Jetzt also die Filmrezension

Ein berühmter Romananfang

„Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist unglücklich auf ihre Art“

Dieser berühmte Anfangssatz musste angesichts der Familie, deren Patriarch den 90. Geburtstag begeht, unbedingt in den Sinn kommen und – wirklich – gegen Ende des Films schlägt Charlotte, die Ehefrau des verdienten Genossen Powileit in ihrem Bett ein Buch auf. Der Rücken trägt die Schrift: „Anna Karenina“.

Es ist keine glückliche Familie, in welcher der Wechsel der Zeiten alles nach oben treibt, was lange unausgesprochen unter der Decke blieb.

Der Enkel ist schon nach dem Westen gegangen. Der Sohn des Patriarchen, Kurt Umnizer, lebt mit seiner alkoholsüchtigen russischen Frau und einer Geliebten in instabilem Hin – und Her. Noch im Stalinschen Gulag haben sie sich kennengelernt und gingen aus Slawa nach Berlin, Hauptstadt der DDR. Bei abnehmenden historischen Gewissheiten und zunehmendem Zweifel sind sie unterwegs zum erstarrten Festritual in einem Haus, das in diesem ehemalige Niederschönhausener „Städtchen“ zu finden wäre.

Bruno Ganz als Held dieses „Untergangs“

Den Wilhelm Powileit spielt Bruno Ganz und es war darum abzusehen, dass der „Spiegel“ seine Filmrezension mit „Der andere Untergang“ überschrieb. .

Was soll uns das heute sagen? Die Fähigkeit zum Selbstbetrug, die Erkenntnis, dass Ehrung und Achtung auf den brüchigen Formalien einer Zeit ruhen, die bald kippt und alles wendet. Glückliche Generation, bei der sich diese Tragik in Grenzen hält, auch wenn am Ende Grenzen fallen.

Die Welt ist ein besetztes Klo

Immer mal wieder kippt die Handlung in den Graben zwischen Familienkomik und Tragik. Der Abschnittsbevollmächtigte scheitert ständig an der Tür zum WC, auf das er so dringend muss, wie Ekel-Alfred in einer Folge von „Ein Herz und eine Seele“ und unterhält sich unter zunehmendem Blasendruck mit den anderen Gratulanten über den Jubilar und seine großen Verdienste. Er macht so den allgemeinen Druck jener Zeit, der überall spürbar ist und nach Lösung und Erleichterung strebt, irgendwie ganz körperlich fühlbar. Die Welt ist wie ein besetztes Klo. Jaja.

Die Ehefrau Charlotte – einstmals dogmatische und linientreue Wissenschaftlerin – hat nur noch zu tun mit ihrer tiefen Abneigung gegen den alten Wilhelm, den sie kaum noch ertragen kann. Aber, warum das so ist, hat sich nicht ganz erschlossen. Dafür, dass sie eigentlich die politisch Aktivere und Klügere war, spricht sie zu wenig politisch, ist sie in ihrer giftigen Ungeduld befangen – sehr weibliche Zuschreibung. Längst ist Wilhelm zur Haushaltshilfe geflüchtet , lässt sich für Geld von ihr wärmen.

Die ramponierte, aber trotzdem schöne russische Schwiegertochter hört hingebungsvoll Wyssotzky, was ganz unverständlich ist, denn eigentlich müsste sie noch ziemlich fest in ihrer poststalinistischen Weltanschauung verwurzelt sein und W. war damals kaum gelitten in der UdSSR. Saufen, laute Musik und grelle Schminke – das ist das, was wir früher satirisch „Hart wie’ ne Sowjetmutter“ nannten. Aber, in ihr ist wenigstens Leben, auch wenn wir nicht wissen, höchstens ahnen können, warum sie es so verpuffen lässt.

Stürmten wir die Eskadronen

Partisanen vom Amur

Der Pionierchor singt vorm Haus

(Habe ich noch vor kurzem in unserem Singekränzchen hin und wieder gesungen – ein bekanntes Lied aus dem russischen Bürgerkrieg)

Und da ist er nun, der große eichene Ausziehtisch, von dem der alte Powileit behauptet, er sei ein Nazitisch , der am Ende zusammenbricht, da ist das zu dicke, deutliche Symbol und überhaupt zu viel Klopferei und Holzhämmerei.

