Ein rettender Gedanke

Teil 6 – Meine Mutter musste lange auf ihren Prozess warten. Sie traf viele Mitgefangene und beobachtete viel in ihrer Umgebung. Sie „gewöhnte“ sich an die Untersuchungshaft und traf auf Menschen, die Schlimmeres verhüten wollten. Dennoch wurde lange kein Urteil gesprochen

Erste Vernehmung beim Untersuchungsrichter

Meine Mutter in ihren 30er Jahren – so um 1940

Am anderen Morgen nach dem Frühstück ( zwei Schnitten trocknes Brot und einen Becher Pfefferminztee ohne Zucker) wurde die Tür aufgeschlossen, „Geißler zur Vernehmung“. Die Wachmeisterin nahm mich mit hinüber ins Gerichtsgebäude. Ich wurde dem Untersuchungsrichter vorgeführt. Das Protokoll von der Gestapo lag vor ihm. „Ich werde nicht klug daraus, erzählen Sie uns nochmal den Grund Ihrer Verhaftung“. Ich sagte ihm, „ich bin dermaßen geschlagen worden und konnte mich nicht konzentrieren“. „Sie werden hier nicht geschlagen. Konzentrieren Sie sich und machen Sie ein neues Geständnis. Hier tut Ihnen niemand keiner was“.

Eine bedeutungsvolle Bemerkung

Die Sekretärin tippte eifrig auf der Schreibmaschine und dann, nachdem ich mich überhaupt mehr und mehr beruhigt und gesammelt hatte, machte ich eine bedeutungsvolle Bemerkung: „Herr Richter ich muß Ihnen etwas Wichtiges sagen“. „Ja, sprechen Sie sich in aller Ruhe aus“. „Ich bin mit Gietzolds jahrelang gut befreundet und genoß ihr vollstes Vertrauen und war auch manchmal allein in deren Wohnung , wenn sie beide Luftschutzdienst hatten, dann habe ich wie man so sagt, das Haus gehütet.

Sie hat oft gesagt „Kleine, mach Dir das Radio an, ein wenig Musik gegen die Langeweile“. Ich habe die Auslandsnachrichten allein abgehört, Herr Richter“.

Er hatte sofort begriffen. „Herr Wachtmeister, holen Sie Gietzolds herein“. Sie redeten gleich auf den Untersuchungsrichter ein. „Die Frau kennen wir gar nicht, haben wir noch nie gesehen“. Das war eine schlechte Logik. Das stimmt aber nicht, Frau Geißler war sehr oft allein in Ihrer Wohnung, wenn Sie beide Luftschutzdienst hatten. Sie haben ihr erlaubt, das Radio anzustellen, um ein wenig Musik zu hören, also kennen Sie sich sehr gut und Frau Geißler genoß Ihr vollstes Vertrauen, nicht wahr??“. Er betonte das ganz besonders. Nun hatten die Gietzolds begriffen.

Es gab Menschen, die bereit waren, Unglück zu verhindern

Und dann machte der Untersuchungsrichter zum Wachtmeister eine Handbewegung. Der Richter sagte noch vorher zu Gietzolds: “Sie haben mit dieser ganzen Sache nichts zu tun und sind hiermit sofort entlassen. Sie starrten den Richter und mich fassungslos an und dann weinten sie beide. Der Wachtmeister wischte sich über die Augen, so ganz heimlich, aber ich habe es doch gesehen. Ich durfte mitgehen bis zum Ausgangstor,

Marianne mit ihrem Sohn, meinem Bruder Andreas im Frühjahr vor ihrer Verhaftung. Andreas – vor zwei Jahren gestorben – ist der Sohn eines französischen Fremdarbeiters

Gietzolds versprachen mir, für mein Kind zu sorgen. Ob sie es wirklich getan haben, weiß ich nicht. Ich habe es nie erfahren. Auf jeden Fall wurde die Anklage gegen sie eingestellt. Der heilige Geist hatte mir diesen rettenden Gedanken in der Nacht eingegeben.

Aber ich fand neben meinem „rettenden Gedanken“ auch Menschen, die bereit waren, diesen Gedanken aufzugreifen und damit weiteres Unglück zu verhindern. Sie hatten zwar nicht den Mut, gegen das System aufzutreten, aber sie hatten die Menschlichkeit, Schlimmeres zu verhüten.

Auf dem Gefängnishof

Der Gefängnishof in der Beethovenstraße ist sehr klein. An der linken Mauer sah ich beim „Spaziergang“ immer zwei ältere Damen auf und abgehen. Man sah es, sie waren reih und brauchten nicht mit uns im Kreis zu gehen. Ich habe mal gefragt, wer sie sind. Eine Frau sagte mir, die Ältere hieße Frau Köhler, den anderen Namen wußte sie nicht. Die große Druckerei „Köhler und Amelang“ gehörte ihnen Sie hatten zusätzlich für ihre Freunde und Bekannten Lebensmittelkarten drucken lassen. Das wurde natürlich bestraft. Vielleicht hatten sie auch eine bessere Zelle??

Im Hof konnte man auf die große Figur sehen, die „Justitia“, die auf dem Reichsgericht steht (heute Dimitroffmuseum). Ich machte ein bestimmtes Zeichen und tippte mit dem Zeigefinger an die Stirn. Meine Nachbarin hatte verstanden. Die Wachmeisterin schrie mich an: “Geißler, sehe ich das noch einmal, dann gibt’s Dunkelarrest.“ Vor mir Im Kreise ging eine Polin hocherhobenen stolzen Hauptes. Die sind eben anders als wir. Schon, daß ich diesen kurzen Anblick nicht vergessen habe, zeigt Ihnen, welche große Hilfe das nur kurze Erlebnis von Unbeugsamkeit, Stolz und bewahrter Menschenwürde für mich in dieser schweren Zeit war.

Anmerkung: Das „Dimitroffmuseum in Leipzig war damals das Reichsgericht. Es ist heute Sitz des Bundesverwaltungsgericht

Auch ich denke heute, dass meine Mutter Glück hatte mit Ihrem Untersuchungsrichter. Zu bedenken ist aber, dass viele der Justizangestellten auch schon wussten, dass Deutschlands Niederlage unausweichlich ist.

