Andreas

Wenn man von einem Erbe Kenntnis erhält und es nicht fristgemäß ausschlägt, kann man ziemlichen Ärger bekommen. Davon hatte ich bis zum Spätsommer keine Ahnung. Dann wurde es mir bekannt.

Als ich den Absender des Briefes – das Nachlassgericht einer süddeutschen Kleinstadt – erkannte, hatte ich eine dunkle Ahnung. Sie teilten mir mit, dass ich als Erbin des zuletzt in NN wohnhaft gewesenen Andreas G. ermittelt worden sei. Andere Erbberechtigte hätten das Erbe ausgeschlagen. Wenn auch ich dies tun wolle, müsse ich das innerhalb von sechs Wochen entweder über einen Notar oder direkt über das für meinen Wohnort zuständige Nachlassgericht erklären. Sechs Wochen hat man Zeit für diesen Verwaltungsakt.

Andreas ist  mein älterer Bruder. Er starb schon im vergangenen März. Auch das habe ich erst durch das Nachlassgericht erfahren. Seit vielen vielen Jahren habe ich ihn nicht mehr gesehen. Oft aber an ihn gedacht.

Die Nachricht von seinem Tod hat mich mit tieferer Trauer erfüllt, als ich erwartete. Wie im Schnellmodus rasten die Jahre zurück und ich war wieder in der Kindheit.

Andreas – das sind die fünfziger Jahre, ständige Geldnot und Armut. Aber, das sind auch gemeinsame Entdeckungen, gemeinsames Spielen. Er konnte so gut die Schifferschaukel zum Schwingen bringen. Solange wir noch Kinder waren, war er der ältere große Bruder, er passte auf mich auf und verteidigte mich gegen alles Ungemach. Hin und wieder auch prügelten wir uns – wie alle Kinder. Er wäre gern eine Art Vaterersatz gewesen, aber ich ließ mir keine Bevormundung gefallen und verteidigte meine eigene Unabhängigkeit mit Zähnen und „Klauen“.

Er ist noch im Krieg in Leipzig geboren – seine Mutter, unsere Mutter – gab ihn nach einigen Monaten nach Lörrach im Süddeutschen in Pflege. Wegen der Bomben und wegen der Gefahr, in die sie sich durch die Liebe zu seinem Vater, einem französischen Fremdarbeiter, begeben hatte. Das ist eine lange Geschichte. Die katholische Kirche hat die Pflegestelle vermittelt. Nach dem Krieg und einem Zuchthausaufenthalt holte sie ihn in Lörrach ab und dort wurde ich gezeugt – ihr zweites Kind. Um ihn musste sie kämpfen, weil die Pflegefamilie ihn mit der Begründung, sie hätten nicht erwartet, dass sie noch einmal aus dem Zuchthaus kommt, nicht hergeben wollte. Aber meine Mutter ließ nicht locker und nahm ihn mit nach Leipzig.

Es ist schon seltsam im Leben. Den Sohn, der ein Kind der Liebe war, riss sie aus der Pflegefamilie und ließ ihn dann doch die Bitterkeit büßen, weil ihre Liebe sie verließ und wieder nach Frankreich verschwand.

Mich, ein Kind, das sein Entstehen den Kriegswirren verdankt und rein zufällig auf die Welt kam, liebte sie, obwohl mein Erzeuger, der zur französischen Besatzungsarmee gehörte, die Vaterschaft nie anerkannte. Flüchtiges Abenteuer und sexuelle Überredung – dazwischen lag es wohl. Ein völlig ungewolltes Kind, das sie eigentlich abtreiben wollte. Aber, der Arzt hat es nicht getan und so kam ich doch zur Welt. Das hat sie mir recht früh in meinem Leben, auch erklärt und immer hinzugefügt: „Und gerade Du, mein Kind, hast mir so viel Freude gemacht“. Sehr oft, wenn ich von höchst problematischen Mutter-Tochter-Beziehungen lese, stelle ich fest, dass ich meiner Mutter gegenüber weder Groll hegen noch alte Wunden pflegen muss. Sie war mir zugetan, sie liebte mich ohne Besitz- oder Dankbarkeitsgedanken und völlig ohne Erziehungseifer. Ich wurde auch so groß.

