Nach der Befreiung

Teil 10 – Vor einiger Zeit hat ein Showmaster eine Wette verloren. Um sie einzulösen, musste er eine Nacht im Bremer Gefängnis verbringen. Als ich den Bericht darüber las, ging es mir mitten durch’s das Herz. In Bremen Oslebshausen wurde meine Mutter befreit. Ihr Bericht über die Haftzeit endete zwar auf dem Bahnhof von Waldheim. Aber das war nicht die letzte Station. Ihre Haft endete in Bremen, eben jenem Gefängnis – heute JVA – die es auch heute noch gibt.

Am 26.4.1945 marschierten britische Truppen in die Stadt ein. Mariannes Haft war zu Ende. Von den britischen Militärs wurde sie über Grund und Umstände ihrer Haft befragt. Dabei erfuhr sie, dass die mehr als zwei Jahre Zuchthaus, zu denen sie verurteilt war, nicht das Ende ihrer Gefangenschaft bedeutet hätten. Man hätte sie danach ins KZ verbracht. So stand es in den Unterlagen.

Am19. Mai 1945 erhielt sie einen Entlassungsschein, nun bereits von einer deutschen Dienststelle.

Ihr Guthaben bei der Entlassung betrug 129, 56 Reichsmark. Das meiste davon – 121, 56 Reichsmark – hatte man ihr bei der Inhaftierung abgenommen. Acht Reichsmark hat sie durch Arbeit in den verschiedenen Zuchthäusern „dazuverdient“. Der Entlassungsschein enthält außerdem Vermerke des Ernährungsamtes Bremen über Lebensmittelkarten, die sie bekommen hat. Eine für Frischmilch und eine für Kartoffeln. Sie gelten bis zum 24. Juni 1945.

Marianne hielt sich noch einige Wochen in Bremen auf, bis ihre Angelegenheiten geklärt waren.

Streit um einen Sohn und Zeugung einer Tochter

Sie machte sich, sobald sie endgültig entlassen war, auf den Weg in den Schwarzwald, nach Lörrach, um ihr Kind von der Pflegestelle bei Verena Weber abzuholen. In Lörrach wurde eine Abschrift des ursprünglichen, sogenannten K.Z.-Scheines ausgestellt, den sie sorgfältig aufbewahrte, so wie auch ich ihn noch immer sorgfältig aufbewahre. Offensichtlich hatte sie das in Bremen ausgestellte Original verloren. Es bestätigt ihr, dass sie aus der Haft entlassen und von der Hilfsstelle für KZ-Entlassene betreut worden ist. In diesem Dokument wird gebeten, der Inhaberin die notwendige Hilfe zu gewähren. Eine monatelange Reise durch das zerstörte Deutschland lag da bereits hinter ihr. Wie sie nach Lörrach gelangt ist, mit welchen Transporten, darüber gibt es vergleichbare Berichte aus dieser Zeit. Mit einem der wenigen Züge, die fuhren, per Anhalter mit Soldaten, mit Zivilisten, mit Autos und zu Fuß.

Der Gedanke an das Wiedersehen mit ihrem Kind hatte ihr Kraft gegeben. Sie ahnte jedoch, dass ihr eine Auseinandersetzung mit der Pflegemutter ihres Sohnes bevorstand. Aus der spärlichen Korrespondenz, die sie in ihrem Bericht erwähnt wusste sie, dass Verena Weber nicht mit ihrem Überleben gerechnet hatte. Im Juli 1945 kam sie in der kleinen Schwarzwaldstadt Lörrach an, der Stadt, in der ich gezeugt wurde.

Ein Sommer im Schwarzwald

Es muss ein schöner Sommer gewesen sein, als meine Mutter an eine Tür klopfte und nach ihrem Sohn fragte, womit sie Verena Weber sehr erschreckt hat. Unter den wenigen Fotos, die meine Mutter aus der Vergangenheit besaß, war auch eines von dieser jungen Frau. Ich habe es mir schon als Kind oft angesehen. Eine hübsche Person.  Aus der Sicht eines Kindes fast alterslos. Wenn ich es heute betrachte, schätze ich sie so um die dreißig Jahre. Freundlich blickt sie in die Kamera. Meine Mutter erzählte, dass sie recht lebenslustig war und aus der Tatsache, dass ein französisches Offizierskasino in der Nähe war, diesen und jenen Vorteil zu schlagen wusste. Mit dem Kind hatte sie sich eingerichtet. Sie war ja auch allein, entweder unverheiratet oder der Mann im Krieg geblieben. Ich kann mich nicht erinnern, dass meine Mutter darüber jemals etwas berichtet hat.