­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­Ungefähr 20. oder 21. August 1944

Untersuchungsgefängnis Moltkestraße, heute Bernhard-Göring-Str. (Spottname „Elisenburg“) *

Das Datum kann auch später sein, ich weiß nicht mehr. Mir waren auch meine Armbanduhr und  zwei goldene Ringe abgenommen worden. Ich trug immer ein kleines goldenes Kettchen mit einem Kreuzlein dran, beides echtes Gold, es war aber gerade in Reparatur. Doch davon dann auch mal später. Früh, so gegen 9.00 Uhr klirrten wie an jedem Morgen draußen die Schlüssel. „Geißler zum Transport“, rief die Wachmeisterin. Dann nahm sie mich mit hinunter ins Erdgeschoß. Da standen auch wieder 10 oder 12 Frauen. Wir wurden aneinander immer zwei und zwei mit Handschellen um die Handgelenke angeschlossen, damit niemand „ausreißen“ konnte. So gingen wir nun durch die damalige Adolf-Hitler-Straße (heute  Karl-Liebknecht-Str.) zum Gefängnis „Elisenburg“. Die Straßenpassanten wandten sich entsetzt von uns ab. Wir kamen auch hier wieder in einen langen Gang. Wir mußten mit dem Gesicht zur Wand stehen, die Hände anlegen.

  • Es kann sein, dass meine Mutter sich mit dem Gefängnisstandort geirrt hat. Die damalige Moltkestraße ist die heutige Alfred-Kästner-Straße. Die JVA ist inzwischen abgerissen worden. .

Den Häftlingen ist der Hitlergruß verboten

 Da standen überall Inschriften groß und dick aufgetragen „Den Häftlingen ist der Hitlergruß verboten“. Darüber waren wir aber gar nicht beleidigt. Vielleicht die Kriminellen! Für die war ja der Endsieg gewiß. Wenn der errungen war, dann gab der „göttliche Führer“, der ja immer recht hatte, eine Amnestie. „Wir kommen dann alle heraus und Ihr Politischen müßt immer drinnen bleiben“. Das wurde mir öfter gesagt. ( Die Kriminellen waren ja auch die Supergescheiten, die mußten es ja schließlich wissen)

Wir standen auf dem Korridor vor der Effektenkammer (Aufbewahrungsraum für die private Kleidung der Häftlinge). Unsere Sachen wurden in Hängebeutel gesteckt und aufgehängt. Wir bekamen die Gefängniskleidung ausgehändigt. Die Holzpantinen paßten so einigermaßen. Zelleneinweisung. Zuerst kam ich in eine Massenzelle. Ungefähr 12 Häftlinge waren drinnen und sage und schreibe, ein richtiges WC mit einer Tür davor. Oh—Die Häftlinge, die mit mir von der „Beethovendiele“ gekommen waren, kamen in andere Zellen.

Und nun ein wenig über einige der neuen Zellengenossen. In der Ecke saß eine Bibelforscherin. Sie trennte Säcke auf. Die Zellenälteste, deren Namen ich nicht mehr weiß, hatte die Verantwortung für Scheren und Messer usw. , wegen Selbstmordverhinderung. Diese Bibelforscherin, die ich eben erwähnte, war auch 1 1/2 Jahre schon in Haft. Ich quatsche sie an und frage sie „warum sitzen Sie denn eigentlich?“ „Aber nein, war ihre empörte Antwort, wollen Sie sich nicht gefälligst kultivierter ausdrücken. Sie befinden sich hier in einem vornehmen Hause „Hotel ohne Klinke“.

„Gut“, sagte ich, „Sie haben es erfaßt“. Dann war noch eine andere Frau in dieser großen Zelle. Das war ein besonderer Fall. Mit der war es auch besonders schlimm. Eine Frau Nötzig. War auf Anfang 60 wie die Bibelforscherin. Aber die war auch kriminell eingesperrt. Sie war beim Paketamt an der Hauptpost beschäftigt und hatte große Mengen Feldpostpäckchen „gemaust“ und in ihrer Wohnung aufbewahrt. Das haben mir andere Häftlinge erzählt. Wo die das immer so her wußten. Von Frau Nötzig habe ich nichts erfahren und die Kriminellen sind doch alle „so ehrlich“. Ich habe sie, das war dann schon Mitte September bei Fliegeralarm einmal wiedergesehen, wir waren durch den Zellenwechsel auseinandergekommen.

Gefangenengeschichte: Eine Berufung führt zum Todesurteil

Sie hatte die Gerichtsverhandlung hinter sich und hatte 3 Jahre Zuchthaus bekommen. Das Urteil nahm sie aber nicht an und legte Berufung ein. Sie erzählte mir das alles. Ich hatte ein großes Loch im Strumpf und sie lieh mir ihre Stopfnadel und Garn. Beim nächsten Fliegeralarm suchte ich sie und wollte ihr, das war unten im Maschinensaal im Erdgeschoß das Geliehene zurückgeben. Da war sie schon nicht mehr da. Ich fragte die Wachmeisterin nach Frau Nötzig. „Bei der Gaunerin geht der Kopf ab“, war ihre kurze Antwort. Frau Nötzig war schon im 1. Stock in der Todeszelle und da hing auch an der Zellentür das schmale weiße Handtuch. Denken Sie nur, Herr Pfarrer, durch ihren Einspruch war noch mehr herausgekommen—-Todesurteil— und die Stopfnadel habe ich heute noch.

(Fortsetzung folgt)

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Stationen in deutschen Gefängnissen

Teil 5 – So begann eine Reise durch sehr viele verschiedene Untersuchungsgefängnisse und Zuchthäuser, die meine Mutter mit sehr drastischen Details schildert. Ihre allergrößte Sorge bleibt die um die Familie, in deren Haus sie die Radiosendungen abgehört hat. Sie selbst besaß keinen Empfänger.

