeigefängnis Wächterstraße war ich drei Tage zusammen mit drei Frauen. Ich habe von den Dreien nur einen Namen noch im Gedächtnis. Eine Charlotte Beckstein, die ich auch nie vergessen kann. Sie stammte sogar hier aus Liebertwolkwitz, 20 Jahre alt, war mit ihrem Freund im Kino gewesen und hatte ganz laut der Bemerkung gemacht: „Wenn Krieg vorbei, Nazis alle— hier!“ und dabei machte sie eine bedeutungsvolle Handbewegung quer über den Hals hin. Ihr Freund hatte sie aber nicht angezeigt. Wer es war, wusste sie nicht. Dann war da noch eine Bibelforscherin mit in der Zelle, nicht mit allzu großen Geistesgaben gesegnet, Anfang 60. Von ihr muss ich Ihnen auch erzählen, Herr Pfarrer und Ihnen zum besseren Verständnis: Ich war freitags eingeliefert worden, hatte drei Tage kein Mittagessen gehabt, denn es war Sonntag geworden.

Mittags an dem bewussten Sonntag schloss die Wachtmeisterin die Zellentür auf. Die Bibelforscherin durfte hinuntergehen in die Besuchszelle. Sie hatte Besuch bekommen und ihre Bibelschwestern hatten ihr einen Topf mitgebracht und einer herrlichen Soße und einem Becher mit Apfelmus hatte sie auch noch in der Hand und einen Löffel. Es ist doppelt schwer zu ertragen, wenn man das dann sieht und solch schrecklichen Hunger hat. Und sie aß mit großem Appetit, sie hatte auch Hunger und dann war der Topf bald leer. So kann die Nächstenliebe vergessen werden, wenn die primitivsten menschlichen Bedürfnisse nicht gestillt werden. Neben mir saß als die Vierte eine „Asoziale“, ungefähr Mitte 30 war sie, war eingesperrt, wie sie uns erzählte wegen völliger Verwahrlosung. Sie schämte sich gar nicht, uns das groß und breit immer wieder aufzutischen. Charlotte Beckstein flüsterte mit zu: „Die hat wohl nicht alle Tassen im Schrank, zu ihr habe sie gesagt, im 3.Reich werden genug Huren gebraucht und ich sagte zu Charlotte, dann soll sie aber erstmal saubere Wäsche anziehn“.

So verging nun der Sonntag, es war der 26. Juli 1944. Ich war so unglücklich und dazu noch die Sorge um die G‘s, die durch mich in diese Misere hineingekommen waren. Dann habe ich gegrübelt und simuliert, wie sie aus dieser Affaire nur wieder herauskommen könnten. Und tatsächlich, es fiel mir ein rettender Gedanke ein. Doch davon später. So kam dann Montag der 27. Juli 1944.

2. Station: Untersuchungsgefängnis Beethovenstraße (Spottname „Beethovendiele“)

Nun gleich zu Anfang möchte ich Ihnen dann noch berichten, Herr Pfarrer, Charlotte Beckstein und die Bibelforscherin durften hinunter gehen in die Abgangszelle, sie wurden entlassen. Was aus der Prostituierten geworden ist, weiß ich nicht. Als Häftling erfährt man ja nichts.

Ungefähr eine Stunde später klirrten wiederum die Schlüssel. Die Wachtmeisterin nahm mich mit hinunter ins Erdgeschoß, unsere Zelle war im 3.Stock, Nr. 92, komisch, die Nummer weiß ich heute noch. Unten im Gang standen noch mehr Häftlinge ungefähr konnten es 30 Personen sein, 4 Paare vor mir standen Herr und Frau G., sie schaute mich an, den Blick kann ich auch nie vergessen. Er verfolgt mich manchmal noch, wenn ich an dieses zurückdenke. als wollte sie mir sagen „was hast Du bloß gemacht“.

Nun muß ich Ihnen, lieber Herr Pfarrer, wieder einmal vorher etwas erklären. Von der Wächterstraße bis zum Gefängnis Beethovenstraße führt ein unterirdischer Gang. Durch diesen Gang wurden wir dann hinübergebracht in das Gefängnis Beethovenstraße. Das war ein düsteres Gebäude, verwahrlost, dreckig und starrend vor Ungeziefer. Es war alles da, was kribbelt und krabbelt. Läuse, Wanzen Flöhe usw. So begann nun für mich der Montagvormittag. Es konnte ungefähr so gegen 11.00 Uhr sein und ich hatte noch kein warmes Mittagessen. Ich habe in der Reihe auf dem Hinübergang meine Nachbarin gefragt (eine kriminelle) „hast Du schon ein warmes Essen im Polizeigefängnis bekommen“? Ja, wir hatten noch etwas bekommen, aber wir hatten 15 Zugänge, da hat es nicht mehr gereicht“, war ihre Antwort. Die Wachtmeisterin kam „Ruhe hier, hier wird nicht geflüstert“. Meine Nachbarin machte nämlich den Posten der Kalfaktorin, das sagte sie mir und musste es ja wissen. (Kalfaktor – Gefängnisausdruck für Essenausträger)

Sorge um inhaftierte Mitwisser – ein Gewissenskonflikt

In der „Beethovendiele“ wurden wir wieder in einen langen Gang geführt, er war ziemlich breit. Dort mussten wir an der Wand stehen. Frau Gietzold und ihr Mann stellten sich gleich neben mich und sie flüsterte mir zu „nichts eingestehen, wir kennen uns gar nicht, hörst Du?“ „Ja“, sagte ich, doch es kam anders. Da kam die Hauptwachmeisterin auf uns zu, sie hatte unsere Gesten beobachtet. „Ihr seid wohl Komplizen“? Sie sperrte mich in eine Zelle. Es war noch eine Frau drin, ungefähr 30 Jahre alt. Die kam gleich auf mich zu. Sie trug einen grauen Kittel, viel zu lang für sie, sie war so klein so wie ich und sprach Berliner Dialekt, sie war aus dem Gefängnis Moabit gekommen. Die tat mir leid, denn als ich näher hinsah, oh Schreck!! Sie hatte die Krätze. Zwischen den Fingern, auf den Beinen und am Halse. Daher die Einzelhaft. Sie wollte nun alles über die Lage wissen. Ich erzählte ihr, was ich so wusste. Dann wurde die Tür aufgeschlossen. Die Wachmeisterin kam, es wurde mir so übel, als ich auf dem Gang stand, der leere Magen und der Ekel vor ihrer Hautkrankheit ( ich meine die Frau in der Zelle), die Wachmeisterin nahm mich mit hinauf in den 2. Stock. In der Zelle gab es ein warmes Essen — Endlich!! Es war Mittagszeit. Die Kalfaktorin füllte mir den Napf bis an den Rand, ich tat ihr leid wegen meines Aussehens. Das weiß ich auch noch, was im Napf war: Dörrgemüse mit grünen Bohnen und viele Maden schwammen darinnen herum. Ach hat mir das gutgeschmeckt. Hunger ist der beste Koch, nicht wahr Herr Pfarrer?—

