Eine Rhein-Fahrt

Als kürzlich  ich das Schiff mit dem Sarg von Kohl über den Rhein fahren sah, fiel mir unsere erste Reise nach Westdeutschland ein. Das war im Jahr 1991 und die deutsche Einheit war schon vollzogen.

Mein Mann und ich  nutzten von Bonn aus dieses Schnellboot, das Leonid Breschnew bei einem Besuch der Bundesrepublik geschenkt hat. Es ging immer an den Rhein bei solchen Staatsbesuchen. Und als Michail Gorbatschow in der Bundeshauptstadt war, gab es ebenfalls eine Menge Bilder mit dem Rhein als Hintergrund.

Die Wacht am Rhein …

dieses martialische Lied in der Dammschen Klavierschule ging mir durch den Kopf „Es braust ein Ruf wie Donnerhall.“Das Lied war verboten in der DDR, deshalb bedeckte ein schwarzer Balken die Titelzeile, damit man das Lehrmaterial trotzdem benutzen konnte.

Das Niederwall-Denkmal 

Das russische  Raketa-Boot durchpflügte förmlich den Rhein, der jahrzehntelang ein ferner Fluss für uns war, obwohl meine Mutter enge familiäre Verbindungen in diese Gegend hatte Auch im sächsischen Leipzig, in dem wir Kinder aufwuchsen, fiel sie mit dem leicht rheinländischen Dialekt auf. Dabei stammte sie nicht aus dem Rheinland, auch wenn sie viele Jahre in Köln verbracht hat.

Vom katholischen Pensionat in Aachen – Simpelveldt kam sie – mit 17 Jahren – in die Domstadt um ihre Mutter aufzusuchen. Die hatte ein Engagement an einer dortigen Bühne und konnte mit der plötzlich aufgetauchten unehelichen Tochter wenig anfangen. Sie fürchtete, das herangewachsene Mädchen würde ihr wahres Alter „verraten“.

Ein Dienstmädchenleben

Mutter und Tochter trennten sich bald. Meine Mutter verdiente sich zehn Jahre lang im Rheinland und Niedersachsen  als Dienstmädchen ihr Brot.

Fast jedes Jahr wechselte sie die Herrschaft. Davon hat sie oft erzählt und alles, was sie berichtete, war von Bitterkeit durchtränkt. Gleich bei der ersten Stellung in Köln erlebte sie, dass die rheinländische Gemütlichkeit  ihre brutalen Seiten hat. Vom Hausherrn einer Familie, bei der sie angestellt war, wurde sie vergewaltigt und es kam zu einem Prozess, der für das junge Mädchen voller Peinlichkeiten war.

Bei den Grafen von Trips

In einer anderen Familie borgte sich die Dienstherrin Geld von ihr, das aber niemals zurückgezahlt wurde. Etwas länger – fast zwei Jahre –  war sie auf der Burg Hemmersbach in Horrem unweit von Köln, dem Landsitz der Grafen von Trips, angestellt. Deren Sohn, Graf Berghe von Trips,  wurde später ein sehr bekannter Rennfahrer. Es sei ihr dort recht gut gegangen, erzählte sie uns. Es gab Regeln und Formen, klar definierte Aufgabengebiete und ausgehandelten Lohn. Sie war nicht allein und den Launen einer kleinbürgerlichen „Gnädigen Frau“ ausgesetzt, die die eigene Unbedeutendheit am Dienstmädchen abreagiert.

Bald änderte sich ihr Leben. Sie trat eine Stelle an, die ihr Vater ihr in Leipzig vermittelt hatte. Aber, die Erinnerung an ihre rheinländischen Jahre blieben sehr frisch.. Als ich in Barachach auf die Schiffe sah, dachte ich an meine Mutter, die zu der Zeit schon viele Jahre tot war.

Die Loreley

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