1. Station: Polizeigefängnis Wächterstraße

Das Gebäude Wächterstraße – Foto Wikimedia

Im Polizeigefängnis Wächterstraße war ich drei Tage zusammen mit drei Frauen. Ich habe von den Dreien nur einen Namen noch im Gedächtnis. Eine Charlotte Beckstein, die ich auch nie vergessen kann. Sie stammte sogar hier aus Liebertwolkwitz, 20 Jahre alt, war mit ihrem Freund im Kino gewesen und hatte ganz laut der Bemerkung gemacht: „Wenn Krieg vorbei, Nazis alle— hier!“ und dabei machte sie eine bedeutungsvolle Handbewegung quer über den Hals hin. Ihr Freund hatte sie aber nicht angezeigt. Wer es war, wusste sie nicht. Dann war da noch eine Bibelforscherin mit in der Zelle, nicht mit allzu großen Geistesgaben gesegnet, Anfang 60. Von ihr muss ich Ihnen auch erzählen, Herr Pfarrer und Ihnen zum besseren Verständnis: Ich war freitags eingeliefert worden, hatte drei Tage kein Mittagessen gehabt, denn es war Sonntag geworden.

Mittags an dem bewussten Sonntag schloss die Wachtmeisterin die Zellentür auf. Die Bibelforscherin durfte hinuntergehen in die Besuchszelle. Sie hatte Besuch bekommen und ihre Bibelschwestern hatten ihr einen Topf mitgebracht und einer herrlichen Soße und einem Becher mit Apfelmus hatte sie auch noch in der Hand und einen Löffel. Es ist doppelt schwer zu ertragen, wenn man das dann sieht und solch schrecklichen Hunger hat. Und sie aß mit großem Appetit, sie hatte auch Hunger und dann war der Topf bald leer. So kann die Nächstenliebe vergessen werden, wenn die primitivsten menschlichen Bedürfnisse nicht gestillt werden. Neben mir saß als die Vierte eine „Asoziale“, ungefähr Mitte 30 war sie, war eingesperrt, wie sie uns erzählte wegen völliger Verwahrlosung. Sie schämte sich gar nicht, uns das groß und breit immer wieder aufzutischen. Charlotte Beckstein flüsterte mit zu: „Die hat wohl nicht alle Tassen im Schrank, zu ihr habe sie gesagt, im 3.Reich werden genug Huren gebraucht und ich sagte zu Charlotte, dann soll sie aber erstmal saubere Wäsche anziehn“.

So verging nun der Sonntag, es war der 26. Juli 1944. Ich war so unglücklich und dazu noch die Sorge um die G‘s, die durch mich in diese Misere hineingekommen waren. Dann habe ich gegrübelt und simuliert, wie sie aus dieser Affaire nur wieder herauskommen könnten. Und tatsächlich, es fiel mir ein rettender Gedanke ein. Doch davon später. So kam dann Montag der 27. Juli 1944.

2. Station: Untersuchungsgefängnis Beethovenstraße (Spottname „Beethovendiele“)

Nun gleich zu Anfang möchte ich Ihnen dann noch berichten, Herr Pfarrer, Charlotte Beckstein und die Bibelforscherin durften hinunter gehen in die Abgangszelle, sie wurden entlassen. Was aus der Prostituierten geworden ist, weiß ich nicht. Als Häftling erfährt man ja nichts.

Ungefähr eine Stunde später klirrten wiederum die Schlüssel. Die Wachtmeisterin nahm mich mit hinunter ins Erdgeschoß, unsere Zelle war im 3.Stock, Nr. 92, komisch, die Nummer weiß ich heute noch. Unten im Gang standen noch mehr Häftlinge ungefähr konnten es 30 Personen sein, 4 Paare vor mir standen Herr und Frau G., sie schaute mich an, den Blick kann ich auch nie vergessen. Er verfolgt mich manchmal noch, wenn ich an dieses zurückdenke. als wollte sie mir sagen „was hast Du bloß gemacht“.

Nun muß ich Ihnen, lieber Herr Pfarrer, wieder einmal vorher etwas erklären. Von der Wächterstraße bis zum Gefängnis Beethovenstraße führt ein unterirdischer Gang. Durch diesen Gang wurden wir dann hinübergebracht in das Gefängnis Beethovenstraße. Das war ein düsteres Gebäude, verwahrlost, dreckig und starrend vor Ungeziefer. Es war alles da, was kribbelt und krabbelt. Läuse, Wanzen Flöhe usw. So begann nun für mich der Montagvormittag. Es konnte ungefähr so gegen 11.00 Uhr sein und ich hatte noch kein warmes Mittagessen. Ich habe in der Reihe auf dem Hinübergang meine Nachbarin gefragt (eine kriminelle) „hast Du schon ein warmes Essen im Polizeigefängnis bekommen“? Ja, wir hatten noch etwas bekommen, aber wir hatten 15 Zugänge, da hat es nicht mehr gereicht“, war ihre Antwort. Die Wachtmeisterin kam „Ruhe hier, hier wird nicht geflüstert“. Meine Nachbarin machte nämlich den Posten der Kalfaktorin, das sagte sie mir und musste es ja wissen. (Kalfaktor – Gefängnisausdruck für Essenausträger)