Ich war mit noch drei Frauen zusammen. Alle kriminell. Wer die alle waren, weiß ich nicht mehr. Es interessierte mich auch nicht. Ich war so unglücklich über all das, was über mich gekommen war. Und ich dachte immer wieder an G‘s. Wer hatte mir das nur angetan? In der Wächterstraße und auch in diesem Gefängnis war Wasserspülung, allerdings wie überall in der Zelle. Die Klosettbecken waren einmontiert, die Spülung war aber draußen auf dem Gang  und so mußten wir immer geduldig warten, bis es der Kalfaktorin oder der Wachtmeisterin endlich einfiel, abzuspülen.—Kommentar überflüssig-

Eine „Politische“ – ein armes Schwein

Schon in der Untersuchungshaft bekamen wir Arbeit. Wir mußten für eine Samenhandlung in Halle durch kleine Preisschildchen rotes Garn durchziehen. Wahrscheinlich wurden sie an die Tüten mit dem Samengut angehängt (das nur so nebenbei). Die Mitgefangenen fragten mich nach der Zeit, sie sahen meine Armbanduhr, nach dem Datum allerdings man verliert tatsächlich auf dem Gebiet jede Orientierung. Das sollte ich auch bald merken. „Wie ist die Lage und warum biste hier, was haste ausgefressen“: So hörte ich es von allen Seiten. Ich erzählte wieder mal, was ich so wusste über den Grund meiner Haft. „Ach Du armes Schwein“ , sagte eine, eine Politische, die Andre sagte „das sagen die alle, wer gesteht schon gerne ein, dass er gemaust hat“. Wir sind wenigstens ehrlich.

Ich war doch so unglücklich und überhörte vieles. (Es war so schätzungsweise der 8. oder 9. August). Das entsetzliche Ungeziefer schikanierte uns auch Tag und Nacht. Die Wanzen krochen an den Wänden entlang, über unsere Arme in unseren Kleidern saßen sie, ich musste mich auch viel am Kopf kratzen, auch noch Läuse. Das hatte mir gerade noch gefehlt. Einmal gab es Linsen, darin schwamm eine Scheibe Pferdeblutwurst. Hat auch geschmeckt. „Hunger tut weh“. Jawohl Herr Pfarrer und eine Frau sagte zu mir, verwechsle nicht die Linsen mit den Wanzen, sie sind auch manchmal durch den Dampf und die Wärme in den Fressnapf hineingefallen, darum die Bemerkung, das hatte schon seinen Grund. über allem Kummer kam auch noch die Schlaflosigkeit. In der Nacht fraßen uns die Wanzen auf, da kann man nicht schlafen und durch die Haare krochen die Läuse. Überall kratzen und nochmal kratzen. Die Pritschen waren sooo hart!!

Ich konnte nicht schlafen und dachte an G’s. „Komm Heiliger Geist, hilf Du mir Tröster in der Verlassenheit, tröste den der Tränen weint“, so inbrünstig habe ich noch nie gebetet. Wie oft hatte Pfarrer Gunkel mir die Pfingstsequenz zur Buße und zum Beten aufgegeben und empfohlen. „Heiliger Geist, Du musst mir helfen, Du bist der Geist des Rates und der Stärke. Gib mir einen guten Rat.

Anmerkung: Mir ist aufgefallen, dass es den Begriff „Beethovendiele“ für Untersuchungshaftanstalt bis in die DDR-Zeit gab. Aber da taucht der Name nur im Zusammenhang mit Stasi-Gefängnissen auf.

(Fortsetzung folgt demnächst)

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Widerstand und Liebe

(4. Teil meiner biographischen Erkundungen – meine Mutter gerät in die Fänge der GESTAPO) )

Meine Mutter war immer eine entschiedene Gegnerin der Nazis. Sie erklärte – nach dem Kriege – dass doch jeder hätte sehen müssen, dass dieser Hitler ein Verbrecher war. Diese Entschiedenheit hat mich in ihrer Eindeutigkeit beeindruckt. Aber ich frage mich – jetzt so aus der Vergangenheit – ob dahinter nicht auch der Groll auf diesen prominenten „illegitimen“ Vater steckte. Aber, über ihn sprach sie nie ein böses Wort. Es muss eine instinktive Abwehr gewesen sein. Ihre Erinnerungen an jene Zeit legen das nahe.  Es kann auch zu tun haben mit der Mitgliedschaft in der Kirchengemeinde, St. Liebfrauen in Leipzig Lindenau.

Pfarrer Theo Gunkel 1898 – 1972

Es gehört zu den dialektischen Faszinosa des Internets, dass dieses so moderne zukunftsweisende Medium Schätze aus der immer tieferen Vergangenheit zugänglich macht. Bei den Recherchen über meine kleine Familie wurde mir das wieder besonders deutlich.

Der Pfarrer der Liebfrauen-Gemeinde, Theo Gunkel, seiner Gemeinde im Arbeiterbezirk tief verbunden und von großer Güte und Einfachheit, war ein entschiedener Gegner des Naziregimes. Auf ihn bezog sich meine Mutter oft, wenn sie ihre Gegnerschaft zum Naziregime erklärte. Sie erinnerte an die Gespräche über die sehr bekannte Enzyklika von Papst Pius XI., Mit brennender Sorge, die dezidierte Worte der Ablehnung gegenüber dem Naziregime mit seinen „neuen Göttern“ formulierte. Pius XI. war Vorgänger von Papst Pius’XII, der damals katholischer Nuntius in Deutschland war.

Pfarrer Gunkel und seine Mitbrüder des Oratoriums Philip Neri positionierten sich sehr klar gegen das Naziregime und als die Judenverfolgungen begannen, halfen sie auch Bedrängten, wie ich jetzt erst jetzt viel deutlicher durch Internet-Recherchen erfuhr.

Bernd Lutz Lange über Theo Gunkel

Eine Gedenktafel in Lindenau erinnert daran

Meine Mutter hatte auch in ihrem beruflichen Umfeld – der ATG – ziemlich deutlich die Nazis verdammt und zwar so, dass sie einmal ein Verfahren wegen Führerbeleidigung am Hals hatte und später auch – aber aus anderen Gründen – unter Gestapoaufsicht geriet. Ihre Kollegen warfen ihr Leichtsinn und Mangel an Vorsicht vor, warnten, dass man sie irgendwann nochmal „abholen“ werde. Aber – so erzählte sie uns – sie habe einfach den Mund nicht halten können.

