Marianne zwischen Simpelveld und Köln

(3. Teil meiner biographischen Erkundungen. Marianne – meine Mutter- war in Dessau, um ihren Vater um Hilfe zu bitten. Hinter ihr lagen bittere Jahre. )

Simpelveld

Ob es zwischen Helene und dem Vater ihrer Tochter Marianne noch Kontakte gab, darüber ist nichts bekannt. Helene-Laura, die sich später Sonja nennt, verließ Stettin und auch der preußische Leutnant ist in Richtung Berlin weiter gezogen.

Meine Mutter erinnerte sich zwar, dass sie als kleines Kind einmal in Berlin war, aber ob dieser Aufenthalt etwas mit ihrem Vater zu tun hatte, ist sehr zweifelhaft.

Laura, Sonja, Helene Geisler wollte bekannter werden, neue Engagements finden. Darum zog sie mit dem Kinde durch viele Städte Deutschlands. Marianne wurde manchmal sich selbst überlassen, manchmal überschwänglichen Liebesbezeugungen ausgesetzt. Bald aber wurde sie lästig, weil sie die Pläne der Mutter störte. Die verwendete alle Kraft auf ihre Karriere, auf ihr eigenes Leben. Als das Kind zur Schule musste und es die Mutter nicht mehr zu den Orten ihrer Engagements begleiten konnte, wurde es in das katholisches Mädchenpensionat gegeben – nach Simpelveld in den Niederlanden, nicht weit von Aachen.

Blick auf das Kloster der Schwestern vom Armen Kinde Jesu. Foto aus den Jahren um 1900

Bei den Schwestern vom armen Kinde Jesu verbrachte das Mädchen Kindheit und Jugend bis zum 17.Lebensjahr. Dort konvertierte Mariannezum Katholizismus. Sie hat ein kleines Dokument hinterlassen, auf dem diese Konversion in französischer Sprache bescheinigt ist. Warum in Französisch weiß ich nicht. Sie erwähnte einmal, das sie im Verlauf des ersten Weltkrieges wohl eine Weile auch in Belgien war. Ich sehe es mir hin und wieder an. Am 18. November 1915, im Alter von elf Jahren, wurde aus dem in der Stettiner Lutherkirche evangelisch getauften Mädchen ein katholisches. Ihr biologischer Vater ist zu dieser Zeit in Frankreich im Krieg, er führt einen Scheinwerferzug  – beleuchtet das Schlachtfeld.  Die Mutter besucht sie wohl zu Beginn hin und wieder, aber bald lässt sie nichts mehr von sich hören. Sie habe das für die Erziehung der Tochter bestimmte Geld, das der Vater gezahlt haben soll, wohl lieber für sich selbst verwendet, berichtet die Familienkolportage.

Die Folgen für Marianne sind eine wenig unterdrückte Geringschätzung durch die erziehenden Nonnen und ständige Ermahnungen zu besonderer Demut. Marianne lernt ordentlich, in den Fächern, in denen auch ihr Vater gut war. Sprachen lernt sie schnell, besonders eifrig ist sie in Französisch, auch im Aufsatz bekommt sie gute Noten. Vom Gesangstalent der Mutter hat sie ebenfalls ein wenig geerbt und singt im Kirchenchor kleine Solopartien. Mit 17 Jahren wird sie aus dem Pensionat entlassen. Sie geht allein und zu Fuß  – in einem Handwagen sind ihre Sachen – nach Aachen, um von dort weiter nach Köln zu reisen. Sie will sich mit der Mutter treffen.

Begegnung in Köln

Helene oder Laura oder Sonja Geisler war in den zwanziger Jahren längere Zeit in Köln im Engagement. Als die Tochter sie aufsuchte und vorschlug, gemeinsam zu wohnen, muss sie das sehr erschrocken haben. Es erschien ihr absolut indiskutabel, in Verbindung mit einer Tochter gebracht zu werden, aus deren Alter man auf das ihre schließen konnte. Sie war fest davon überzeugt, dass es in Köln, der Stadt „wo mich doch jeder kennt“ einen Skandal geben würde, wenn bekannt würde, dass sie Mutter eines Kindes und auch noch in diesem Alter ist. Sehr wahrscheinlich ist auch, dass sie einen Geliebten hatte. Auch da hätte die Tochter gestört. Und dieses Kind hatte ziemlich konventionelle Vorstellungen über die Führung eines Haushaltes und über Ordnung im Leben. Die klösterliche Erziehung hatte Spuren hinterlassen.