Sorge um inhaftierte Mitwisser – ein Gewissenskonflikt

In der „Beethovendiele“ wurden wir wieder in einen langen Gang geführt, er war ziemlich breit. Dort mussten wir an der Wand stehen. Frau Gietzold und ihr Mann stellten sich gleich neben mich und sie flüsterte mir zu „nichts eingestehen, wir kennen uns gar nicht, hörst Du?“ „Ja“, sagte ich, doch es kam anders. Da kam die Hauptwachmeisterin auf uns zu, sie hatte unsere Gesten beobachtet. „Ihr seid wohl Komplizen“? Sie sperrte mich in eine Zelle. Es war noch eine Frau drin, ungefähr 30 Jahre alt. Die kam gleich auf mich zu. Sie trug einen grauen Kittel, viel zu lang für sie, sie war so klein so wie ich und sprach Berliner Dialekt, sie war aus dem Gefängnis Moabit gekommen. Die tat mir leid, denn als ich näher hinsah, oh Schreck!! Sie hatte die Krätze. Zwischen den Fingern, auf den Beinen und am Halse. Daher die Einzelhaft. Sie wollte nun alles über die Lage wissen. Ich erzählte ihr, was ich so wusste. Dann wurde die Tür aufgeschlossen. Die Wachmeisterin kam, es wurde mir so übel, als ich auf dem Gang stand, der leere Magen und der Ekel vor ihrer Hautkrankheit ( ich meine die Frau in der Zelle), die Wachmeisterin nahm mich mit hinauf in den 2. Stock. In der Zelle gab es ein warmes Essen — Endlich!! Es war Mittagszeit. Die Kalfaktorin füllte mir den Napf bis an den Rand, ich tat ihr leid wegen meines Aussehens. Das weiß ich auch noch, was im Napf war: Dörrgemüse mit grünen Bohnen und viele Maden schwammen darinnen herum. Ach hat mir das gutgeschmeckt. Hunger ist der beste Koch, nicht wahr Herr Pfarrer?—

Ich war mit noch drei Frauen zusammen. Alle kriminell. Wer die alle waren, weiß ich nicht mehr. Es interessierte mich auch nicht. Ich war so unglücklich über all das, was über mich gekommen war. Und ich dachte immer wieder an G‘s. Wer hatte mir das nur angetan? In der Wächterstraße und auch in diesem Gefängnis war Wasserspülung, allerdings wie überall in der Zelle. Die Klosettbecken waren einmontiert, die Spülung war aber draußen auf dem Gang  und so mußten wir immer geduldig warten, bis es der Kalfaktorin oder der Wachtmeisterin endlich einfiel, abzuspülen.—Kommentar überflüssig-

Eine „Politische“ – ein armes Schwein

Schon in der Untersuchungshaft bekamen wir Arbeit. Wir mußten für eine Samenhandlung in Halle durch kleine Preisschildchen rotes Garn durchziehen. Wahrscheinlich wurden sie an die Tüten mit dem Samengut angehängt (das nur so nebenbei). Die Mitgefangenen fragten mich nach der Zeit, sie sahen meine Armbanduhr, nach dem Datum allerdings man verliert tatsächlich auf dem Gebiet jede Orientierung. Das sollte ich auch bald merken. „Wie ist die Lage und warum biste hier, was haste ausgefressen“: So hörte ich es von allen Seiten. Ich erzählte wieder mal, was ich so wusste über den Grund meiner Haft. „Ach Du armes Schwein“ , sagte eine, eine Politische, die Andre sagte „das sagen die alle, wer gesteht schon gerne ein, dass er gemaust hat“. Wir sind wenigstens ehrlich.

Ich war doch so unglücklich und überhörte vieles. (Es war so schätzungsweise der 8. oder 9. August). Das entsetzliche Ungeziefer schikanierte uns auch Tag und Nacht. Die Wanzen krochen an den Wänden entlang, über unsere Arme in unseren Kleidern saßen sie, ich musste mich auch viel am Kopf kratzen, auch noch Läuse. Das hatte mir gerade noch gefehlt. Einmal gab es Linsen, darin schwamm eine Scheibe Pferdeblutwurst. Hat auch geschmeckt. „Hunger tut weh“. Jawohl Herr Pfarrer und eine Frau sagte zu mir, verwechsle nicht die Linsen mit den Wanzen, sie sind auch manchmal durch den Dampf und die Wärme in den Fressnapf hineingefallen, darum die Bemerkung, das hatte schon seinen Grund. über allem Kummer kam auch noch die Schlaflosigkeit. In der Nacht fraßen uns die Wanzen auf, da kann man nicht schlafen und durch die Haare krochen die Läuse. Überall kratzen und nochmal kratzen. Die Pritschen waren sooo hart!!

Ich konnte nicht schlafen und dachte an G’s. „Komm Heiliger Geist, hilf Du mir Tröster in der Verlassenheit, tröste den der Tränen weint“, so inbrünstig habe ich noch nie gebetet. Wie oft hatte Pfarrer Gunkel mir die Pfingstsequenz zur Buße und zum Beten aufgegeben und empfohlen. „Heiliger Geist, Du musst mir helfen, Du bist der Geist des Rates und der Stärke. Gib mir einen guten Rat.

Anmerkung: Mir ist aufgefallen, dass es den Begriff „Beethovendiele“ für Untersuchungshaftanstalt bis in die DDR-Zeit gab. Aber da taucht der Name nur im Zusammenhang mit Stasi-Gefängnissen auf.

(Fortsetzung folgt demnächst)

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Widerstand und Liebe

(4. Teil meiner biographischen Erkundungen – meine Mutter gerät in die Fänge der GESTAPO) )

Meine Mutter war immer eine entschiedene Gegnerin der Nazis. Sie erklärte – nach dem Kriege – dass doch jeder hätte sehen müssen, dass dieser Hitler ein Verbrecher war. Diese Entschiedenheit hat mich in ihrer Eindeutigkeit beeindruckt. Aber ich frage mich – jetzt so aus der Vergangenheit – ob dahinter nicht auch der Groll auf diesen prominenten „illegitimen“ Vater steckte. Aber, über ihn sprach sie nie ein böses Wort. Es muss eine instinktive Abwehr gewesen sein. Ihre Erinnerungen an jene Zeit legen das nahe.  Es kann auch zu tun haben mit der Mitgliedschaft in der Kirchengemeinde, St. Liebfrauen in Leipzig Lindenau.

Pfarrer Theo Gunkel 1898 – 1972

Es gehört zu den dialektischen Faszinosa des Internets, dass dieses so moderne zukunftsweisende Medium Schätze aus der immer tieferen Vergangenheit zugänglich macht. Bei den Recherchen über meine kleine Familie wurde mir das wieder besonders deutlich.

