Pacific Palisades 1550 San Remo Drive

Ach ich bin ziemlich faul und träge in der letzten Zeit. Trotzdem gibts dann auch wieder Sachen, die mich aufwecken.

Vor zwei Jahren schrieb ich einen Blog für den Freitag , der über Thomas Manns letztes Wohnhaus in den USA berichtete. Damals gabs noch eine Debatte über dessen Ankauf und weitere Verwendung.

Jetzt aber – so vergeht die Zeit – kann ich schon eine Meldung verlinken, die die Eröffnung des angekauften und zu einer Begegnungsstätte umgestalteten Hauses.

Eröffnung des Hauses

Das ist doch sehr erfreulich. „Der erste Fellow, der vom frisch renovierten Thomas Mann Haus aus den transatlantischen Dialog anregen wird, ist der Schauspieler Burghart Klaußner. Wichtig, so Programmdirektor Blaumer, wird es sein, Gespräche auch mit Menschen zu führen, die unterschiedlicher Meinung sind und einander widersprechen.“ heißt es im Bericht vom Deutschlandradio Kultur.

Zur Würdigung dieses Ereignisses kann ich mir nicht verkneifen, aus dem Tagebuch des großen Schriftstellers ein paar hübsche Zeilen zu zitieren:

P.P. Dienstag, den 6. III. 51

Regen. – Seit Wochen vollständiges und ungewohntes Versagen der geschl. Potenz. Drastischste (und betrüblichste? Der Teufel hol’s!) Äußerung des seit der Europareise spürbare Alterschubes. Da ich es ablehne, ohne Vollerektion zu masturbieren, scheint das Ende meines physischen sexuellen Lebens gekommen. 

(Aber, das gibt sich wieder, wie ein Eintrag etwas später dokumentiert:)

P.P. Freitag, den 9. III. 51

Das Erlöschen der „Potenz“ – voreilige Bemerkung. -… 

Etwas später wird Thomas Mann sich zur Umsiedlung in die Schweiz entschließen.

Und 1955 stirbt er in Zürich.

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Du holde Kunst

Während zum Thema #metoo hierzulande allerorten schon wieder Ruhe einkehrt und die Meinung sich mehr und durchsetzt, es sei jetzt  – mal wieder – Zeit für was anderes, für einen Schlussstrich, gehen die Debatten anderswo weiter und erreichen auch andere Gebiete.

In den USA zog ein einen Skandal um die Turnerinnen, bei dem ein Sportarzt auf viele Jahre hinter Gitter verschwand, weite Kreise. Hier ein Bericht im Spiegel dazu

Aber, auch die schönen Künste, über deren Entstehung einst der Mythos der zu großen Werken sublimierten Sexualität schwebte – sind auf dem Boden der schleimig-schmutzigen Missbräuche aufgeschlagen. Allerdings – auch dies nicht nur hierzulande – mit großer Verspätung.

Stichwort:  James Levine

Die Metropolitan Opera beendete schon im vergangenen Jahr die Zusammenarbeit mit James Levine, nachdem über 70 Personen sich über sexuellen Missbrauch durch den Maestro geäußert hatten.

Dass hinter dem Klatsch und dem Gerede mehr steckte, war hinlänglich bekannt. Aber, so lange der Beschuldigte alles abstreitet, kann man nichts tun. Und es erheben sich – wie immer – die Stimmen, die meinen, das sei Hexenjagd und solange das alles nicht zu beweisen sei und gerichtlich geklärt werden könne, seien das alles nichts als Versuche, den Maestro zu vernichten.

Levine selbst sieht eher eine Verschwörung gegen sich, die vom Manager der Met, Peter Gelb, gegen ihn angezettelt sei.

