Von Leipzig bis Bremen – Monate auf Transport

Teil 9 – Nach der Verurteilung beginnen Monate weiterer Ungewissheit. Marianne weiß, dass der Krieg bald zu Ende sein wird und die Schreckensherrschaft der Nazis damit ebenfalls. Aber, wo sie sich dann befinden wird, das weiß sie nicht.

Nun will ich Ihnen, lieber Herr Pfarrer, doch nun wieder weiter erzählen. Am Morgen des 23. Januar kam dann schon um 6.00 Uhr unser sogenanntes Frühstück. 2 Schnitten Brot mit Marmelade und einen Becher Tee. Vorher war Kübelentleerung und allgemeines Waschen. Es war 7.00 Uhr, wir standen draußen auf dem Hof ungefähr 40 Frauen besser gesagt Häftlinge. Aus allen möglichen Nationen. Die klare Winterluft tat mir gut. Kein Chlor – kein Kübelgeruch.

SS-Beamte brachten uns an die Straßenbahn und wieder der gleiche Kommandoruf „wer versucht, auszureißen, wird umgelegt!“ Auf dem Hauptbahnhof in Leipzig, Bahnsteig 26 stand ein Zug für Gefangenentransporte, durch die Fenster konnte man nichts sehen, sie hatten Milchglasscheiben und waren vergittert. Es waren sogar Bänke drin.

Chemnitz – Untersuchungs- und Strafgefängnis „auf dem Kaßberg“

Gegen Mittag kamen wir in Chemnitz an. Ich glaube, wir sind zu Fuß hingelaufen. Ich kann mich nur noch an die großen Polizeihunde erinnern und an die Beamten, die unseren Zug bewachten. Und in diesem Gefängnis waren wir auch nur einige Tage. Ich lernte niemanden kennen. Eine Wachmeisterin sagte auf dem Korridor zu mir als ich den Gang kehren mußte: „Sie tun mir aber leid, sie sind doch sicher politisch in Haft, das sieht man doch“. Ich wollte schon gleich heulen, sie sagte „beherrschen sie sich, das fällt auf“. Sie ging auch gleich hinunter ins Erdgeschloß, dort standen mehrere Häftlinge. Es war ein Judentransport in irgendein K-.Z.. Sie trugen alle an der Armbinde den Judenstern.

https://gedenkort-kassberg.de/geschichte/

Hier wird aus die Geschichte des ehemaligen Gefängnisses erzählt.

Von 1933 bis 1945 diente das in jener Zeit um einen vierten Zellentrakt (D-Flügel, Baubeginn 1938) erweiterte Untersuchungs- und Strafgefängnis – ähnlich den Haftanstalten in Hoheneck (Stollberg) und Bautzen – den Nationalsozialisten zur Inhaftierung zahlloser Menschen. In den 184 Zellen der 1936 in ,,Untersuchungsgefängnis Chemnitz” umbenannten Gefangenenanstalt saßen neben „gewöhnlichen Kriminellen“ vor allem: politische Häftlinge der Justiz sowie von der Gestapo verhaftete Kommunisten, Sozialdemokraten, Zeugen Jehovas und andere aus der ,,Volksgemeinschaft” ausgegrenzte Personen, darunter Homosexuelle und als „asozial“ Stigmatisierte (Bettler, sog. ,,Arbeitsverweigerer“, Prostituierte). Für viele Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrscher bildete das Kaßberg-Gefängnis eine der ersten Stationen auf einem langen Leidensweg, der nicht wenige von ihnen in die „Hölle der Konzentrationslager“ führte. Eine zentrale Rolle spielte die Haftanstalt auf dem Kaßberg bei der Entrechtung und Verfolgung Chemnitzer Juden: Im November 1938 hielt die Gestapo hier unter menschenunwürdigen Bedingungen 14 jüdische Männer für mehrere Wochen fest, die sie in der Reichspogromnacht mit 172 weiteren, wenig später in das KZ Buchenwald verschleppten Opfern, in Schutzhaft genommen hatte.

Eine Gedenktafel für die Opfer der Naziherrschaft im Gefängnis auf dem Kaßberg

So kam dann der 26. oder 27. Januar, ich weiß nicht mehr genau, unser Transport ging weiter. Auf dem Bahnhof in Chemnitz stand ein Zug mit einigen Personenwagen angehängt und auch Güterwaggons waren angehängt worden. an diese Fahrt kann ich mich noch gut erinnern. Auch die Wachmeisterin Frau Witwer ist mir noch gut in der Erinnerung geblieben. Wir waren gar nicht so viele Gefangene, wo die anderen alle hingebracht wurden, weiß ich nicht zu sagen, man erfährt ja nicht viel. Frau Witwer begleitete uns nach Waldheim. Sie war einigermaßen zu ertragen. Sie sagte überhaupt nichts zu uns und hat uns auch nicht angeschnauzt. Na, wenigstens etwas Positives.

