Widerstand und Liebe

(4. Teil meiner biographischen Erkundungen – meine Mutter gerät in die Fänge der GESTAPO) )

Meine Mutter war immer eine entschiedene Gegnerin der Nazis. Sie erklärte – nach dem Kriege – dass doch jeder hätte sehen müssen, dass dieser Hitler ein Verbrecher war. Diese Entschiedenheit hat mich in ihrer Eindeutigkeit beeindruckt. Aber ich frage mich – jetzt so aus der Vergangenheit – ob dahinter nicht auch der Groll auf diesen prominenten „illegitimen“ Vater steckte. Aber, über ihn sprach sie nie ein böses Wort. Es muss eine instinktive Abwehr gewesen sein. Ihre Erinnerungen an jene Zeit legen das nahe.  Es kann auch zu tun haben mit der Mitgliedschaft in der Kirchengemeinde, St. Liebfrauen in Leipzig Lindenau.

Pfarrer Theo Gunkel 1898 – 1972

Es gehört zu den dialektischen Faszinosa des Internets, dass dieses so moderne zukunftsweisende Medium Schätze aus der immer tieferen Vergangenheit zugänglich macht. Bei den Recherchen über meine kleine Familie wurde mir das wieder besonders deutlich.

Der Pfarrer der Liebfrauen-Gemeinde, Theo Gunkel, seiner Gemeinde im Arbeiterbezirk tief verbunden und von großer Güte und Einfachheit, war ein entschiedener Gegner des Naziregimes. Auf ihn bezog sich meine Mutter oft, wenn sie ihre Gegnerschaft zum Naziregime erklärte. Sie erinnerte an die Gespräche über die sehr bekannte Enzyklika von Papst Pius XI., Mit brennender Sorge, die dezidierte Worte der Ablehnung gegenüber dem Naziregime mit seinen „neuen Göttern“ formulierte. Pius XI. war Vorgänger von Papst Pius’XII, der damals katholischer Nuntius in Deutschland war.

Pfarrer Gunkel und seine Mitbrüder des Oratoriums Philip Neri positionierten sich sehr klar gegen das Naziregime und als die Judenverfolgungen begannen, halfen sie auch Bedrängten, wie ich jetzt erst jetzt viel deutlicher durch Internet-Recherchen erfuhr.

Bernd Lutz Lange über Theo Gunkel

Eine Gedenktafel in Lindenau erinnert daran

Meine Mutter hatte auch in ihrem beruflichen Umfeld – der ATG – ziemlich deutlich die Nazis verdammt und zwar so, dass sie einmal ein Verfahren wegen Führerbeleidigung am Hals hatte und später auch – aber aus anderen Gründen – unter Gestapoaufsicht geriet. Ihre Kollegen warfen ihr Leichtsinn und Mangel an Vorsicht vor, warnten, dass man sie irgendwann nochmal „abholen“ werde. Aber – so erzählte sie uns – sie habe einfach den Mund nicht halten können.

Französische Zwangsarbeiter.

Die ATG – Zulieferer der Rüstungsindustrie, zum Flickkonzern gehörend – hatte in den Jahren ab 1942 starke Zugänge an Fremdarbeitern, aus Frankreich. Meine Mutter, die recht gut französisch sprach, wurde zu ihrer Betreuung eingesetzt. Man muss wissen, dass es auch solche Fremdarbeiter gab, die sich freiwillig hatten rekrutieren lassen. Sie wohnten zwar in Gemeinschaftsunterkünften, auch für sie galten strenge Regeln und Ausgangsverbote, aber sie wurden weniger scharf überwacht.

Ein Fremdarbeiter namens Marcel Emphraix aus Montlucon in Frankreich und meine Mutter verliebten sich ineinander. Meine Mutter hat nie genau erzählt, ob er freiwillig nach Deutschland gekommen war. Seine Kameraden – ob freiwillig oder zwangsverpflichtet – waren alle stark interessiert am weiteren Kriegsverlauf.  1944 wurde ein Kind geboren – mein Bruder Andreas – und meine Mutter kam noch 1944 Haft.

Bericht für einen Pfarrer

Was weiter geschah und wie sich alles zum Tragischen entwickelte hat meine Mutter viele Jahre später in einem langen Brief an einen katholischen Pfarrer, der ihr geraten hatte, ihre Erinnerungen aufzuschreiben, berichtet

Der Bericht ist recht lang. Ich stelle ihn hier – unwesentlich gekürzt so nach und nach vor. Der Bericht ist so wie meine Mutter war: Immer ohne Pathos immer aufs Alltägliche konzentriert und jenseits allen Trachtens nach Heldentum. Meine Mutter ist nicht nur katholisch erzogen, sie war auch immer sehr der Kirche verbunden und religiös. Und ihre Verbindungen zur Liebfrauengemeinde in Lindenau waren von Fürsorge bestimmt. Ein uneheliches Kind von einem Fremdarbeiter hinderte den Pfarrer Theo Gunkel, den ich selbst noch kennenlernte und mit dem ich Jahre später lange Gespräche führte, wenn ich ihn in Leipzig-Lindenau besuchte, nicht, sich besonders um meine Mutter zu kümmern. Sie vermittelte z. B. einem französischen Priester, der als Fremdarbeiter in Leipzig war, die Möglichkeit, eine Heilige Messe zu lesen. Sie engagierte sich in der Gemeinde und war dort mit ihrer Nazigegnerschaft in einer gutem Umgebung.

Sehr geehrter Herr Pfarrer R.

Sie hatten die Freundlichkeit, mir das „Gefängnistagebuch“ von Luise Rinser auszuleihen.

Ich habe es mit besonderer Aufmerksamkeit gelesen und danke recht herzlich dafür. Sie können es mir sicher nachfühlen, daß es mich als ehemaligen Häftling des Naziregimes, die ich doch den gleichen Weg wie die Verfasserin gegangen bin, außerordentlich bewegt und erschüttert hat.

So werde auch ich nun versuchen, Ihnen in einem Bericht das wiederzugeben, was ich in meiner Haft erlebt, erlitten und ertragen habe.