Ich habe meine Energie der Entwicklung, dem Wachstum und der Förderung von Musik und Musikern auf der ganzen Welt gewidmet – besonders mit der Metropolitan Opera, wo meine Arbeit der Lebensnerv und die Leidenschaft meiner künstlerischen Vorstellungskraft war“, sagte er in der Erklärung. „Meine inbrünstige Hoffnung ist, dass die Menschen mit der Zeit die Wahrheit verstehen werden und ich meine Arbeit mit voller Konzentration und Inspiration fortsetzen kann.“ Man kann davon ausgehen, dass er glaubt, was er  erklärt

Die Münchner Debatte

um James Levine

Schon vor fast zwanzig Jahren führte der Plan, James Levine zum Chefdirigenten der Münchner Philharmoniker – als Nachfolger von Sergiu Celibidache – zu machen, zu heftigen Debatten . Damals warnten die „Grünen“ und wollten absichern,  dass gegen Levine kein Strafverfahren lief, obwohl die Gerüchte über ihn fast schon was Legendäres hatten. Hier eine umfangreiche Erinnerung daran.

„Selbsternannte Sittenwächter“

Viel Häme über die „Grünen“ machte die Runde. Hier ein Beitrag im Spiegel

Aber, waren es nicht gerade die „Grünen“, die eigene Erfahrung und Fehler im Umgang mit sexuellem Missbrauch durchaus sensibilisiert hatten? Wie auch immer, der Spiegel meinte: „Seitdem der Name Levine im Münchner Gerede ist, schnüffeln selbsternannte Sittenwächter unter der Gürtellinie des Dirigenten und streuen ihre unappetitlichen Ondits, feiger noch und frecher als die Holzköpfe im Rathaus ihre Vorbehalte.  Unter dem Siegel konspirativer Recherche animieren sie Journalisten, sich doch einmal im New Yorker Underground umzutun, Codewort: Lebenswandel, Stichwort: lasterhaftes Treiben bis hin zu kriminellen Verfehlungen, Michael Jackson und so. Wenn da was dran wäre“

Tja, es ist was dran. Für Levine war es ein Sturz ins Bodenlose

Und es ist durch die Hinfälligkeit und Krankheit des Maestro in ein Licht getaucht, das der Aufklärung etwas Gnadenloses, Grausames gibt. Aber, soll deshalb das Schweigen siegen? Levine hat keinen Grund mehr, sich den Anschuldigungen wirklich zu stellen, er ist in der Dämmerung seines künstlerischen Lebens.

Norman Lebrecht

Der Maestro-Mythos

Der US-amerikanische Autor: Norman Lebrecht hat sich schon vor vielen Jahren in seinem Buch „Der Maestro-Mythos“ auch mit dem „Sexuellen Leben von Dirigenten“ beschäftigt.

Nach der Veröffentlichung schlug ihm viel Ablehnung entgegen. Es sei ein Klatschbuch, keine ordinäre Anekdote sei ihm zu gering. Das Publikum wollte seine Götter behalten. So war das halt 1991. Jetzt aber ist sie da, die Götterdämmerung. In der britischen Zeitschrift Spectator hat er sich – nachdem er sich durch den Wandel des Zeitgeistes ermutigt fühlt – zum Thema geäußert. Das sexuelle Leben der Dirigenten

Da nimmt er sich nicht nur James Levine vor, auch andere große Dirigenten kriegen ihr Fett ab. Z. B. der Schweizer Charles Dutoit. Ihm wird vierfacher sexueller Missbrauch vorgeworfen, berichtet die klassiker-welt.

Norman Lebrecht berichtet über die französische Sopranistin Anne-Sophie Schmidt, die erklärte, dass ihr Kalender leer blieb nachdem sie die anhaltenden Avancen des Schweizer Dirigenten Dutoit immer wieder abgelehnt hatte. Das war Mitte der 90er Jahre. Sie ist davon überzeugt, dass sie auf einer schwarzen Liste gelandet sei, auf die sie der Dirigent gesetzt hätte.

„Sex würde als eine Art selbstverständliches  „Vorrecht“ des Dirigenten   genommen, es ginge um Macht und wer mit dem Maestro nicht schläft oder ihn nicht an sich ranlässt, hat Probleme mit neuen Verträgen.  Der Deal ist: Schlaf mit dem Maestro, oder du wirst nie wieder arbeiten.