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Doch zurück zu meinem Bruder. Er stand – wie meine Mutter oft erzählte – ganz glücklich neben meinem Bettchen. Dabei war alles, aber auch alles für meine Mutter furchtbar schwer und zwischendurch klappte sie auch einmal völlig zusammen, lag über ein Jahr im Krankenhaus. Wir kamen in Kinderheime. Meine Mutter rappelte sich wieder auf und sagte später: „Ich durfte nicht sterben, ich wollte nicht sterben ich hatte doch meine Kinder.“

Eines ihrer Kinder aber, – mein Bruder – machte ihr viel Kummer. Er entwickelte sich schlecht, er konnte mit einem Jahr noch kaum laufen. Und meine Mutter war ungeduldig mit ihm, sie schlug ihn auch manchmal, während ich –wie sie mir einmal erzählte – zitternd dabei stand. Irgendwann aber wurde er älter und die Konflikte ließen sich mit Schlägen und Strafen kaum lösen.

Die Beziehung zwischen meinem Bruder und meiner Mutter blieb intensiv und hochemotional. Ich stand – als viel unkomplizierteres Kind – dazwischen und hatte manchmal Furcht, dass das alles zu einem wirklichen Drama wird. Ich verstand das nicht, es war etwas zwischen den beiden. Mein Bruder schämte sich für seine Mutter, er war viel konventioneller und konservativer als meine Mutter und ich. Er wollte nicht, dass ich über meine oder seine Herkunft sprach, er wollte eine Normalität, die es in den Nachkriegsjahren sowieso nicht gab.

Unsere Entfremdung und Entfernung voneinander begann schon bevor ich mit zwanzig Jahren von Leipzig nach Berlin zum Studium ging. Es keinen Grund, keinen „großen Krach“ ,der die Verbindung zwischen uns immer mehr lockerte.

Er selbst war früh aus dem Haus gegangen – hatte mit 20 Jahren schon geheiratet und ein Kind war auch da. Wenn ich aus Berlin zu Besuch kam, besuchte ich ihn manchmal, aber er machte mir immer und nachdrücklich deutlich, dass weder ich noch mein Studium noch mein Leben in Berlin ihn irgendwie interessierten. Er hatte nie Zeit, während seine bildhübsche Frau und ich gern und lange miteinander plauderten. Und im Sommer arbeiteten er und seine Frau er jedes Jahr an der Ostsee als Kellner.

Auch das währte nicht lange, denn mein Bruder ließ sich scheiden. Dann hörte ich lange nichts von ihm. Unsere Mutter besuchte er hin und wieder und meist kam er in einer Wolke von dramatischen und tragischen Geschichten. Er hatte sich geprügelt, er hatte seine Frau geschlagen, er hatte mit seinem Kind Kummer, er hatte kein Geld.

Später heiratete er wieder. Seine Frau war eine hübsche Blonde schlanke Person – die durch einen Sportunfall ein Bein verloren hatte. Aber, auch diese Ehe hielt nicht lange. Nach dem Tod meiner Mutter sahen wir uns gar nicht mehr, zur Beerdigung kam er nicht.

Erst nach 1989 rief er mich an und erklärte, dass er in Süddeutschland arbeite. Noch zweimal sprach er lange mit mir am Telefon und verwickelte mich in die Wirrnisse seines Lebens. Ich vermutete, dass es ihn – nach seinen ersten Lebensmonaten in Süddeutschland dorthin zurück trieb. Ich weiß es nicht. Mit unserer Kleinstfamilie ist das Unverbundene verbunden. Alle Verwandtschaftsverhältnisse sind ungefestigt, sind nicht legalisiert und manche sogar nicht ganz sicher. Der Gedanke an ihn tut mir weh, aber das Erbe habe ich – fristgemäß – ausgeschlagen.

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ABBA und Thomas Mann

ABBA hat etwas, das man nicht so einfach nachmachen kann. Jan Feddersen  würdigt die Originale bei der Rezension des CHER-ABBA-Albums.