Wie es zu meiner Inhaftierung kam

Ich arbeitete damals in einem großen Rüstungsbetrieb als Kontoristin und Stenotypistin. Auch in unserem Werk, gleich vielen anderen, waren ausländische Arbeiter beschäftigt. Hauptsächlich Franzosen und Belgier. Da ich ihre Sprache so ziemlich gut sprechen kann, wurde ich alsdann für ihre Angelegenheiten als Dolmetscherin herangezogen. Doch dabei blieb es nicht. Weil die Leute unsere Zeitungen und auch Radionachrichten nicht lesen und verstehen konnte, so habe ich ihnen vieles übermittelt, was sie besonders interessierte: die Lage an den Fronten usw.

Ich hatte Bekannte, die hatten einen großen Radioapparat. Wir haben sehr viele Auslandssendungen miteinander abgehört. Und, das was ich dann gemacht habe, war nicht richtig von mir, lieber Herr Pfarrer. Die Leute, Herr und Frau G., kamen durch mich in eine große Bedrängnis. Sie waren nur 10 Tage in Haft. Doch wie es zu meiner Inhaftierung kam, will ich Ihnen zuerst erzählen und muss Ihnen dann noch über Herrn und Frau G.  im Besonderen erzählen und berichten. Das hat nämlich einen bestimmten Grund.

Doch nun zuerst zu meiner Festnahme

Die Nachrichten des Londoner Rundfunks habe ich auf kleine Zettelchen mit der Maschine ins Französische übertragen, auf einer Ormigmaschine abgezogen und dann den Leuten, wenn ich in den Betrieb hinunterging, in die Taschen hineingesteckt. Ich forderte sie auf, das Tempo zu verlangsamen, nicht so schnell zu arbeiten, der Krieg sei sowieso verloren, und die verhassten Nazis würden millionenfach gehängt werden. So und ähnlich waren unsere Parolen „a-bas Hitler“, das war unsere Devise, wenn ich mich mit den Ausländern (traf) und sie sich mit mir unterhielten. So was konnte ja nicht lange gutgehen. Ich bin manchmal sehr impulsiv und ich war auch in unserer Abteilung in politischer Hinsicht ein Draufgänger und dafür allgemein bekannt. „Dich holen sie noch mal“, warnten mich meine Kolleginnen immer wieder. „Mit Euch kann man auch kein Pferd mausen gehen“, w[ar oft meine lakonische Antwort. Von Natur bin ich ein Träumer, doch dieses verhasste Regime regte einen immer wieder von Neuem auf.

Es kam der 23. Juni 1944

Ich wurde früh, als ich in unsere Abteilung kam, gegen 9.00 Uhr von der Gestapo abgeholt. Es waren zwei Beamte, die mich mit dem Auto in die Auenstraße brachten. Das ging alles sehr ruhig und ohne viel Aufhebens vonstatten. In der genannten Straße waren damals das Gebäude und die Büros der Gestapo untergebracht.

Sie wissen ja, Herr Pfarrer, dass ich als unverheiratete Mutter zwei Kinder habe. Andreas ist 1944 geboren, Magdalene ist 1946, nach dem Krieg geboren. Das muss ich nochmal erwähnen, im Verhör spielte das alles eine große Rolle.

Ich wurde sofort in das Dienstzimmer eines Gestapobeamten buchstäblich hineingeschoben. Das Aussehen dieses Mannes und mag es nun 30 Jahre her sein, kann ich Ihnen, lieber Herr Pfarrer, heute noch ganz genau beschreiben. Aber das ist ja nun nicht so wichtig.

„Nun setz Dich mal hin, Du kleines gefährliches Biest, da geht aber der Kopf runter und Deine unschuldige Fresse wirst Du nie wieder aufmachen können“. So begann er mit dem Verhör. Er schlug unbarmherzig auf mich ein. Die Brille fiel auf die Erde und ich konnte mich auf seine Fragen gar nicht richtig konzentrieren.

„Du hast ja selbst kein Radio und nun sag uns, wo Du die Sendungen gehört hat, gib uns die Adresse an, wo die Leute wohnen“! Ich habe mich hartnäckig geweigert, eine Auskunft zu geben. Er hat mich nicht mehr geschlagen, aber dann stellte er eine furchtbare Bedingung. „Ich gebe Dir eine halbe Stunde Zeit zum überlegen, nennst Du uns nicht die Adresse, dann muss Dein Kind dran glauben. Ein Ferngespräch an unsere Dienststelle in Lörrach und Dein Junge wird das zweite halbe Lebensjahr nicht mehr beginnen. Da machen wir kurzen Prozess und sein Lebenslichtlein wird ausgepustet!“ Mein Junge – das Kind von Marcel Emphraix, einem Fremdarbeiter, war in dem Ort in einer Pflegestelle untergebracht, bei einer Frau Weber. Unsere Gemeindeschwester in der Liebfrauengemeinde hatte mir diese Stelle besorgt.

So war er dorthin gekommen. Auf der vorhergehenden Seite hatte ích ja schon meinen kleinen Jungen erwähnt—. Ich bekam fast einen Schock, diese Eröffnung lähmte alle meine Sinne.

Er hatte mich bei meiner schwächsten Stelle gepackt. Und die Leute, Herr und Frau G. kamen nun durch mein Verschulden ebenfalls in diese furchtbare Bedrängnis, wie ich es Ihnen, Herr Pfarrer, ja schon angedeutet hatte. Ich hatte nun die Adresse angegeben und auch sie wurden gleich verhaftet. Auch das hatte ich Ihnen zum Verständnis erwähnt, dass die beiden Gottseidank nur acht oder zehn Tage in Haft waren. – Doch will ich nun weitererzählen.

Fortsetzung folgt demnächst.

Hier sind die bisherigen Teile der Familiengeschichte

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Marianne zwischen Simpelveld und Köln

(3. Teil meiner biographischen Erkundungen. Marianne – meine Mutter- war in Dessau, um ihren Vater um Hilfe zu bitten. Hinter ihr lagen bittere Jahre. )

Simpelveld

Ob es zwischen Helene und dem Vater ihrer Tochter Marianne noch Kontakte gab, darüber ist nichts bekannt. Helene-Laura, die sich später Sonja nennt, verließ Stettin und auch der preußische Leutnant ist in Richtung Berlin weiter gezogen.

Meine Mutter erinnerte sich zwar, dass sie als kleines Kind einmal in Berlin war, aber ob dieser Aufenthalt etwas mit ihrem Vater zu tun hatte, ist sehr zweifelhaft.