Und absolut bittere Passage schildert Lebrecht in seinem Beitrag: :

„Der schwerwiegendste Fall, den ich kenne, ist die Solistin in ihren späten Teenagerjahren, die etwa eine Stunde vor einem Konzert in einem der berühmtesten Säle Europas in das Zimmer des Dirigenten gerufen wurde, um ein paar Punkte in der Partitur zu besprechen. Sie tauchte eine Weile später auf und schluchzte unkontrolliert. Sie war vergewaltigt worden, und sie musste immer noch auf die Bühne gehen, ein Konzert spielen und sich mit ihrem Vergewaltiger verbeugen. Ich habe versucht, sie dazu zu bewegen, etwas zu sagen, aber sie möchte verständlicherweise mit ihrem Leben weitermachen und hat wahrscheinlich immer noch mehr Angst als der Mann, der sie vergewaltigt hat, nach all den Jahren immer noch ihre Karriere beschädigen kann. Mehrere Musikinsider sahen sie aus diesem grünen Raum kommen. Niemand hat den Aggressor konfrontiert.“

So manches kommt aus den gegenwärtigen Debatten in anderen Gebieten der Kunstausübung recht bekannt vor. Auch die Gegenargumente sind ähnlich: Hat es ein Maestro denn überhaupt „nötig“, sich so aufzuführen, werden die nicht von Kunstfreundinnen belagert? Gibt es nicht auch einvernehmlichen Sex in aller Liebe? 

Die gleichgeschlechtliche Variante

Entlarvt manche Debattentricks

Interessant ist es, wenn der Maestro nicht heterosexuell ist, denn dann werden manche merkwürdigen öffentlichen Diskussionspunkte auch nochmal schärfer als das entlarvt, was sie sind: Versuche, Schuld abzuwälzen und zu entlasten. Ich erinnere an eine Gesprächsrunde zum Thema „Dieter Wedel“, in der Heike Melba Fendel als Teilnehmerin andauernd behauptete, das weibliche Begehren spiele bei der Debatte eine zu geringe Rolle. Sie wurde lebhaftest bejubelt, nicht zuletzt von Thomas Fischer, der gar nicht wieder aufhören konnte, sie zu preisen. Die als Gast geladene Schauspieler-Agentin Heike-Melba Fendel formulierte den mit Abstand intelligentesten Gedanken des Abends: Wolle man über Sexismus sprechen, müsse man zunächst über Sex sprechen, also über männliche und weibliche Selbst- und Fremdbilder. Man müsse sich vom Stereotyp lösen, immer nur über „Taten“ zu sprechen, ohne zu fragen, wie, warum und woraus sich diese Bedeutung überhaupt ergebe. schrieb er in der ZEIT

Wenn es um Begehren geht, dann darum,

dass dies mit Macht gestillt wird

Das würde im Umgang mit Übergriffen auf einen jungen Mann völlig wegfallen, denn wenn ein Mann mit so viel Macht, junge Praktikanten anfasst, ihnen in die Hose greift, sich masturbieren lässt und sie masturbiert, würde eine Frage nach deren Begehren kaum glaubhaft sein. Niemand würde angesichts der Übergriffe auf kleine Jungs über die Frage sinnieren ob es auch ein Jungmännerbegehren gibt und ob der junge Mann vielleicht mit seinen aufreizenden T-Shirt oder engen Jeans den Künstler herausgefordert hat? Ob er es „drauf angelegt“ hat.

Nein, die gleichgeschlechtliche Variante macht deutlich: Es ist der Maestro, der bestimmt, wen er mit seinem sexuellen Begehren belästigt. Das sexuelle Begehren seiner Opfer ist ihm wurscht und das gilt dann wieder für alle Varianten – hetero oder homosexuell.