Probleme mit den Zeit- und Altersangaben

Der Sohn Powileits hat – daran erinnert er den erstarrten Vater – 10 Jahre in Stalins Lagern zugebracht. Da der Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase alles auf diesen Geburtstag 1989 eingedampft hat, wäre er dann noch ein Kind gewesen. Die Lagerhaft musste aber in den Film, sie ist wichtig und deshalb muss man halt nicht nachrechnen.

Es gibt Rezensenten, die jubeln, da sei der Osten endlich mal mit seiner Steifheit, Verträumtheit, seinen Hoffnungen, seiner Sauffreude und leisem Humor glaubwürdig abgebildet (die Zeit) Nein, das ist ein zu enger Ausschnitt – der Fokus auf einer Familie, die überhaupt nicht typisch war für das DDR-Leben.

An diesen alten Genossen ist gar nichts gescheitert, die waren die längst vergessene Garnitur der damals schon voll korrumpierten DDR. Sie waren nur noch als Symbole von Belang. Und darum ist da kein Leben drin.

Niederschönhausen ist übrigens ein Gebiet mit hohem Zuzug, es wird überall gebaut. Das Schloss Schönhausen ist ein gern besuchter öffentlicher Ort . Nur die Bundessicherheitsakademie, die jetzt dort auch residiert, mahnt mit einem Schild.

Miilitärischer Sicherheitsbereich1

Das wurde schon einmal gezeigt, gefällt mir aber so gut.

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Niederschönhausen als Szenenbild und Vorschau

Wir sind die Tage ins Kino gegangen „In Zeiten des abnehmenden Lichts“

nach dem gleichnamigen Roman von Eugen Ruge. Der hat schon vor geraumer Zeit Furore gemacht und wurde auch beim Freitag ganz interessant besprochen.

Amanda   Achim Engelberg      Jana Hensel im Gespräch mit Eugen Ruge

Nun also der Film. Bevor ich um den Film herum erzähle, muss ich erst die Szenerie beschreiben.

Das ehemalige Städtchen in Niederschönhausen 

DSCI2035

Eine Ausstellung über das Schloss Schönhausen zeigte auch dieses Foto von einst mit den strengen Einlasskontrollen.

Schloss 4 serh gut

Heute kann man dort unbehelligt raus und rein gehen,

obwohl die Bundesakademie für Sicherheitspolitik formal ordentlich warnt…

Schießbefehl2

Am  Majakowskiring steht dieses merkwürdig altmodisch-theatralische Gebäude.

Majakowski Theater

Es ist die Kasbaum-Villa, benannt nach einem Fotografen. Was sich jetzt darin abspielt, ist nicht bekannt.

Blick in den Boris Pasternak Weg

Blick in die Stille Straße, in der ein bekannter Roman von Monika Maron spielt. Er heißt allerdings „Stille Zeile 6“.

Haus Tabatabai

Dieses Haus – in dem einst Otto Grotewohl residierte, wird heute von einer bekannten Schauspielerin bewohnt.

 

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Die gedruckte Zeitung

Ehrlich gesagt, habe ich zu dem Thema eigentlich gar keine so dezidierte Meinung. Oder doch? Deutschlandradio bringt heute nachmittag ein Streitgespräch zum Thema. Ist die gedruckte Zeitung noch zu retten?

Der ehemalige Chefredakteur von Spiegel und Süddeutscher, Werner Kilz, plädiert für die gedruckte Zeitung:

Die Zeitungen müssen sicher sich also neue Geschäftsmodelle einfallen lassen. Aber ich bin mehr denn je überzeugt, dass wir auch, wenn man heute mal rechnet, vielleicht  in zehn Jahren noch Zeitungen haben werden und auch noch ausliefern. Sicher mit weniger Auflage, aber es bleibt das Informationsmedium einer gesellschaftlichen Elite.

Sein Kontrahent – der Netzjournalist Richard Gutjahr empfiehlt:

Gehen Sie und sehen Sie, was die Menschen in den Händen halten, wenn sie an der Haltestelle stehen. Die Bildschirme haben gewonnen.

Ich gehe davon aus, dass der Streit unentschieden enden wird. Dass die Zeitung das Informationsmedium einer gesellschaftlichen Elite sein wird, halte ich aber für ziemlich zweifelhaft. Auch BILD hat gedruckte Ausgaben und die sind heute – wenn sie in gedruckter Form zu sehen sind – in den Händen von Menschen, die man weniger zur Elite zählt.