Laura, Sonja, Helene Geisler wollte bekannter werden, neue Engagements finden. Darum zog sie mit dem Kinde durch viele Städte Deutschlands. Marianne wurde manchmal sich selbst überlassen, manchmal überschwänglichen Liebesbezeugungen ausgesetzt. Bald aber wurde sie lästig, weil sie die Pläne der Mutter störte. Die verwendete alle Kraft auf ihre Karriere, auf ihr eigenes Leben. Als das Kind zur Schule musste und es die Mutter nicht mehr zu den Orten ihrer Engagements begleiten konnte, wurde es in das katholisches Mädchenpensionat gegeben – nach Simpelveld in den Niederlanden, nicht weit von Aachen.

Blick auf das Kloster der Schwestern vom Armen Kinde Jesu. Foto aus den Jahren um 1900

Bei den Schwestern vom armen Kinde Jesu verbrachte das Mädchen Kindheit und Jugend bis zum 17.Lebensjahr. Dort konvertierte Mariannezum Katholizismus. Sie hat ein kleines Dokument hinterlassen, auf dem diese Konversion in französischer Sprache bescheinigt ist. Warum in Französisch weiß ich nicht. Sie erwähnte einmal, das sie im Verlauf des ersten Weltkrieges wohl eine Weile auch in Belgien war. Ich sehe es mir hin und wieder an. Am 18. November 1915, im Alter von elf Jahren, wurde aus dem in der Stettiner Lutherkirche evangelisch getauften Mädchen ein katholisches. Ihr biologischer Vater ist zu dieser Zeit in Frankreich im Krieg, er führt einen Scheinwerferzug  – beleuchtet das Schlachtfeld.  Die Mutter besucht sie wohl zu Beginn hin und wieder, aber bald lässt sie nichts mehr von sich hören. Sie habe das für die Erziehung der Tochter bestimmte Geld, das der Vater gezahlt haben soll, wohl lieber für sich selbst verwendet, berichtet die Familienkolportage.

Die Folgen für Marianne sind eine wenig unterdrückte Geringschätzung durch die erziehenden Nonnen und ständige Ermahnungen zu besonderer Demut. Marianne lernt ordentlich, in den Fächern, in denen auch ihr Vater gut war. Sprachen lernt sie schnell, besonders eifrig ist sie in Französisch, auch im Aufsatz bekommt sie gute Noten. Vom Gesangstalent der Mutter hat sie ebenfalls ein wenig geerbt und singt im Kirchenchor kleine Solopartien. Mit 17 Jahren wird sie aus dem Pensionat entlassen. Sie geht allein und zu Fuß  – in einem Handwagen sind ihre Sachen – nach Aachen, um von dort weiter nach Köln zu reisen. Sie will sich mit der Mutter treffen.

Begegnung in Köln

Helene oder Laura oder Sonja Geisler war in den zwanziger Jahren längere Zeit in Köln im Engagement. Als die Tochter sie aufsuchte und vorschlug, gemeinsam zu wohnen, muss sie das sehr erschrocken haben. Es erschien ihr absolut indiskutabel, in Verbindung mit einer Tochter gebracht zu werden, aus deren Alter man auf das ihre schließen konnte. Sie war fest davon überzeugt, dass es in Köln, der Stadt „wo mich doch jeder kennt“ einen Skandal geben würde, wenn bekannt würde, dass sie Mutter eines Kindes und auch noch in diesem Alter ist. Sehr wahrscheinlich ist auch, dass sie einen Geliebten hatte. Auch da hätte die Tochter gestört. Und dieses Kind hatte ziemlich konventionelle Vorstellungen über die Führung eines Haushaltes und über Ordnung im Leben. Die klösterliche Erziehung hatte Spuren hinterlassen.

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Köln am Beginn des 20. Jahrhunderts

Sie kamen also nicht zusammen, die Mutter und ihre Tochter. Sie trennten sich in tiefem Groll. Meine Mutter sprach von der ihren nur noch im Ton höchster Verachtung. Die Tochter musste für sich selbst sorgen.

 Ein Dienstmädchenleben

„Zu Beginn des 20. Jahrhunderts bestand eine große Nachfrage nach Dienstmädchen, doch ihre Lebensumstände waren schlecht. Oft unterdrückt von herrischen Hausfrauen mussten sie auch in der ständigen Angst vor sexuellen Übergriffen der Hausherren oder Haussöhne leben. Das Ziel des Mädchenschutzes, die Frauen vor der Prostitution oder dem Status des „gefallenen Mädchens“ zu retten, wurde so nicht immer erreicht. Auch der Versuch des katholischen Mädchenschutzes, christliche Werte wie Tugendhaftigkeit und Reinheit zu vermitteln, verblassen vor diesem Hintergrund. Die Zielsetzung des Mädchenschutzes lag dennoch vor allem in der Vorbereitung der jungen Frauen auf ein späteres Leben als Hausfrau und Mutter“.(Aus einer Hausarbeit der Universität Köln)

Nach der wenig harmonischen Begegnung mit der Mutter suchte sich Marianne eine Stellung als Dienstmädchen. Sie arbeitete im Rheinland und Niedersachsen genau zehn Jahre lang in verschiedenen Anstellungen. Fast jedes Jahr wechselte sie die Herrschaft. Davon hat sie oft erzählt und alles, was sie berichtete, war von Bitterkeit durchtränkt. Gleich bei der ersten Stellung in Köln erlebte sie, dass die rheinländische Gemütlichkeit auch ihre brutalen Seiten hat. Vom Hausherrn einer Familie, bei der sie angestellt war, wurde sie vergewaltigt und es kam zu einem Prozess, der für das junge Mädchen voller Peinlichkeiten und Anschuldigungen war. Die Autoritäten der zuständigen Ämter hätten erwogen, sie ins „Kloster zum Guten Hirten“ zu bringen. Diese Einrichtung kümmerte sich damals um junge Mädchen, die in Gefahr schwebten, der Prostitution zu verfallen. In einer anderen Familie borgte sich die Dienstherrin Geld von ihr, das aber niemals zurückgezahlt wurde.

