Der „Tiger zwischen den Beinen“ ?

Die Schweizer Komödie „Die göttliche Ordnung“ weckt eigene Reminiszenzen und stimmt auch ein bisschen melancholisch.

Wir waren gestern mal wieder im Kino – im so schön nahen, kleinen und werbefreien  Blauer Stern  in Pankow.   Bei dem sonnigen, warmen Wetter konnten wir uns vorher auf einer Caféterasse der Beobachtung hingeben, wie sehr sich dieses Gebiet durch massenhaften Zuzug verändert hat. Die jungen Frauen, die dort – so manche auch „guter Hoffnung“ – zugange waren, sie waren im Alter der Heldin, die in der Schweizer Komödie „Die göttliche Ordnung“ wider selbige aufbegehrt und  protestiert. So Anfang dreißig.

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Das Ende des Gefühls

Es gibt kaum einen Abschnitt in unserer Historie, der öfter behandelt worden wäre, als die Katte-Tragödie. Aber so viele Schilderungen mir vorschweben, das Ereignis selbst ist bisher immer nur auf den Kronprinzen Friedrich hin angesehen worden. Oder wenigstens vorzugsweise. Und doch ist der eigentliche Mittelpunkt dieser Tragödie nicht Friedrich, sondern Katte. Er ist der Held , und er bezahlt die Schuld.

(Theodor Fontane in seinen Wanderungen durch die Mark)

Und damit eröffnet auch der Schriftsteller Michael Roes seinen Roman. . „Zeithain“ Er behandelt die tragische Geschichte über Friedrich II. und Hans Hermann von Katte . 

Er erscheint dieser Tage bei Schöffling & Co.  Hier ein Link zum Verlag

Wer sich mit dem Friedrich II. beschäftigt, kommt an Katte nicht vorbei. Es ist sehr interessant, die gescheiterte Flucht, das gescheiterte Aufbegehren des Königssohnes erneut und deutlicher in den Zusammenhang des besonderen preußischen militärischen Geistes zu stellen. Ich weiß nicht, ob die Schwulenbewegung sich damit besonders befasst, daraus ein Narrativ macht, denn Friedrich II. ist ja ein „Zeuge“ dafür, wie die Unterdrückung der sexuellen Orientierung zu besonderer Härte und Grausamkeit geführt hat. Wie dies für Jahrhunderte  den preußischen Geist mit begründet und bestimmt hat.

„Aus dem Feingeist, der weder Schießen noch Reiten mag, wird der kriegerische König Friedrich der Große, der härter sein will als sein Vater und unter dem Preußen zur Großmacht wird. Wie die Tragödie zum Aufstiegs-Mythos umgebogen wird, was uns mit der Vergangenheit verbindet: Davon handelt Michael Roes‘ beeindruckender Roman. Auch wenn wir sie nicht sehen, sagt er: Die Geschichte steckt in uns – und wir werden sie nicht los.“ Heißt es in der Sendung des MDR, die ich weiter unten verlinke.

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Das Zigeunerlager zieht in den Himmel

„Die Erde ist bedeckt von Netzen und Fallen. Alle Menschen sind darin gefangen, alle. Überall gibt es Netze, manche sind lieblich und schmerzen kaum, manche sind brutal und gewalttätig“. Das sagt die stolze Zigeunerin „Rada“ zu dem Pferderäuber Zobar , der sie liebt und den sie liebt, in dem russischen Film „Das Zigeunerlager zieht in den Himmel“. Er ist in den in den 1970er Jahren entstanden und lief 1977 auch bei uns in der DDR.

Eine Freundin war damals begeistert, ich habe ihn nur als Plakatwerbung wahrgenommen. Erst durch die gegenwärtige Auseinandersetzung  mit der Frage der Einwanderung von Roma aus den südosteuropäischen Ländern, kam mir dieser Film wieder in den Sinn. Eine Liebesromanze, ein Film über das Streben nach Freiheit – das konnte in einem sowjetischen Film  nur mit dem Bezug auf eine Völkerschaft, die mit ihrer scheinbaren Ortlosigkeit selbst etwas Utopisches hatte, mit einer Minderheit künstlerisch Ausdruck finden.  Und der Film musste vor der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution spielen.

Zwei Erzählungen von Maxim Gorki wurden für den Film verwendet, auch das ermöglichte wohl eine größere künstlerische Freiheit.

Die schöne Rada also findet eines Tages den verwundeten Zobar in der Steppe. Sie heilt seine Wunden mit ihren Zaubertränken und lässt ihn dann wieder allein, denn sie liebt die Freiheit über alles. [1] Und zieht durch die Städte singend und die Männer verspottend.