Ausführlich berichtet hat sie immer von einem Kampf um Andreas, ihren Sohn. Es kann keine gerichtliche Auseinandersetzung gewesen sein, sondern ein internes „Tauziehen“ der beiden Frauen. Verena Weber fand, dass sie ein Recht auf das Kind habe, weil sie es innerlich schon adoptiert hatte. Besorgniserregend fand Marianne, dass dieser Junge – im beginnenden August bereits ein Jahr und acht Monate alt – noch nicht einen Schritt laufen konnte. War er wirklich ein Spätentwickler oder hatte sich die kinderliebe Verena nicht genug um ihn gekümmert? War alles eine Pose und war es ihr vielleicht nur um das Geld gegangen, das sie für die Pflege von der Kirche erhielt? Ihre Motive bleiben im Unklaren. Meine Mutter aber wollte dieses Kind und sie wollte mit diesem Kind nicht in Lörrach bleiben.

Man hatte ihr bei der Entlassung in Bremen gesagt, sie solle an den Ort zurückkehren, der ihr letzter Wohnort war – nach Leipzig. Dort würde man sie am besten betreuen können. Obwohl sie in ihrem Lebensbericht für den Pfarrer bekundete, dass sie den Vater ihres Sohnes nicht mehr geliebt hätte, hegte sie nach wie vor die Hoffnung, dass sie den Fremdarbeiter Marcel Emphraix aus dem französischen Montlucon – wiedersehen würde. Leipzig war auch dessen letzter Aufenthaltsort gewesen.

Mein Erzeuger tritt auf den Plan

Trotz der Auseinandersetzungen gingen Verena Weber und Marianne gemeinsam aus. In das Offizierskasino. Dort lernte Marianne eines Tages einen französischen Offizier – einen Colonel – kennen. Sein Name war Josef Möglin. Er sei nicht sehr groß und etwas untersetzt gewesen. Auch wesentlich älter als sie, die damals fast 40 Jahre alt war. Ein Elsässer, aus Colmar stammend. Was er im zivilen Leben getan hatte, wusste sie nicht genau. Dieser Josef Möglin führte sich als Verantwortlicher für den gesamten Landkreis Überlingen ein und imponierte Marianne damit sehr, denn sie wiederholte dies oft.

Er gewann Mariannes Vertrauen, er hörte sich ihre Klagen und ihre Berichte an, sowohl die über ihre Haft als auch die über den französischen Fremdarbeiter, den Vater ihres Kindes. Verena Weber mahnte Marianne, sie solle nicht immer von einem anderen Mann erzählen, sie habe wohl noch nicht bemerkt, dass dieser Offizier ein Auge auf sie geworfen habe. Und in der Tat wurde aus dieser Begegnung eine kurze Beziehung. Die Lust zu leben, das Gefühl, noch einmal dem Tode entronnen zu sein, das alles muss Marianne bewogen haben, sich auf ihn einzulassen.

Immer wieder erzählte sie mir eine Episode aus dieser kurzen Begegnung: Sie sei – nach den Entbehrungen der Haft und der langen Reise nach Lörrach – schwach und schnell ermüdet gewesen. Da habe er sie bei einem Kinobesuch einmal einfach genommen und die Treppe hinauf getragen. Heute denke ich, dass dieses Erlebnis am meisten dazu beitrug, dass sie ihm nahe kam. Ein Mann, entscheidend älter als sie, vermutlich ein hoher Militär vermittelt ihr ein tiefes Gefühl der Geborgenheit und des Schutzes.

Ein kurzer ein intensiver, ein unvergesslicher Moment des Trostes. Erinnert sie das nicht an einen Vater wie sie ihn möglicherweise in Wilhelm Friedrich Loeper gern gesehen hätte? Einer, der kraftvoll schien, der Einfluss zu haben schien, der ihr kraft dieses Einflusses vielleicht helfen konnte und der eine ihr unbekannte Geste des Beschützens für sie bereit hatte. So kann es gewesen sein. Sie hat nie so reflektiert über diese Dinge, meine Mutter.