Französische Zwangsarbeiter.

Die ATG – Zulieferer der Rüstungsindustrie, zum Flickkonzern gehörend – hatte in den Jahren ab 1942 starke Zugänge an Fremdarbeitern, aus Frankreich. Meine Mutter, die recht gut französisch sprach, wurde zu ihrer Betreuung eingesetzt. Man muss wissen, dass es auch solche Fremdarbeiter gab, die sich freiwillig hatten rekrutieren lassen. Sie wohnten zwar in Gemeinschaftsunterkünften, auch für sie galten strenge Regeln und Ausgangsverbote, aber sie wurden weniger scharf überwacht.

Ein Fremdarbeiter namens Marcel Emphraix aus Montlucon in Frankreich und meine Mutter verliebten sich ineinander. Meine Mutter hat nie genau erzählt, ob er freiwillig nach Deutschland gekommen war. Seine Kameraden – ob freiwillig oder zwangsverpflichtet – waren alle stark interessiert am weiteren Kriegsverlauf.  1944 wurde ein Kind geboren – mein Bruder Andreas – und meine Mutter kam noch 1944 Haft.

Bericht für einen Pfarrer

Was weiter geschah und wie sich alles zum Tragischen entwickelte hat meine Mutter viele Jahre später in einem langen Brief an einen katholischen Pfarrer, der ihr geraten hatte, ihre Erinnerungen aufzuschreiben, berichtet

Der Bericht ist recht lang. Ich stelle ihn hier – unwesentlich gekürzt so nach und nach vor. Der Bericht ist so wie meine Mutter war: Immer ohne Pathos immer aufs Alltägliche konzentriert und jenseits allen Trachtens nach Heldentum. Meine Mutter ist nicht nur katholisch erzogen, sie war auch immer sehr der Kirche verbunden und religiös. Und ihre Verbindungen zur Liebfrauengemeinde in Lindenau waren von Fürsorge bestimmt. Ein uneheliches Kind von einem Fremdarbeiter hinderte den Pfarrer Theo Gunkel, den ich selbst noch kennenlernte und mit dem ich Jahre später lange Gespräche führte, wenn ich ihn in Leipzig-Lindenau besuchte, nicht, sich besonders um meine Mutter zu kümmern. Sie vermittelte z. B. einem französischen Priester, der als Fremdarbeiter in Leipzig war, die Möglichkeit, eine Heilige Messe zu lesen. Sie engagierte sich in der Gemeinde und war dort mit ihrer Nazigegnerschaft in einer gutem Umgebung.

Sehr geehrter Herr Pfarrer R.

Sie hatten die Freundlichkeit, mir das „Gefängnistagebuch“ von Luise Rinser auszuleihen.

Ich habe es mit besonderer Aufmerksamkeit gelesen und danke recht herzlich dafür. Sie können es mir sicher nachfühlen, daß es mich als ehemaligen Häftling des Naziregimes, die ich doch den gleichen Weg wie die Verfasserin gegangen bin, außerordentlich bewegt und erschüttert hat.

So werde auch ich nun versuchen, Ihnen in einem Bericht das wiederzugeben, was ich in meiner Haft erlebt, erlitten und ertragen habe.

Wie es zu meiner Inhaftierung kam

Ich arbeitete damals in einem großen Rüstungsbetrieb als Kontoristin und Stenotypistin. Auch in unserem Werk, gleich vielen anderen, waren ausländische Arbeiter beschäftigt. Hauptsächlich Franzosen und Belgier. Da ich ihre Sprache so ziemlich gut sprechen kann, wurde ich alsdann für ihre Angelegenheiten als Dolmetscherin herangezogen. Doch dabei blieb es nicht. Weil die Leute unsere Zeitungen und auch Radionachrichten nicht lesen und verstehen konnte, so habe ich ihnen vieles übermittelt, was sie besonders interessierte: die Lage an den Fronten usw.

Ich hatte Bekannte, die hatten einen großen Radioapparat. Wir haben sehr viele Auslandssendungen miteinander abgehört. Und, das was ich dann gemacht habe, war nicht richtig von mir, lieber Herr Pfarrer. Die Leute, Herr und Frau G., kamen durch mich in eine große Bedrängnis. Sie waren nur 10 Tage in Haft. Doch wie es zu meiner Inhaftierung kam, will ich Ihnen zuerst erzählen und muss Ihnen dann noch über Herrn und Frau G.  im Besonderen erzählen und berichten. Das hat nämlich einen bestimmten Grund.

Doch nun zuerst zu meiner Festnahme

Die Nachrichten des Londoner Rundfunks habe ich auf kleine Zettelchen mit der Maschine ins Französische übertragen, auf einer Ormigmaschine abgezogen und dann den Leuten, wenn ich in den Betrieb hinunterging, in die Taschen hineingesteckt. Ich forderte sie auf, das Tempo zu verlangsamen, nicht so schnell zu arbeiten, der Krieg sei sowieso verloren, und die verhassten Nazis würden millionenfach gehängt werden. So und ähnlich waren unsere Parolen „a-bas Hitler“, das war unsere Devise, wenn ich mich mit den Ausländern (traf) und sie sich mit mir unterhielten. So was konnte ja nicht lange gutgehen. Ich bin manchmal sehr impulsiv und ich war auch in unserer Abteilung in politischer Hinsicht ein Draufgänger und dafür allgemein bekannt. „Dich holen sie noch mal“, warnten mich meine Kolleginnen immer wieder. „Mit Euch kann man auch kein Pferd mausen gehen“, w[ar oft meine lakonische Antwort. Von Natur bin ich ein Träumer, doch dieses verhasste Regime regte einen immer wieder von Neuem auf.

Es kam der 23. Juni 1944

Ich wurde früh, als ich in unsere Abteilung kam, gegen 9.00 Uhr von der Gestapo abgeholt. Es waren zwei Beamte, die mich mit dem Auto in die Auenstraße brachten. Das ging alles sehr ruhig und ohne viel Aufhebens vonstatten. In der genannten Straße waren damals das Gebäude und die Büros der Gestapo untergebracht.

Sie wissen ja, Herr Pfarrer, dass ich als unverheiratete Mutter zwei Kinder habe. Andreas ist 1944 geboren, Magdalene ist 1946, nach dem Krieg geboren. Das muss ich nochmal erwähnen, im Verhör spielte das alles eine große Rolle.

