All about Grandma

Meine Großmutter war ein absolutes Miststück. Allerdings muss ich mild sein im Urteil über sie, denn ohne ihren folgenreichen Fehltritt, mit dem sie meiner Mutter vor über 100 Jahren auf die Welt verhalf, hätte es schließlich auch mich nicht gegeben.

Es begann in Stettin

Alles fing am Beginn des 20. Jahrhunderts in Stettin an – von dem ich weiß, dass viele interessante Menschen durch diese Stadt geprägt wurden (z. B. Kurt Tucholsky) – wo meine Großmutter am dortigen Theater als Sängerin wirkte. In der pommerschen Stadt war auch ein Fahnenjunker – 23 Jahre alt – stationiert, der aus dem anhaltinischen Dessau stammte. Er war in einer ehrenwerten Apothekerfamilie aufgewachsen und begann nun seine militärische Karriere an verschiedenen Standorten. Wer die Familie meiner Großmutter war, ist ein bisschen im Dunkeln. Die Rede geht, dass es eine angesehene Kaufmannsfamilie gewesen sei, die in Stettin ansässig war. Aber, das passt nicht so recht zur Karriere der Großmutter. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass sie – die wohl so ziemlich aus der Art schlug – am Ort ihrer Familie auch ihre Engagements absolvierte. Seltsam ist, dass wir nie darüber gesprochen haben. Wurzeln waren sowieso nie so von Bedeutung in unserem kleinen Familientorso und das gehörte nebenher auch zu einer der guten Seiten der DDR. Da war nicht so viel Familiensinn vonnöten.

Auf den jungen Wilhelm Friedrich Loeper also traf die ehrgeizige exzentrische Helene und es kam wie es kommen musste. Wer da wen verführt hat, ist nicht mehr auszumachen. Wer mit wem an den Hakenterassen in Stettin flirtete und wer welche Waffen einsetzte – keine Ahnung. Aber, ich vermute, die Großmutter hatte da so allerlei in petto.

In der Lutherkirche

Jedenfalls erscheint am 15. Juli 1906 eine junge Frau in der Stettiner Lutherkirche, um ihr Kind -ein Mädchen – taufen zu lassen. Geboren war es schon mehr als zwei Monate vorher – ein Siebenmonatskind, ziemlich schwächlich. Das war meine Mutter.

Der Kindesvater ist natürlich nicht angegeben. Die Kindesmutter hat als Vornamen einen ihrer vielen Künstlernamen verwendet. Sehr verrückt für die damalige Zeit „Laura“. Später nennt sie sich Sonja. Sie heißt aber Helene. Als Beruf  – selten an dieser Stelle – ist „Schauspielerin“ angegeben.

Das Kind hat die mir bekannten drei schönen alten Vornamen – Marianne Helene Ida. Taufpaten sind der Inspizient eines Stettiner Theaters mit einem französischen Namen, seine Frau und noch eine weitere weibliche Person mit einem polnischen Namen. Wahrscheinlich waren sie auch die einzigen Anwesenden bei der Taufe. Die Leidenschaft für das Theater wird die junge Mutter bald mit ihrem Kind aus der Stadt in die Welt treiben. Und der Kindesvater wird bald zu anderen Standorten weiterziehen. Weil ich Glück hatte, erfuhr ich auch darüber Genaues. Es gab wohl ein Arrangement, die die Vaterschaft geheim hielt gegen die Abrede, dass er für das Kind sorgt. Das hat er getan. Viel mehr nicht. Aber seine Liebe zum Theater hat er behalten, wie sein späteres Leben zeigt.

Bei meinen Nachforschungen erfuhr ich, dass meine Mutter evangelisch getauft wurde. Ich kenne sie nur fromm-katholisch. Das hat mit ihrer Geschichte zu tun.