Versicherungskarten

Einige Nachweise ihrer Beschäftigung in der „Rheinprovinz“ waren noch in ihrem Nachlass zu finden. Ich erinnere mich, dass sie hin und wieder über ihre Anstellung auf der Burg Hemmersbach in Horrem sprach. Dies war der Landsitz der Grafen von Trips, deren Sohn der später sehr bekannte der Rennfahrer Graf Berghe von Trips ist. Dort sei es ihr recht gut gegangen, erzählte sie, Es gab Regeln und Formen und ausgehandelten Lohn. Außerdem waren dort eine größere Zahl von Dienstboten, so dass sie nicht allein einer kleinbürgerlichen „Gnädigen Frau“ ausgesetzt war, welche die eigene Unbedeutendheit am Dienstmädchen abreagiert. Zwei der acht Versicherungskarten, die meine Mutter aufbewahrt hat, sind in Horrem Bezirk Köln ausgestellt. Weitere Versicherungsnachweise gibt es von ihr über eine Stellung in Köln , dann in Horn in Lippe und in Hannover.

Über diese Zeit zwischen 1923 und 1933 erzählte meine Mutter immer mit großer Bitterkeit. Sie konnte sich in die für sie ausersehene dienende Rolle nicht hineinfinden, ein innerer Stolz hinderten sie daran. Zudem war sie recht gut ausgebildet und fühlte sich oftmals – so hat sie es berichtet – ihren Dienstherren überlegen. Was auch immer sie mir berichtete, es handelte davon, wie traumatisch für sie diese Jahre waren. Sie haben sie mehr geprägt als die sehr demütigende Behandlung in Simpelveld. Von den Leiden und Erniedrigungen, die noch folgen sollten, ganz zu schweigen.

Versicherungskarte aus Horrem aus der Dienstzeit bei den Grafen von Trips

So sind immerhin zwei der acht Versicherungskarten, die meine Mutter aufbewahrt hat, in Horrem Bezirk Köln für die Jahre 1927 und 1928 ausgestellt. Weitere Versicherungsnachweise gibt es über Stellungen in Köln, in Horn in Lippe und in Hannover. Aber, wo auch immer sie in Stellung war, sie konnte sich in die dienende Rolle nicht hineinfinden, ein innerer Stolz hinderte sie daran. Sie war ja recht gut ausgebildet und fühlte sich oftmals ihren Dienstherren überlegen. Was sie uns erzählte über diese Zeit handelte davon, wie sehr sie sich in diesen Jahren unterdrückt, aufgeliefert und fehl am Platz gefühlt hatte. Ich denke heute, dass diese Zeit sie mehr gekränkt hat als die sehr demütigende Behandlung im niederländischen Simpelveld. Von den Leiden und Erniedrigungen, die noch folgen sollten, ganz zu schweigen.

In den fünfziger Jahren sahen wir uns einmal einen ungarischen Film mit dem Allerweltskriminal-Titel „Schuldig?“. Es handelte sich dabei um eine Verfilmung des Romans „Anna Edes“ von Dezsö Kosztolányi. Darin werden die psychischen Misshandlungen und seelischen Demütigungen eines Dienstmädchens im Budapest der 20er Jahre beschrieben. Es ermordet daraufhin das brutale Paar. Meine Mutter kam damals weinend aus dem Kino, denn der Film hatte sie tief in der eigenen Empfindung getroffen. Die Erlebnisse als Dienstmädchen müssen es gewesen sein, die sie bewogen haben, ihren leiblichen Vater um Hilfe zu bitten. Sie muss erfahren haben, dass er Einfluss hatte, dass er ihr helfen konnte. Sympathie gab es wohl kaum.

Eine Arbeitsstelle in Leipzig

Er vermittelte Marianne eine Stelle im Büro in einem Betrieb in Leipzig. Allgemeine Transportanlagen (ATG)  war ein Betrieb der aufstrebenden Luftrüstung. Dort etablierte sie sich, bezog in Zimmer in Untermiete und lebte – wie sie sich gern erinnerte – ein ruhiges und gleichmäßiges Leben. Sie war beliebt bei ihren Kollegen. Und sie fühlte sich endlich befreit und geschätzt.

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Mein illegitimer Großvater – vom preußischen Leutnant zum Nazifunktionär

(2. Teil meiner biographischen Erkundungen)

Die Großmutter war ein Miststück, ein künstlerisch begabtes Miststück. Ich nehme an, dass das den noch sehr jungen Fahnenjunker Wilhelm Friedrich enorm fasziniert hat.

Wilhelm Friedrich L. aber war ebenfalls ein Miststück,  ein politisches Miststück, denn noch mehr als Laura Helene hat ihn –  später – ein Mann namens Adolf Hitler fasziniert. All das führte dazu, dass er später in Dessau, seiner Heimatstadt, den Bau eines reichlich protzigen Theaters initiiert hat. Vorher hat er sich noch an der Vertreibung der Bauhaus-Künstler aus Dessau beteiligt mit bösartigen antisemitischen Argumenten. Als das Theater eingeweiht wurde, war er schon tot, denn er ist bereits im Jahr 1935 gestorben, Sein aufopferungsvoller Kampf für Hitlers Machtergreifung hat dazu geführt, dass der Führer an seinem Grab die Trauerrede hielt.  Seine Funktion nannte sich Reichsstatthalter von Dessau Anhalt und Braunschweig. Sein Lebensweg wäre ein Gang durch die Dramen und Tragödien der deutschen Geschichte. Das soll hier nicht so ausführlich erzählt werden weil es die familiäre Linie, der ich ja folgen will, einfach zu sehr ausdehnt. Aber ich kann auf einige zusätzliche Texte von mir dazu verlinken .

Wer war Wilhelm Friedrich Loeper

Sein einziger Berufswunsch war, Offizier zu werden. So trat er 1903 als Fahnenjunker in das Pionierbataillon Spandau ein. Dann besuchte er die Kriegsschule in Neiße und wurde 1904 zum Leutnant befördert. Danach war neben Allenstein und Graudenz auch Stettin sein Standort, wo er Laura Helene begegnete.

Geboren wurde Wilhelm Friedrich Loeper 1883 als Sohn eines Apothekers in Schwerin, er wuchs aber in Rosslau an der Elbe auf, weil sein Vater die dortige Apotheke übernommen hatte. Er soll ein stilles Kind gewesen sein, das gern mit Soldaten spielte.