Der Pfarrer der Liebfrauen-Gemeinde, Theo Gunkel, seiner Gemeinde im Arbeiterbezirk tief verbunden und von großer Güte und Einfachheit, war ein entschiedener Gegner des Naziregimes. Auf ihn bezog sich meine Mutter oft, wenn sie ihre Gegnerschaft zum Naziregime erklärte. Sie erinnerte an die Gespräche über die sehr bekannte Enzyklika von Papst Pius XI., Mit brennender Sorge, die dezidierte Worte der Ablehnung gegenüber dem Naziregime mit seinen „neuen Göttern“ formulierte. Pius XI. war Vorgänger von Papst Pius’XII, der damals katholischer Nuntius in Deutschland war.

Pfarrer Gunkel und seine Mitbrüder des Oratoriums Philip Neri positionierten sich sehr klar gegen das Naziregime und als die Judenverfolgungen begannen, halfen sie auch Bedrängten, wie ich jetzt erst jetzt viel deutlicher durch Internet-Recherchen erfuhr.

Bernd Lutz Lange über Theo Gunkel

Eine Gedenktafel in Lindenau erinnert daran

Meine Mutter hatte auch in ihrem beruflichen Umfeld – der ATG – ziemlich deutlich die Nazis verdammt und zwar so, dass sie einmal ein Verfahren wegen Führerbeleidigung am Hals hatte und später auch – aber aus anderen Gründen – unter Gestapoaufsicht geriet. Ihre Kollegen warfen ihr Leichtsinn und Mangel an Vorsicht vor, warnten, dass man sie irgendwann nochmal „abholen“ werde. Aber – so erzählte sie uns – sie habe einfach den Mund nicht halten können.

Französische Zwangsarbeiter.

Die ATG – Zulieferer der Rüstungsindustrie, zum Flickkonzern gehörend – hatte in den Jahren ab 1942 starke Zugänge an Fremdarbeitern, aus Frankreich. Meine Mutter, die recht gut französisch sprach, wurde zu ihrer Betreuung eingesetzt. Man muss wissen, dass es auch solche Fremdarbeiter gab, die sich freiwillig hatten rekrutieren lassen. Sie wohnten zwar in Gemeinschaftsunterkünften, auch für sie galten strenge Regeln und Ausgangsverbote, aber sie wurden weniger scharf überwacht.

Ein Fremdarbeiter namens Marcel Emphraix aus Montlucon in Frankreich und meine Mutter verliebten sich ineinander. Meine Mutter hat nie genau erzählt, ob er freiwillig nach Deutschland gekommen war. Seine Kameraden – ob freiwillig oder zwangsverpflichtet – waren alle stark interessiert am weiteren Kriegsverlauf.  1944 wurde ein Kind geboren – mein Bruder Andreas – und meine Mutter kam noch 1944 Haft.

Bericht für einen Pfarrer

Was weiter geschah und wie sich alles zum Tragischen entwickelte hat meine Mutter viele Jahre später in einem langen Brief an einen katholischen Pfarrer, der ihr geraten hatte, ihre Erinnerungen aufzuschreiben, berichtet

Der Bericht ist recht lang. Ich stelle ihn hier – unwesentlich gekürzt so nach und nach vor. Der Bericht ist so wie meine Mutter war: Immer ohne Pathos immer aufs Alltägliche konzentriert und jenseits allen Trachtens nach Heldentum. Meine Mutter ist nicht nur katholisch erzogen, sie war auch immer sehr der Kirche verbunden und religiös. Und ihre Verbindungen zur Liebfrauengemeinde in Lindenau waren von Fürsorge bestimmt. Ein uneheliches Kind von einem Fremdarbeiter hinderte den Pfarrer Theo Gunkel, den ich selbst noch kennenlernte und mit dem ich Jahre später lange Gespräche führte, wenn ich ihn in Leipzig-Lindenau besuchte, nicht, sich besonders um meine Mutter zu kümmern. Sie vermittelte z. B. einem französischen Priester, der als Fremdarbeiter in Leipzig war, die Möglichkeit, eine Heilige Messe zu lesen. Sie engagierte sich in der Gemeinde und war dort mit ihrer Nazigegnerschaft in einer gutem Umgebung.

Sehr geehrter Herr Pfarrer R.

Sie hatten die Freundlichkeit, mir das „Gefängnistagebuch“ von Luise Rinser auszuleihen.

Ich habe es mit besonderer Aufmerksamkeit gelesen und danke recht herzlich dafür. Sie können es mir sicher nachfühlen, daß es mich als ehemaligen Häftling des Naziregimes, die ich doch den gleichen Weg wie die Verfasserin gegangen bin, außerordentlich bewegt und erschüttert hat.

So werde auch ich nun versuchen, Ihnen in einem Bericht das wiederzugeben, was ich in meiner Haft erlebt, erlitten und ertragen habe.

Wie es zu meiner Inhaftierung kam

Ich arbeitete damals in einem großen Rüstungsbetrieb als Kontoristin und Stenotypistin. Auch in unserem Werk, gleich vielen anderen, waren ausländische Arbeiter beschäftigt. Hauptsächlich Franzosen und Belgier. Da ich ihre Sprache so ziemlich gut sprechen kann, wurde ich alsdann für ihre Angelegenheiten als Dolmetscherin herangezogen. Doch dabei blieb es nicht. Weil die Leute unsere Zeitungen und auch Radionachrichten nicht lesen und verstehen konnte, so habe ich ihnen vieles übermittelt, was sie besonders interessierte: die Lage an den Fronten usw.

Ich hatte Bekannte, die hatten einen großen Radioapparat. Wir haben sehr viele Auslandssendungen miteinander abgehört. Und, das was ich dann gemacht habe, war nicht richtig von mir, lieber Herr Pfarrer. Die Leute, Herr und Frau G., kamen durch mich in eine große Bedrängnis. Sie waren nur 10 Tage in Haft. Doch wie es zu meiner Inhaftierung kam, will ich Ihnen zuerst erzählen und muss Ihnen dann noch über Herrn und Frau G.  im Besonderen erzählen und berichten. Das hat nämlich einen bestimmten Grund.