Ich wurde sofort in das Dienstzimmer eines Gestapobeamten buchstäblich hineingeschoben. Das Aussehen dieses Mannes und mag es nun 30 Jahre her sein, kann ich Ihnen, lieber Herr Pfarrer, heute noch ganz genau beschreiben. Aber das ist ja nun nicht so wichtig.

„Nun setz Dich mal hin, Du kleines gefährliches Biest, da geht aber der Kopf runter und Deine unschuldige Fresse wirst Du nie wieder aufmachen können“. So begann er mit dem Verhör. Er schlug unbarmherzig auf mich ein. Die Brille fiel auf die Erde und ich konnte mich auf seine Fragen gar nicht richtig konzentrieren.

„Du hast ja selbst kein Radio und nun sag uns, wo Du die Sendungen gehört hat, gib uns die Adresse an, wo die Leute wohnen“! Ich habe mich hartnäckig geweigert, eine Auskunft zu geben. Er hat mich nicht mehr geschlagen, aber dann stellte er eine furchtbare Bedingung. „Ich gebe Dir eine halbe Stunde Zeit zum überlegen, nennst Du uns nicht die Adresse, dann muss Dein Kind dran glauben. Ein Ferngespräch an unsere Dienststelle in Lörrach und Dein Junge wird das zweite halbe Lebensjahr nicht mehr beginnen. Da machen wir kurzen Prozess und sein Lebenslichtlein wird ausgepustet!“ Mein Junge – das Kind von Marcel Emphraix, einem Fremdarbeiter, war in dem Ort in einer Pflegestelle untergebracht, bei einer Frau Weber. Unsere Gemeindeschwester in der Liebfrauengemeinde hatte mir diese Stelle besorgt.

So war er dorthin gekommen. Auf der vorhergehenden Seite hatte ích ja schon meinen kleinen Jungen erwähnt—. Ich bekam fast einen Schock, diese Eröffnung lähmte alle meine Sinne.

Er hatte mich bei meiner schwächsten Stelle gepackt. Und die Leute, Herr und Frau G. kamen nun durch mein Verschulden ebenfalls in diese furchtbare Bedrängnis, wie ich es Ihnen, Herr Pfarrer, ja schon angedeutet hatte. Ich hatte nun die Adresse angegeben und auch sie wurden gleich verhaftet. Auch das hatte ich Ihnen zum Verständnis erwähnt, dass die beiden Gottseidank nur acht oder zehn Tage in Haft waren. – Doch will ich nun weitererzählen.

Fortsetzung folgt demnächst.

Hier sind die bisherigen Teile der Familiengeschichte

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Marianne zwischen Simpelveld und Köln

(3. Teil meiner biographischen Erkundungen. Marianne – meine Mutter- war in Dessau, um ihren Vater um Hilfe zu bitten. Hinter ihr lagen bittere Jahre. )

Simpelveld

Ob es zwischen Helene und dem Vater ihrer Tochter Marianne noch Kontakte gab, darüber ist nichts bekannt. Helene-Laura, die sich später Sonja nennt, verließ Stettin und auch der preußische Leutnant ist in Richtung Berlin weiter gezogen.

Meine Mutter erinnerte sich zwar, dass sie als kleines Kind einmal in Berlin war, aber ob dieser Aufenthalt etwas mit ihrem Vater zu tun hatte, ist sehr zweifelhaft.

Laura, Sonja, Helene Geisler wollte bekannter werden, neue Engagements finden. Darum zog sie mit dem Kinde durch viele Städte Deutschlands. Marianne wurde manchmal sich selbst überlassen, manchmal überschwänglichen Liebesbezeugungen ausgesetzt. Bald aber wurde sie lästig, weil sie die Pläne der Mutter störte. Die verwendete alle Kraft auf ihre Karriere, auf ihr eigenes Leben. Als das Kind zur Schule musste und es die Mutter nicht mehr zu den Orten ihrer Engagements begleiten konnte, wurde es in das katholisches Mädchenpensionat gegeben – nach Simpelveld in den Niederlanden, nicht weit von Aachen.

Blick auf das Kloster der Schwestern vom Armen Kinde Jesu. Foto aus den Jahren um 1900

Bei den Schwestern vom armen Kinde Jesu verbrachte das Mädchen Kindheit und Jugend bis zum 17.Lebensjahr. Dort konvertierte Mariannezum Katholizismus. Sie hat ein kleines Dokument hinterlassen, auf dem diese Konversion in französischer Sprache bescheinigt ist. Warum in Französisch weiß ich nicht. Sie erwähnte einmal, das sie im Verlauf des ersten Weltkrieges wohl eine Weile auch in Belgien war. Ich sehe es mir hin und wieder an. Am 18. November 1915, im Alter von elf Jahren, wurde aus dem in der Stettiner Lutherkirche evangelisch getauften Mädchen ein katholisches. Ihr biologischer Vater ist zu dieser Zeit in Frankreich im Krieg, er führt einen Scheinwerferzug  – beleuchtet das Schlachtfeld.  Die Mutter besucht sie wohl zu Beginn hin und wieder, aber bald lässt sie nichts mehr von sich hören. Sie habe das für die Erziehung der Tochter bestimmte Geld, das der Vater gezahlt haben soll, wohl lieber für sich selbst verwendet, berichtet die Familienkolportage.

Die Folgen für Marianne sind eine wenig unterdrückte Geringschätzung durch die erziehenden Nonnen und ständige Ermahnungen zu besonderer Demut. Marianne lernt ordentlich, in den Fächern, in denen auch ihr Vater gut war. Sprachen lernt sie schnell, besonders eifrig ist sie in Französisch, auch im Aufsatz bekommt sie gute Noten. Vom Gesangstalent der Mutter hat sie ebenfalls ein wenig geerbt und singt im Kirchenchor kleine Solopartien. Mit 17 Jahren wird sie aus dem Pensionat entlassen. Sie geht allein und zu Fuß  – in einem Handwagen sind ihre Sachen – nach Aachen, um von dort weiter nach Köln zu reisen. Sie will sich mit der Mutter treffen.

Begegnung in Köln

Helene oder Laura oder Sonja Geisler war in den zwanziger Jahren längere Zeit in Köln im Engagement. Als die Tochter sie aufsuchte und vorschlug, gemeinsam zu wohnen, muss sie das sehr erschrocken haben. Es erschien ihr absolut indiskutabel, in Verbindung mit einer Tochter gebracht zu werden, aus deren Alter man auf das ihre schließen konnte. Sie war fest davon überzeugt, dass es in Köln, der Stadt „wo mich doch jeder kennt“ einen Skandal geben würde, wenn bekannt würde, dass sie Mutter eines Kindes und auch noch in diesem Alter ist. Sehr wahrscheinlich ist auch, dass sie einen Geliebten hatte. Auch da hätte die Tochter gestört. Und dieses Kind hatte ziemlich konventionelle Vorstellungen über die Führung eines Haushaltes und über Ordnung im Leben. Die klösterliche Erziehung hatte Spuren hinterlassen.