Ich frage mich. Wo könnten sich Wilhelm Friedrich und Laura begegnet sein. Hat er sie im Theater bewundert und nach der Vorstellung eingeladen? Sind sie an den Hakenterassen spazieren gegangen? Wo haben sie sich getroffen? Sie sind sich doch so nahe gekommen, dass ein Kind gezeugt wurde. Die spätere Prominenz Wilhelm Friedrich Loepers hat dazu geführt, dass es zahlreiche Bilder von ihm im Netz gibt. Er ist ein unscheinbarer Mann, wenig auffällig, wahrscheinlich auch nicht sehr groß. Kein Mann, der besonders viel Charme ausstrahlte.

Nicht verwandt mit seinem Kind

Ich hatte bei meinen Recherchen die Hoffnung, dass der Vater trotz der unehelichen Geburt irgendwie eine Spur in offiziellen Dokumenten – z. B. den Kirchenbüchern, die ich durchsah – eingetragen ist, aber wie ich jetzt weiß, war das ist nach der damaligen Rechtslage gar nicht möglich. Nach den Gesetzen der Kaiserzeit war er noch nicht einmal mit seinem Kind verwandt. Die Kindesmutter hatte zwar das Sorgerecht, aber nicht das Recht zu seiner gesetzlichen Vertretung. Dafür brauchte es einen Vormund, über den meine Mutter jedoch nie etwas berichtet hat. Anzunehmen wäre, dass es die Eltern der Kindesmutter waren oder die des Kindesvaters. Ein uneheliches Kind hatte bis zum 16. Lebensjahr Unterhaltsansprüche gegenüber dem Erzeuger. Da der preußische Leutnant für sein Kind aufgekommen ist, wie meine Mutter mir berichtete, muss er also die Vaterschaft anerkannt haben. Vielleicht war er sogar zugegen als das Kind getauft wurde, auch wenn er nicht im Taufregister als Vater auftaucht.

Wilhelm Friedrich wird bald zu anderen Standorten weiterziehen. Er besucht die Militär-Technische Akademie in Berlin. 1912 wird er zum Oberleutnant befördert.

Das weiß ich aus Quellen, die mir bis 1989 niemals bekannt geworden wären. geschweige denn, dass ich sie hätte in der Hand halten können. Daher weiß ich auch, dass er seine Liebe zum Theater bis zu seinem Tode behalten hat.

Der Eulenburg-Skandal

Wilhelm Friedrich L.‘s  Eskapaden sind ein Spiegelbild der Tändeleien des Zeitgeistes am Beginn des 20. Jahrhunderts, dieses ständigen Schwankens zwischen Schwärmerei, Eroberungsdrang, Poesie und Marschtritt. Was der Kaiser – der von allen verehrte Monarch – pflegte, konnte ja nicht vollends nichtswürdig und weichlich sein. Wenn er das Leben genoss mit Rosengirlanden und Gartenlaube, mit gefühlvollen Theaterstücken und allgemeiner Liebesschwärmerei, warum nicht auch ein kleiner Militär in dieser Zeit? Schon bald war es damit ohnehin zu Ende.

Ein Jahr nach der Geburt meiner Mutter erschütterte der Eulenburg-Skandal das Reich und ganz Europa. Die politisch-peinliche Debatte darum, ob Kaiser Wilhelm II. nicht mit zu vielen weibischen, weichen und schöngeistigen Spinnern verkehrte wurde umfassend geführt. Mit Philipp Fürst zu Eulenburg-Hertefeld, einem Diplomaten, Schöngeist und Salonkünstler hatte der Monarch die einzig wirkliche Freundschaft geschlossen. Der nutzte diese Freundschaft allerdings zu massiven politischen Intrigen und Einflussnahmen. Die Anschuldigungen des politischen Publizisten Maximilian Harden gegen ihn und die kaiserliche Kamarilla, die alle in den Verdacht der Homosexualität brachten, erschreckten die Schwärmer. Es ging Harden damals wohl nicht darum, Homosexuelle zu denunzieren, aber darum, Männer als Politiker zu vernichten, die – aus seiner damaligen Sicht – zu weich waren, „im Notfall das Schwert“ zu ziehen. Im Jahre 1908 wurde ein Prozess gegen Eulenburg wegen Meineids vor dem Berliner Landgericht eröffnet. Er hatte beschworen, keine homosexuellen Beziehungen unterhalten zu haben. Es fanden sich jedoch zwei Männer, die bezeugten, vor 20 Jahren mit ihm solche unterhalten zu haben. Wilhelm II. ließ seinen langjährigen Freund und Vertrauten sofort fallen.

Schluss mit den Tändeleien

Wilhelm Friedrich L. hatte seine Ausbildung fortgesetzt. Und nun wird bald Schluss sein mit der Tändelei und den Leichtfertigkeiten. Er ist gewappnet der preußische Leutnant: Gegen eventuelle Reizbarkeiten, Schwärmereien Spinnereien und Kunstsinnigkeiten. Auch gegen die Verführungen der Sinnlichkeit? Gegen die Frauen, das ewig unordentliche, verführerische und subversive Geschlecht? Waren sie nicht überhaupt die Urheberinnen allen Übels, die Frauen?

Jetzt ist er seriös geworden, lässt die unordentlichen Zeiten hinter sich, verlobt sich mit einer jungen Frau, die – nach dem, was bekannt ist – aus seinen Kreisen stammt und den Namen Elisabeth trägt. Energisch wendet er sich seiner wahren Bestimmung zu. Alles was ab jetzt in seinem Leben geschieht, ist nur noch militärisch-preußisch, hat mit seiner Offizierslaufbahn, mit Krieg und Kampf zu tun. Im Jahre 1912 war er zum Oberleutnant befördert worden. Im Sommer 1914 ist er 31 Jahre alt und führt einen Scheinwerferzug in einem Pionierbataillon, zuständig für die Beleuchtung der Kriegsszenerie und für Sprengarbeiten.

Das Attentat von Sarajevo erschüttert den Kontinent. Das „Augusterlebnis“, die überschwängliche Kriegsbegeisterung schlägt auch ihn in seinen Bann. „So muss denn das Schwert entscheiden. Mitten im Frieden überfällt uns der Feind. Darum auf! zu den Waffen! Jedes Schwanken, jedes Zögern wäre Verrat am Vaterlande.“ so hatte der Kaiser am 6. August das Volk zu den Waffen gerufen.