Denn als die Mutter das Kind nicht mehr zu den Orten ihrer Engagements mitnehmen konnte, wurde es in ein katholisches Mädchenpensionat gegeben. Es verbrachte seine ganze Schulzeit bei den Schwestern vom Armen Kinde Jesus im niederländischen Simpelveld.

Die Großmutter ist immer unterwegs

Die Großmutter also war immer unterwegs und – so die nicht beglaubigte Überlieferung – verjubelte das Geld, das sie für die Tochter bekommt lieber selbst.  Wie das möglich war ist nicht ganz erklärlich. Aber die Tochter erfährt dadurch manche Demütigung im Kloster. Immer mehr verschwindet auch die Mutter aus ihrer Erinnerung – es muss kaum Besuche gegeben haben. Was sie erinnert stammt aus den frühen Kinderjahren, bei denen sie die Mutter auf ihren Engagements noch begleitet hat. Sie weiß, dass die Mutter eine gute helle Sopranstimme hatte und sehr schnell zwischen musikalischen und künstlerischen Welten wandern konnte. Von der dramatischen Arie hin zu „Puppchen, Du bist mein Augenstern“.

Ob sie noch Verbindung zu ihrem ehemaligen Geliebten und Kindesvater hatte, ist völlig im Dunkeln. Als seine Tochter 8 Jahre alt war, war er auf dem Weg an die Front. Er war Hauptmann eines Pionierbataillons. Seine Briefe aus jener Zeit sind durch Umstände erhalten geblieben, die m mit seiner späteren Karriere in der Zeit des Nationalsozialismus zu tun haben.

Ein altes Foto

Diese Geschichte habe ich oft gehört in meiner Kindheit. Nie habe ich ein Bild gesehen von diesem Großvater. Erst nach 1989 und vor allem mit den Entwicklungen im Internet erfuhr ich mehr über ihn und weiß jetzt wie er aussieht.

Von der Großmutter gab es eine Künstlerpostkarte, auf der sie sehr exzentrisch aussieht.

Es stammt aus dem Besitz eines Onkels, den ich nur einmal in meinem Leben gesehen habe. Hinten auf dem Foto steht eine französische Widmung: Ma fils, ma petit chérie! Sie war sehr frankophil – die Großmutter.
Und sie sieht so aus, wie meine Mutter sie oft beschrieben hat, etwas kokett etwas leichtfertig, ein bisschen bemüht auf froh und munter getrimmt. „Kein Kind von Traurigkeit“, wie man so sagt.

Meine Großmutter aus dem Jahr 1952

1952

Obwohl: Sie ist schon ein bisschen vom Leben gezeichnet. Das Foto stammt aus dem Jahre 1952. Da lag ihre Karriere hinter ihr.
Die Rede geht, dass die die Großmutter die Männer ziemlich an der Nase herumgeführt hat. Einmal war sie regulär verheiratet und kriegte ein eheliches Kind. Das ist mein Onkel, der mir auch sehr langweilig-legitim vorkam, als ich ihn später kennen lernte. Die außerehelichen Kinder sind in dieser Familie die weitaus interessanteren. Dann hat sie – so geht die Fama – einen Mann so ruiniert mit ihrer Verschwendungssucht, dass der sich das Leben genommen hat. Er hat wohl Geld unterschlagen. Spannende Geschichte.

Einmal noch hat meine Mutter die ihre gesehen. Das war in Köln. Die Großmutter – damals auf dem Höhepunkt ihrer Karriere – fand es sehr unpassend, dass sie auf einmal ein fast erwachsenes Kind haben sollte. Außerdem war dieses Kind in der Klosterschule fromm und häuslich geworden. Es wollte der Mutter ein trautes Heim bereiten und sie betreuen. Das hat die Großmutter wohl sehr erschreckt. Diese Begegnung in Köln war ein Fiasko für Mutter und Tochter. Sie sahen sich jedenfalls nicht wieder. Meine Mutter sprach selten und natürlich bitter von der Großmutter. Die aber ließ sich nicht unterkriegen und nahm als sie älter wurde, eben kleinere Rollen an. Sie spielte die komische Alte.