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Köln am Beginn des 20. Jahrhunderts

Sie kamen also nicht zusammen, die Mutter und ihre Tochter. Sie trennten sich in tiefem Groll. Meine Mutter sprach von der ihren nur noch im Ton höchster Verachtung. Die Tochter musste für sich selbst sorgen.

 Ein Dienstmädchenleben

„Zu Beginn des 20. Jahrhunderts bestand eine große Nachfrage nach Dienstmädchen, doch ihre Lebensumstände waren schlecht. Oft unterdrückt von herrischen Hausfrauen mussten sie auch in der ständigen Angst vor sexuellen Übergriffen der Hausherren oder Haussöhne leben. Das Ziel des Mädchenschutzes, die Frauen vor der Prostitution oder dem Status des „gefallenen Mädchens“ zu retten, wurde so nicht immer erreicht. Auch der Versuch des katholischen Mädchenschutzes, christliche Werte wie Tugendhaftigkeit und Reinheit zu vermitteln, verblassen vor diesem Hintergrund. Die Zielsetzung des Mädchenschutzes lag dennoch vor allem in der Vorbereitung der jungen Frauen auf ein späteres Leben als Hausfrau und Mutter“.(Aus einer Hausarbeit der Universität Köln)

Nach der wenig harmonischen Begegnung mit der Mutter suchte sich Marianne eine Stellung als Dienstmädchen. Sie arbeitete im Rheinland und Niedersachsen genau zehn Jahre lang in verschiedenen Anstellungen. Fast jedes Jahr wechselte sie die Herrschaft. Davon hat sie oft erzählt und alles, was sie berichtete, war von Bitterkeit durchtränkt. Gleich bei der ersten Stellung in Köln erlebte sie, dass die rheinländische Gemütlichkeit auch ihre brutalen Seiten hat. Vom Hausherrn einer Familie, bei der sie angestellt war, wurde sie vergewaltigt und es kam zu einem Prozess, der für das junge Mädchen voller Peinlichkeiten und Anschuldigungen war. Die Autoritäten der zuständigen Ämter hätten erwogen, sie ins „Kloster zum Guten Hirten“ zu bringen. Diese Einrichtung kümmerte sich damals um junge Mädchen, die in Gefahr schwebten, der Prostitution zu verfallen. In einer anderen Familie borgte sich die Dienstherrin Geld von ihr, das aber niemals zurückgezahlt wurde.

Versicherungskarten

Einige Nachweise ihrer Beschäftigung in der „Rheinprovinz“ waren noch in ihrem Nachlass zu finden. Ich erinnere mich, dass sie hin und wieder über ihre Anstellung auf der Burg Hemmersbach in Horrem sprach. Dies war der Landsitz der Grafen von Trips, deren Sohn der später sehr bekannte der Rennfahrer Graf Berghe von Trips ist. Dort sei es ihr recht gut gegangen, erzählte sie, Es gab Regeln und Formen und ausgehandelten Lohn. Außerdem waren dort eine größere Zahl von Dienstboten, so dass sie nicht allein einer kleinbürgerlichen „Gnädigen Frau“ ausgesetzt war, welche die eigene Unbedeutendheit am Dienstmädchen abreagiert. Zwei der acht Versicherungskarten, die meine Mutter aufbewahrt hat, sind in Horrem Bezirk Köln ausgestellt. Weitere Versicherungsnachweise gibt es von ihr über eine Stellung in Köln , dann in Horn in Lippe und in Hannover.

Über diese Zeit zwischen 1923 und 1933 erzählte meine Mutter immer mit großer Bitterkeit. Sie konnte sich in die für sie ausersehene dienende Rolle nicht hineinfinden, ein innerer Stolz hinderten sie daran. Zudem war sie recht gut ausgebildet und fühlte sich oftmals – so hat sie es berichtet – ihren Dienstherren überlegen. Was auch immer sie mir berichtete, es handelte davon, wie traumatisch für sie diese Jahre waren. Sie haben sie mehr geprägt als die sehr demütigende Behandlung in Simpelveld. Von den Leiden und Erniedrigungen, die noch folgen sollten, ganz zu schweigen.

Versicherungskarte aus Horrem aus der Dienstzeit bei den Grafen von Trips

So sind immerhin zwei der acht Versicherungskarten, die meine Mutter aufbewahrt hat, in Horrem Bezirk Köln für die Jahre 1927 und 1928 ausgestellt. Weitere Versicherungsnachweise gibt es über Stellungen in Köln, in Horn in Lippe und in Hannover. Aber, wo auch immer sie in Stellung war, sie konnte sich in die dienende Rolle nicht hineinfinden, ein innerer Stolz hinderte sie daran. Sie war ja recht gut ausgebildet und fühlte sich oftmals ihren Dienstherren überlegen. Was sie uns erzählte über diese Zeit handelte davon, wie sehr sie sich in diesen Jahren unterdrückt, aufgeliefert und fehl am Platz gefühlt hatte. Ich denke heute, dass diese Zeit sie mehr gekränkt hat als die sehr demütigende Behandlung im niederländischen Simpelveld. Von den Leiden und Erniedrigungen, die noch folgen sollten, ganz zu schweigen.

In den fünfziger Jahren sahen wir uns einmal einen ungarischen Film mit dem Allerweltskriminal-Titel „Schuldig?“. Es handelte sich dabei um eine Verfilmung des Romans „Anna Edes“ von Dezsö Kosztolányi. Darin werden die psychischen Misshandlungen und seelischen Demütigungen eines Dienstmädchens im Budapest der 20er Jahre beschrieben. Es ermordet daraufhin das brutale Paar. Meine Mutter kam damals weinend aus dem Kino, denn der Film hatte sie tief in der eigenen Empfindung getroffen. Die Erlebnisse als Dienstmädchen müssen es gewesen sein, die sie bewogen haben, ihren leiblichen Vater um Hilfe zu bitten. Sie muss erfahren haben, dass er Einfluss hatte, dass er ihr helfen konnte. Sympathie gab es wohl kaum.

Eine Arbeitsstelle in Leipzig

Er vermittelte Marianne eine Stelle im Büro in einem Betrieb in Leipzig. Allgemeine Transportanlagen (ATG)  war ein Betrieb der aufstrebenden Luftrüstung. Dort etablierte sie sich, bezog in Zimmer in Untermiete und lebte – wie sie sich gern erinnerte – ein ruhiges und gleichmäßiges Leben. Sie war beliebt bei ihren Kollegen. Und sie fühlte sich endlich befreit und geschätzt.