Doch nun zuerst zu meiner Festnahme

Die Nachrichten des Londoner Rundfunks habe ich auf kleine Zettelchen mit der Maschine ins Französische übertragen, auf einer Ormigmaschine abgezogen und dann den Leuten, wenn ich in den Betrieb hinunterging, in die Taschen hineingesteckt. Ich forderte sie auf, das Tempo zu verlangsamen, nicht so schnell zu arbeiten, der Krieg sei sowieso verloren, und die verhassten Nazis würden millionenfach gehängt werden. So und ähnlich waren unsere Parolen „a-bas Hitler“, das war unsere Devise, wenn ich mich mit den Ausländern (traf) und sie sich mit mir unterhielten. So was konnte ja nicht lange gutgehen. Ich bin manchmal sehr impulsiv und ich war auch in unserer Abteilung in politischer Hinsicht ein Draufgänger und dafür allgemein bekannt. „Dich holen sie noch mal“, warnten mich meine Kolleginnen immer wieder. „Mit Euch kann man auch kein Pferd mausen gehen“, w[ar oft meine lakonische Antwort. Von Natur bin ich ein Träumer, doch dieses verhasste Regime regte einen immer wieder von Neuem auf.

Es kam der 23. Juni 1944

Ich wurde früh, als ich in unsere Abteilung kam, gegen 9.00 Uhr von der Gestapo abgeholt. Es waren zwei Beamte, die mich mit dem Auto in die Auenstraße brachten. Das ging alles sehr ruhig und ohne viel Aufhebens vonstatten. In der genannten Straße waren damals das Gebäude und die Büros der Gestapo untergebracht.

Sie wissen ja, Herr Pfarrer, dass ich als unverheiratete Mutter zwei Kinder habe. Andreas ist 1944 geboren, Magdalene ist 1946, nach dem Krieg geboren. Das muss ich nochmal erwähnen, im Verhör spielte das alles eine große Rolle.

Ich wurde sofort in das Dienstzimmer eines Gestapobeamten buchstäblich hineingeschoben. Das Aussehen dieses Mannes und mag es nun 30 Jahre her sein, kann ich Ihnen, lieber Herr Pfarrer, heute noch ganz genau beschreiben. Aber das ist ja nun nicht so wichtig.

„Nun setz Dich mal hin, Du kleines gefährliches Biest, da geht aber der Kopf runter und Deine unschuldige Fresse wirst Du nie wieder aufmachen können“. So begann er mit dem Verhör. Er schlug unbarmherzig auf mich ein. Die Brille fiel auf die Erde und ich konnte mich auf seine Fragen gar nicht richtig konzentrieren.

„Du hast ja selbst kein Radio und nun sag uns, wo Du die Sendungen gehört hat, gib uns die Adresse an, wo die Leute wohnen“! Ich habe mich hartnäckig geweigert, eine Auskunft zu geben. Er hat mich nicht mehr geschlagen, aber dann stellte er eine furchtbare Bedingung. „Ich gebe Dir eine halbe Stunde Zeit zum überlegen, nennst Du uns nicht die Adresse, dann muss Dein Kind dran glauben. Ein Ferngespräch an unsere Dienststelle in Lörrach und Dein Junge wird das zweite halbe Lebensjahr nicht mehr beginnen. Da machen wir kurzen Prozess und sein Lebenslichtlein wird ausgepustet!“ Mein Junge – das Kind von Marcel Emphraix, einem Fremdarbeiter, war in dem Ort in einer Pflegestelle untergebracht, bei einer Frau Weber. Unsere Gemeindeschwester in der Liebfrauengemeinde hatte mir diese Stelle besorgt.

So war er dorthin gekommen. Auf der vorhergehenden Seite hatte ích ja schon meinen kleinen Jungen erwähnt—. Ich bekam fast einen Schock, diese Eröffnung lähmte alle meine Sinne.

Er hatte mich bei meiner schwächsten Stelle gepackt. Und die Leute, Herr und Frau G. kamen nun durch mein Verschulden ebenfalls in diese furchtbare Bedrängnis, wie ich es Ihnen, Herr Pfarrer, ja schon angedeutet hatte. Ich hatte nun die Adresse angegeben und auch sie wurden gleich verhaftet. Auch das hatte ich Ihnen zum Verständnis erwähnt, dass die beiden Gottseidank nur acht oder zehn Tage in Haft waren. – Doch will ich nun weitererzählen.

Fortsetzung folgt demnächst.

Hier sind die bisherigen Teile der Familiengeschichte

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Die zerbrechliche Härte des Alters

Sie wohnt bei mir um die Ecke und wurde schon immer von meinem Mann und mir „scharf“ beobachtet“, wenn sie des Weges kam und kommt. Sie ist immer wohlfrisiert, trägt noch immer Schuhe mit hohen Absätzen, aber geht an einem Stock. Wenn ich sie sehe, macht sie sich entweder auf nach Pankow oder kommt von den dort getätigten Besorgungen zurück. Und alles piekfein.

Heute sind wir zusammen aus der Straßenbahn gestiegen. Ich ging ihr vorsichtig nach, weil ich sie nicht erschrecken wollte, habe mich ihr vorgestellt und nachgefragt, ob es stimmt, was mir andere über sie schon erzählt haben. Dass sie in den gastronomischen Spitzenkneipen der DDR-Hauptstadt jahrzehntelang tätig war. Ja, sagt sie – das „Lindencorso“ war ihr Terrain, aber auch das „Cafe Moskau“, wo sie an der Bar tätig war. Sie könnte viel erzählen, glaube ich, aber ich will sie nicht drängen. Sie ist mit dem täglichen Kraftaufwand beschäftigt und hat – vom ehemaligen Beruf – dennoch eine professionelle Freundlichkeit, die mir imponiert und gefällt.

Sonja Plonus heißt sie und meint – als wir uns auf eine Bank setzen.- dass sie sich ziemlich aufraffen muss, um ihren täglichen Gang zu absolvieren. Es wird von Jahr zu Jahr härter. Sie hat eine Makuladegeneration, die fortschreitet und in ihrem Alter wird da nicht mehr operiert. Also hält sie sich ziemlich streng an Wege, die sie kennt. Und ich denke bei mir, dass auch ich das schon kenne.