Ich muss sagen, es könnte mir eigentlich wurscht sein. Ich lese – auch den FREITAG – nur noch digital. Ich lese auch eine Menge Bücher nur noch digital. Ich bin entzückt über das Ausmaß an Möglichkeiten. Ganze Klassikerbibliotheken kann man mit sich herumtragen.

Als Lampenschirme

sehr erleuchtend

Ein schöner sehr konkreter und dinglicher Kommentar zu diesen Fragen kam mir kürzlich auf einem meiner Einkaufs-Stadtspaziergänge unter. Ich kam an einem Laden vorbei oder –  nein kein Laden – ein Büro. Und die befassen sich offensichtlich – neben vielem anderen – mit Innenarchitektur, Gestaltung in allen möglichen Formen und möglichst unkonventionell, individuell.

ORTerfinder heißt dieses Büro.

Und die stellen im Schaufenster u. a. auch ein Material aus, das ihnen zur Herstellung recht erleuchtender Objekte dient: Geschreddertes.

Papierschnipsel1

Karton, Magazin, Zeitung – geschreddert und bereit zu neuer Verwendung

Schirme aus gepresstem Papier

Super – Lampenschirme, die vielleicht sogar in Redaktionsbüros ein den Raum und die Stimmung erhellendes Accessoir sein könnten.

Motto: Die Druckversion erleuchtete nicht so richtig, die Recycelversion erleuchtet Euch wenigstens die Räume.

 

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Vier von 890. 000

Das Chaos am Berliner LAGESO – es ist jetzt fast schon zwei Jahre her- haben viele Menschen damals mit Anteilnahme und Empörung verfolgt. Es gab zahlreiche Aktivitäten zur Hilfe. Ich bin auch zweimal hingefahren und habe Sachen abgegeben. Schon damals hatte ich das Gefühl, dass die größte Herausforderung nach der aufreibenden Flucht über Land und Meer das Warten im alles umschlingenden deutschen Bürokratie-Dschungel sein würde. Zwischen Stillstand, Verunsicherung, Ohnmacht und Hoffnung bewegt sich das Leben von vier Flüchtlingen, die ein Filmteam unter dem Regisseur Jan Tenhaven über ein Jahr lang begleitet hat.

In Leutkirch auf der Schwäbischen Alb begegnet das Team der syrischen Maschinenbaustudentin Samiha Adakkak. Sie wartet auf die Anerkennung als Flüchtling. Sie sucht ein Praktikum. Das Bewerbungsgespräch – noch kann die Samirah nicht so gut deutsch – wird ein Kabinettstück an Freundlichkeit und Missverständnis. Samiha lächelt, aber sie weiß nicht so recht, worum es geht. Sie hat eine richtige Freundin gefunden – eine der Helferinnen im Flüchtlingslager. Diese Freundschaft hält auch an. Als ich mit meiner Begleiterin gegenüber dem Kino Babylon, wo wir zum Preview des Films eingeladen waren, im Cafe saß, kamen zwei junge Frauen vorbei, sehr vertraut miteinander. Wir sahen sie später im Film wieder. Und sie kamen gemeinsam am Schluss auf die Bühne wie alle Menschen, die der Film durch das Jahr begleitet hatte.

PEGIDA oder normal?

Wenn Said aus Afghanistan in einem Laientheater mitspielt und die Menschen in „Pegida oder normal“ einteilt, könnte man anregen,ein T-Shirt mit diesem Aufdruck herzustellen.

Die Tschetschenische Hausfrau, Zainap die fünf Stunden angehört wird, um ihre Flucht zu begründen, hat die Hölle der Angst hinter sich und viele viele Wochen der höllischen Ungewissheit vor sich – wie alle der Geflüchteten. Herrlich schräg zur mal wieder aufgeflammten Kopftuch- und Bedeckungsdebatte in diesem Lande konstatiert sie: Ich kann hier mein Kopftuch tragen, niemand stört das – im Gegensatz zu daheim. Huch, denkt man. So anders ist das Leben, ist der Alltag als die medial erzeugte Welle  – und das im brandenburgischen Groß Schönebeck.

Der syrische   Flüchtling Hassan gehört zu denen, die auf dem Wege nach Deutschland alles verloren haben. Er floh, weil er nicht kämpfen wollte in diesem schrecklichen Kriege. Seine Frau, die mit einem Sohne zurückblieb, war im siebten Monat schwanger, als er ging. Sie wandte sich einem anderen zu, jetzt hofft er, dass die Kinder zu ihm kommen können. Er hat seine Eltern hier, er ist nicht ganz alllein, aber – gerade er – wirkt so verloren und unsicher.