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Mein illegitimer Großvater – vom preußischen Leutnant zum Nazifunktionär

(2. Teil meiner biographischen Erkundungen)

Die Großmutter war ein Miststück, ein künstlerisch begabtes Miststück. Ich nehme an, dass das den noch sehr jungen Fahnenjunker Wilhelm Friedrich enorm fasziniert hat.

Wilhelm Friedrich L. aber war ebenfalls ein Miststück,  ein politisches Miststück, denn noch mehr als Laura Helene hat ihn –  später – ein Mann namens Adolf Hitler fasziniert. All das führte dazu, dass er später in Dessau, seiner Heimatstadt, den Bau eines reichlich protzigen Theaters initiiert hat. Vorher hat er sich noch an der Vertreibung der Bauhaus-Künstler aus Dessau beteiligt mit bösartigen antisemitischen Argumenten. Als das Theater eingeweiht wurde, war er schon tot, denn er ist bereits im Jahr 1935 gestorben, Sein aufopferungsvoller Kampf für Hitlers Machtergreifung hat dazu geführt, dass der Führer an seinem Grab die Trauerrede hielt.  Seine Funktion nannte sich Reichsstatthalter von Dessau Anhalt und Braunschweig. Sein Lebensweg wäre ein Gang durch die Dramen und Tragödien der deutschen Geschichte. Das soll hier nicht so ausführlich erzählt werden weil es die familiäre Linie, der ich ja folgen will, einfach zu sehr ausdehnt. Aber ich kann auf einige zusätzliche Texte von mir dazu verlinken .

Wer war Wilhelm Friedrich Loeper

Sein einziger Berufswunsch war, Offizier zu werden. So trat er 1903 als Fahnenjunker in das Pionierbataillon Spandau ein. Dann besuchte er die Kriegsschule in Neiße und wurde 1904 zum Leutnant befördert. Danach war neben Allenstein und Graudenz auch Stettin sein Standort, wo er Laura Helene begegnete.

Geboren wurde Wilhelm Friedrich Loeper 1883 als Sohn eines Apothekers in Schwerin, er wuchs aber in Rosslau an der Elbe auf, weil sein Vater die dortige Apotheke übernommen hatte. Er soll ein stilles Kind gewesen sein, das gern mit Soldaten spielte.

Ich frage mich. Wo könnten sich Wilhelm Friedrich und Laura begegnet sein. Hat er sie im Theater bewundert und nach der Vorstellung eingeladen? Sind sie an den Hakenterassen spazieren gegangen? Wo haben sie sich getroffen? Sie sind sich doch so nahe gekommen, dass ein Kind gezeugt wurde. Die spätere Prominenz Wilhelm Friedrich Loepers hat dazu geführt, dass es zahlreiche Bilder von ihm im Netz gibt. Er ist ein unscheinbarer Mann, wenig auffällig, wahrscheinlich auch nicht sehr groß. Kein Mann, der besonders viel Charme ausstrahlte.

Nicht verwandt mit seinem Kind

Ich hatte bei meinen Recherchen die Hoffnung, dass der Vater trotz der unehelichen Geburt irgendwie eine Spur in offiziellen Dokumenten – z. B. den Kirchenbüchern, die ich durchsah – eingetragen ist, aber wie ich jetzt weiß, war das ist nach der damaligen Rechtslage gar nicht möglich. Nach den Gesetzen der Kaiserzeit war er noch nicht einmal mit seinem Kind verwandt. Die Kindesmutter hatte zwar das Sorgerecht, aber nicht das Recht zu seiner gesetzlichen Vertretung. Dafür brauchte es einen Vormund, über den meine Mutter jedoch nie etwas berichtet hat. Anzunehmen wäre, dass es die Eltern der Kindesmutter waren oder die des Kindesvaters. Ein uneheliches Kind hatte bis zum 16. Lebensjahr Unterhaltsansprüche gegenüber dem Erzeuger. Da der preußische Leutnant für sein Kind aufgekommen ist, wie meine Mutter mir berichtete, muss er also die Vaterschaft anerkannt haben. Vielleicht war er sogar zugegen als das Kind getauft wurde, auch wenn er nicht im Taufregister als Vater auftaucht.

Wilhelm Friedrich wird bald zu anderen Standorten weiterziehen. Er besucht die Militär-Technische Akademie in Berlin. 1912 wird er zum Oberleutnant befördert.

Das weiß ich aus Quellen, die mir bis 1989 niemals bekannt geworden wären. geschweige denn, dass ich sie hätte in der Hand halten können. Daher weiß ich auch, dass er seine Liebe zum Theater bis zu seinem Tode behalten hat.

Der Eulenburg-Skandal

Wilhelm Friedrich L.‘s  Eskapaden sind ein Spiegelbild der Tändeleien des Zeitgeistes am Beginn des 20. Jahrhunderts, dieses ständigen Schwankens zwischen Schwärmerei, Eroberungsdrang, Poesie und Marschtritt. Was der Kaiser – der von allen verehrte Monarch – pflegte, konnte ja nicht vollends nichtswürdig und weichlich sein. Wenn er das Leben genoss mit Rosengirlanden und Gartenlaube, mit gefühlvollen Theaterstücken und allgemeiner Liebesschwärmerei, warum nicht auch ein kleiner Militär in dieser Zeit? Schon bald war es damit ohnehin zu Ende.

Ein Jahr nach der Geburt meiner Mutter erschütterte der Eulenburg-Skandal das Reich und ganz Europa. Die politisch-peinliche Debatte darum, ob Kaiser Wilhelm II. nicht mit zu vielen weibischen, weichen und schöngeistigen Spinnern verkehrte wurde umfassend geführt. Mit Philipp Fürst zu Eulenburg-Hertefeld, einem Diplomaten, Schöngeist und Salonkünstler hatte der Monarch die einzig wirkliche Freundschaft geschlossen. Der nutzte diese Freundschaft allerdings zu massiven politischen Intrigen und Einflussnahmen. Die Anschuldigungen des politischen Publizisten Maximilian Harden gegen ihn und die kaiserliche Kamarilla, die alle in den Verdacht der Homosexualität brachten, erschreckten die Schwärmer. Es ging Harden damals wohl nicht darum, Homosexuelle zu denunzieren, aber darum, Männer als Politiker zu vernichten, die – aus seiner damaligen Sicht – zu weich waren, „im Notfall das Schwert“ zu ziehen. Im Jahre 1908 wurde ein Prozess gegen Eulenburg wegen Meineids vor dem Berliner Landgericht eröffnet. Er hatte beschworen, keine homosexuellen Beziehungen unterhalten zu haben. Es fanden sich jedoch zwei Männer, die bezeugten, vor 20 Jahren mit ihm solche unterhalten zu haben. Wilhelm II. ließ seinen langjährigen Freund und Vertrauten sofort fallen.