Die komische Alte

Als der Krieg zu Ende war, spielte sie in Kinos oder auch in Kneipen Klavier und hielt sich so über Wasser. Als mein Onkel in den späten fünfziger Jahren meine Mutter besuchte, brachte er das Bild der Großmutter mit. Und er erzählte über ihr nunmehr tristes Leben. Sie hatte sich in Ahlbeck niedergelassen. Ich denke mir, das tat sie um in der Nähe ihrer jetzt polnischen Geburtsstadt zu leben. Sie bezog eine minimale Rente und galt nun auch im wirklichen Leben als komische Alte. Sie scherte sich wenig darum, was die Leute sagen. Sie hat gelebt, viel erlebt, zwei Weltkriege überstanden, einigen Männern das Herz gebrochen, und als das alles sich zu Ende neigte, ging sie halt mit dem Handwagen und suchte Abfälle zusammen, um ihre Rente aufzubessern. Sie muss eine unverwüstliche Optimistin gewesen sein. Als ich damals das Bild von ihr sah, fand ich sie alt, fremd und für dieses Alter auch zu auffallend mit den auf wuschlig frisierten Haaren und dem herausfordernden Blick. Ich habe ihr damals aus Jux sogar noch mit Farbstiften die Lippen rot angemalt und auch die Augenbrauen nachgezogen. Das war schwer wieder abzukriegen.

Kürzlich habe ich das Bild gescannt und mein Mann kam dazu.

Auch er guckte sich das Foto mit der lachenden „schrägen“ Großmutter an und grinste. Dann blickte er auf mich und sagte „Tja, die war ein flottes Ding, übrigens, Du siehst ihr ähnlich“.

(Das ist der erste Teil meiner Familiengeschichte, in der es eigentlich keine Familien gibt.)

Veröffentlicht unter Biographisches | 1 Kommentar

Andreas

Wenn man von einem Erbe Kenntnis erhält und es nicht fristgemäß ausschlägt, kann man ziemlichen Ärger bekommen. Davon hatte ich bis zum Spätsommer keine Ahnung. Dann wurde es mir bekannt.

Als ich den Absender des Briefes – das Nachlassgericht einer süddeutschen Kleinstadt – erkannte, hatte ich eine dunkle Ahnung. Sie teilten mir mit, dass ich als Erbin des zuletzt in NN wohnhaft gewesenen Andreas G. ermittelt worden sei. Andere Erbberechtigte hätten das Erbe ausgeschlagen. Wenn auch ich dies tun wolle, müsse ich das innerhalb von sechs Wochen entweder über einen Notar oder direkt über das für meinen Wohnort zuständige Nachlassgericht erklären. Sechs Wochen hat man Zeit für diesen Verwaltungsakt.

Andreas ist  mein älterer Bruder. Er starb schon im vergangenen März. Auch das habe ich erst durch das Nachlassgericht erfahren. Seit vielen vielen Jahren habe ich ihn nicht mehr gesehen. Oft aber an ihn gedacht.

Die Nachricht von seinem Tod hat mich mit tieferer Trauer erfüllt, als ich erwartete. Wie im Schnellmodus rasten die Jahre zurück und ich war wieder in der Kindheit.

Andreas – das sind die fünfziger Jahre, ständige Geldnot und Armut. Aber, das sind auch gemeinsame Entdeckungen, gemeinsames Spielen. Er konnte so gut die Schifferschaukel zum Schwingen bringen. Solange wir noch Kinder waren, war er der ältere große Bruder, er passte auf mich auf und verteidigte mich gegen alles Ungemach. Hin und wieder auch prügelten wir uns – wie alle Kinder. Er wäre gern eine Art Vaterersatz gewesen, aber ich ließ mir keine Bevormundung gefallen und verteidigte meine eigene Unabhängigkeit mit Zähnen und „Klauen“.