Zobar reitet weiter zu seinem Stamm und erst später besucht er mit einem herumreisenden armen Wicht, der sich an ihn hängt, dessen Stamm und findet dort die-  wunderbar von Svetlana Toma [2]gespielte –  Rada. Dieses Kaj Jone – diese Wiedersehensszene und die Frage, wohin die Zigeuner gehen,  kann einen entweder peinlichst berühren oder sie bricht einem das Herz.[3]  Ich lasse mich davon gern einfangen. Es endet schrecklich, weil Rada eine schreckliche Forderung stellt. Zobar soll sich vor ihr auf die Knie werfen, soll ihre Hand küssen, der Steppe Lebwohl sagen und ihr gehören. Sie sei eine Hexe, warnt Bucha, der treue Begleiter.

Zobar macht der Seelen- und Liebesqual ein Ende. Nach einer Liebesnacht mit Rada erwacht er am Morgen, aber blickt nur in die spöttischen Augen eines alten Weibes, das ihm erklärt, auch sie sei einmal jung und schön gewesen. Er geht zum Lager der Zigeuner er bittet um Radas Hand, aber er folgt nicht ihrer spöttischen Aufforderung zum Kniefall,  sondern ersticht sie. Damit ist auch sein Leben verwirkt, er wird dem Gesetz der Rache folgend – erstochen  und so liegen sie beide als Opfer weiblichen Freiheitsdrangs am Boden. Rada und Zobar – verbunden nicht in den Netzen und Zwängen des Lebens, sondern gemeinsam gefangen im Netz des Todes.

Maxim Gorki liebt die

Freiheit der Männer

Ach, auch Maxim Gorki hat da in seiner Erzählung seine Heldin als kleinlich charakterisiert, weil sie Eigenwillen und Stolz behauptet und gegen ihre Gefühle kämpft, weil sie unabhängig bleiben will. In Gorkys Makar Tschudra sagt der alte Zigeuner komplizenhaft: „Du weißt: Unsereins legt es darauf an, einem Mädchen den Blick zu vernebeln, damit unser Herz nicht davon entbrennt, sie selbst aber von Sehnsucht nach uns erfüllt wird. Das tat auch Loiko. Nur war er diesmal an die Falsche geraten. Radda wandte sich ab und sagte gähnend: ›Da heißt’s allgemein, Sobar ist klug und geschickt – wie die Leute lügen! Damit ging sie weg.“

Das alles ist erotisierende Zigeunerromantik. Aber, es hat in aller Falschheit so tiefe Wurzeln nicht nur in der deutschen Kultur. Die berühmte Szene aus Theodor Storms Immensee. Die Zigeunerin als stolze Verlockung. Das männliche Freiheitsprivileg wird hier gewissermaßen als bedrohliche weibliche Forderung interpretiert.

Hätte ich den Film in den 70en gesehen, wäre mir manches vielleicht gar nicht so aufgefallen, aber dieser Rückblick, auf etwas Unbekanntes weckte deshalb besonders den Wunsch, weiter zu forschen, nachzulesen, welche Sicht damals den Blick bestimmte.

[1] Es ist interessant, dass die Zuschreibungen von Freiheit und Stolz an eine Frau eher in der Außenwahrnehmung gelten. Die Frauen der Roma sind sonst sehr archaischen Verhältnissen gefangen. Vielleicht aber kommt genau daraus dieser Freiheitswunsch Radas.

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Eine Rhein-Fahrt

Als kürzlich  ich das Schiff mit dem Sarg von Kohl über den Rhein fahren sah, fiel mir unsere erste Reise nach Westdeutschland ein. Das war im Jahr 1991 und die deutsche Einheit war schon vollzogen.

Mein Mann und ich  nutzten von Bonn aus dieses Schnellboot, das Leonid Breschnew bei einem Besuch der Bundesrepublik geschenkt hat. Es ging immer an den Rhein bei solchen Staatsbesuchen. Und als Michail Gorbatschow in der Bundeshauptstadt war, gab es ebenfalls eine Menge Bilder mit dem Rhein als Hintergrund.

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Jetzt also die Filmrezension

Ein berühmter Romananfang

„Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist unglücklich auf ihre Art“

Dieser berühmte Anfangssatz musste angesichts der Familie, deren Patriarch den 90. Geburtstag begeht, unbedingt in den Sinn kommen und – wirklich – gegen Ende des Films schlägt Charlotte, die Ehefrau des verdienten Genossen Powileit in ihrem Bett ein Buch auf. Der Rücken trägt die Schrift: „Anna Karenina“.

Es ist keine glückliche Familie, in welcher der Wechsel der Zeiten alles nach oben treibt, was lange unausgesprochen unter der Decke blieb.