 

Höhere Weihen – es war ein Kult

Dass es – vielleicht auch im Gefühl, dass man sexuelle Übergriffigkeit und Machtausübung ein bisschen mit Weihen versehen soll – auch den Versuch gibt, Sexualität in eine Art gemeinschaftliche Kunstausübung zu betten, wird in der Neuen Zürcher Zeitung thematisiert,

Das war ein Kult versucht der Autor zu definieren. Und – es sei in die Eigenverantwortung derer gegeben, ob sie ich in den Bannkreis eines solchen Kultes begäben oder nicht. Tja, es ist nicht leicht, ausgeübter Macht zu entgehen – das gilt nicht nur für sexuelle Übergriffigkeiten.

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Wladimir vom „schlechten“ Russentisch

Ich höre gerade mit großem Vergnügen Thomas Manns Zauberberg. Ich finde Hörbücher verstärken das Vergnügen nicht nur an diesem Text ganz enorm. Erneut für mich Anlass, das Hören als bildungs- und literaturfördernd zu belobigen und zu preisen.

Der aufklärerische Settembrini

Da kommt der herrliche Settembrini vor, der Aufklärer und  selbsternannte Pädagog, der dem jungen Hans Castorp, den es hinauf zur Lungenheilstätte verschlagen hat, den Menschheitsfortschritt nahebringt und sich und ihn gegen die jesuitischen Spitzfindigkeiten des reaktionären Naphta verteidigt. Settembrini hat ganz wunderbare Wendungen drauf. Er mahnt den jungen unerfahrenen gerade fertigstudierten Ingenieur, der sich aktiv in den geistigen Disput  Naphta – Settembrini einschalten will:  „Unterrichten Sie sich, aber produzieren Sie nicht“. Herrlich.

Die Tür fällt mit lautem Scheppern zu

Dieser Settembrini wettert wie wahnsinnig gegen die Russen, die er die Parther und Skythen nennt und denen er ein ungeordnetes Verhältnis zu Zeit, Pünktlichkeit und Ordnung nachsagt. Damit will er Castorps von seiner  Leidenschaft für Clawdia Chauchat, der aus Dagestan stammenden, leider auch lungenmäßig wurmstichigen jungen Frau befreien. Er ist zwar aufgeklärt, aber weiß nicht, dass Worte da kaum helfen.   Clawdia Chauchat sitzt im Speisesaal am sogenannten „guten Russentisch“. Am schlechten Russentisch sitzen völlig kulturlose Leute – z. B. ein Ehepaar, das durch seine sexuellen Krawalle den jungen Castorp nervt, denn er wohnt neben ihrem Zimmer und wird gepeinigter Zeuge ihrer Aktivitäten. Aber auch Clawdia vom „guten Russentisch“ hat ihre eigenwilligen, rücksichtslosen egozentrischen, unzivilisierten Lässigkeiten. Ständig schmeißt sie die Tür hinter sich mit lautem Scheppern zu.

Es ist so herrlich, wie Settembrini gegen die Russen wütet. Die ganze Kluft Europa gegen Asien reißt er in seinen langen Reden auf. Das „östliche“ ist ihm  das liederliche“, mit Nacht und Krankheit verbundene. Überall wittert er  zu viel „Asien in der Luft“.

Reden Sie nicht, wie es in der Luft liegt, junger Mensch, sondern wie es Ihrer europäischen Lebensform angemessen ist! Hier liegt vor allem viel Asien in der Luft, – nicht umsonst wimmelt es von Typen aus der moskowitischen Mongolei! Diese Leute« – und Herr Settembrini deutete mit dem Kinn über die Schulter hinter sich – »richten Sie sich innerlich nicht nach ihnen, lassen Sie sich von ihren Begriffen nicht infizieren, setzen Sie vielmehr Ihr Wesen, Ihr höheres Wesen gegen das ihre, und halten Sie heilig, was Ihnen, dem Sohn des Westens, des göttlichen Westens, – dem Sohn der Zivilisation, nach Natur und Herkunft heilig ist, zum Beispiel ​die Zeit! Diese Freigebigkeit, diese barbarische Großartigkeit im Zeitverbrauch ist asiatischer Stil, – das mag ein Grund sein, weshalb es den Kindern des Ostens an diesem Orte behagt.  