Er ist noch im Krieg in Leipzig geboren – seine Mutter, unsere Mutter – gab ihn nach einigen Monaten nach Lörrach im Süddeutschen in Pflege. Wegen der Bomben und wegen der Gefahr, in die sie sich durch die Liebe zu seinem Vater, einem französischen Fremdarbeiter, begeben hatte. Das ist eine lange Geschichte. Die katholische Kirche hat die Pflegestelle vermittelt. Nach dem Krieg und einem Zuchthausaufenthalt holte sie ihn in Lörrach ab und dort wurde ich gezeugt – ihr zweites Kind. Um ihn musste sie kämpfen, weil die Pflegefamilie ihn mit der Begründung, sie hätten nicht erwartet, dass sie noch einmal aus dem Zuchthaus kommt, nicht hergeben wollte. Aber meine Mutter ließ nicht locker und nahm ihn mit nach Leipzig.

Es ist schon seltsam im Leben. Den Sohn, der ein Kind der Liebe war, riss sie aus der Pflegefamilie und ließ ihn dann doch die Bitterkeit büßen, weil ihre Liebe sie verließ und wieder nach Frankreich verschwand.

Mich, ein Kind, das sein Entstehen den Kriegswirren verdankt und rein zufällig auf die Welt kam, liebte sie, obwohl mein Erzeuger, der zur französischen Besatzungsarmee gehörte, die Vaterschaft nie anerkannte. Flüchtiges Abenteuer und sexuelle Überredung – dazwischen lag es wohl. Ein völlig ungewolltes Kind, das sie eigentlich abtreiben wollte. Aber, der Arzt hat es nicht getan und so kam ich doch zur Welt. Das hat sie mir recht früh in meinem Leben, auch erklärt und immer hinzugefügt: „Und gerade Du, mein Kind, hast mir so viel Freude gemacht“. Sehr oft, wenn ich von höchst problematischen Mutter-Tochter-Beziehungen lese, stelle ich fest, dass ich meiner Mutter gegenüber weder Groll hegen noch alte Wunden pflegen muss. Sie war mir zugetan, sie liebte mich ohne Besitz- oder Dankbarkeitsgedanken und völlig ohne Erziehungseifer. Ich wurde auch so groß.

Andreas 2

Doch zurück zu meinem Bruder. Er stand – wie meine Mutter oft erzählte – ganz glücklich neben meinem Bettchen. Dabei war alles, aber auch alles für meine Mutter furchtbar schwer und zwischendurch klappte sie auch einmal völlig zusammen, lag über ein Jahr im Krankenhaus. Wir kamen in Kinderheime. Meine Mutter rappelte sich wieder auf und sagte später: „Ich durfte nicht sterben, ich wollte nicht sterben ich hatte doch meine Kinder.“

Eines ihrer Kinder aber, – mein Bruder – machte ihr viel Kummer. Er entwickelte sich schlecht, er konnte mit einem Jahr noch kaum laufen. Und meine Mutter war ungeduldig mit ihm, sie schlug ihn auch manchmal, während ich –wie sie mir einmal erzählte – zitternd dabei stand. Irgendwann aber wurde er älter und die Konflikte ließen sich mit Schlägen und Strafen kaum lösen.

Die Beziehung zwischen meinem Bruder und meiner Mutter blieb intensiv und hochemotional. Ich stand – als viel unkomplizierteres Kind – dazwischen und hatte manchmal Furcht, dass das alles zu einem wirklichen Drama wird. Ich verstand das nicht, es war etwas zwischen den beiden. Mein Bruder schämte sich für seine Mutter, er war viel konventioneller und konservativer als meine Mutter und ich. Er wollte nicht, dass ich über meine oder seine Herkunft sprach, er wollte eine Normalität, die es in den Nachkriegsjahren sowieso nicht gab.