Manches bleibt im Dunkel eines Offizierscasinos

Meine Nachforschungen bestätigen die Annahme, dass sie sich die Position dieses Mannes und seines Dienstgrades wahrscheinlich ins Bedeutungsvollere fantasiert hat, als es in Wirklichkeit war. So konnte sie besser innerlich verarbeiten, dass sie ihm nachgab und mit ihm geschlafen hat. Soweit ich sie richtig verstanden habe, ist das nur einmal geschehen. Noch nach vielen Jahren war von meiner Mutter nicht eindeutig zu erfahren, ob sie wirklich mit ihm auch schlafen wollte oder ob sie die sexuelle Beziehung als eine Art Dankbarkeitsschuld duldete. Meine Mutter hatte ihre eigene Art, diese Dinge im Dunkeln zu lassen. Josef Möglin hat sie sicherlich nicht vergewaltigt, wohl aber intensiv bedrängt und sie wollte nicht Nein sagen. Was weiß ich schon. Als sie sich im Spätsommer des Jahres wieder auf den Weg macht, wusste sie, dass sie schwanger ist. Sie hatte auch Gewissheit darüber, dass dieser Colonel Möglin nicht die Absicht hat, eine Vaterschaft anzuerkennen. Dass er in seiner Heimat, in elsässischen Colmar eine Familie hatte, gehörte zu den vagen Annahmen, die meine Mutter über ihn hatte.

Die Versuchung liegt nahe, einen tiefer sitzenden Grund für dieses Verhältnis zu orten. Könnte es nicht sein, dass Marianne in der Rivalität zur eigenen Mutter auch jemanden vorweisen wollte, der höheren Ranges war, der etwas darstellte. Und der dann auch noch von der gegnerischen Seite war? Es hätte etwas Zurechtrückendes, etwas Gerechtes, etwas, das ihr unbewusst vielleicht eine Art Befriedigung gegeben hätte, wofür auch immer? Sie hätte den Kopf geschüttelt über eine solche Art, Handlungsmotive auszulegen, in Zeiten, da so vieles einfach Zufall, einfach den Umständen geschuldet war.

Erneute wochenlange Reise durch Deutschland

Nach dieser Begegnung und nachdem sie sich im Kampf um das Sorgerecht für ihren Sohn durchgesetzt hatte, verließ sie Lörrach. Erneut war sie viele Wochen in Deutschland unterwegs – ein Kind auf dem Arm, ein Kind im Bauch. Ich sehe auf dem KZ-Schein die Stempel aus Ludwigsburg und aus der Nähe von Frankfurt am Main. Da muss sie mit ihrem Kind auf der Rückfahrt „durch“ gekommen sein und dort hat man ihnen Lebensmittel-Reisemarken gegeben.

Wie alle, die in diesen Zeiten in Deutschland unterwegs waren, ging sie zu Fuss oder fuhr per Anhalter. So überschritt sie eines Tages auch die damals noch provisorische „Grenze“ zur russischen Besatzungszone und trifft auf russische Soldaten.

„Sie haben mich sehr belästigt, aber danach gab es etwas Warmes zu essen“, so ihre Worte. Was immer sie damit meinte, ob es zum Äußersten gekommen ist oder ob ihr eine Vergewaltigung erspart blieb, ich weiß es nicht. Sie hat kein Drama draus gemacht, denn sie hatte schon zu viele hinter sich. Es war offensichtlich nur ein geringer Schutz für sie, dass sie einen Entlassungsschein aus einem Zuchthaus als politische Gefangene bei sich hatte. Sie war als Frau dort, nicht als politisches Wesen. Vielleicht aber war dieser Entlassungsschein einer der Gründe dafür, dass man sie mit einem russischen Militärtransport mitfahren ließ ohne, dass sie dort weiter belästigt wurde.

Auch davon berichtete sie immer wieder. Als sie auf den Waggon zutrat, hätten sich viele Hände ausgestreckt, nicht nach ihr, sondern nach dem Kind auf ihrem Arm. Sie seien unglaublich hilfsbereit gewesen, hätten ihr erst das Kind abgenommen und dann auch ihr beim Einsteigen geholfen. So kam sie schneller voran nach Leipzig, die Stadt, in die es sie durch die Hilfe ihres Vaters verschlagen hatte. Nach der ersten Besetzung durch die Amerikaner war die Stadt in einem Gebietsaustausch nun von den Russen eingenommen.

Fortsetzung folgt

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