794px-Kölner_Dom_um_1900

Köln am Beginn des 20. Jahrhunderts

Sie kamen also nicht zusammen, die Mutter und ihre Tochter. Sie trennten sich in tiefem Groll. Meine Mutter sprach von der ihren nur noch im Ton höchster Verachtung. Die Tochter musste für sich selbst sorgen.

 Ein Dienstmädchenleben

„Zu Beginn des 20. Jahrhunderts bestand eine große Nachfrage nach Dienstmädchen, doch ihre Lebensumstände waren schlecht. Oft unterdrückt von herrischen Hausfrauen mussten sie auch in der ständigen Angst vor sexuellen Übergriffen der Hausherren oder Haussöhne leben. Das Ziel des Mädchenschutzes, die Frauen vor der Prostitution oder dem Status des „gefallenen Mädchens“ zu retten, wurde so nicht immer erreicht. Auch der Versuch des katholischen Mädchenschutzes, christliche Werte wie Tugendhaftigkeit und Reinheit zu vermitteln, verblassen vor diesem Hintergrund. Die Zielsetzung des Mädchenschutzes lag dennoch vor allem in der Vorbereitung der jungen Frauen auf ein späteres Leben als Hausfrau und Mutter“.(Aus einer Hausarbeit der Universität Köln)

Nach der wenig harmonischen Begegnung mit der Mutter suchte sich Marianne eine Stellung als Dienstmädchen. Sie arbeitete im Rheinland und Niedersachsen genau zehn Jahre lang in verschiedenen Anstellungen. Fast jedes Jahr wechselte sie die Herrschaft. Davon hat sie oft erzählt und alles, was sie berichtete, war von Bitterkeit durchtränkt. Gleich bei der ersten Stellung in Köln erlebte sie, dass die rheinländische Gemütlichkeit auch ihre brutalen Seiten hat. Vom Hausherrn einer Familie, bei der sie angestellt war, wurde sie vergewaltigt und es kam zu einem Prozess, der für das junge Mädchen voller Peinlichkeiten und Anschuldigungen war. Die Autoritäten der zuständigen Ämter hätten erwogen, sie ins „Kloster zum Guten Hirten“ zu bringen. Diese Einrichtung kümmerte sich damals um junge Mädchen, die in Gefahr schwebten, der Prostitution zu verfallen. In einer anderen Familie borgte sich die Dienstherrin Geld von ihr, das aber niemals zurückgezahlt wurde.

Versicherungskarten

Einige Nachweise ihrer Beschäftigung in der „Rheinprovinz“ waren noch in ihrem Nachlass zu finden. Ich erinnere mich, dass sie hin und wieder über ihre Anstellung auf der Burg Hemmersbach in Horrem sprach. Dies war der Landsitz der Grafen von Trips, deren Sohn der später sehr bekannte der Rennfahrer Graf Berghe von Trips ist. Dort sei es ihr recht gut gegangen, erzählte sie, Es gab Regeln und Formen und ausgehandelten Lohn. Außerdem waren dort eine größere Zahl von Dienstboten, so dass sie nicht allein einer kleinbürgerlichen „Gnädigen Frau“ ausgesetzt war, welche die eigene Unbedeutendheit am Dienstmädchen abreagiert. Zwei der acht Versicherungskarten, die meine Mutter aufbewahrt hat, sind in Horrem Bezirk Köln ausgestellt. Weitere Versicherungsnachweise gibt es von ihr über eine Stellung in Köln , dann in Horn in Lippe und in Hannover.

Über diese Zeit zwischen 1923 und 1933 erzählte meine Mutter immer mit großer Bitterkeit. Sie konnte sich in die für sie ausersehene dienende Rolle nicht hineinfinden, ein innerer Stolz hinderten sie daran. Zudem war sie recht gut ausgebildet und fühlte sich oftmals – so hat sie es berichtet – ihren Dienstherren überlegen. Was auch immer sie mir berichtete, es handelte davon, wie traumatisch für sie diese Jahre waren. Sie haben sie mehr geprägt als die sehr demütigende Behandlung in Simpelveld. Von den Leiden und Erniedrigungen, die noch folgen sollten, ganz zu schweigen.