Besonders beeindruckend aber fand ich, dass alle die Geflüchteten Menschen hier fanden, die ihnen helfen. Zwar ist es immer wieder schwer, zu motivieren und für Hilfe zu gewinnen. Es ist eine Arbeit und manchmal auch wirklich eine schwere Arbeit, die viel viel Geduld erfordert. Die Pfarrersfrau aus Groß Schönebeck hat ihre liebe Not, Helferinnen und Helfer zu überzeugen. Und sie steht dann fünf Stunden und wartet auf die Frau aus Tschetschenien.

Das Verhältnis des jungen Said aus Afghanistan zu seinen „Adoptiveltern“ macht ihn den schrecklichen Verlust der eigenen Eltern nicht vergessen, aber es hilft ihm, sich den etwas schrägen eulenspiegelischen Humor zu bewahren, der ihn kennzeichnet.

Der Hass in den sozialen Medien, Hassausbrüche vor Ort durchziehen den Film visuell und auch in den Berichten der Flüchtlingen spielen sie eine Rolle. Said sagt einmal, er fürchtet sich nicht, wenn er nur einen Pegida-Menschen sieht. Er fürchtet sich, wenn sie in Gruppen kommen. Die sozialen Medien dokumentieren aber auch die Hilfsbereitschaft, die sich viel weniger in den Medien widerspiegelt.

Der Film zeigt und erzählt mit der Kamera, er kommentiert, aber wertet nicht. Und das ist auch gut so. Dass es Konflikte dieser und jener Art gibt, das läuft manchmal zwischen den Sequenzen in einem beiläufigen Satz mit.

Deutschland ist ein ambivalenter Ort. Manche Menschen “tun“ oft sehr weltläufig, aber sie fürchten sich vor zu viel Welt da draußen. Andere zeigen deutlich ihre Abwendung und andere wieder zelebrieren ihren Hass.

Dagegen hilft immer nur immer wieder: Die Menschen zeigen, die zu uns gekommen sind.

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Am Ende viel Beifall für die Autoren und die Mitwirkenden des Films

Sendevorschau Dieses bunte Deutschland  

Dieses bunte Deutschland – Über den Mut nach der Flucht“. Er lief in der Preview am 18. Mai 2017 im Babylon und ist am 31. Mai im Ersten zu sehen. 

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Cherchez la femme

Seit die BILD Zeitung das Wesen der deutschen Leitkultur mit einer Negation auf den Minuspunkt gebracht hat (Wir sind nicht Burka) muss man sich fragen, wo dies schreckliche Kleidungsstück eigentlich in Deutschland zu finden ist.

Wer sich auf die Suche macht, wird fündig: Im Jüdischen Museum ist es zumindest erwähnt – das umstrittene Kleidungsstück und auch zu finden.. Nämlich in der wunderschönen Exposition, die sich unter dem Motto: „Cherchez la femme – Perücke, Burka, Ordenstracht“ mit Verhüllungen in allen monotheistischen Religionen visuell höchst attraktiv beschäftigt.

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Hier eine Vitrine mit vielen Beispielen bis hin zu Burka und Hijab

Sie hat einen etwas breiteren Ansatz und am Ende kommen auch die Männer noch drin vor.

Der Trailer zur Ausstellung mit einer Video-Performance 

Die kleine, zauberhafte Schau wartet mit vielen Beispielen über Form und die Funktion von Verhüllung auf.  Sie dokumentiert auch die sehr unterschiedlichen Erklärungen dafür. In Erinnerung wird gerufen, dass es nicht nur um Religionszugehörigkeit, sondern auch um kulturelle, ethnische, familiäre Zugehörigkeiten geht. Dies kann in einer Umgebung, die manche feste Gewissheiten ins Wanken bringt und neue Anpassungen fordert, durchaus ein Grund sein, Bekleidungen und Bedeckungen wieder zum Zeichen zu machen.

Wobei gerade am Beispiel der Bedeckungen und Verhüllungen sehr viel Entwicklung und Veränderung zu beobachten ist. Das fällt dann auf, wenn junge Mädchen in knallengen Jeans und auch ziemlich „heißen“ Oberteilen ankommen, aber das Kopftuch tragen. Die passen sich auf ihre schräge Weise an, das Kopftuch – es ist ein Accessoire der Gruppenzugehörigkeit, aber mit Züchtigkeit hat es überhaupt nichts oder wenig zu tun.