Sie war mal verheiratet, aber ihr Mann ist gefallen, ihr Kind ist mit 8 Monaten gestorben. Das war im Jahr 1955. Sie hat nicht wieder geheiratet. Und jetzt wohnt sie hier und einmal am Tage kommt auch eine Pflegekraft zu ihr, obwohl sie ja eigentlich noch immer alles selbst tut. Aber sie ist dadurch ein bisschen unter Beobachtung. Sonst ist sie allein.

Ich darf sie abbilden, das hat sie mir erlaubt. Ich finde, dass sie ein Muster an Disziplin ist und der Welt eine Person zeigt, die dem Leben zugewandt ist und ein Bild jener zerbrechlichen Härte zeigt, die zu manchen alten Menschen gehört, die Tag für Tag nicht aufgeben.

Sonja Plonus ist 97 Jahre alt.

Ich bewundere sie.

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Marianne zwischen Simpelveld und Köln

(3. Teil meiner biographischen Erkundungen. Marianne – meine Mutter- war in Dessau, um ihren Vater um Hilfe zu bitten. Hinter ihr lagen bittere Jahre. )

Simpelveld

Ob es zwischen Helene und dem Vater ihrer Tochter Marianne noch Kontakte gab, darüber ist nichts bekannt. Helene-Laura, die sich später Sonja nennt, verließ Stettin und auch der preußische Leutnant ist in Richtung Berlin weiter gezogen.

Meine Mutter erinnerte sich zwar, dass sie als kleines Kind einmal in Berlin war, aber ob dieser Aufenthalt etwas mit ihrem Vater zu tun hatte, ist sehr zweifelhaft.

Laura, Sonja, Helene Geisler wollte bekannter werden, neue Engagements finden. Darum zog sie mit dem Kinde durch viele Städte Deutschlands. Marianne wurde manchmal sich selbst überlassen, manchmal überschwänglichen Liebesbezeugungen ausgesetzt. Bald aber wurde sie lästig, weil sie die Pläne der Mutter störte. Die verwendete alle Kraft auf ihre Karriere, auf ihr eigenes Leben. Als das Kind zur Schule musste und es die Mutter nicht mehr zu den Orten ihrer Engagements begleiten konnte, wurde es in das katholisches Mädchenpensionat gegeben – nach Simpelveld in den Niederlanden, nicht weit von Aachen.

Blick auf das Kloster der Schwestern vom Armen Kinde Jesu. Foto aus den Jahren um 1900

Bei den Schwestern vom armen Kinde Jesu verbrachte das Mädchen Kindheit und Jugend bis zum 17.Lebensjahr. Dort konvertierte Mariannezum Katholizismus. Sie hat ein kleines Dokument hinterlassen, auf dem diese Konversion in französischer Sprache bescheinigt ist. Warum in Französisch weiß ich nicht. Sie erwähnte einmal, das sie im Verlauf des ersten Weltkrieges wohl eine Weile auch in Belgien war. Ich sehe es mir hin und wieder an. Am 18. November 1915, im Alter von elf Jahren, wurde aus dem in der Stettiner Lutherkirche evangelisch getauften Mädchen ein katholisches. Ihr biologischer Vater ist zu dieser Zeit in Frankreich im Krieg, er führt einen Scheinwerferzug  – beleuchtet das Schlachtfeld.  Die Mutter besucht sie wohl zu Beginn hin und wieder, aber bald lässt sie nichts mehr von sich hören. Sie habe das für die Erziehung der Tochter bestimmte Geld, das der Vater gezahlt haben soll, wohl lieber für sich selbst verwendet, berichtet die Familienkolportage.

Die Folgen für Marianne sind eine wenig unterdrückte Geringschätzung durch die erziehenden Nonnen und ständige Ermahnungen zu besonderer Demut. Marianne lernt ordentlich, in den Fächern, in denen auch ihr Vater gut war. Sprachen lernt sie schnell, besonders eifrig ist sie in Französisch, auch im Aufsatz bekommt sie gute Noten. Vom Gesangstalent der Mutter hat sie ebenfalls ein wenig geerbt und singt im Kirchenchor kleine Solopartien. Mit 17 Jahren wird sie aus dem Pensionat entlassen. Sie geht allein und zu Fuß  – in einem Handwagen sind ihre Sachen – nach Aachen, um von dort weiter nach Köln zu reisen. Sie will sich mit der Mutter treffen.

Begegnung in Köln

Helene oder Laura oder Sonja Geisler war in den zwanziger Jahren längere Zeit in Köln im Engagement. Als die Tochter sie aufsuchte und vorschlug, gemeinsam zu wohnen, muss sie das sehr erschrocken haben. Es erschien ihr absolut indiskutabel, in Verbindung mit einer Tochter gebracht zu werden, aus deren Alter man auf das ihre schließen konnte. Sie war fest davon überzeugt, dass es in Köln, der Stadt „wo mich doch jeder kennt“ einen Skandal geben würde, wenn bekannt würde, dass sie Mutter eines Kindes und auch noch in diesem Alter ist. Sehr wahrscheinlich ist auch, dass sie einen Geliebten hatte. Auch da hätte die Tochter gestört. Und dieses Kind hatte ziemlich konventionelle Vorstellungen über die Führung eines Haushaltes und über Ordnung im Leben. Die klösterliche Erziehung hatte Spuren hinterlassen.

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Köln am Beginn des 20. Jahrhunderts

Sie kamen also nicht zusammen, die Mutter und ihre Tochter. Sie trennten sich in tiefem Groll. Meine Mutter sprach von der ihren nur noch im Ton höchster Verachtung. Die Tochter musste für sich selbst sorgen.