Schluss mit den Tändeleien

Wilhelm Friedrich L. hatte seine Ausbildung fortgesetzt. Und nun wird bald Schluss sein mit der Tändelei und den Leichtfertigkeiten. Er ist gewappnet der preußische Leutnant: Gegen eventuelle Reizbarkeiten, Schwärmereien Spinnereien und Kunstsinnigkeiten. Auch gegen die Verführungen der Sinnlichkeit? Gegen die Frauen, das ewig unordentliche, verführerische und subversive Geschlecht? Waren sie nicht überhaupt die Urheberinnen allen Übels, die Frauen?

Jetzt ist er seriös geworden, lässt die unordentlichen Zeiten hinter sich, verlobt sich mit einer jungen Frau, die – nach dem, was bekannt ist – aus seinen Kreisen stammt und den Namen Elisabeth trägt. Energisch wendet er sich seiner wahren Bestimmung zu. Alles was ab jetzt in seinem Leben geschieht, ist nur noch militärisch-preußisch, hat mit seiner Offizierslaufbahn, mit Krieg und Kampf zu tun. Im Jahre 1912 war er zum Oberleutnant befördert worden. Im Sommer 1914 ist er 31 Jahre alt und führt einen Scheinwerferzug in einem Pionierbataillon, zuständig für die Beleuchtung der Kriegsszenerie und für Sprengarbeiten.

Das Attentat von Sarajevo erschüttert den Kontinent. Das „Augusterlebnis“, die überschwängliche Kriegsbegeisterung schlägt auch ihn in seinen Bann. „So muss denn das Schwert entscheiden. Mitten im Frieden überfällt uns der Feind. Darum auf! zu den Waffen! Jedes Schwanken, jedes Zögern wäre Verrat am Vaterlande.“ so hatte der Kaiser am 6. August das Volk zu den Waffen gerufen.

Der Glaube, dass ein solcher Waffengang jetzt schicksalhaft geboten sei, ist auch beim preußischen Oberleutnant L. unerschütterlich. „

 

Marianne in Dessau

Vater und Tochter kannten sich kaum.  Sie wusste nicht viel über ihn  und schon gar nicht war meine Mutter von Adolf Hitler oder den Nazis fasziniert. Ganz im Gegenteil. Ich nehme aber an, dass sie sich von ihm Hilfe bei der Suche nach einer Arbeitsstelle erhoffte. Das muss so 1933 gewesen sein und sie Ende Zwanzig. Damals habe er ihr gesagt, „Ihre Mutter konnte man nicht heiraten“. Das kann alles Mögliche heißen, sowohl dass sie ihn nicht für die Ehe wollte, weil sie ihr Leben anders leben wollte, als auch, dass er sie zurückgewiesen hat, weil er ebenfalls eine Karriere anstrebte, eine militärische. Als die Tochter zu ihm kam, war er verheiratet und nun kam die „Frucht einer sündigen alten Beziehung zu ihm. Eine Konstellation wie in einem Kitschroman.

Hier einige Links zu Texten über ihn beim FREITAG.

Ein Vorfahr und sein Krieg

Ein Vorfahr und sein Krieg II

Eine Ohrfeige in Oranienburg

Ein Vorfahr und sein Antisemitismus

(Wie es mit Marianne, seiner Tochter, meiner Mutter weitergeht folgt demnächst)

 

 

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All about Grandma

Meine Großmutter war ein absolutes Miststück. Allerdings muss ich mild sein im Urteil über sie, denn ohne ihren folgenreichen Fehltritt, mit dem sie meiner Mutter vor über 100 Jahren auf die Welt verhalf, hätte es schließlich auch mich nicht gegeben.

Es begann in Stettin

Stettin

Alles fing am Beginn des 20. Jahrhunderts in Stettin an – von dem ich weiß, dass viele interessante Menschen durch diese Stadt geprägt wurden (z. B. Kurt Tucholsky) – wo meine Großmutter am dortigen Theater als Sängerin wirkte. In der pommerschen Stadt war auch ein Fahnenjunker – 23 Jahre alt – stationiert, der aus dem anhaltinischen Dessau stammte. Er war in einer ehrenwerten Apothekerfamilie aufgewachsen und begann nun seine militärische Karriere an verschiedenen Standorten. Wer die Familie meiner Großmutter war, ist ein bisschen im Dunkeln. Die Rede geht, dass es eine angesehene Kaufmannsfamilie gewesen sei, die in Stettin ansässig war. Aber, das passt nicht so recht zur Karriere der Großmutter. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass sie – die wohl so ziemlich aus der Art schlug – am Ort ihrer Familie auch ihre Engagements absolvierte. Seltsam ist, dass wir nie darüber gesprochen haben. Wurzeln waren sowieso nie so von Bedeutung in unserem kleinen Familientorso und das gehörte nebenher auch zu einer der guten Seiten der DDR. Da war nicht so viel Familiensinn vonnöten.

Auf den jungen Wilhelm Friedrich Loeper also traf die ehrgeizige exzentrische Helene und es kam wie es kommen musste. Wer da wen verführt hat, ist nicht mehr auszumachen. Wer mit wem an den Hakenterassen in Stettin flirtete und wer welche Waffen einsetzte – keine Ahnung. Aber, ich vermute, die Großmutter hatte da so allerlei in petto.

In der Lutherkirche

Jedenfalls erscheint am 15. Juli 1906 eine junge Frau in der Stettiner Lutherkirche, um ihr Kind -ein Mädchen – taufen zu lassen. Geboren war es schon mehr als zwei Monate vorher – ein Siebenmonatskind, ziemlich schwächlich. Das war meine Mutter.

Der Kindesvater ist natürlich nicht angegeben. Die Kindesmutter hat als Vornamen einen ihrer vielen Künstlernamen verwendet. Sehr verrückt für die damalige Zeit „Laura“. Später nennt sie sich Sonja. Sie heißt aber Helene. Als Beruf  – selten an dieser Stelle – ist „Schauspielerin“ angegeben.