Unsere Entfremdung und Entfernung voneinander begann schon bevor ich mit zwanzig Jahren von Leipzig nach Berlin zum Studium ging. Es keinen Grund, keinen „großen Krach“ ,der die Verbindung zwischen uns immer mehr lockerte.

Er selbst war früh aus dem Haus gegangen – hatte mit 20 Jahren schon geheiratet und ein Kind war auch da. Wenn ich aus Berlin zu Besuch kam, besuchte ich ihn manchmal, aber er machte mir immer und nachdrücklich deutlich, dass weder ich noch mein Studium noch mein Leben in Berlin ihn irgendwie interessierten. Er hatte nie Zeit, während seine bildhübsche Frau und ich gern und lange miteinander plauderten. Und im Sommer arbeiteten er und seine Frau er jedes Jahr an der Ostsee als Kellner.

Auch das währte nicht lange, denn mein Bruder ließ sich scheiden. Dann hörte ich lange nichts von ihm. Unsere Mutter besuchte er hin und wieder und meist kam er in einer Wolke von dramatischen und tragischen Geschichten. Er hatte sich geprügelt, er hatte seine Frau geschlagen, er hatte mit seinem Kind Kummer, er hatte kein Geld.

Später heiratete er wieder. Seine Frau war eine hübsche Blonde schlanke Person – die durch einen Sportunfall ein Bein verloren hatte. Aber, auch diese Ehe hielt nicht lange. Nach dem Tod meiner Mutter sahen wir uns gar nicht mehr, zur Beerdigung kam er nicht.

Erst nach 1989 rief er mich an und erklärte, dass er in Süddeutschland arbeite. Noch zweimal sprach er lange mit mir am Telefon und verwickelte mich in die Wirrnisse seines Lebens. Ich vermutete, dass es ihn – nach seinen ersten Lebensmonaten in Süddeutschland dorthin zurück trieb. Ich weiß es nicht. Mit unserer Kleinstfamilie ist das Unverbundene verbunden. Alle Verwandtschaftsverhältnisse sind ungefestigt, sind nicht legalisiert und manche sogar nicht ganz sicher. Der Gedanke an ihn tut mir weh, aber das Erbe habe ich – fristgemäß – ausgeschlagen.

Veröffentlicht unter Allgemein, Alltag | Verschlagwortet mit | Kommentar hinterlassen

ABBA und Thomas Mann

ABBA hat etwas, das man nicht so einfach nachmachen kann. Jan Feddersen  würdigt die Originale bei der Rezension des CHER-ABBA-Albums.

Aber, ich finde trotzdem, es ist vor allem ein Zeichen für das Können der ABBA-Komponisten und Arrangeure, dass ihre Songs auch super klingen, wenn sie von anderen gesungen werden. Dass sie nie so gut sein können wie das Original, das ist halt so. Weiterlesen

Veröffentlicht unter Allgemein | Verschlagwortet mit , | Kommentar hinterlassen

Auf den Spuren bedeutender Frauen in Pankow

Historische Stadtgänge sind eine schöne Tradition. Sören Benn (Linke),  Bezirksbürgermeister von Pankow,  pflegt sie und schafft so Kontinuität. In diesen Tagen war unsere AG Spurensuche beim Frauenbeirat Pankow gefragt.  „Auf den Spuren berühmter Frauen in Pankow“ lautete das Motto des Kiezspazierganges. Wir hatten die Vorbereitung, Auswahl und Route in die Hände genommen.  „Berühmt“ im landläufigen Sinne sind die meisten Frauen nicht, an deren Arbeit und Wirken mit Gedenktafeln an verschiedenen Häusern des Bezirks erinnert wird.  Aber, Dank der 3 Bände „Spurensuche“, die in der Regie des Pankower Frauenbeirates entstanden sind, werden sie bekannter.