 Ein Dienstmädchenleben

„Zu Beginn des 20. Jahrhunderts bestand eine große Nachfrage nach Dienstmädchen, doch ihre Lebensumstände waren schlecht. Oft unterdrückt von herrischen Hausfrauen mussten sie auch in der ständigen Angst vor sexuellen Übergriffen der Hausherren oder Haussöhne leben. Das Ziel des Mädchenschutzes, die Frauen vor der Prostitution oder dem Status des „gefallenen Mädchens“ zu retten, wurde so nicht immer erreicht. Auch der Versuch des katholischen Mädchenschutzes, christliche Werte wie Tugendhaftigkeit und Reinheit zu vermitteln, verblassen vor diesem Hintergrund. Die Zielsetzung des Mädchenschutzes lag dennoch vor allem in der Vorbereitung der jungen Frauen auf ein späteres Leben als Hausfrau und Mutter“.(Aus einer Hausarbeit der Universität Köln)

Nach der wenig harmonischen Begegnung mit der Mutter suchte sich Marianne eine Stellung als Dienstmädchen. Sie arbeitete im Rheinland und Niedersachsen genau zehn Jahre lang in verschiedenen Anstellungen. Fast jedes Jahr wechselte sie die Herrschaft. Davon hat sie oft erzählt und alles, was sie berichtete, war von Bitterkeit durchtränkt. Gleich bei der ersten Stellung in Köln erlebte sie, dass die rheinländische Gemütlichkeit auch ihre brutalen Seiten hat. Vom Hausherrn einer Familie, bei der sie angestellt war, wurde sie vergewaltigt und es kam zu einem Prozess, der für das junge Mädchen voller Peinlichkeiten und Anschuldigungen war. Die Autoritäten der zuständigen Ämter hätten erwogen, sie ins „Kloster zum Guten Hirten“ zu bringen. Diese Einrichtung kümmerte sich damals um junge Mädchen, die in Gefahr schwebten, der Prostitution zu verfallen. In einer anderen Familie borgte sich die Dienstherrin Geld von ihr, das aber niemals zurückgezahlt wurde.

Versicherungskarten

Einige Nachweise ihrer Beschäftigung in der „Rheinprovinz“ waren noch in ihrem Nachlass zu finden. Ich erinnere mich, dass sie hin und wieder über ihre Anstellung auf der Burg Hemmersbach in Horrem sprach. Dies war der Landsitz der Grafen von Trips, deren Sohn der später sehr bekannte der Rennfahrer Graf Berghe von Trips ist. Dort sei es ihr recht gut gegangen, erzählte sie, Es gab Regeln und Formen und ausgehandelten Lohn. Außerdem waren dort eine größere Zahl von Dienstboten, so dass sie nicht allein einer kleinbürgerlichen „Gnädigen Frau“ ausgesetzt war, welche die eigene Unbedeutendheit am Dienstmädchen abreagiert. Zwei der acht Versicherungskarten, die meine Mutter aufbewahrt hat, sind in Horrem Bezirk Köln ausgestellt. Weitere Versicherungsnachweise gibt es von ihr über eine Stellung in Köln , dann in Horn in Lippe und in Hannover.

Über diese Zeit zwischen 1923 und 1933 erzählte meine Mutter immer mit großer Bitterkeit. Sie konnte sich in die für sie ausersehene dienende Rolle nicht hineinfinden, ein innerer Stolz hinderten sie daran. Zudem war sie recht gut ausgebildet und fühlte sich oftmals – so hat sie es berichtet – ihren Dienstherren überlegen. Was auch immer sie mir berichtete, es handelte davon, wie traumatisch für sie diese Jahre waren. Sie haben sie mehr geprägt als die sehr demütigende Behandlung in Simpelveld. Von den Leiden und Erniedrigungen, die noch folgen sollten, ganz zu schweigen.

Versicherungskarte aus Horrem aus der Dienstzeit bei den Grafen von Trips

So sind immerhin zwei der acht Versicherungskarten, die meine Mutter aufbewahrt hat, in Horrem Bezirk Köln für die Jahre 1927 und 1928 ausgestellt. Weitere Versicherungsnachweise gibt es über Stellungen in Köln, in Horn in Lippe und in Hannover. Aber, wo auch immer sie in Stellung war, sie konnte sich in die dienende Rolle nicht hineinfinden, ein innerer Stolz hinderte sie daran. Sie war ja recht gut ausgebildet und fühlte sich oftmals ihren Dienstherren überlegen. Was sie uns erzählte über diese Zeit handelte davon, wie sehr sie sich in diesen Jahren unterdrückt, aufgeliefert und fehl am Platz gefühlt hatte. Ich denke heute, dass diese Zeit sie mehr gekränkt hat als die sehr demütigende Behandlung im niederländischen Simpelveld. Von den Leiden und Erniedrigungen, die noch folgen sollten, ganz zu schweigen.

In den fünfziger Jahren sahen wir uns einmal einen ungarischen Film mit dem Allerweltskriminal-Titel „Schuldig?“. Es handelte sich dabei um eine Verfilmung des Romans „Anna Edes“ von Dezsö Kosztolányi. Darin werden die psychischen Misshandlungen und seelischen Demütigungen eines Dienstmädchens im Budapest der 20er Jahre beschrieben. Es ermordet daraufhin das brutale Paar. Meine Mutter kam damals weinend aus dem Kino, denn der Film hatte sie tief in der eigenen Empfindung getroffen. Die Erlebnisse als Dienstmädchen müssen es gewesen sein, die sie bewogen haben, ihren leiblichen Vater um Hilfe zu bitten. Sie muss erfahren haben, dass er Einfluss hatte, dass er ihr helfen konnte. Sympathie gab es wohl kaum.

Eine Arbeitsstelle in Leipzig

Er vermittelte Marianne eine Stelle im Büro in einem Betrieb in Leipzig. Allgemeine Transportanlagen (ATG)  war ein Betrieb der aufstrebenden Luftrüstung. Dort etablierte sie sich, bezog in Zimmer in Untermiete und lebte – wie sie sich gern erinnerte – ein ruhiges und gleichmäßiges Leben. Sie war beliebt bei ihren Kollegen. Und sie fühlte sich endlich befreit und geschätzt.

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