All about Grandma

Meine Großmutter war ein absolutes Miststück. Allerdings muss ich mild sein im Urteil über sie, denn ohne ihren folgenreichen Fehltritt, mit dem sie meiner Mutter vor über 100 Jahren auf die Welt verhalf, hätte es schließlich auch mich nicht gegeben.

Es begann in Stettin

Stettin

Alles fing am Beginn des 20. Jahrhunderts in Stettin an – von dem ich weiß, dass viele interessante Menschen durch diese Stadt geprägt wurden (z. B. Kurt Tucholsky) – wo meine Großmutter am dortigen Theater als Sängerin wirkte. In der pommerschen Stadt war auch ein Fahnenjunker – 23 Jahre alt – stationiert, der aus dem anhaltinischen Dessau stammte. Er war in einer ehrenwerten Apothekerfamilie aufgewachsen und begann nun seine militärische Karriere an verschiedenen Standorten. Wer die Familie meiner Großmutter war, ist ein bisschen im Dunkeln. Die Rede geht, dass es eine angesehene Kaufmannsfamilie gewesen sei, die in Stettin ansässig war. Aber, das passt nicht so recht zur Karriere der Großmutter. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass sie – die wohl so ziemlich aus der Art schlug – am Ort ihrer Familie auch ihre Engagements absolvierte. Seltsam ist, dass wir nie darüber gesprochen haben. Wurzeln waren sowieso nie so von Bedeutung in unserem kleinen Familientorso und das gehörte nebenher auch zu einer der guten Seiten der DDR. Da war nicht so viel Familiensinn vonnöten.

Auf den jungen Wilhelm Friedrich Loeper also traf die ehrgeizige exzentrische Helene und es kam wie es kommen musste. Wer da wen verführt hat, ist nicht mehr auszumachen. Wer mit wem an den Hakenterassen in Stettin flirtete und wer welche Waffen einsetzte – keine Ahnung. Aber, ich vermute, die Großmutter hatte da so allerlei in petto.

In der Lutherkirche

Jedenfalls erscheint am 15. Juli 1906 eine junge Frau in der Stettiner Lutherkirche, um ihr Kind -ein Mädchen – taufen zu lassen. Geboren war es schon mehr als zwei Monate vorher – ein Siebenmonatskind, ziemlich schwächlich. Das war meine Mutter.

Der Kindesvater ist natürlich nicht angegeben. Die Kindesmutter hat als Vornamen einen ihrer vielen Künstlernamen verwendet. Sehr verrückt für die damalige Zeit „Laura“. Später nennt sie sich Sonja. Sie heißt aber Helene. Als Beruf  – selten an dieser Stelle – ist „Schauspielerin“ angegeben.

Das Kind hat die mir bekannten drei schönen alten Vornamen – Marianne Helene Ida. Taufpaten sind der Inspizient eines Stettiner Theaters mit einem französischen Namen, seine Frau und noch eine weitere weibliche Person mit einem polnischen Namen. Wahrscheinlich waren sie auch die einzigen Anwesenden bei der Taufe. Die Leidenschaft für das Theater wird die junge Mutter bald mit ihrem Kind aus der Stadt in die Welt treiben. Und der Kindesvater wird bald zu anderen Standorten weiterziehen. Weil ich Glück hatte, erfuhr ich auch darüber Genaues. Es gab wohl ein Arrangement, die die Vaterschaft geheim hielt gegen die Abrede, dass er für das Kind sorgt. Das hat er getan. Viel mehr nicht. Aber seine Liebe zum Theater hat er behalten, wie sein späteres Leben zeigt.

Bei meinen Nachforschungen erfuhr ich, dass meine Mutter evangelisch getauft wurde. Ich kenne sie nur fromm-katholisch. Das hat mit ihrer Geschichte zu tun.

Denn als die Mutter das Kind nicht mehr zu den Orten ihrer Engagements mitnehmen konnte, wurde es in ein katholisches Mädchenpensionat gegeben. Es verbrachte seine ganze Schulzeit bei den Schwestern vom Armen Kinde Jesus im niederländischen Simpelveld.

Die Großmutter ist immer unterwegs

Die Großmutter also war immer unterwegs und – so die nicht beglaubigte Überlieferung – verjubelte das Geld, das sie für die Tochter bekommt lieber selbst.  Wie das möglich war ist nicht ganz erklärlich. Aber die Tochter erfährt dadurch manche Demütigung im Kloster. Immer mehr verschwindet auch die Mutter aus ihrer Erinnerung – es muss kaum Besuche gegeben haben. Was sie erinnert stammt aus den frühen Kinderjahren, bei denen sie die Mutter auf ihren Engagements noch begleitet hat. Sie weiß, dass die Mutter eine gute helle Sopranstimme hatte und sehr schnell zwischen musikalischen und künstlerischen Welten wandern konnte. Von der dramatischen Arie hin zu „Puppchen, Du bist mein Augenstern“.