Der Glaube, dass ein solcher Waffengang jetzt schicksalhaft geboten sei, ist auch beim preußischen Oberleutnant L. unerschütterlich. „

 

Marianne in Dessau

Vater und Tochter kannten sich kaum.  Sie wusste nicht viel über ihn  und schon gar nicht war meine Mutter von Adolf Hitler oder den Nazis fasziniert. Ganz im Gegenteil. Ich nehme aber an, dass sie sich von ihm Hilfe bei der Suche nach einer Arbeitsstelle erhoffte. Das muss so 1933 gewesen sein und sie Ende Zwanzig. Damals habe er ihr gesagt, „Ihre Mutter konnte man nicht heiraten“. Das kann alles Mögliche heißen, sowohl dass sie ihn nicht für die Ehe wollte, weil sie ihr Leben anders leben wollte, als auch, dass er sie zurückgewiesen hat, weil er ebenfalls eine Karriere anstrebte, eine militärische. Als die Tochter zu ihm kam, war er verheiratet und nun kam die „Frucht einer sündigen alten Beziehung zu ihm. Eine Konstellation wie in einem Kitschroman.

Hier einige Links zu Texten über ihn beim FREITAG.

Ein Vorfahr und sein Krieg

Ein Vorfahr und sein Krieg II

Eine Ohrfeige in Oranienburg

Ein Vorfahr und sein Antisemitismus

(Wie es mit Marianne, seiner Tochter, meiner Mutter weitergeht folgt demnächst)

 

 

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All about Grandma

Meine Großmutter war ein absolutes Miststück. Allerdings muss ich mild sein im Urteil über sie, denn ohne ihren folgenreichen Fehltritt, mit dem sie meiner Mutter vor über 100 Jahren auf die Welt verhalf, hätte es schließlich auch mich nicht gegeben.

Es begann in Stettin

Stettin

Alles fing am Beginn des 20. Jahrhunderts in Stettin an – von dem ich weiß, dass viele interessante Menschen durch diese Stadt geprägt wurden (z. B. Kurt Tucholsky) – wo meine Großmutter am dortigen Theater als Sängerin wirkte. In der pommerschen Stadt war auch ein Fahnenjunker – 23 Jahre alt – stationiert, der aus dem anhaltinischen Dessau stammte. Er war in einer ehrenwerten Apothekerfamilie aufgewachsen und begann nun seine militärische Karriere an verschiedenen Standorten. Wer die Familie meiner Großmutter war, ist ein bisschen im Dunkeln. Die Rede geht, dass es eine angesehene Kaufmannsfamilie gewesen sei, die in Stettin ansässig war. Aber, das passt nicht so recht zur Karriere der Großmutter. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass sie – die wohl so ziemlich aus der Art schlug – am Ort ihrer Familie auch ihre Engagements absolvierte. Seltsam ist, dass wir nie darüber gesprochen haben. Wurzeln waren sowieso nie so von Bedeutung in unserem kleinen Familientorso und das gehörte nebenher auch zu einer der guten Seiten der DDR. Da war nicht so viel Familiensinn vonnöten.

Auf den jungen Wilhelm Friedrich Loeper also traf die ehrgeizige exzentrische Helene und es kam wie es kommen musste. Wer da wen verführt hat, ist nicht mehr auszumachen. Wer mit wem an den Hakenterassen in Stettin flirtete und wer welche Waffen einsetzte – keine Ahnung. Aber, ich vermute, die Großmutter hatte da so allerlei in petto.

In der Lutherkirche

Jedenfalls erscheint am 15. Juli 1906 eine junge Frau in der Stettiner Lutherkirche, um ihr Kind -ein Mädchen – taufen zu lassen. Geboren war es schon mehr als zwei Monate vorher – ein Siebenmonatskind, ziemlich schwächlich. Das war meine Mutter.

Der Kindesvater ist natürlich nicht angegeben. Die Kindesmutter hat als Vornamen einen ihrer vielen Künstlernamen verwendet. Sehr verrückt für die damalige Zeit „Laura“. Später nennt sie sich Sonja. Sie heißt aber Helene. Als Beruf  – selten an dieser Stelle – ist „Schauspielerin“ angegeben.

Das Kind hat die mir bekannten drei schönen alten Vornamen – Marianne Helene Ida. Taufpaten sind der Inspizient eines Stettiner Theaters mit einem französischen Namen, seine Frau und noch eine weitere weibliche Person mit einem polnischen Namen. Wahrscheinlich waren sie auch die einzigen Anwesenden bei der Taufe. Die Leidenschaft für das Theater wird die junge Mutter bald mit ihrem Kind aus der Stadt in die Welt treiben. Und der Kindesvater wird bald zu anderen Standorten weiterziehen. Weil ich Glück hatte, erfuhr ich auch darüber Genaues. Es gab wohl ein Arrangement, die die Vaterschaft geheim hielt gegen die Abrede, dass er für das Kind sorgt. Das hat er getan. Viel mehr nicht. Aber seine Liebe zum Theater hat er behalten, wie sein späteres Leben zeigt.

Bei meinen Nachforschungen erfuhr ich, dass meine Mutter evangelisch getauft wurde. Ich kenne sie nur fromm-katholisch. Das hat mit ihrer Geschichte zu tun.

Denn als die Mutter das Kind nicht mehr zu den Orten ihrer Engagements mitnehmen konnte, wurde es in ein katholisches Mädchenpensionat gegeben. Es verbrachte seine ganze Schulzeit bei den Schwestern vom Armen Kinde Jesus im niederländischen Simpelveld.

Die Großmutter ist immer unterwegs

Die Großmutter also war immer unterwegs und – so die nicht beglaubigte Überlieferung – verjubelte das Geld, das sie für die Tochter bekommt lieber selbst.  Wie das möglich war ist nicht ganz erklärlich. Aber die Tochter erfährt dadurch manche Demütigung im Kloster. Immer mehr verschwindet auch die Mutter aus ihrer Erinnerung – es muss kaum Besuche gegeben haben. Was sie erinnert stammt aus den frühen Kinderjahren, bei denen sie die Mutter auf ihren Engagements noch begleitet hat. Sie weiß, dass die Mutter eine gute helle Sopranstimme hatte und sehr schnell zwischen musikalischen und künstlerischen Welten wandern konnte. Von der dramatischen Arie hin zu „Puppchen, Du bist mein Augenstern“.

Ob sie noch Verbindung zu ihrem ehemaligen Geliebten und Kindesvater hatte, ist völlig im Dunkeln. Als seine Tochter 8 Jahre alt war, war er auf dem Weg an die Front. Er war Hauptmann eines Pionierbataillons. Seine Briefe aus jener Zeit sind durch Umstände erhalten geblieben, die m mit seiner späteren Karriere in der Zeit des Nationalsozialismus zu tun haben.

