Vörosmarty – Liebe und Zahnschmerz

„Dort müssen Sie hin, unbedingt“, sagte mir damals Professor Hajduk, ein Theologe. Ich bewohnte für einige Tage ein Zimmer in seiner Altbauwohnung in der vas uca mitten in Pest. Es grenzte an ein dunkles, etwas modriges Bad mit einem runden Gasboiler, der zischend ansprang, wenn man den Wasserhahn andrehte. Es war sehr schwierig für DDR-Bürger, in Ungarn ein Privatquartier zu kriegen und dann noch in Budapest – ein Glücksfall.

Ich hatte im etwa 100 Kilometer entfernten Balatonföldvar in einem Betriebsheim Urlaub gemacht und dort vermittelte mir ein Ehepaar diese Adresse. Der Ehemann meiner Kollegin war Psychiater und erklärte, der Gastgeber – er sagte nicht, woher sie sich kannten – sei ein wenig manisch-depressiv aber ganz gut eingestellt überhaupt nicht aggressiv.

Jedes Haus hat dort eine Concierge, von der man nach 22 Uhr eingelassen wird. Auch morgens, wenn man vor 6 Uhr aus dem Haus gehen musste, dann musste man sie herausklingeln.

Der Professor so Mitte fünfzig, ein freundlicher Kauz erfüllt von seinen theologischen Arbeiten, erklärte mir, als ich  ankam, dass seine Frau in Kurbad Heviz  sei. Er sprach ein hervorragendes Deutsch und erzählte über sein neuestes Buch, über dessen Inhalt ich nicht viel verstand. Dann zeigte er mir das Zimmer und die Küche, wo ich mir das Frühstück machen konnte.

Ich war neugierig auf Budapest. Balatonföldvar war gut gewesen. Ich war mit den anderen am Strand, wandelte durch die Promenade und blickte von der Hafenmole auf den See. „Sitting on the dock of the bay“ ging mir ständig durch den Kopf, aber eigentlich passte das nicht zu einem Binnengewässer.

Nach einigen Tagen fing ein Backenzahn an zu schmerzen. Ich war bei einer Ärztin, die mir anbot, den Zahn zu ziehen und wenn der gar nicht der Schmerzverursacher sei, dann auch den daneben oder den oder den.  Erschreckt beschloss ich,  noch eine Weile zu warten. Die Zahnschmerzen ließen ein wenig nach.

„Wenn Du nicht da bist,

kann ich besser an Dich denken“

Ich war allein dort, aber nie ganz bei mir. Vor einigen Wochen hatte ich mich in Berlin neu verliebt und dieser neue Freund war vor kurzem auch hier in  Budapest gewesen.  Er war privat mit Freunden gereist. Der Gedanke, dass diese neue Liebe vor einigen Tagen auch durch diese Stadt gewandert  war, erfüllte mich mit euphorischer Lebensfreude. Alles sah ich doppelt, schien ich auch mit seinen Augen zu sehen. Die Ferne rückte ihn mir nah und die schönen Plätze der Gegenwart verbanden sich mit der Erinnerung an zärtliche Stunden. „Wenn Du nicht da bist, kann ich besser an Dich denken.“ Meine Liebesverhältnisse waren immer ein wenig mit Abstand verbunden.

Ich bestieg die Fischerbastei und blickte auf das wuchtig-grandiose Panorama des ungarischen Parlaments auf der anderen Seite der Donau. Ich lief durch das historische Buda und dachte an meinen Freund in Berlin. Ich lief über die Kettenbrücke mit ihren Lichtern und rechts an den Donaustufen blickte ich auf die Liebespaare, die dort lagerten und sich küssten. Dass es in Budapest Bäckerläden gab, in denen man auch einen Kaffee bekam, erschien mir schon als höchstes Maß an Fremdländischkeil, als ein Ausbruch aus den Bestimmungen, die allen Einrichtungen im sozialistischen Alltag zugestanden ist. In der Bäckerei verkaufte man bei uns Brötchen und Gebäck, zu verzehren war so etwas zu Hause.

Im Zentrum von Budapest , nicht weit von der Kettenbrücke ist der Vörösmarty ter (Platz) – benannt nach dem ungarischen Dichter Mihály Vörösmarty. Und dort befand sich auch eines der besten Kaffeehäuser der Stadt, das „Vörosmarty“.

File:Vörösmarty (Gizella) tér, Gerbeaud cukrászda. - Budapest, Fortepan 82480.jpg  

Das Cafe Gerbeaud im alten Budapest am Vörosmarty ter

Da müsse man hin, hatte Professor Hajduk gesagt, und darum bin ich auch hingegangen, obwohl ich mit meinem schlimmen Zahn eigentlich nicht so viel Süßes vertrug. Das bürgerliche Ungarn hatte dort – neben den vielen Touristen – Platz genommen. Ich setzte mich neben einen älteren Herrn, mit Hut und Anzug, alles ein bisschen old fashioned,  bürgerlich eben. Mit dem kam ich auch bald ins Gespräch. Er fragte, woher ich komme ich erzählte wo ich wohne und dass die Frau meines Gastgebers in Heviz sei.

„Heviz“, achja, sagte er,  ja, das war früher elegant. Dieses Wort hatte ich seit vielen Jahren nicht mehr in einem wirklichen Alltagsdialog gehört. Ich war nicht elegant, nein wirklich nicht. Aber mir gefiel die betuliche Eleganz des alten Herrn, der man die Mühe, die das alles bei kleiner Rente kostete, nur ein klein  bisschen ansah.

Das Vörösmarty war der Höhepunkt, ganz sicherlich. Professor Hajduk hat Recht. Danach bekam ich wieder Zahnschmerzen, mein Budapester Aufenthalt näherte sich dem Ende. Ich flog zurück nach Berlin und dort ging die Beziehung zu meinem Freund in die Brüche. Ich hatte zu viel an ihn gedacht in Budapest.

Manchmal war ich mir selbst zwischen Buda und Pest richtiggehend schizophren vorgekommen, weil ich mit seinen Augen sehen wollte und doch allein blieb.

Das Vörösmarty – damals ein bisschen heruntergekommen, heißt heute wieder so, wie es vor 1950 geheißen hatte  Cafe Gerbeaud und ist stilvollst wiederhergerichtet. File:Café Gerbeaud Budapest.jpg

Ob ein solcher Herr, wie jener damals mit dem bürgerlichen Hut und dem jahrealten Anzug heute dort noch einen Platz bekäme, ich bezweifle es. Mein Zahn ließ sich retten – Gottseidank.

 

 

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Eine Antwort zu Vörosmarty – Liebe und Zahnschmerz

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