Aber, ich finde trotzdem, es ist vor allem ein Zeichen für das Können der ABBA-Komponisten und Arrangeure, dass ihre Songs auch super klingen, wenn sie von anderen gesungen werden. Dass sie nie so gut sein können wie das Original, das ist halt so. Weiterlesen

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Auf den Spuren bedeutender Frauen in Pankow

Historische Stadtgänge sind eine schöne Tradition. Sören Benn (Linke),  Bezirksbürgermeister von Pankow,  pflegt sie und schafft so Kontinuität. In diesen Tagen war unsere AG Spurensuche beim Frauenbeirat Pankow gefragt.  „Auf den Spuren berühmter Frauen in Pankow“ lautete das Motto des Kiezspazierganges. Wir hatten die Vorbereitung, Auswahl und Route in die Hände genommen.  „Berühmt“ im landläufigen Sinne sind die meisten Frauen nicht, an deren Arbeit und Wirken mit Gedenktafeln an verschiedenen Häusern des Bezirks erinnert wird.  Aber, Dank der 3 Bände „Spurensuche“, die in der Regie des Pankower Frauenbeirates entstanden sind, werden sie bekannter.

Zahlreiche Teilnehmer*innen am Treffpunkt Rathaus

Als ich mich dem Treffpunkt Rathaus näherte, war ich ziemlich verblüfft, wie viele Leute sich eingefunden hatten. Unter ihnen auch bekannte Vertreter des Bezirksparlaments wie Tina Pfaff – Vorsitzende des Ausschuss für Gleichstellung und Gender Mainstreaming und natürlich Mitglied des Frauenbeirates.

Eröffnung Sören Benn

Gleichstellungsbeauftragte Heike Gerstenberger begrüßte die zahlreichen Teilnehmer. Neben ihr: Bezirksbürgermeister Sören Benn

 

Martha Wygodzinski (1869 bis 1943)

Unsere erste Station war das Haus in der Neuen  Schönholzer Straße 13 vor der Gedenktafel für Marta Wygodzinski. Nein, sie ist  nicht „berühmt“,  sie war eine engagierte und couragierte Kämpferin für die Nöte obdachloser lediger Mütter und ihrer Kinder.

„Es gibt nur eine Moral, sie ist die Gleiche für beide Geschlechter“ steht als Motto über der Gedenktafel, die sowohl auf die politische  als auch soziale Tätigkeit der jüdischen Ärztin, die man auch „Engel der Armen“ nannte, verweist. Im jetzt sanierten Haus fanden Frauen, die in höchst prekären und schwierigen Situationen lebten,  seit 1911 eine Unterkunft.  Ein Mieter der Gegenwart beschwerte sich übrigens lautstark über den Lärm vorm Haus, der aber nur 10 Minuten dauerte, denn wir hatten ein enges Programm geplant.

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Susanne Bach berichtet über das Wirken der Ärztin Martha Wygodzinski vor der Gedenktafel in der Neuen Schönholzer Straße

Das Frauenzentrum „Paula Panke“

Astrid Landero begrüßt bei Paula Panke
Vor dem Frauenzentrum Paula Panke informierte Astrid Landero, langjährige Leiterin des Projektes, über seine Arbeit und sein Engagement

Seit einigen Monaten ist Paula Panke im Visier der AfD.  Ein am 1. Mai inszeniertes AfD-Stadtfest auf dem Gelände des Bleichröder Parks in der Nähe von Paula Panke hatte Proteste hervorgerufen. Und weil das Frauenprojekt seine Tür für Teilnehmer am Protest geöffnet hatte, gab es ziemliche Drohungen. „Der Tag wird kommen, an dem wir diesen ganzen ökokommunistischen Sumpf trockenlegen“ hieß es drohend auf der Website der AfD. Der Frauenbeirat hat seine Solidarität bekundet und – auch aus diesem Grund-  war Paula Panke eine Station auf unserem Gang durch den Pankower Kiez.

Anna Maria Tobis (1888 – 1944)

Anna Maria Tobis
Susanne Bach erinnerte an die Kinderkrankenschwester Anna Maria Tobis, die in der ehemaligen Geburtsklinik   in der Breiten Straße arbeitete und bei einem Bombenangriff ums Leben kam

Dr. Ursula Katzenstein (1916 – 1998)

Dr. Ursula Katzensteins Verdienste um  die Etablierung der Ergotherapie in der DDR und ihr dramatisches,  wechselvolles Leben wurden den Zuhörerinnen und Zuhörern nahe gebracht.

