Andreas

Wenn man von einem Erbe Kenntnis erhält und es nicht fristgemäß ausschlägt, kann man ziemlichen Ärger bekommen. Davon hatte ich bis zum Spätsommer keine Ahnung. Dann wurde es mir bekannt.

Als ich den Absender des Briefes – das Nachlassgericht einer süddeutschen Kleinstadt – erkannte, hatte ich eine dunkle Ahnung. Sie teilten mir mit, dass ich als Erbin des zuletzt in NN wohnhaft gewesenen Andreas G. ermittelt worden sei. Andere Erbberechtigte hätten das Erbe ausgeschlagen. Wenn auch ich dies tun wolle, müsse ich das innerhalb von sechs Wochen entweder über einen Notar oder direkt über das für meinen Wohnort zuständige Nachlassgericht erklären. Sechs Wochen hat man Zeit für diesen Verwaltungsakt.

Andreas ist  mein älterer Bruder. Er starb schon im vergangenen März. Auch das habe ich erst durch das Nachlassgericht erfahren. Seit vielen vielen Jahren habe ich ihn nicht mehr gesehen. Oft aber an ihn gedacht.

Die Nachricht von seinem Tod hat mich mit tieferer Trauer erfüllt, als ich erwartete. Wie im Schnellmodus rasten die Jahre zurück und ich war wieder in der Kindheit.

Andreas – das sind die fünfziger Jahre, ständige Geldnot und Armut. Aber, das sind auch gemeinsame Entdeckungen, gemeinsames Spielen. Er konnte so gut die Schifferschaukel zum Schwingen bringen. Solange wir noch Kinder waren, war er der ältere große Bruder, er passte auf mich auf und verteidigte mich gegen alles Ungemach. Hin und wieder auch prügelten wir uns – wie alle Kinder. Er wäre gern eine Art Vaterersatz gewesen, aber ich ließ mir keine Bevormundung gefallen und verteidigte meine eigene Unabhängigkeit mit Zähnen und „Klauen“.

Er ist noch im Krieg in Leipzig geboren – seine Mutter, unsere Mutter – gab ihn nach einigen Monaten nach Lörrach im Süddeutschen in Pflege. Wegen der Bomben und wegen der Gefahr, in die sie sich durch die Liebe zu seinem Vater, einem französischen Fremdarbeiter, begeben hatte. Das ist eine lange Geschichte. Die katholische Kirche hat die Pflegestelle vermittelt. Nach dem Krieg und einem Zuchthausaufenthalt holte sie ihn in Lörrach ab und dort wurde ich gezeugt – ihr zweites Kind. Um ihn musste sie kämpfen, weil die Pflegefamilie ihn mit der Begründung, sie hätten nicht erwartet, dass sie noch einmal aus dem Zuchthaus kommt, nicht hergeben wollte. Aber meine Mutter ließ nicht locker und nahm ihn mit nach Leipzig.

Es ist schon seltsam im Leben. Den Sohn, der ein Kind der Liebe war, riss sie aus der Pflegefamilie und ließ ihn dann doch die Bitterkeit büßen, weil ihre Liebe sie verließ und wieder nach Frankreich verschwand.

Mich, ein Kind, das sein Entstehen den Kriegswirren verdankt und rein zufällig auf die Welt kam, liebte sie, obwohl mein Erzeuger, der zur französischen Besatzungsarmee gehörte, die Vaterschaft nie anerkannte. Flüchtiges Abenteuer und sexuelle Überredung – dazwischen lag es wohl. Ein völlig ungewolltes Kind, das sie eigentlich abtreiben wollte. Aber, der Arzt hat es nicht getan und so kam ich doch zur Welt. Das hat sie mir recht früh in meinem Leben, auch erklärt und immer hinzugefügt: „Und gerade Du, mein Kind, hast mir so viel Freude gemacht“. Sehr oft, wenn ich von höchst problematischen Mutter-Tochter-Beziehungen lese, stelle ich fest, dass ich meiner Mutter gegenüber weder Groll hegen noch alte Wunden pflegen muss. Sie war mir zugetan, sie liebte mich ohne Besitz- oder Dankbarkeitsgedanken und völlig ohne Erziehungseifer. Ich wurde auch so groß.