Als ich kürzlich in einem Gespräch mit jungen Frauen in der Ahmadiyya Moschee die Erklärung hörte, dass es darum gehe, die Reize der Frauen zu verdecken, musste ich innerlich ein bisschen grinsen. Die jungen Frauen heutzutage machen es den Deuterinnen nicht so einfach. Sie interpretieren dieses „Gebot“ eher reichlich subversiv.

Sehr oft ist es das Haar z. B., das es zu bedecken gilt. Das ist z. b. das Thema von „Chelgis“.

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Chelgis – die Installation der im Iran geborenen Künstlerin Mandana Moghaddam stellt damit die ungebändigte „ungeordnete“ Kraft des weiblichen dunklen langen Haares dar. Die Identität aber der Haarträgerin bleibt verborgen. Die Vitrine spiegelt zufällig auch den männlichen Blick.

 

 

 

 

 

Das Bedecken ist oft auch das Bändigen. Das wird nicht nur in diesem Zusammenhang deutlich. Auch die schöne ellenlange Videoperformance, bei der eine junge Türkin erstmal alle verschiedenen Bekleidungen ablegt und dabei immer die Namen der Familienmitglieder murmelt, die sich auf die eben abgelegte Weise bedeckt haben,  handelt vom Bändigen.

Bedecken, Entdecken

Verschleiern, Entschleiern

Kleiderordnungen gab und gibt es in allen Religionen, in vielen Kulturen. Eine junge Muslima drückte in einem Videofilm aus, was ziemlich eindeutig ist. Männer sind viel seltener in die Pflicht genommen, ihre Religionszugehörigkeit mit ihrer Bekleidung zu zeigen – wenn sie es tun, dann tun sie es freiwillig. Z. B. orthodoxe Juden.

Die Frauen in der jüdischen Religion haben sich über die Jahre sehr unterschiedlich bedeckt. Auch das ist zu sehen.

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Die jüdische Sitte, die eigenen Haare unter einer oft sehr kleidsamen Perücke zu verstecken wird  – neben vielen unterschiedlichen Haarbedeckungen – reichlich und interessant bebildert.

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Unterschiedliche Regionen mit unterschiedlichen Kopfbedeckungen

Natürlich nehmen die so unterschiedlichen öffentlichen Debatten um das Thema einen breiten Raum ein. Ein orthodoxer Jude, der wegen seiner öffentlich gezeigten Religionszugehörigkeit angegriffen wird, wird in Deutschland immer Alarm auslösen, aber eine muslimische Frau, die ihre Religiosität durch das Kopftuch dokumentiert, wird weniger mediale Solidarität erleben. Es ist klar, warum das so ist, aber es ist  weniger gut, die Irritationen über zuviel religiöse Zeichen in der säkularen Öffentlichkeit vornehmlich an den Frauen abzuarbeiten.

Eine zwielichtige Zuschreibung

sollte ernst genommen werden

Die Wendung „Cherchez la femme“ (Such‘  die Frau) wurde einst – so kann man nachlesen – im  Zusammenhang mit schweren Straftaten verwendet. Gemeint ist damit, dass man bei bestimmten raffinierten Kriminalfällen zuallererst fragen sollte, ob eine Frau dahinter steckt. Eigentlich eine ziemlich negative Bedeutung. Heute kann man das getrost ins Positive wenden, aber man sollte diese Aufforderung dann auch ernst nehmen:  „Cherchez la femme“ und zwar jede einzelne,  ob mit Perücke ob unter Kopftuch, Hijab oder Burka. Jede einzelne Frau erst einmal auf ihre Weise ernst zu nehmen und nicht als Beweismittel, Symbol oder Objekt fremder Bestimmungen zu betrachten, das wäre schon eine gute Suche.

Wie auch immer – es ist ein reiner, aber höchst erfreulicher Zufall, dass mit dieser der medial inszenierten Leitkulturdebatte, dem peinlich propagierten Zeitgeist wunderbar ein Bein gestellt wird und die die Verhüllungen gleich auch noch allerlei entlarvt und enthüllt.

Übrigens: Einst waren die einzigen Frauen, die keine Kopfbedeckungen trugen, die Sklavinnen. Denen war es verboten.

Hier ist das entsprechende Journal dazu zu lesen.

https://www.jmberlin.de/ausstellung-cherchez-la-femme

 

 

 

 

 

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