Ein altes Foto

Diese Geschichte habe ich oft gehört in meiner Kindheit. Nie habe ich ein Bild gesehen von diesem Großvater. Erst nach 1989 und vor allem mit den Entwicklungen im Internet erfuhr ich mehr über ihn und weiß jetzt wie er aussieht.

Von der Großmutter gab es eine Künstlerpostkarte, auf der sie sehr exzentrisch aussieht.

Es stammt aus dem Besitz eines Onkels, den ich nur einmal in meinem Leben gesehen habe. Hinten auf dem Foto steht eine französische Widmung: Ma fils, ma petit chérie! Sie war sehr frankophil – die Großmutter.
Und sie sieht so aus, wie meine Mutter sie oft beschrieben hat, etwas kokett etwas leichtfertig, ein bisschen bemüht auf froh und munter getrimmt. „Kein Kind von Traurigkeit“, wie man so sagt.

Meine Großmutter aus dem Jahr 1952

1952

Obwohl: Sie ist schon ein bisschen vom Leben gezeichnet. Das Foto stammt aus dem Jahre 1952. Da lag ihre Karriere hinter ihr.
Die Rede geht, dass die die Großmutter die Männer ziemlich an der Nase herumgeführt hat. Einmal war sie regulär verheiratet und kriegte ein eheliches Kind. Das ist mein Onkel, der mir auch sehr langweilig-legitim vorkam, als ich ihn später kennen lernte. Die außerehelichen Kinder sind in dieser Familie die weitaus interessanteren. Dann hat sie – so geht die Fama – einen Mann so ruiniert mit ihrer Verschwendungssucht, dass der sich das Leben genommen hat. Er hat wohl Geld unterschlagen. Spannende Geschichte.

Einmal noch hat meine Mutter die ihre gesehen. Das war in Köln. Die Großmutter – damals auf dem Höhepunkt ihrer Karriere – fand es sehr unpassend, dass sie auf einmal ein fast erwachsenes Kind haben sollte. Außerdem war dieses Kind in der Klosterschule fromm und häuslich geworden. Es wollte der Mutter ein trautes Heim bereiten und sie betreuen. Das hat die Großmutter wohl sehr erschreckt. Diese Begegnung in Köln war ein Fiasko für Mutter und Tochter. Sie sahen sich jedenfalls nicht wieder. Meine Mutter sprach selten und natürlich bitter von der Großmutter. Die aber ließ sich nicht unterkriegen und nahm als sie älter wurde, eben kleinere Rollen an. Sie spielte die komische Alte.

Die komische Alte

Als der Krieg zu Ende war, spielte sie in Kinos oder auch in Kneipen Klavier und hielt sich so über Wasser. Als mein Onkel in den späten fünfziger Jahren meine Mutter besuchte, brachte er das Bild der Großmutter mit. Und er erzählte über ihr nunmehr tristes Leben. Sie hatte sich in Ahlbeck niedergelassen. Ich denke mir, das tat sie um in der Nähe ihrer jetzt polnischen Geburtsstadt zu leben. Sie bezog eine minimale Rente und galt nun auch im wirklichen Leben als komische Alte. Sie scherte sich wenig darum, was die Leute sagen. Sie hat gelebt, viel erlebt, zwei Weltkriege überstanden, einigen Männern das Herz gebrochen, und als das alles sich zu Ende neigte, ging sie halt mit dem Handwagen und suchte Abfälle zusammen, um ihre Rente aufzubessern. Sie muss eine unverwüstliche Optimistin gewesen sein. Als ich damals das Bild von ihr sah, fand ich sie alt, fremd und für dieses Alter auch zu auffallend mit den auf wuschlig frisierten Haaren und dem herausfordernden Blick. Ich habe ihr damals aus Jux sogar noch mit Farbstiften die Lippen rot angemalt und auch die Augenbrauen nachgezogen. Das war schwer wieder abzukriegen.

Kürzlich habe ich das Bild gescannt und mein Mann kam dazu.

Auch er guckte sich das Foto mit der lachenden „schrägen“ Großmutter an und grinste. Dann blickte er auf mich und sagte „Tja, die war ein flottes Ding, übrigens, Du siehst ihr ähnlich“.

(Das ist der erste Teil meiner Familiengeschichte, in der es eigentlich keine Familien gibt.)

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Eine Beisetzung

Nun ist es getan. Am letzten Donnerstag war die Urnenbeisetzung. Eigentlich wollte ich das in aller Stille machen. Aber dann dachte ich, dass gerade dieses traurige Ereignis doch noch einmal Menschen zusammenführen kann, die im Leben meines Mannes wichtig waren. die ihn kannten. Und natürlich auch die nächsten Angehörigen. Aber, das sind nicht viele.
Das war richtig und gut so. Eine Nachbarin hier aus dem Haus ist mitgegangen – selbst schon alt und gebrechlich. Und sie war ein Gewinn mit ihrer Umsicht und stilvollen Art.
Zwei panische Momente. Es gab – so der Bestattungsmensch – auf einmal keinen CD-Player. Und weil wir über Musik vorher schon mal diskutiert hatten, hatte ich meinen kleinen „Musicman“ mitgebracht und drei Stücke darauf in „Vorrat“ gehalten. Eigentlich ist sowas unmöglich. Ich habe selbst – wie geplant – die Trauerrede gehalten. Das war eine Herausforderung, weil ich zwischendurch „an mich halten musste“, aber es ging. Das Gerät hat mit erstaunlicher Qualität auch im Freien sogar noch seinen Dienst getan – bis zum Beerdigungsplatz. Und danach sind wir – in Missachtung der herrschenden Regeln – noch zu mir auf einen Kaffee und von der Nachbarin gebackenen Kuchen gegangen. Das war erst so nicht geplant, aber war für mich sehr tröstlich. Gute Erinnerungen und Gespräche.

Es ist jetzt über drei Monate fast her, dass Peter gestorben ist. Es war eine Ausnahmezeit. Es bleibt ein lebhafter Schmerz, der mir manchmal lieber ist als die graue Alltagstrauer, die auf mich wartet. Ein Gram und eine Melancholie und manchmal auch ganz alltägliche öde Missmut. Ich muss da sehr aufpassen… und darf mich nicht unterkriegen lassen.