Zahlreiche Teilnehmer*innen am Treffpunkt Rathaus

Als ich mich dem Treffpunkt Rathaus näherte, war ich ziemlich verblüfft, wie viele Leute sich eingefunden hatten. Unter ihnen auch bekannte Vertreter des Bezirksparlaments wie Tina Pfaff – Vorsitzende des Ausschuss für Gleichstellung und Gender Mainstreaming und natürlich Mitglied des Frauenbeirates.

Eröffnung Sören Benn

Gleichstellungsbeauftragte Heike Gerstenberger begrüßte die zahlreichen Teilnehmer. Neben ihr: Bezirksbürgermeister Sören Benn

 

Martha Wygodzinski (1869 bis 1943)

Unsere erste Station war das Haus in der Neuen  Schönholzer Straße 13 vor der Gedenktafel für Marta Wygodzinski. Nein, sie ist  nicht „berühmt“,  sie war eine engagierte und couragierte Kämpferin für die Nöte obdachloser lediger Mütter und ihrer Kinder.

„Es gibt nur eine Moral, sie ist die Gleiche für beide Geschlechter“ steht als Motto über der Gedenktafel, die sowohl auf die politische  als auch soziale Tätigkeit der jüdischen Ärztin, die man auch „Engel der Armen“ nannte, verweist. Im jetzt sanierten Haus fanden Frauen, die in höchst prekären und schwierigen Situationen lebten,  seit 1911 eine Unterkunft.  Ein Mieter der Gegenwart beschwerte sich übrigens lautstark über den Lärm vorm Haus, der aber nur 10 Minuten dauerte, denn wir hatten ein enges Programm geplant.

20180825_141021
Susanne Bach berichtet über das Wirken der Ärztin Martha Wygodzinski vor der Gedenktafel in der Neuen Schönholzer Straße

Das Frauenzentrum „Paula Panke“

Astrid Landero begrüßt bei Paula Panke
Vor dem Frauenzentrum Paula Panke informierte Astrid Landero, langjährige Leiterin des Projektes, über seine Arbeit und sein Engagement

Seit einigen Monaten ist Paula Panke im Visier der AfD.  Ein am 1. Mai inszeniertes AfD-Stadtfest auf dem Gelände des Bleichröder Parks in der Nähe von Paula Panke hatte Proteste hervorgerufen. Und weil das Frauenprojekt seine Tür für Teilnehmer am Protest geöffnet hatte, gab es ziemliche Drohungen. „Der Tag wird kommen, an dem wir diesen ganzen ökokommunistischen Sumpf trockenlegen“ hieß es drohend auf der Website der AfD. Der Frauenbeirat hat seine Solidarität bekundet und – auch aus diesem Grund-  war Paula Panke eine Station auf unserem Gang durch den Pankower Kiez.

Anna Maria Tobis (1888 – 1944)

Anna Maria Tobis
Susanne Bach erinnerte an die Kinderkrankenschwester Anna Maria Tobis, die in der ehemaligen Geburtsklinik   in der Breiten Straße arbeitete und bei einem Bombenangriff ums Leben kam

Dr. Ursula Katzenstein (1916 – 1998)

Dr. Ursula Katzensteins Verdienste um  die Etablierung der Ergotherapie in der DDR und ihr dramatisches,  wechselvolles Leben wurden den Zuhörerinnen und Zuhörern nahe gebracht.

Vor Ursula Katzensteins Gedenktafel
 Karin Schulz (ganz links ) während ihres Vortrages vor dem Haus in der Kavalierstraße

Vor einem Jahr schon wurde die Gedenktafel für Dr. Ursula P. Katzenstein enthüllt.

Paula Dehmel (1862-1918)

Heike vor Paula Dehmel
Heike Gerstenberger vor dem Haus von Paula Dehmel in der Parkstraße 56

Paula Dehmel, lange Zeit verheiratet mit dem Dichter Richard Dehmel,  lebte eine ganze Weile in Pankow.Ihre Kinderlieder und -gedichte sind heute noch im Repertoire von Kindergärten oder Kinderzimmern zu finden. „Leise Peterle leise“ singen auch heute noch die Kinder und einige der Fitzebutze-Gedichte erheitern ebenfalls.