Versicherungskarte aus Horrem aus der Dienstzeit bei den Grafen von Trips

So sind immerhin zwei der acht Versicherungskarten, die meine Mutter aufbewahrt hat, in Horrem Bezirk Köln für die Jahre 1927 und 1928 ausgestellt. Weitere Versicherungsnachweise gibt es über Stellungen in Köln, in Horn in Lippe und in Hannover. Aber, wo auch immer sie in Stellung war, sie konnte sich in die dienende Rolle nicht hineinfinden, ein innerer Stolz hinderte sie daran. Sie war ja recht gut ausgebildet und fühlte sich oftmals ihren Dienstherren überlegen. Was sie uns erzählte über diese Zeit handelte davon, wie sehr sie sich in diesen Jahren unterdrückt, aufgeliefert und fehl am Platz gefühlt hatte. Ich denke heute, dass diese Zeit sie mehr gekränkt hat als die sehr demütigende Behandlung im niederländischen Simpelveld. Von den Leiden und Erniedrigungen, die noch folgen sollten, ganz zu schweigen.

In den fünfziger Jahren sahen wir uns einmal einen ungarischen Film mit dem Allerweltskriminal-Titel „Schuldig?“. Es handelte sich dabei um eine Verfilmung des Romans „Anna Edes“ von Dezsö Kosztolányi. Darin werden die psychischen Misshandlungen und seelischen Demütigungen eines Dienstmädchens im Budapest der 20er Jahre beschrieben. Es ermordet daraufhin das brutale Paar. Meine Mutter kam damals weinend aus dem Kino, denn der Film hatte sie tief in der eigenen Empfindung getroffen. Die Erlebnisse als Dienstmädchen müssen es gewesen sein, die sie bewogen haben, ihren leiblichen Vater um Hilfe zu bitten. Sie muss erfahren haben, dass er Einfluss hatte, dass er ihr helfen konnte. Sympathie gab es wohl kaum.

Eine Arbeitsstelle in Leipzig

Er vermittelte Marianne eine Stelle im Büro in einem Betrieb in Leipzig. Allgemeine Transportanlagen (ATG)  war ein Betrieb der aufstrebenden Luftrüstung. Dort etablierte sie sich, bezog in Zimmer in Untermiete und lebte – wie sie sich gern erinnerte – ein ruhiges und gleichmäßiges Leben. Sie war beliebt bei ihren Kollegen. Und sie fühlte sich endlich befreit und geschätzt.

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4 Antworten zu Marianne zwischen Simpelveld und Köln

  1. Christa Schuenke schreibt:

    Du hast eine interessante Familiengeschichte und besitzt zum Glück noch Zeugnisse, die das belegen, Meine Mutter, geboren 1910, lebte bis April 1944 mit meinem 1936 geborenen Bruder bei ihren Eltern, mein Vater, den sie 1933 nach vierjähriger keuscher Verlobungszeit (darauf war sie stolz) im Oktober 1933 geheiratet hatte, war als vom eigenen Vater unkenntlich gehaltener und also unerkannter Jude 1940 in die Wehrmacht eingezogen worden. Die Großeltern Hedwig und Hugo wurden 1944 zweimal ausgebombt und haben dadurch sämtliche schriftlichen Unterlagen und den größten Teil ihres sehr bescheidenen Hausstands verloren, Hugo, der, nachdem er bei einem Luftangriff verschüttet worden war, in keinen Luftschutzkeller mehr gehen wollte, wurde am 12. April 1944 von der Druckwelle einer vis-à-vis eingeschlagenen Bombe getötet. Die wenigen noch geretteten Wertgegenstände hat meine Mutter 1945 in Thüringen, wohin sie mit ihrer Mutter und dem 9jährigem Sohn geflüchtet und bei der Stiefmutter meines Vaters untergekommen war, bei „Mascha“ auf dem Schwarzmarkt für Kartoffeln und ein paar schwarzlederne sowjetische Militärstiefel „verttuckelt“. An die Stiefel erinnere ich mich heute noch. Sie hat sie bis in die 50jer Jahre bei Schnee und Kälte getragen und immer pfleglich behandelt. Nicht zu Ehren ihrer Herkunft, sondern weil sie praktisch waren. Mein Vater kam 1947 aus britischer Gefangenschaft zurück und wollte beim Aufbau einer neuen, besseren Zeit mithelfen – und die neue Zeit sollte mit einem neuen Kind gewürdigt werden. So kam im Spätherbst 1948 meine Wenigkeit auf die Welt. Damals wirklich nur eine kleine, halbverhungerte Wenigkeit.

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    • madge1946 schreibt:

      Danke Dir für Deinen interessanten Kommentar. Nachdem ich an meinen eigenen Erinnerungen schreibe, habe ich – auch beim Vorlesen in manchen Projekten – festgestellt, dass alle Familiengeschichten so interessant sind und in unserer Generation sind die meisten auch sehr dramatisch. Der nächste Teil behandelt dann die Leidensgeschichte meiner Mutter und ihr Haft-Tagebuch.

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  2. Pingback: Widerstand und Liebe | Magdas Wordpress

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