Vor Ursula Katzensteins Gedenktafel
 Karin Schulz (ganz links ) während ihres Vortrages vor dem Haus in der Kavalierstraße

Vor einem Jahr schon wurde die Gedenktafel für Dr. Ursula P. Katzenstein enthüllt.

Paula Dehmel (1862-1918)

Heike vor Paula Dehmel
Heike Gerstenberger vor dem Haus von Paula Dehmel in der Parkstraße 56

Paula Dehmel, lange Zeit verheiratet mit dem Dichter Richard Dehmel,  lebte eine ganze Weile in Pankow.Ihre Kinderlieder und -gedichte sind heute noch im Repertoire von Kindergärten oder Kinderzimmern zu finden. „Leise Peterle leise“ singen auch heute noch die Kinder und einige der Fitzebutze-Gedichte erheitern ebenfalls.

Elisabeth Christine von

Braunschweig Bevern  (1715 – 1797) 

Elisabeth Christine, die unglückliche, aber loyale Gemahlin Friedrichs des Großen lebte lange Jahre im Schloss Schönhausen, vor dessen Toren die kleine Reise durch den Kiez ihr Ende fand.

Vor Schloss Schönhausen
Trotz eines kleinen Regenschauers fanden sich am Ende der Tour untern einem Baum vor dem Schloss Schönhausen doch viele Zuhörerinnen und Zuhörer ein. Das Leben von Elisabeth Christine von Braunschweig Bevern setzte den Schlusspunkt, den ich gestalten durfte

Es war eine sehr gelungene Veranstaltung, signalisierten uns die Teilnehmerinnen und Teilnehmer.  Und auch Bände der „Spurensuche“ haben wir unter die Leute gebracht.

Am 20. Oktober 2018,  wird ein Rundgang über den Friedhof St. Marien und St. Nicolai stattfinden.   Treffpunkt: 14 Uhr Prenzlauer Allee/Ecke Mollstraße

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Moral als Wanderungsbewegung

Es ist viel momentan viel Moral unterwegs. Vertreter unterschiedlicher Auffassungen über die Migrationsfrage hauen sie sich gegenseitig um die Ohren. Die einen wenden sich hohnlachend vom linken „No Border“-Motto ab und schlagen über deren realitätsferne Moralapostelei die Hände über dem Kopf zusammen. Während sie noch damit zu tun haben, führen auch sie Moral im Schilde. Oskar Lafontaine z. B. ruft tiefsinnig den Arzt aus Lambarene Albert Schweitzer in Erinnerung, der aus dem Elsass nach Gabun ging und mit seinem Spital viel Gutes bewirkte. Heute würde die Solidarität auf den Kopf gestellt, empört er sich und ich frage mich, ob er damit die Ärzte meint, die aus Afrika stammen und hier in Kliniken arbeiten.

Der schwarze „kleine Bruder“

Ich sehe schon, wie der Arzt einer der hiesigen Kliniken seinem Kollegen aus dem fernen Äthiopien oder einem anderen schwarzafrikanischen Staat diese These entgegenhält. Gerade war man noch ein Team, jetzt wandelt der eine in hoher moralischer Überlegenheit neben jenem Kollegen mit der nicht vorhandenen originaldeutschen Herkunft und der sollte doch eigentlich bleiben oder dahin gehen ,„wo er hingehört“. Er ist eben doch nur ein „kleiner Bruder“, wie der Albert Schweitzer einmal über den „Neger“ erklärte. Auch wenn man den gesamten Zeitgeist von damals berücksichtigt und Schweitzers Barmherzigkeit würdigt, sie ist „von oben“ gewährt und empfunden. Gabun wurde übrigens von mehreren europäischen Mächten aufgesucht. Die Deutschen waren auch dabei, aber sie waren wenig barmherzig. Und auch heute ist die Sorge um die Entwicklung in afrikanischen Ländern, wenig barmherzig und auch nicht immer begründet.