28. Januar 1945 – Zuchthaus Waldheim

Das Zuchthaus Waldheim – eine historische Aufnahme

Wir sind vom Bahnhof Waldheim bis zur Haftanstalt hingelaufen. Es ist nicht sehr weit bis dorthin. Auf dem Wege begegnete uns ein Häftlingszug aus dem Zuchthaus. Einige Gefangene von unsere Transport winkten zu ihnen hinüber und einige kannten sich.

Es waren Kriminelle. Die paßten ja auch zusammen. Das Zuchthaus muß früher ein Schloß gewesen sein. Alles war alt und düster. Auch der ganze Bau wirkte deprimierend. Was wirkte nicht alles deprimierend auf uns. Wir waren Häftlinge, damit erübrigte sich alles Andere. Ich hatte andere Interessen. Es hatte sich schon herumgesprochen, daß auch in Waldheim „gekübelt“ wurde, darum interessierte uns der besagte Schloßherr von diesem alten Herrensitz herzlich wenig. Nun, das war verständlich. Aber etwas anderes erschien mir als sehr sehr wichtig.

Es kam die erneute Zelleneinweisung und zwei Schnitten Kommisbrot, Marmelade und einen Becher ganz heißen Malzkaffee – ach hat mir das alles geschmeckt. Mittagbrot gabs nicht mehr. Ja! und dann kam noch was ganz wichtiges. Die Wachmeisterin Witwer schloß die Zellentüre auf „wer hat Ungeziefer?“ Ich meldete mich sofort und dann ging’s hinunter in den Entlausungsraum. Das machten alles Häftlinge.  Auch wurden die Eigentumssachen desinfiziert. In den Nähten des Mantels hatten sie sich festgesetzt, in den Haaren krochen sie scharenweise herum, diese verfluchten kleinen Biester. Wanzen, Läuse, Flöhe, sie können den geduldigsten und sanftesten Menschen zur Verzweiflung treiben. Frau Strauß, die Wachmeisterin vom 1. Stock, zeigte mir die Entlausungshaube voll krepierter Läuse.

Dann konnten wir uns duschen und ich konnte mir die Haare waschen und ich fühlte mich wieder mal wie ein Lebewesen mit Hygiene und Kultur. Wir waren 4 Häftlinge in der Zelle. Allerdings lagen wir auf kleinen Matratzenteilen auf der Erde. Es war alles sauber, in Waldheim gab es kein Ungeziefer, aber die Kübel. Wir waren ja schon allerhand gewöhnt. Am anderen Morgen, die erste Action Kübelentleeerung. Die Wachmeisterin Strauß rief von draußen „Kübel faß“, dann ging es runter in die Jauchegrube ausleeren. Ich habe immer mit Frau Freitag, die mit mir in der gleichen Zelle war, ausgeleert. Sie war eigentlich eine gute Frau, aber sie saß auch kriminell. Hatte Fett- und Fleischmarken gemaust. Sie war aus dem Erzgebirge und machte solche einen soliden Eindruck. Und doch —

Schicksale unterwegs

Und eine Frau Müller, mußte wegen Meineid 2 Jahre Z absitzen und hatte eine gute Ehe und erzählte uns den ganzen Tag davon. Mir ging ihr „Geschwafel“ allmählich auf den Wecker, ihr Mann würde sich auf keinen Fall von ihr scheiden lassen und die Sache mit mir und meinem Jungen, nein so etwas hätte ihr nie passieren können. Sie hatte keine Kinder und mit ihrer glücklichen Ehe tat sie sich furchtbar wichtig.

Dann war noch eine Else Zäbisch mit in unserer Zelle, sie stammte aus Limbach im Vogtland, war auch in Haft wegen Abhören und Verbreitung feindlicher Sender. Also auch politisch. Sie war auch erst 25 Jahre, ein sehr nettes, liebes Mädchen und schloß sich auch gleich an mich an. Ich habe ja noch mehrere kennengelernt, doch davon dann wieder später —

Nach unserem „feudalen Frühstück“ wurden wir hinunter beordert in eine größere Zelle ungefähr immer 10 Häftlinge. Es wurden von uns Fingerabdrücke gemacht. Das war strengste Vorschrift, wir waren ja Schwerverbrecher. Die Wachmeisterin Strauß hatte solch eine Routine darin, daß sie bald dabei eingeschlafen wäre, auch schimpfte sie über meine langen Fingernägel, was konnten denn wir dafür.

Wir wußten nicht, daß auch das Zuchthaus Waldheim für uns Gefangene nicht das Endziel unseres Haftaufenthaltes sein würde. So wunderten wir uns, daß wir ohne Beschäftigung gelassen wurden. Eine kleine Abwechslung kam dann doch in unser trostloses Einerlei. Wir waren schätzungsweise 20 Häftlinge, die unten im Korridor standen.