Elisabeth Christine von

Braunschweig Bevern  (1715 – 1797) 

Elisabeth Christine, die unglückliche, aber loyale Gemahlin Friedrichs des Großen lebte lange Jahre im Schloss Schönhausen, vor dessen Toren die kleine Reise durch den Kiez ihr Ende fand.

Vor Schloss Schönhausen
Trotz eines kleinen Regenschauers fanden sich am Ende der Tour untern einem Baum vor dem Schloss Schönhausen doch viele Zuhörerinnen und Zuhörer ein. Das Leben von Elisabeth Christine von Braunschweig Bevern setzte den Schlusspunkt, den ich gestalten durfte

Es war eine sehr gelungene Veranstaltung, signalisierten uns die Teilnehmerinnen und Teilnehmer.  Und auch Bände der „Spurensuche“ haben wir unter die Leute gebracht.

Am 20. Oktober 2018,  wird ein Rundgang über den Friedhof St. Marien und St. Nicolai stattfinden.   Treffpunkt: 14 Uhr Prenzlauer Allee/Ecke Mollstraße

Veröffentlicht unter Allgemein, Kultur | Verschlagwortet mit , , | Kommentar hinterlassen

Moral als Wanderungsbewegung

Es ist viel momentan viel Moral unterwegs. Vertreter unterschiedlicher Auffassungen über die Migrationsfrage hauen sie sich gegenseitig um die Ohren. Die einen wenden sich hohnlachend vom linken „No Border“-Motto ab und schlagen über deren realitätsferne Moralapostelei die Hände über dem Kopf zusammen. Während sie noch damit zu tun haben, führen auch sie Moral im Schilde. Oskar Lafontaine z. B. ruft tiefsinnig den Arzt aus Lambarene Albert Schweitzer in Erinnerung, der aus dem Elsass nach Gabun ging und mit seinem Spital viel Gutes bewirkte. Heute würde die Solidarität auf den Kopf gestellt, empört er sich und ich frage mich, ob er damit die Ärzte meint, die aus Afrika stammen und hier in Kliniken arbeiten.

Der schwarze „kleine Bruder“

Ich sehe schon, wie der Arzt einer der hiesigen Kliniken seinem Kollegen aus dem fernen Äthiopien oder einem anderen schwarzafrikanischen Staat diese These entgegenhält. Gerade war man noch ein Team, jetzt wandelt der eine in hoher moralischer Überlegenheit neben jenem Kollegen mit der nicht vorhandenen originaldeutschen Herkunft und der sollte doch eigentlich bleiben oder dahin gehen ,„wo er hingehört“. Er ist eben doch nur ein „kleiner Bruder“, wie der Albert Schweitzer einmal über den „Neger“ erklärte. Auch wenn man den gesamten Zeitgeist von damals berücksichtigt und Schweitzers Barmherzigkeit würdigt, sie ist „von oben“ gewährt und empfunden. Gabun wurde übrigens von mehreren europäischen Mächten aufgesucht. Die Deutschen waren auch dabei, aber sie waren wenig barmherzig. Und auch heute ist die Sorge um die Entwicklung in afrikanischen Ländern, wenig barmherzig und auch nicht immer begründet.

Die Menschen z. B. aus Schwarzafrika kommen in der Tat auch nicht aus Barmherzigkeit zu uns, sondern weil sie eigene Interessen verfolgen, weil sie vorankommen wollen und vor allem, weil sie selbst entscheiden wollen, was sie tun, wohin sie sich bewegen. Da sind sie schon ganz „europäisch“ geworden. Sie sind so autonom, wie hier Menschen auch sein wollen.