Die Menschen z. B. aus Schwarzafrika kommen in der Tat auch nicht aus Barmherzigkeit zu uns, sondern weil sie eigene Interessen verfolgen, weil sie vorankommen wollen und vor allem, weil sie selbst entscheiden wollen, was sie tun, wohin sie sich bewegen. Da sind sie schon ganz „europäisch“ geworden. Sie sind so autonom, wie hier Menschen auch sein wollen.

Hegel: Ein Kontinent ohne Bewegung

Sie haben sich damit auch entfernt von Definitionen, die ein gewisser Georg Wilhelm Friedrich Hegel z. B. über sie niederschrieb. Er meinte, Afrika sei ein Kontinent ohne „Bewegung und Entwicklung“…

Wolle man den „Neger“ richtig auffassen, so müsse man abstrahieren „von aller Ehrfurcht und Sittlichkeit, von dem, was Gefühl heißt“. Beim „Neger“ sei das Charakteristische, dass sein Bewusstsein noch nicht zur Anschauung irgendeiner festen Objektivität gekommen sei.

Wie man das auch immer einordnet, jetzt ist der afrikanische Kontinent in Bewegung. Nicht nur in einer Richtung, nicht nur in Richtung Europa. Es gibt auch mehr und mehr Menschen dort, die kritisch auf den Kontinent blicken, von dem die Einheimischen noch immer denken, er sei ein Sehnsuchtsort für viele.

Das Wandern ist eigentlich europäisch

Wanderungsbewegungen gabs und gibt’s immer. Wandern war einst in Europa beliebt. Von der romantischen Bewegung, die „des Müllers Lust“ war, nahm es Witterung und Fahrt auf in alle Welt. Europäer wanderten aus, von der „Great Famine“ in Irland gezwungen, von religiöser und politischer Verfolgung vertrieben, auf der Suche nach einem sicheren Hafen.

Es scheint, als sei man den Amerikanern noch heute darüber gram, weil sie aus Europa einst in Bewegung geraten, weggegangen sind. Und einst ein großer Dichter meinte: „Amerika, Du hast es besser“.

Alle grausamen Taten gegen die Ureinwohner, alle brutale Landaneignung dienen jetzt oft – wie es scheinen will – der Bestätigung der eigenen Reflexe der redlich im Lande und  Sesshaft gebliebenen. Vielleicht ist der Zorn auch deshalb so groß, weil die Eingewanderten dort nur das fortführten, was in Europa Gang und Gäbe war: Krieg führen, Erobern, Gnadenlos sein. Sie halten den Spiegel vor.  

Wie  Paternalisten eben so sind

Ein kluger Mann, der britische Ökonom Paul Collier, der warnt, dass die armen Länder nicht aufholen, wenn wenn die klügsten Leute das Land verlassenDarüber gibt es sehr unterschiedliche Auffassungen, aber Collier bemüht sehr viel Moral und Ethik bei seinen Überlegungen. Er meint es gut mit Afrika – und ich denke an Oskar Lafontaine, der es auch gut meint. Wie Paternalisten eben so sind.

Das Angst- und Furchtbild des Überwältigt Werdens durch Fremde geistert durch den europäischen Kontinent.  Es erzeugt bei den einen moralischen Erwägungen über das Dableiben und bei anderen solche über das Hereinlassen. Dableiben ist moralisch o.k, Hereinlassen ist neoliberal und bedenklich.

Das ist nicht zu ändern. Manche Menschen sind nun mal gern in Bewegung und andere nicht. Und manchen Menschen bleibt gar nichts anderes übrig. Über die Entwicklung im afrikanischen, so vielfältigen Kontinent nachzudenken, ist das eine, restriktive Maßnahmen ergreifen, um Menschen am Wandern zu hindern, ist das andere. Und der Ausweg, den manche ZeitgenossInnen wählen: Über die Moral all derer zu räsonieren, die in Bewegung sind.

Nachsatz: über die Frage, wieviele Flüchtlinge – vor allem Wirtschaftsflüchtlinge – das Land verträgt wurde auch im Zusammenhang mit der großen Fluchtbewegung aus der DDR in den 80er Jahren meditiert.