Ob sie noch Verbindung zu ihrem ehemaligen Geliebten und Kindesvater hatte, ist völlig im Dunkeln. Als seine Tochter 8 Jahre alt war, war er auf dem Weg an die Front. Er war Hauptmann eines Pionierbataillons. Seine Briefe aus jener Zeit sind durch Umstände erhalten geblieben, die m mit seiner späteren Karriere in der Zeit des Nationalsozialismus zu tun haben.

Ein altes Foto

Diese Geschichte habe ich oft gehört in meiner Kindheit. Nie habe ich ein Bild gesehen von diesem Großvater. Erst nach 1989 und vor allem mit den Entwicklungen im Internet erfuhr ich mehr über ihn und weiß jetzt wie er aussieht.

Von der Großmutter gab es eine Künstlerpostkarte, auf der sie sehr exzentrisch aussieht.

Es stammt aus dem Besitz eines Onkels, den ich nur einmal in meinem Leben gesehen habe. Hinten auf dem Foto steht eine französische Widmung: Ma fils, ma petit chérie! Sie war sehr frankophil – die Großmutter.
Und sie sieht so aus, wie meine Mutter sie oft beschrieben hat, etwas kokett etwas leichtfertig, ein bisschen bemüht auf froh und munter getrimmt. „Kein Kind von Traurigkeit“, wie man so sagt.

Meine Großmutter aus dem Jahr 1952

1952

Obwohl: Sie ist schon ein bisschen vom Leben gezeichnet. Das Foto stammt aus dem Jahre 1952. Da lag ihre Karriere hinter ihr.
Die Rede geht, dass die die Großmutter die Männer ziemlich an der Nase herumgeführt hat. Einmal war sie regulär verheiratet und kriegte ein eheliches Kind. Das ist mein Onkel, der mir auch sehr langweilig-legitim vorkam, als ich ihn später kennen lernte. Die außerehelichen Kinder sind in dieser Familie die weitaus interessanteren. Dann hat sie – so geht die Fama – einen Mann so ruiniert mit ihrer Verschwendungssucht, dass der sich das Leben genommen hat. Er hat wohl Geld unterschlagen. Spannende Geschichte.

Einmal noch hat meine Mutter die ihre gesehen. Das war in Köln. Die Großmutter – damals auf dem Höhepunkt ihrer Karriere – fand es sehr unpassend, dass sie auf einmal ein fast erwachsenes Kind haben sollte. Außerdem war dieses Kind in der Klosterschule fromm und häuslich geworden. Es wollte der Mutter ein trautes Heim bereiten und sie betreuen. Das hat die Großmutter wohl sehr erschreckt. Diese Begegnung in Köln war ein Fiasko für Mutter und Tochter. Sie sahen sich jedenfalls nicht wieder. Meine Mutter sprach selten und natürlich bitter von der Großmutter. Die aber ließ sich nicht unterkriegen und nahm als sie älter wurde, eben kleinere Rollen an. Sie spielte die komische Alte.

Die komische Alte

Als der Krieg zu Ende war, spielte sie in Kinos oder auch in Kneipen Klavier und hielt sich so über Wasser. Als mein Onkel in den späten fünfziger Jahren meine Mutter besuchte, brachte er das Bild der Großmutter mit. Und er erzählte über ihr nunmehr tristes Leben. Sie hatte sich in Ahlbeck niedergelassen. Ich denke mir, das tat sie um in der Nähe ihrer jetzt polnischen Geburtsstadt zu leben. Sie bezog eine minimale Rente und galt nun auch im wirklichen Leben als komische Alte. Sie scherte sich wenig darum, was die Leute sagen. Sie hat gelebt, viel erlebt, zwei Weltkriege überstanden, einigen Männern das Herz gebrochen, und als das alles sich zu Ende neigte, ging sie halt mit dem Handwagen und suchte Abfälle zusammen, um ihre Rente aufzubessern. Sie muss eine unverwüstliche Optimistin gewesen sein. Als ich damals das Bild von ihr sah, fand ich sie alt, fremd und für dieses Alter auch zu auffallend mit den auf wuschlig frisierten Haaren und dem herausfordernden Blick. Ich habe ihr damals aus Jux sogar noch mit Farbstiften die Lippen rot angemalt und auch die Augenbrauen nachgezogen. Das war schwer wieder abzukriegen.

Kürzlich habe ich das Bild gescannt und mein Mann kam dazu.

Auch er guckte sich das Foto mit der lachenden „schrägen“ Großmutter an und grinste. Dann blickte er auf mich und sagte „Tja, die war ein flottes Ding, übrigens, Du siehst ihr ähnlich“.

(Das ist der erste Teil meiner Familiengeschichte, in der es eigentlich keine Familien gibt.)

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2 Antworten zu All about Grandma

  1. madge1946 schreibt:

    Danke und nun – auf Wunsch einiger Leser*innen auch noch ein Foto der berüchtigten Großmutter.

    Gefällt mir

  2. Pingback: Widerstand und Liebe | Magdas Wordpress

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