Naturverbunden und urwüchsig – Putin, ein „Kind des Ostens“. 

Also Settembrini – dieser unverdrossene Aufklärer  – misstraut „den Russen“ zutiefst.  Es stimmt schon , das waren andere Zeiten, aber schon immer gab es ein tiefes westeuropäisches Ressentiment in Richtung Osten offensichtlich ganz unabhängig davon, welches politische System dort gerade herrschte. Und Deutschland war immer sehr sehr zwischen den Stühlen.  Darüber gibts auch  ne Menge Literatur, die ich hier aber nicht umreißen kann.

Das ganze  Settembrini-Gerede und Castorps Chauchat-Geschwärme brachte mich auf die Idee ,ob Wladimir Putin nicht ein bisschen aussieht wie diese geheimnisvolle  Clawdia.

Sie hat hohe Backenknochen und Kirgisenaugen  – na, ist das nicht auch ein bisschen bei Putin so? Sie erinnert Castorp an jenen Schulkameraden namens Przibislaw Hippe, der einst Subjekt seiner kindlichen Faszination war.  Diesen Hippe hat Castorp einst um einen Bleistift gebeten. Daran denkt er ständig und noch immer ist mit dem „crayon“ eine ganz andere Assoziation für ihn verbinden.

Wo hätte Wladimir Putin , wenn er nach Davos auf dem Zauberberg eine Kur gebraucht hätte, wohl gesessen? Am „guten“ oder am „schlechten“ Russentisch?

Momentan sitzt er ja am absolut schlechten Russentisch in Europa. Und in den USA nun sitzt er gar unterm Tisch, zumindest soll er da irgendwie seine „Lauscher“ installiert haben.

Wer sitzt eigentlich am guten Russentisch? Vielleicht Chodorkowski? Kulturell aber auf jeden Fall viele. Zumindest in der Erinnerung. Die russischen Künstler waren immer gern in deutschen Kurorten.  Dostojewski in Baden Baden und Anton. Tschechow in Badenweiler habe ich gelesen. Da wurde viel Geld gelassen und verspielt.

Das ist länger her. Aber, momentan sind ja auch noch allerlei Russen unterwegs in Europa und die harren noch der Einordnung.

 

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Gomringer Gedichte und Gender

Avenidas Wenn mich etwas sehr verwundert, dann war es vor Jahr und Tag die Entscheidung für Gomringers nett-betuliches Gedicht. Im Hellersdorfer Umfeld sowieso eher eine Ironie.

Das Gomringer-Gedicht erinnert an eine idyllische „alte Welt“. Es ist ein „Flaneur“, der da die Blumen und die Frauen, die ja auch ein Stück Natur sind, bewundert. Hübsch, aber das ist auch alles. Gomringer hat sein Gedicht ja auch bestimmt nicht sexistisch „gemeint“. Darum gehts gar nicht. Ein Literaturprofessor hat sich in der „Süddeutschen“ dazu hermeneutische Gedanken gemacht.

Die ASH bietet vor allem Fächer zur Sozialarbeit an. Sie engagiert sich innerhalb dieser Angebote besonders für Gender- und Diversityfragen.

Geschlechterforschung hat an der ASH Berlin eine lange Tradition und spielt in der Lehre eine große Rolle. Mit der Umstellung der Studiengänge auf Bachelor und Master wurde die Vermittlung von Gender-Wissen und -Kompetenz in allen Studienordnungen, Studienplänen und Modulhandbüchern als Querschnittsthema verankert. Explizite Gender-Module sind zudem in den Studiengängen Soziale Arbeit und Erziehung und Bildung im Kindesalter vorgesehen. 

