Feindesliebe aus Weltweisheit

Ihr habt gehört, daß gesagt ist: „Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen.“  Ich aber sage euch: Liebet eure Feinde; segnet, die euch fluchen; tut wohl denen, die euch hassen; bittet für die, so euch beleidigen und verfolgen, auf daß ihr Kinder seid eures Vater im Himmel; denn er läßt seine Sonne aufgehen über die Bösen und über die Guten und läßt regnen über Gerechte und Ungerechte.…“(Matthäus 5)

Die Gutenberg Bibel

„Das ist ja alles schön und gut“ , sagt man sich immer bei diesen biblischen Forderungen. Es ist unbefriedigend und auch nicht immer praktikabel. Meist ist es den „Feinden“ auch völlig wurscht, ob wir sie lieben oder nicht. Man kann natürlich hingehen und seine Liebe erklären oder sanftmütig und ergeben auf die Brüder warten. Es gibt da ein sehr schönes Lied, das ich aber trotzdem immer mit geheimer Ablehnung rezipiere. Ist es wirklich beherzigenswert oder eher „ein frommer Wunsch“? Ich weiß es nicht.

Vor kurzem  las ich mal wieder Gottfried Kellers „Der grüne Heinrich“. Ich liebe dieses Buch und habe es jetzt auch noch als Hörbuch im Ohr. Da sinniert der junge Schüler Heinrich Lee über dieses biblische Gebot.

Das will ich wegen seiner

Weisheit und  Tiefe hier zitieren

Zuerst trägt er vor, was er an theologischer Erwägung und Bildung erfährt: 

Aus dem Gebote, seinen Beleidigern zu vergeben, entsteht, wenn es befolgt wird, von selbst die Kraft, auch seine Feinde zu lieben; denn für die Mühe, welche uns jene Überwindung kostet, fordern wir einen Lohn, und dieser liegt zunächst und am natürlichsten in dem Wohlwollen, welches wir dem Feinde schenken, da er uns einmal nicht gleichgültig bleiben kann. Wohlwollen und Liebe können nicht gehegt werden, ohne den Träger selbst zu veredeln, und sie tun dies am glänzendsten, wenn sie dem gelten, was man einen Feind oder Widersacher nennt.

Das führt den Autor  zu sehr zwiespältigen Überlegungen:

Diese eigentümlichste Hauptlehre des Christentums fand eine große Empfänglichkeit in mir vor, da ich, leicht verletzt und aufgebracht, immer ebenso schnell bereit war, zu vergessen und zu vergeben, und es hat mich später, als mein Sinn sich der Offenbarungslehre zu verschließen anfing, lebhaft beschäftigt, zu ermitteln, inwiefern jenes Gesetz nur der Ausdruck eines schon in der Menschheit vorhandenen und erkannten Bedürfnisses sei; denn ich sah, daß es nur von einem bestimmten Teile der Menschen rein und uneigennützig befolgt wurde, von denjenigen nämlich, welche ihre natürlichen Gemütsanlagen dazu trieben.

Die anderen, welche ihr ursprüngliches Rachegefühl überwanden und auf das Vergeltungsrecht mit Mühe verzichteten, schienen mir oft dadurch mehr Vorteil über ihren Feind zu gewinnen, als sich mit dem Begriffe der reinen Selbstentäußerung vertrug; weil zufolge der tiefen Vernunft und Klugheit, die zugleich im Verzeihen liegt, der Widersacher allein es ist, welcher sich in seiner unfruchtbaren Wut aufreibt und vernichtet.

Dies Verzeihen ist es auch, was in großen, geschichtlichen Kämpfen die Überlegenheit des Siegers, nachdem er einen Handel männlich ausgefochten hat, vermehrt und beurkundet, daß dieselbe auch moralisch eine reif gewordene ist.

So ist das Schonen und Aufrichten des gebeugten Gegners mehr Sache der allgemeinen Weltweisheit; das eigentliche Lieben aber des Feindes in voller Blüte und solange er uns Schaden zufügt, habe ich nirgends gesehen.

Genau so ist es auch. Die Feindesliebe ist eine Art Abschluss. Während der Feindseligkeiten kommt sie weniger zur Anwendung.

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Eine Antwort zu Feindesliebe aus Weltweisheit

  1. schlingsite schreibt:

    Einen Feind lieben, heißt ihn von seinem Hass abzubringen. Innerlich kann man ihm verzeihen, doch das bedeutet wohl kaum, ihn einfach gewähren lassen. Das wäre dann geradezu Beihilfe.

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