Kein Pardon für DDR-Wirtschaftsflüchtlinge

 

 

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Anregung zum Streit

Der Essay Migration und Demokratie von Oliviero Angeli versucht zwischen sehr unterschiedlichen Standpunkten zu „vermitteln“.
 

Wem gehört die Erde, die wir bewohnen. Sind Grenzen wirklich Besitzmarkierungen? Seit wann gibt es Territorien, die verteidigt werden.

 Die Chance und die Möglichkeit, sich in der Welt frei zu bewegen, ist das nicht ein Menschenrecht? Fragen, die viel zu bedenken und zu durchdenken geben.

Einwanderung gab es schon immer – darauf kann man heutzutage noch so oft und viel verweisen, es prallt ab, denn die Weichen stehen in Richtung Zukunftsangst. Migration kann eine durchaus gute und nützliche Sache sein, wenn sie praktisch betrachtet und der Ideologisierung widerstanden wird.

Der Streit um das Thema scheint ein probates Mittel für populistische Einwirkungen zu sein. Die Beschwörung kultureller – noch schlimmer. religiöser – Unterwanderung, von Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt ist täglich zu beobachten. Debatten darüber sind berechtigt, aber schwarz-weiß Malereien wenig sinnvoll Dabei hat sich selten ein gesellschaftliches Klima so vehement geändert wie in den letzten drei Jahren. Über Migration wurde schon einmal viel positiver diskutiert. Die offene Republik

Manchmal allerdings nahm das auch höchst kuriose Formen an. Der Abwehrslogan „Kinder statt Inder“ war  ein Satz, der  komisch die demographische Entwicklung gegen die Einwanderung setzen wollte.

Der Politikwissenschaftler Oliviero Angeli hat zu dem Thema einen sehr dichten Essay geschrieben, der sowohl philosophisch als auch pragmatisch zu Werke geht. Angeli bewegt sich in seinen Argumenten also immer zwischen den Stühlen, zwischen Idealisten und Pragmatikern. Migration irritiert und problematisiert zugleich rechtliche und territoriale, kulturelle und auch demokratische Grenzen, erklärt der Autor.

So sinniert er über die allgemeine Frage, wieso Menschen die Einreise in ein Land verweigert wird, wenn – nach den Sätzen großer Denker – die Erde doch allen Menschen gehört?

Andererseits gehörten die Schaffung von Privateigentum und die Schaffung von Territorien zusammen, weil nur so die Menschen die Früchte ihrer Tätigkeit in Ruhe genießen könnten. Er erinnert daran, dass Migration und Eroberung in der Antike gar nicht klar voneinander zu trennen waren. Auch in der Mittelalterzeit war es ähnlich und daraus entsteht eine gewisse Beunruhigung, wenn Migration zu lebhaft wird.

Im Kapitel „Migration zwischen Problem und Dramatisierung“ setzt er sich mit allerlei Fehleinschätzungen auseinander.

Entwicklungshilfe vor Ort

Begrenzt die Migration nicht sofort

Eine davon ist jene, die in allen politischen Programmen – quer durch alle Parteien – auftaucht: Entwicklungshilfe „vor Ort“ begrenze die Migration. Das aber sei nicht erwiesen, jedenfalls nie in direkter Folge. Eher erhöhe sich dadurch erst einmal die Zahl der Auswanderer, meint er. Sie steige meist und zumindest so lange bis ein akzeptables Wohlstandsniveau im eigenen Land erreicht ist. Mit steigendem Pro-Kopf-Einkommen erhöht sich auch die Fähigkeit und Neigung zum Auswandern.

Die Auswanderung von Fachkräften den Entwicklungsländern schade – so meint er – den Entwicklungsländern nicht. Eher würde dadurch Entwicklungshilfe geleistet, weil die Migranten sehr viel Geld in ihre Heimatländer schicken. 500 Milliarden Dollar ist die Summe der Rücküberweisungen in Entwicklungsländer. Das ist dreimal so hoch wie die offizielle Entwicklungshilfe.