TrauerredTrauerrede

Trauerrede

Im Krankenhaus haben wir uns voneinander verabschiedet und so weiß ich, dass Peter  am Ende getröstet und begleitet sanft zur Ruhe kommen konnte. Ein Geschenk.

Das ist ein trauriges Geschenk angesichts der wirklich dramatischen und erschreckenden Symptomatik des heimtückischen Krebsleidens, das völlig unerwartet zuschlug. Lange hat Peter verdrängt und verleugnet wie schlecht es ihm ging und auch ich wollte es nicht wahrhaben. Vielleicht war es auch ein „Glück“, würde ich zu ihm sagen, dass Du so tapfer gewartet hast, denn der Pleurokrebs ist unheilbar und es blieb Dir eine kräftezehrende Behandlung erspart. Es gibt keine Heilung, nur Linderung. Bei Dir war der Zeitraum von der Diagnose bis zum Tod nicht einmal sechs Wochen.

Ich bleibe zurück und denke voll tiefer Trauer an dieses: „Nie mehr. Nie mehr Gemeinsamkeit, nie mehr Gespräche und gemeinsamer Alltag“. Gerade unser ganz alltägliches Leben war mir eine Quelle der Ruhe und Geborgenheit. Wir liebten, je älter wir wurden, diese Rituale, die Gespräche und die gemeinsamen kleinen Pläne des Tages und der Wochen.

Du hast mir noch im Krankenhaus gesagt, es solle bloß nicht so viel Brimborium gemacht werden.  Nein, das wollte ich auch nicht. Aber, wir sind hier, Deine Frau Deine Tochter, Deine Schwester um dies zu tun. Und alle, die hier sind, weil sie Dich kannten und mochten.

Lieber Peter, als wir zueinanderkamen, lag hinter jedem von uns schon ein halbes Leben mit Freuden, Erfahrungen, Kämpfen, Enttäuschungen. Das prägte Dich und Du warst vorsichtig, manchmal zwar skeptisch, aber trotzdem immer von einem großen Lebensoptimismus. Den hast Du manchmal auch ziemlich verborgen, aber ich weiß das. Du hattest immer die Eigenschaft, sowohl Unwillen als auch Freude unmittelbar zu zeigen. Manchmal wie ein Kind, dass auch so schnell zwischen Gefühlen hin und her schaltet.

Vor allem aber warst Du immer gradlinig, Du hast Dich nie verbiegen lassen und gesagt, was Du denkst – immer. Manchmal war das anstrengend, aber dafür wurdest du von allen Kollegen in allen Berufen, die Du in Deinem Leben ausgeübt hast sehr geschätzt. Du hast Dich nie vorsätzlich beliebt gemacht, aber gerade deshalb warst Du auch beliebt bei vielen Leuten. Du hast Feuer gelöscht, Menschen gerettet, Abitur und Studium absolviert, später warst Du ein guter Lokalredakteur und zwischendurch hast Du auch mal Möbel getragen, wenn Du irgendwo angeeckt warst wegen Deiner eigenwilligen Auffassungen. Aber, am Ende warst Du Dir treu. Dein Humor war leise und ironisch, aber nie verletzend.

All die Jahre aber seit wir uns kennengelernt und dann viele Jahre zusammen waren und geheiratet haben, war ich mit Dir immer sicher, ganz geborgen, ganz bedingungslos geliebt zu werden. Die Zeiten der Wende – wir hätten sie nicht so gut absolviert, wenn wir nicht zusammen gewesen wären. Wir haben uns wechselseitig ermuntert und bestärkt, waren umeinander besorgt und haben über manches auch gestritten.

So sind wir zusammen alt geworden.

„Fasse Mut“ , war eine Deiner eher humorvollen Aufmunterungen, wenn ich nicht so recht weiterwusste oder auch weiterwollte oder eine Entscheidung scheute.  Und daran denke ich oft, wenn ich im Zweifel bin oder mich fürchte.

Wir hatten gerade Hochzeitstag, als Du schon im Krankenhaus lagst und Du hast gesagt: „Liebes Lenchen, wir hatten 28 gute Jahre, ach ich hätte gern die 30 noch erreicht“. Daran denke ich jetzt oft, wenn das hohe Lebensalter eines Verstorbenen thematisiert wird. Ja, es ist ein schönes Alter über 80. Aber wer will ermessen, wie gut und gern Menschen noch leben wollen. Peter wäre gern noch auf der Welt.

Liebe Trauergemeinde, ich bin Euch dankbar, dass Ihr gekommen seid. Bringt es mit mir zu Ende, begleitet Peter und mich, die tief traurig ist und doch versucht, sich nicht unterkriegen zu lassen.

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Sitzt ein Bär in der Bundesärztekammer

Ich finde es gut, dass es eine dezidierte Auseinandersetzung mit den Aussagen von Dr. Reinhardt gibt. Merkwürdig fern von der sozialen Verantwortung war das.

Doktor FreakOuts Sprechstunde

Was der Allgemeinmediziner und Präsident der Bundesärztekammer Dr. med. Klaus Reinhardt in der gestrigen Talkshow Lanz vom Stapel gelassen hat, erweist allen aktuell hart arbeitenden Mitarbeiter*innen des Gesundheitssystems einen echten Bärendienst.

Seine erste Aussage schlägt dem Fass direkt den Boden aus:

„Ich würde die Situation in Deutschland als total kompensiert bezeichnen.“

– Dr. Klaus Reinhardt

Sowas behauptet jemand, der nur 1x in der Woche in seiner allgemeinmedizinischen Praxis in Bielefeld tätig ist und wahrscheinlich seit Ewigkeiten kein Krankenhaus mehr von innen gesehen hat. Geschweige denn eine Notaufnahme oder Intensivstation. Die Situation ist in sofern nicht ausbalanciert, als dass wir Mitarbeitenden des Gesundheitssystems bereits vor der Coronakrise buchstäblich am Limit gelaufen sind. Pflege- und Ärztemangel bestehen weiterhin. Die Gesamtlage wird sich in Anbetracht erwartbar steigender Infektionsraten bei medizinischem Personal verschlechtern. Da ist der im Herbst / Winter allgemein erhöhte Krankenstand nicht mit eingepreist. Und wenn man mit niedergelassenen Kolleg*innen spricht, ist…

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