Das Kind hat die mir bekannten drei schönen alten Vornamen – Marianne Helene Ida. Taufpaten sind der Inspizient eines Stettiner Theaters mit einem französischen Namen, seine Frau und noch eine weitere weibliche Person mit einem polnischen Namen. Wahrscheinlich waren sie auch die einzigen Anwesenden bei der Taufe. Die Leidenschaft für das Theater wird die junge Mutter bald mit ihrem Kind aus der Stadt in die Welt treiben. Und der Kindesvater wird bald zu anderen Standorten weiterziehen. Weil ich Glück hatte, erfuhr ich auch darüber Genaues. Es gab wohl ein Arrangement, die die Vaterschaft geheim hielt gegen die Abrede, dass er für das Kind sorgt. Das hat er getan. Viel mehr nicht. Aber seine Liebe zum Theater hat er behalten, wie sein späteres Leben zeigt.

Bei meinen Nachforschungen erfuhr ich, dass meine Mutter evangelisch getauft wurde. Ich kenne sie nur fromm-katholisch. Das hat mit ihrer Geschichte zu tun.

Denn als die Mutter das Kind nicht mehr zu den Orten ihrer Engagements mitnehmen konnte, wurde es in ein katholisches Mädchenpensionat gegeben. Es verbrachte seine ganze Schulzeit bei den Schwestern vom Armen Kinde Jesus im niederländischen Simpelveld.

Die Großmutter ist immer unterwegs

Die Großmutter also war immer unterwegs und – so die nicht beglaubigte Überlieferung – verjubelte das Geld, das sie für die Tochter bekommt lieber selbst.  Wie das möglich war ist nicht ganz erklärlich. Aber die Tochter erfährt dadurch manche Demütigung im Kloster. Immer mehr verschwindet auch die Mutter aus ihrer Erinnerung – es muss kaum Besuche gegeben haben. Was sie erinnert stammt aus den frühen Kinderjahren, bei denen sie die Mutter auf ihren Engagements noch begleitet hat. Sie weiß, dass die Mutter eine gute helle Sopranstimme hatte und sehr schnell zwischen musikalischen und künstlerischen Welten wandern konnte. Von der dramatischen Arie hin zu „Puppchen, Du bist mein Augenstern“.

Ob sie noch Verbindung zu ihrem ehemaligen Geliebten und Kindesvater hatte, ist völlig im Dunkeln. Als seine Tochter 8 Jahre alt war, war er auf dem Weg an die Front. Er war Hauptmann eines Pionierbataillons. Seine Briefe aus jener Zeit sind durch Umstände erhalten geblieben, die m mit seiner späteren Karriere in der Zeit des Nationalsozialismus zu tun haben.

Ein altes Foto

Diese Geschichte habe ich oft gehört in meiner Kindheit. Nie habe ich ein Bild gesehen von diesem Großvater. Erst nach 1989 und vor allem mit den Entwicklungen im Internet erfuhr ich mehr über ihn und weiß jetzt wie er aussieht.

Von der Großmutter gab es eine Künstlerpostkarte, auf der sie sehr exzentrisch aussieht.

Es stammt aus dem Besitz eines Onkels, den ich nur einmal in meinem Leben gesehen habe. Hinten auf dem Foto steht eine französische Widmung: Ma fils, ma petit chérie! Sie war sehr frankophil – die Großmutter.
Und sie sieht so aus, wie meine Mutter sie oft beschrieben hat, etwas kokett etwas leichtfertig, ein bisschen bemüht auf froh und munter getrimmt. „Kein Kind von Traurigkeit“, wie man so sagt.

Meine Großmutter aus dem Jahr 1952

1952

Obwohl: Sie ist schon ein bisschen vom Leben gezeichnet. Das Foto stammt aus dem Jahre 1952. Da lag ihre Karriere hinter ihr.
Die Rede geht, dass die die Großmutter die Männer ziemlich an der Nase herumgeführt hat. Einmal war sie regulär verheiratet und kriegte ein eheliches Kind. Das ist mein Onkel, der mir auch sehr langweilig-legitim vorkam, als ich ihn später kennen lernte. Die außerehelichen Kinder sind in dieser Familie die weitaus interessanteren. Dann hat sie – so geht die Fama – einen Mann so ruiniert mit ihrer Verschwendungssucht, dass der sich das Leben genommen hat. Er hat wohl Geld unterschlagen. Spannende Geschichte.

Einmal noch hat meine Mutter die ihre gesehen. Das war in Köln. Die Großmutter – damals auf dem Höhepunkt ihrer Karriere – fand es sehr unpassend, dass sie auf einmal ein fast erwachsenes Kind haben sollte. Außerdem war dieses Kind in der Klosterschule fromm und häuslich geworden. Es wollte der Mutter ein trautes Heim bereiten und sie betreuen. Das hat die Großmutter wohl sehr erschreckt. Diese Begegnung in Köln war ein Fiasko für Mutter und Tochter. Sie sahen sich jedenfalls nicht wieder. Meine Mutter sprach selten und natürlich bitter von der Großmutter. Die aber ließ sich nicht unterkriegen und nahm als sie älter wurde, eben kleinere Rollen an. Sie spielte die komische Alte.

Die komische Alte

Als der Krieg zu Ende war, spielte sie in Kinos oder auch in Kneipen Klavier und hielt sich so über Wasser. Als mein Onkel in den späten fünfziger Jahren meine Mutter besuchte, brachte er das Bild der Großmutter mit. Und er erzählte über ihr nunmehr tristes Leben. Sie hatte sich in Ahlbeck niedergelassen. Ich denke mir, das tat sie um in der Nähe ihrer jetzt polnischen Geburtsstadt zu leben. Sie bezog eine minimale Rente und galt nun auch im wirklichen Leben als komische Alte. Sie scherte sich wenig darum, was die Leute sagen. Sie hat gelebt, viel erlebt, zwei Weltkriege überstanden, einigen Männern das Herz gebrochen, und als das alles sich zu Ende neigte, ging sie halt mit dem Handwagen und suchte Abfälle zusammen, um ihre Rente aufzubessern. Sie muss eine unverwüstliche Optimistin gewesen sein. Als ich damals das Bild von ihr sah, fand ich sie alt, fremd und für dieses Alter auch zu auffallend mit den auf wuschlig frisierten Haaren und dem herausfordernden Blick. Ich habe ihr damals aus Jux sogar noch mit Farbstiften die Lippen rot angemalt und auch die Augenbrauen nachgezogen. Das war schwer wieder abzukriegen.

Kürzlich habe ich das Bild gescannt und mein Mann kam dazu.

Auch er guckte sich das Foto mit der lachenden „schrägen“ Großmutter an und grinste. Dann blickte er auf mich und sagte „Tja, die war ein flottes Ding, übrigens, Du siehst ihr ähnlich“.

(Das ist der erste Teil meiner Familiengeschichte, in der es eigentlich keine Familien gibt.)

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