Beschleunigte Herztätigkeit

Dann ging es hinüber ins Krankenrevier zur ärztlichen Reihenuntersuchung. Der Arzt fragte mich „warum in Haft?“ „Wegen Vergehens gegen das Heimtückegesetz und anderer politischer Aktionen“, antwortete ich. Er diktierte seiner Schreibkraft ( war auch eine Gefangene, man sah es an der Kleidung), „beschleunigte Herztätigkeit, Beschäftigung nicht all zu schwer.“ Das sagte er sehr laut und musterte mich von oben bis unten. Ich hatte gleich begriffen. Ich war sprachlos, gab es denn überhaupt noch so etwas. er wußte ja als Arzt, der so viele Untersuchungen machen mußte, ganz genau, daß ich ja nicht allein als ein Opfer des Naziterrors vor ihm stand. Ich erinnere mich noch sehr genau an diesen Arzt, er war groß, blond, Mitte der vierziger Jahre und ich muß nochmal wiederholen, er wollte so manches sagen, aber das konnte er ja nicht.

So kam der 1. Februar 1945 heran. Um fünf Uhr wurden wir aus den Zellen herunterbeordert. Allerdings vergaß ich zu erwähnen, es war ja vorher Kübelentleerung, und alles was vor dem Tagesbeginn so üblich ist, einschließlich Frühstück ( was man so Frühstück nennt), das war alles schon erledigt und so warteten wir nun auf die Dinge, die da kommen würden. Und unten im Korridor stand wieder eine lange Reihe von Häftlingen, mindestens konnten es 200 Frauen sein. Daran hatte ich mich auch schon längst gewöhnt. Wir wußten nun, was man mit uns wieder einmal vorhatte. Das war nun der 6. Transport. Frau Freitag und Else Zäbisch standen hinter mir, neben mir stand Frau Müller, die Meineidige. Sie fragte mich, ob ich wüßte, wo wir hinkämen, ich wurde gleich ironisch, wie das manchmal so meine Art ist, in diesem Falle nennt man das Galgenhumor. Nun ja, sagte ich, wir machen eine Fahrt ins Blaue. Frau Müller hatte Wut auf mich, wegen meiner dämlichen Antwort, was sollte ich dann sagen, na!, die war ja gut. Es ist doch eigenartig, daß man im Unglück anfängt, so herum zu spötteln, das machten viele Häftlinge, sie neigten zur Ironie, und zum Spott, also doch Galgenhumor. über eine Sache war ich ja sehr froh. Ich hatte wenigstens kein Ungeziefer mehr, das war herrlich.

Häftlinge aus Polen, dem Baltikum und Russland

Bei unserem Transport waren sehr viele polnische Häftlinge, auch viele Estländerinnen und Russinnen. Ein bunter Zug, die ich alle gar nicht kannte, und einige Ungarinnen wurden uns Deutschen zugesellt. Die Nazis hätten wohl am liebsten alles, was aus dem Osten kam, hinter Schloß und Riegel gebracht, auf diese Menschen hatten sie eine besondere Wut. So etwas kann n einfach nicht begreifen. Der Bahnhof von Waldheim ist sehr klein, das ist ja klar. Es konnte wohl der 4. oder 5. Februar 1945 sein. Wir waren ungefähr aufgerundet 40 deutsche Häftlinge. Frau Witwer, unsere Wachmeisterin, fuhr mit uns Häftlingen. Da stand ein langer Zug, es waren geschlossene Güterwaggons. Unsere Wachtmeisterin war in vielen Dingen sehr zugänglich und human, und so haben wir es doch gewagt, sie zu fragen, was man mit uns vorhätte und wohin wir verfrachtet würden. Ich brauche den Ausdurck verfrachten mit Absicht, das muß ich Ihnen lieber Herr Pfarrer noch besonders schildern, es hat ja alles seine Bewandnis. Die Wachmeisterin Frau Witwer sagte uns dann auch wo die Fahrt hinführte.

Zuchthaus und Strafgefängnis Oslebshausen bei Bremen

So lieber Herr Pfarrer , nun will ich dann hier mit meinen Schilderungen und auch betreffs des Ausdruckes „verfrachten“ fortfahren. wir hatten vom Zuchthaus Waldheim in blau karierten Kissenbezügen Proviant mitbekommen. In Zeitungen eingewickelte 4 Schnitten mit dem üblichen gelben Pferdefett und Blutwurstscheiben (auch Pferd) belegt. Eine Decke und ein graues Kopftuch war uns noch mitgegeben worden. Und so wurden wir in diese Güterwagen hineinverfrachtet.

Das Zuchthaus Bremen-Oslebshausen – letzte Station in Haft

Hier enden die Aufzeichnungen meiner Mutter. Sie hat ihren Bericht noch vor der letzten Station Bremen-Oslebshausen beendet.  Beim Wiederlesen fiel mir auf, dass meine Mutter nichts beschönigt und auch drastische Details nicht auslässt. Irgendwann hat sie das Interesse am Bericht verloren. Wie es ihr weiter ergangen ist, dazu werde ich dann wieder aus den mündlichen Erinnerungen meiner Mutter erzählen.

(Fortsetzung folgt)

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