Hegel: Ein Kontinent ohne Bewegung

Sie haben sich damit auch entfernt von Definitionen, die ein gewisser Georg Wilhelm Friedrich Hegel z. B. über sie niederschrieb. Er meinte, Afrika sei ein Kontinent ohne „Bewegung und Entwicklung“…

Wolle man den „Neger“ richtig auffassen, so müsse man abstrahieren „von aller Ehrfurcht und Sittlichkeit, von dem, was Gefühl heißt“. Beim „Neger“ sei das Charakteristische, dass sein Bewusstsein noch nicht zur Anschauung irgendeiner festen Objektivität gekommen sei.

Wie man das auch immer einordnet, jetzt ist der afrikanische Kontinent in Bewegung. Nicht nur in einer Richtung, nicht nur in Richtung Europa. Es gibt auch mehr und mehr Menschen dort, die kritisch auf den Kontinent blicken, von dem die Einheimischen noch immer denken, er sei ein Sehnsuchtsort für viele.

Das Wandern ist eigentlich europäisch

Wanderungsbewegungen gabs und gibt’s immer. Wandern war einst in Europa beliebt. Von der romantischen Bewegung, die „des Müllers Lust“ war, nahm es Witterung und Fahrt auf in alle Welt. Europäer wanderten aus, von der „Great Famine“ in Irland gezwungen, von religiöser und politischer Verfolgung vertrieben, auf der Suche nach einem sicheren Hafen.

Es scheint, als sei man den Amerikanern noch heute darüber gram, weil sie aus Europa einst in Bewegung geraten, weggegangen sind. Und einst ein großer Dichter meinte: „Amerika, Du hast es besser“.

Alle grausamen Taten gegen die Ureinwohner, alle brutale Landaneignung dienen jetzt oft – wie es scheinen will – der Bestätigung der eigenen Reflexe der redlich im Lande und  Sesshaft gebliebenen. Vielleicht ist der Zorn auch deshalb so groß, weil die Eingewanderten dort nur das fortführten, was in Europa Gang und Gäbe war: Krieg führen, Erobern, Gnadenlos sein. Sie halten den Spiegel vor.  

Wie  Paternalisten eben so sind

Ein kluger Mann, der britische Ökonom Paul Collier, der warnt, dass die armen Länder nicht aufholen, wenn wenn die klügsten Leute das Land verlassenDarüber gibt es sehr unterschiedliche Auffassungen, aber Collier bemüht sehr viel Moral und Ethik bei seinen Überlegungen. Er meint es gut mit Afrika – und ich denke an Oskar Lafontaine, der es auch gut meint. Wie Paternalisten eben so sind.

Das Angst- und Furchtbild des Überwältigt Werdens durch Fremde geistert durch den europäischen Kontinent.  Es erzeugt bei den einen moralischen Erwägungen über das Dableiben und bei anderen solche über das Hereinlassen. Dableiben ist moralisch o.k, Hereinlassen ist neoliberal und bedenklich.

Das ist nicht zu ändern. Manche Menschen sind nun mal gern in Bewegung und andere nicht. Und manchen Menschen bleibt gar nichts anderes übrig. Über die Entwicklung im afrikanischen, so vielfältigen Kontinent nachzudenken, ist das eine, restriktive Maßnahmen ergreifen, um Menschen am Wandern zu hindern, ist das andere. Und der Ausweg, den manche ZeitgenossInnen wählen: Über die Moral all derer zu räsonieren, die in Bewegung sind.

Nachsatz: über die Frage, wieviele Flüchtlinge – vor allem Wirtschaftsflüchtlinge – das Land verträgt wurde auch im Zusammenhang mit der großen Fluchtbewegung aus der DDR in den 80er Jahren meditiert.

Kein Pardon für DDR-Wirtschaftsflüchtlinge

 

 

Veröffentlicht unter Allgemein, Debatten, Politik | Verschlagwortet mit , | Kommentar hinterlassen