Das Zigeunerlager zieht in den Himmel

„Die Erde ist bedeckt von Netzen und Fallen. Alle Menschen sind darin gefangen, alle. Überall gibt es Netze, manche sind lieblich und schmerzen kaum, manche sind brutal und gewalttätig“. Das sagt die stolze Zigeunerin „Rada“ zu dem Pferderäuber Zabor, der sie liebt und den sie liebt, in dem russischen Film „Das Zigeunerlager zieht in den Himmel“. Er ist in den in den 1970er Jahren entstanden und lief 1977 auch bei uns in der DDR.

Eine Freundin war damals begeistert, ich habe ihn nur als Plakatwerbung wahrgenommen. Erst durch die gegenwärtige Auseinandersetzung  mit der Frage der Einwanderung von Roma aus den südosteuropäischen Ländern, kam mir dieser Film wieder in den Sinn. Eine Liebesromanze, ein Film über das Streben nach Freiheit – das konnte in einem sowjetischen Film  nur mit dem Bezug auf eine Völkerschaft, die mit ihrer scheinbaren Ortlosigkeit selbst etwas Utopisches hatte, mit einer Minderheit künstlerisch Ausdruck finden.  Und der Film musste vor der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution spielen.

Zwei Erzählungen von Maxim Gorki wurden für den Film verwendet, auch das ermöglichte wohl eine größere künstlerische Freiheit.

Die schöne Rada also findet eines Tages den verwundeten Zabor in der Steppe. Sie heilt seine Wunden mit ihren Zaubertränken und lässt ihn dann wieder allein, denn sie liebt die Freiheit über alles. [1] Und zieht durch die Städte singend und die Männer verspottend.

Zabor reitet weiter zu seinem Stamm und erst später besucht er mit einem herumreisenden armen Wicht, der sich an ihn hängt, dessen Stamm und findet dort die-  wunderbar von Svetlana Toma [2]gespielte –  Rada. Dieses Kaj Jone – diese Wiedersehensszene und die Frage, wohin die Zigeuner gehen,  kann einen entweder peinlichst berühren oder sie bricht einem das Herz.[3]  Ich lasse mich davon gern einfangen. Es endet schrecklich, weil Rada eine schreckliche Forderung stellt. Zabor soll sich vor ihr auf die Knie werfen, soll ihre Hand küssen, der Steppe Lebwohl sagen und ihr gehören. Sie sei eine Hexe, warnt Bucha, der treue Begleiter.

Zabor macht der Seelen- und Liebesqual ein Ende. Nach einer Liebesnacht mit Rada erwacht er am Morgen, aber blickt nur in die spöttischen Augen eines alten Weibes, das ihm erklärt, auch sie sei einmal jung und schön gewesen. Er geht zum Lager der Zigeuner er bittet um Radas Hand, aber er folgt nicht ihrer spöttischen Aufforderung zum Kniefall,  sondern ersticht sie. Damit ist auch sein Leben verwirkt, er wird dem Gesetz der Rache folgend – erstochen  und so liegen sie beide als Opfer weiblichen Freiheitsdrangs am Boden. Rada und Zabor – verbunden nicht in den Netzen und Zwängen des Lebens, sondern gemeinsam gefangen im Netz des Todes.

Maxim Gorki liebt die

Freiheit der Männer

Ach, auch Maxim Gorki hat da in seiner Erzählung seine Heldin als kleinlich charakterisiert, weil sie Eigenwillen und Stolz behauptet und gegen ihre Gefühle kämpft, weil sie unabhängig bleiben will. In Gorkys Makar Tschudra sagt der alte Zigeuner komplizenhaft: „Du weißt: Unsereins legt es darauf an, einem Mädchen den Blick zu vernebeln, damit unser Herz nicht davon entbrennt, sie selbst aber von Sehnsucht nach uns erfüllt wird. Das tat auch Loiko. Nur war er diesmal an die Falsche geraten. Radda wandte sich ab und sagte gähnend: ›Da heißt’s allgemein, Sobar ist klug und geschickt – wie die Leute lügen! Damit ging sie weg.“

Das alles ist erotisierende Zigeunerromantik. Aber, es hat in aller Falschheit so tiefe Wurzeln nicht nur in der deutschen Kultur. Die berühmte Szene aus Theodor Storms Immensee. Die Zigeunerin als stolze Verlockung. Das männliche Freiheitsprivileg wird hier gewissermaßen als bedrohliche weibliche Forderung interpretiert.

Hätte ich den Film in den 70en gesehen, wäre mir manches vielleicht gar nicht so aufgefallen, aber dieser Rückblick, auf etwas Unbekanntes weckte deshalb besonders den Wunsch, weiter zu forschen, nachzulesen, welche Sicht damals den Blick bestimmte.

[1] Es ist interessant, dass die Zuschreibungen von Freiheit und Stolz an eine Frau eher in der Außenwahrnehmung gelten. Die Frauen der Roma sind sonst sehr archaischen Verhältnissen gefangen. Vielleicht aber kommt genau daraus dieser Freiheitswunsch Radas.

[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Swetlana_Andrejewna_Toma

[3] https://www.youtube.com/watch?v=XxyXJhWQMO0 In dieser Videoszene ist das Lied mit Bildern aus dem Leben der Roma illustriert. Da sind malerische und weniger malerische dabei.

Zwei schöne Lieder und Szenen aus dem Film.

 

Und eine Sängergruppe auf dem Alex.

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