Die zerbrechliche Härte des Alters

Sie wohnt bei mir um die Ecke und wurde schon immer von meinem Mann und mir „scharf“ beobachtet“, wenn sie des Weges kam und kommt. Sie ist immer wohlfrisiert, trägt noch immer Schuhe mit hohen Absätzen, aber geht an einem Stock. Wenn ich sie sehe, macht sie sich entweder auf nach Pankow oder kommt von den dort getätigten Besorgungen zurück. Und alles piekfein.

Heute sind wir zusammen aus der Straßenbahn gestiegen. Ich ging ihr vorsichtig nach, weil ich sie nicht erschrecken wollte, habe mich ihr vorgestellt und nachgefragt, ob es stimmt, was mir andere über sie schon erzählt haben. Dass sie in den gastronomischen Spitzenkneipen der DDR-Hauptstadt jahrzehntelang tätig war. Ja, sagt sie – das „Lindencorso“ war ihr Terrain, aber auch das „Cafe Moskau“, wo sie an der Bar tätig war. Sie könnte viel erzählen, glaube ich, aber ich will sie nicht drängen. Sie ist mit dem täglichen Kraftaufwand beschäftigt und hat – vom ehemaligen Beruf – dennoch eine professionelle Freundlichkeit, die mir imponiert und gefällt.

Sonja Plonus heißt sie und meint – als wir uns auf eine Bank setzen.- dass sie sich ziemlich aufraffen muss, um ihren täglichen Gang zu absolvieren. Es wird von Jahr zu Jahr härter. Sie hat eine Makuladegeneration, die fortschreitet und in ihrem Alter wird da nicht mehr operiert. Also hält sie sich ziemlich streng an Wege, die sie kennt. Und ich denke bei mir, dass auch ich das schon kenne.

Sie war mal verheiratet, aber ihr Mann ist gefallen, ihr Kind ist mit 8 Monaten gestorben. Das war im Jahr 1955. Sie hat nicht wieder geheiratet. Und jetzt wohnt sie hier und einmal am Tage kommt auch eine Pflegekraft zu ihr, obwohl sie ja eigentlich noch immer alles selbst tut. Aber sie ist dadurch ein bisschen unter Beobachtung. Sonst ist sie allein.

Ich darf sie abbilden, das hat sie mir erlaubt. Ich finde, dass sie ein Muster an Disziplin ist und der Welt eine Person zeigt, die dem Leben zugewandt ist und ein Bild jener zerbrechlichen Härte zeigt, die zu manchen alten Menschen gehört, die Tag für Tag nicht aufgeben.

Sonja Plonus ist 97 Jahre alt.

Ich bewundere sie.

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2 Antworten zu Die zerbrechliche Härte des Alters

  1. eimaeckel schreibt:

    Tapfer, mich würde wirklich interessieren, was diese Frau zu erzählen hat.

    Gefällt 1 Person

  2. Pingback: Wochenrückblick: Die Pipeline und der Poggenkönig – JR's Ostblog

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