Andreas 2

Doch zurück zu meinem Bruder. Er stand – wie meine Mutter oft erzählte – ganz glücklich neben meinem Bettchen. Dabei war alles, aber auch alles für meine Mutter furchtbar schwer und zwischendurch klappte sie auch einmal völlig zusammen, lag über ein Jahr im Krankenhaus. Wir kamen in Kinderheime. Meine Mutter rappelte sich wieder auf und sagte später: „Ich durfte nicht sterben, ich wollte nicht sterben ich hatte doch meine Kinder.“

Eines ihrer Kinder aber, – mein Bruder – machte ihr viel Kummer. Er entwickelte sich schlecht, er konnte mit einem Jahr noch kaum laufen. Und meine Mutter war ungeduldig mit ihm, sie schlug ihn auch manchmal, während ich –wie sie mir einmal erzählte – zitternd dabei stand. Irgendwann aber wurde er älter und die Konflikte ließen sich mit Schlägen und Strafen kaum lösen.

Die Beziehung zwischen meinem Bruder und meiner Mutter blieb intensiv und hochemotional. Ich stand – als viel unkomplizierteres Kind – dazwischen und hatte manchmal Furcht, dass das alles zu einem wirklichen Drama wird. Ich verstand das nicht, es war etwas zwischen den beiden. Mein Bruder schämte sich für seine Mutter, er war viel konventioneller und konservativer als meine Mutter und ich. Er wollte nicht, dass ich über meine oder seine Herkunft sprach, er wollte eine Normalität, die es in den Nachkriegsjahren sowieso nicht gab.

Unsere Entfremdung und Entfernung voneinander begann schon bevor ich mit zwanzig Jahren von Leipzig nach Berlin zum Studium ging. Es keinen Grund, keinen „großen Krach“ ,der die Verbindung zwischen uns immer mehr lockerte.

Er selbst war früh aus dem Haus gegangen – hatte mit 20 Jahren schon geheiratet und ein Kind war auch da. Wenn ich aus Berlin zu Besuch kam, besuchte ich ihn manchmal, aber er machte mir immer und nachdrücklich deutlich, dass weder ich noch mein Studium noch mein Leben in Berlin ihn irgendwie interessierten. Er hatte nie Zeit, während seine bildhübsche Frau und ich gern und lange miteinander plauderten. Und im Sommer arbeiteten er und seine Frau er jedes Jahr an der Ostsee als Kellner.

Auch das währte nicht lange, denn mein Bruder ließ sich scheiden. Dann hörte ich lange nichts von ihm. Unsere Mutter besuchte er hin und wieder und meist kam er in einer Wolke von dramatischen und tragischen Geschichten. Er hatte sich geprügelt, er hatte seine Frau geschlagen, er hatte mit seinem Kind Kummer, er hatte kein Geld.

Später heiratete er wieder. Seine Frau war eine hübsche Blonde schlanke Person – die durch einen Sportunfall ein Bein verloren hatte. Aber, auch diese Ehe hielt nicht lange. Nach dem Tod meiner Mutter sahen wir uns gar nicht mehr, zur Beerdigung kam er nicht.

Erst nach 1989 rief er mich an und erklärte, dass er in Süddeutschland arbeite. Noch zweimal sprach er lange mit mir am Telefon und verwickelte mich in die Wirrnisse seines Lebens. Ich vermutete, dass es ihn – nach seinen ersten Lebensmonaten in Süddeutschland dorthin zurück trieb. Ich weiß es nicht. Mit unserer Kleinstfamilie ist das Unverbundene verbunden. Alle Verwandtschaftsverhältnisse sind ungefestigt, sind nicht legalisiert und manche sogar nicht ganz sicher. Der Gedanke an ihn tut mir weh, aber das Erbe habe ich – fristgemäß – ausgeschlagen.

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