Liberale Einwanderungspolitik

Muss kompromissfähig sein

Zur gegenwärtigen Debatte merkt er an, dass eine liberale Einwanderungspolitik konsens- und kompromissfähig sein muss. Deutlich wird auch, dass das Recht auf Einwanderung immer auf das Recht auf Ausschluss treffen kann. Auch das wird umfangreich begründet. Sorge um den Zusammenhalt einer Gesellschaft ist so ein Grund, dieses Recht in den Vordergrund zu rücken. In einer Gesellschaft, die sich auf demokratische Traditionen beruft, kann man die Migration nicht einfach so stoppen. Dies gelingt eher durch das Schüren ohnehin schon vorhandener Ängste und Besorgnisse.

Eine stille Gegenrevolution

Es geht im Grunde eigentlich um ein ständiges Austarieren des „Für“ und „Wider“ und um die Suche nach praktikablen Wegen in Zeiten, da – wie der Autor konstatiert – eine stille Gegenrevolution gegen Migration zu verzeichnen ist und dies obwohl – wie er ebenfalls nachweist- die Migration weltweit zwar zugenommen, aber sich in Europa nicht wesentlich erhöht hat.

Zusammenspiel von

Markt und Migration?

Er macht Vorschläge zur Migration, die sicher sehr viel Gegenrede hervorrufen werden, weil der Zusammenhang von Markt und Migration abgelehnt wird.Die Idee, Migration dem Schwarzmarkt-Bereich zu entreißen und Migration zu legalisieren ist so ein Konzept, das der amerikanischer Ökonom Gary Becker vorgelegt hat.

Dabei geht es auch darum, Migration zu steuern.Jeder europäische Staat legt einen festen Preis für eine zeitlich beschränkte Zuzugs- und Niederlassungserlaubnis von Zuwanderern aus Entwicklungsländern fest und kann diesen entsprechend der konjunkturellen und strukturellen Veränderung nach und nach anpassen. Für Zuwanderer besonders begehrte Länder könnten einen höheren Zutrittspreis veranschlagen. Es geht um Einreise und Arbeitserlaubnisse.

Finanzierung wie

Bei Studiengebühren

Die Finanzierung kann privat, aber – wie bei Studiengebühren – auch als Kredit erfolgen. Oder Unternehmen, die Fachkräfte suchen können die Gebühren bezahlen. So sieht Angeli in diesem Modell der preisbasierten Zuwanderungssteuern sowohl wirtschaftsliberale als auch linksliberale Elemente. Das Modell widerspreche im Grunde dem Freiheitsideal des Liberalismus, das überhaupt keine Einreisebeschränkungen vorsehe, Solche Modelle stünden aber, meint Angeli in keinem guten Ruf, weil sie an die ungute Gastarbeiterpolitik der 1960er  Jahre erinnerten.Interessant ist sein Verweis auf transnationale Staatsbürgerschaftskonstruktionen, die die Lebenswirklichkeit der Menschen viel eher abbildeten.Die Debatten hierzulande aber sind eher wieder verstärkt aufs Nationale gerichtet.

„Spätestens seit der sogenannten „Flüchtlingskrise“ wissen wir, das Migration das Potential hat, Gesellschaften zu spalten und die Bruchlinien überkommener Differenzierungen zwischen ‚uns‘ und ‚den anderen‘ radikaler zu markieren,“ 

warnt er in seinem Text. Aber er meint dennoch, dass Fremdenfeindlichkeit mehr in den allgemeinen sozioökonomischen Verhältnissen ihren Ursprung hat.  Und gerade daraus aber speisen sich – wenn man die Argumente der Linken um Oskar Lafontaine und Sahra Wagenknecht betrachtet – die populistischen Argumente gegen Einwanderung. „Offene Grenzen“ sind nicht neoliberal, das ist ein höchst einseitiges Verdikt. Offene Grenzen sind ein Appell zu durchdachtem Umgang mit Migration, die auf der Erde weiter zunehmen wird. So wie die Dinge jetzt liegen, werden sich Asylbegehren und Arbeitseinwanderung ständig weiter vermischen, werden enorme Ressourcen verschwendet, um Menschen von Europa fernzuhalten und Menschen um ihre Chancen gebracht, ein besseres Leben zu finden.

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