In diesem Jahr beteiligt sie sich in diesem Rahmen am Verbundprojekt „Jungen*pädagogik und Prävention von sexualisierter Gewalt. Potenziale und Herausforderungen männlichkeitsbezogener Jugendarbeit, Sexualpädagogik, Prävention sexualisierter Gewalt sowie queerer Bildung. Einer von vielen Belegen dafür, dass Gender ohnehin nie nur das weibliche Geschlecht im Blick hat. Das aber nur am Rande.

Und während überall die Gefahr von „Gender“ erfunden und aufgebauscht wird, meist von Leuten, die wenig Kenntnisse über diese Denk- und Betrachtungsweise haben, lädt die Konrad Adenauer Stiftung zu einer Tagung in Mainz zum Thema „Gender-Ideologie“ ein. (Quelle: Queer.de )

Beobachter meinen, damit bewegt sie sich weit in Richtung AfD, die ja das Ende all des „Gender-Unsinns“ schon im Programm hat. Es werden da prominente Leute aus dem rechtskatholischen Umfeld erwartet.

Neurechte

Verschwörungstheorie

Die Behauptung und Konstruktion einer angeblich hochgefährlichen „Gender-Ideologie“ haben neurechte und christlich-fundamentalistische Kreise in den letzten Jahren zu einer umfassenden Verschwörungstheorie hochgepusht, die sich gegen Themen wie Emanzipation und Gleichstellung von Frauen, Rechte von Homo und Transsexuellen bis zur Schulaufklärung über LGBTI sowie Sexualpädagogik richtet.

In Polen war die Beschwörung der „Gender-Gefahr“ eine prima Waffe um der PiS an die Macht zu verhelfen und – nebenbei auch noch – von einem Missbrauchsskandal innerhalb der katholischen Kirche selbst zu abzulenken. https://www.freitag.de/autoren/magda/gender-als-polenschreck

An der Alice Salomon Hochschule lehrte auch eine so renommierte Psychologin und Pädagogin, wie Birgit Rommelspacher, deren Schrift „Dominanzkultur“ gerade gegenwärtig durchaus von Belang ist. Denn es geht in der Debatte über das Gomringer-Gedicht weniger um das Gedicht selbst, sondern darum, wer sich dazu ein Urteil erlauben darf und wer dessen Verwendung bestimmt. Und da hört man hier die Hähne ordentlich krähen.

Esther Dischereit: Ein

Gedicht wird verlassen

Die SchriftstellerinEsther Dischereit hat sich in einem Text für die ASH dazu zu Wort gemeldet milde und verhalten, aber doch Partei ergriffen. Und sie sieht das Beste darin, dass eine Debatte initiiert wurde und – gerade an den Kommentaren nicht nur hier – wird deutlich, dass es um Kunst dabei nun wirklich nicht mehr geht.

Die Gegner dieses Gedicht-Verlassens – die Leute verlassen dieses Gedicht – das sind ja die gleichen, die Gegner der ME TOO Bewegung sein würden, wenn sie sich in Deutschland nur annähernd so entfalten würde. Dabei sind wir hier ebenfalls in ekelhafter Weise, besonders als sehr junge Frauen, von übergeordneten Männern angemacht und belästigt worden. Ich habe unter meinen Bekannten keine gefunden, der das nicht schon passiert wäre. Das muß man ja nicht für selbstverständlich oder für jede Generation von Frauen erneut zumutbar halten.

Es geht eben um mehr als dieses Gedicht. Die AfD gewinnt an Land hierzulande, Fragen von Geschlechtergerechtigkeit und Diskurse über geschlechterspezifische Probleme werden bekämpft und medial niedergebrüllt. Der Feminismus wird als Faschismus-Abart geschmäht und ein Klima erzeugt, dass Angst dokumentiert. Es ist eine männliche Angst.

Unter friedlichen Umständen fällt der kriegerische Mensch über sich selbst her.Friedrich Wilhelm Nietzsche (1844-1900)

Ein weiser Spruch, aber manchmal habe ich schon das Empfinden, dass manche Männer noch immer am liebsten Frauen schlagen.