Der Enkel ist schon nach dem Westen gegangen. Der Sohn des Patriarchen, Kurt Umnizer, lebt mit seiner alkoholsüchtigen russischen Frau und einer Geliebten in instabilem Hin – und Her. Noch im Stalinschen Gulag haben sie sich kennengelernt und gingen aus Slawa nach Berlin, Hauptstadt der DDR. Bei abnehmenden historischen Gewissheiten und zunehmendem Zweifel sind sie unterwegs zum erstarrten Festritual in einem Haus, das in diesem ehemalige Niederschönhausener „Städtchen“ zu finden wäre.

Bruno Ganz als Held dieses „Untergangs“

Den Wilhelm Powileit spielt Bruno Ganz und es war darum abzusehen, dass der „Spiegel“ seine Filmrezension mit „Der andere Untergang“ überschrieb. .

Was soll uns das heute sagen? Die Fähigkeit zum Selbstbetrug, die Erkenntnis, dass Ehrung und Achtung auf den brüchigen Formalien einer Zeit ruhen, die bald kippt und alles wendet. Glückliche Generation, bei der sich diese Tragik in Grenzen hält, auch wenn am Ende Grenzen fallen.

Die Welt ist ein besetztes Klo

Immer mal wieder kippt die Handlung in den Graben zwischen Familienkomik und Tragik. Der Abschnittsbevollmächtigte scheitert ständig an der Tür zum WC, auf das er so dringend muss, wie Ekel-Alfred in einer Folge von „Ein Herz und eine Seele“ und unterhält sich unter zunehmendem Blasendruck mit den anderen Gratulanten über den Jubilar und seine großen Verdienste. Er macht so den allgemeinen Druck jener Zeit, der überall spürbar ist und nach Lösung und Erleichterung strebt, irgendwie ganz körperlich fühlbar. Die Welt ist wie ein besetztes Klo. Jaja.

Die Ehefrau Charlotte – einstmals dogmatische und linientreue Wissenschaftlerin – hat nur noch zu tun mit ihrer tiefen Abneigung gegen den alten Wilhelm, den sie kaum noch ertragen kann. Aber, warum das so ist, hat sich nicht ganz erschlossen. Dafür, dass sie eigentlich die politisch Aktivere und Klügere war, spricht sie zu wenig politisch, ist sie in ihrer giftigen Ungeduld befangen – sehr weibliche Zuschreibung. Längst ist Wilhelm zur Haushaltshilfe geflüchtet , lässt sich für Geld von ihr wärmen.

Die ramponierte, aber trotzdem schöne russische Schwiegertochter hört hingebungsvoll Wyssotzky, was ganz unverständlich ist, denn eigentlich müsste sie noch ziemlich fest in ihrer poststalinistischen Weltanschauung verwurzelt sein und W. war damals kaum gelitten in der UdSSR. Saufen, laute Musik und grelle Schminke – das ist das, was wir früher satirisch „Hart wie’ ne Sowjetmutter“ nannten. Aber, in ihr ist wenigstens Leben, auch wenn wir nicht wissen, höchstens ahnen können, warum sie es so verpuffen lässt.

Stürmten wir die Eskadronen

Partisanen vom Amur

Der Pionierchor singt vorm Haus

(Habe ich noch vor kurzem in unserem Singekränzchen hin und wieder gesungen – ein bekanntes Lied aus dem russischen Bürgerkrieg)

Und da ist er nun, der große eichene Ausziehtisch, von dem der alte Powileit behauptet, er sei ein Nazitisch , der am Ende zusammenbricht, da ist das zu dicke, deutliche Symbol und überhaupt zu viel Klopferei und Holzhämmerei.

Probleme mit den Zeit- und Altersangaben

Der Sohn Powileits hat – daran erinnert er den erstarrten Vater – 10 Jahre in Stalins Lagern zugebracht. Da der Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase alles auf diesen Geburtstag 1989 eingedampft hat, wäre er dann noch ein Kind gewesen. Die Lagerhaft musste aber in den Film, sie ist wichtig und deshalb muss man halt nicht nachrechnen.

Es gibt Rezensenten, die jubeln, da sei der Osten endlich mal mit seiner Steifheit, Verträumtheit, seinen Hoffnungen, seiner Sauffreude und leisem Humor glaubwürdig abgebildet (die Zeit) Nein, das ist ein zu enger Ausschnitt – der Fokus auf einer Familie, die überhaupt nicht typisch war für das DDR-Leben.

An diesen alten Genossen ist gar nichts gescheitert, die waren die längst vergessene Garnitur der damals schon voll korrumpierten DDR. Sie waren nur noch als Symbole von Belang. Und darum ist da kein Leben drin.

Niederschönhausen ist übrigens ein Gebiet mit hohem Zuzug, es wird überall gebaut. Das Schloss Schönhausen ist ein gern besuchter öffentlicher Ort . Nur die Bundessicherheitsakademie, die jetzt dort auch residiert, mahnt mit einem Schild.

Miilitärischer Sicherheitsbereich1

Das wurde schon einmal gezeigt, gefällt mir aber so gut.

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