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Zeitzeugen sind ein Elend

Zeitzeugen sind die Hölle – zitierte die taz schon vor einiger Zeit einen israelischen Historiker. Das soll heimlicher Konsens unter Historikern sein, informierte der Beitrag außerdem. Stimmt durchaus, denn die Historiker beschäftigen sich mit Geschichtsschreibung und da stören Zeitzeugen hin und wieder, wenn sie insistieren: „So war es, ich habe es ja erlebt oder auch umgekehrt.“

In der kürzlichen Anne-Will-Talkshow , die dem 73. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz und der Frage, wie  antisemitisch Deutschland ist, gewidmet war, war   Esther Bejarano, Holocaustüberlebende, zu Gast als Zeitzeugin. Sie, die dem Tode durch das Spiel im Mädchenorchester von Auschwitz entkam, meinte, in Deutschland habe es keine Aufarbeitung der Nazivergangenheit gegeben. Mit Deutschland meinte sie natürlich Westdeutschland.

Das war hart – z. B. für Monika Grütters (CDU) – die mild lächelnd diese Behauptung ignorierte.  Frau Bejarano klagt in einem Interview, das sie vor einiger Zeit in der Rosa Luxemburg-Stiftung gegeben hat Alles ist nahtlos weitergegangen  Mir war diese Aussage von Esther Bejarano auch zu hart, denn am Ende adressiert sie diese scharfe Kritik nur an die „politische Klasse“ in Deutschland. Es gab später eine Entwicklung und es gab auch – wenngleich späte – Forschungen über Verstrickungen in Ministerien.

Der Umgang mit der Geschichte in Deutschland und mit Zeitzeugen, wurde im Gespräch mit Frau Bejarano deutlich. Sie sollte konkret erzählen über ihr Schicksal, da kann man betroffen und mitfühlend zuhören und nicken. Aber darüber reflektieren sollte sie nicht. Dafür sind die Historiker und – in diesen Zeiten – die Politiker da und manchmal auch die Psychologen.

Warum gibt es so viele

Rechte im Osten?

Die beschäftigen sich kopfschüttenld mit der Rechtsentwicklung in den neuen Bundesländern. „Wie war das möglich?“ fragen sie. Es ist eine höchst probate Methode,  die „Untertanenmentalität“  und die Zwänge der DDR verantwortlich zu machen, statt die durchaus engagierten und auch künstlerischen Auseinandersetzung mit der Nazi-Vergangenheit in der DDR zu würdigen.

Es ist offensichtlich noch niemandem aufgegangen, dass der wegwerfende Umgang sowohl mit der DDR als auch ihrem Bemühen um Darstellung der faschistischen Vergangenheit ein viel plausiblerer Grund für die Rechtsentwicklung im Osten sein könnte. Sicher nicht der einzige, aber nicht zu unterschätzen.

Alles über Bord zu werfen und zu behaupten, alles am Umgang mit der Geschichte in der DDR sei verlogen und einseitig gewesen, und – Schande – der Holocaust habe in der DDR kaum eine Rolle gespielt, das hat im Osten rechte Kräfte zutiefst ermutigt und Hetze geschürt. Einseitigkeiten im Umgang mit der Nazizeit gab es im Westen genauso – nur seitenverkehrt – es waren da die Kommunisten, die nie entschädigt und deren Widerstand nicht gewürdigt wurde. Esther Bejarano verweist darauf mit Nachdruck.

Auch in der DDR war später ein differenzierter Umgang mit den verschiedenen Gruppen des Widerstandes durchaus üblich. Es  tritt da immer wieder eine enorme Selbstgerechtigkeit zu Tage. Wenn man aus dem Osten kommt und alt genug ist, um den Wechsel der Zeiten und auch der Art des Umgangs mit der Vergangenheit zu beurteilen, kann man nur zutiefst ärgerlich werden.

 

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