Sondergericht Nr. 3

Teil 8 – Die Gerichtsverhandlung und der nachfolgende „Aufbruch“ zu weiteren Stationen in anderen Haftanstalten bestimmen Mariannes weiteres Schicksal. Hunger, Ungeziefer und Müdigkeit waren die Begleiter. Aber sie hat sich auch die Erinnerung an viele Leidensgenossinnen erhalten und berichtet davon sehr anschaulich.

Das Landgericht in der Leipziger Elisenstraße 64 war auch Standort der Sondergerichte.

Doch will ich nun, lieber Herr Pfarrer in meinen Schilderungen fortfahren. Weihnachten und Neujahr hatten wir „überstanden“ und so kam der 2. Januar 1945. Es war ein Tag wie jeder andere, doch für mich nicht. Hilde Vetter hatte mir für den Gerichtstermin ihre Kostümjacke geliehen und früh um 9.30 Uhr kam die Wachmeisterin Tkotsch und brachte mich hinüber in das Gerichtsgebäude. Sondergericht Nr. 3 stand auf dem Vorladeschein. Mein Rechtsanwalt Dr. Jünemann und ein Wachmeister nahmen mich gleich in Empfang. ich war sehr verwundert, als mich sogar beide fragten „Welcher Lumich hat Sie denn hier hereingebracht?“. Ich habe wohl den Eindruck gemacht, so wie ein geduldiges Schaf, das alles über sich ergehen läßt. Diese Frage konnte ich damals noch nicht beantworten, nach meiner Haft habe ich dann alles erst erfahren. (sie hat erfahren, dass jemand ihrer Arbeitskollegen sie denunziert hat, aber eigentlich wollte sie sich damit nicht weiter befassen. Sie ist der Sache nicht nachgegangen. Sie hatte, so sagte sie, andere Sorgen- Magda)- Ich war in dieser Situation auch sehr verlegen, doch sagte Dr. Jünnemann “Sie brauchen sich nicht zu schämen, hier sitzen noch ganz andere Leute drin als Sie, Sie brauchen die Strafe bestimmt nicht abzusitzen“. So trösteten sie mich beide.

Strenge Bestrafung gefordert

Um 10 Uhr begann dann die Verhandlung. Der  Gerichtsvorsitzende Dr. Kolbe begann mit folgenden Worten:“ Die Verhandlung findet statt unter Ausschluß der Öffentlichkeit“, nun ja wegen der Auslandsnachrichten. Es waren nur drei Personen im Saal. Sie mußten das „Lokal“ verlassen. Der Staatsanwalt betonte es ganz besonders, daß die geheime Wühlarbeit die Gefährlichste sei und solche Verbrecher, die in der Maske der Harmlosigkeit herumlaufen am schwersten bestraft werden müßten. Dr. Jünemann sagte dann in seiner Verteidigungsrede, ich sei in moralischer Hinsicht ein einwandfreier und unbescholtener Staatsbürger und vielleicht hätte ich mich gerade in meiner Harmlosigkeit zu diesen Dingen verleiten lassen, auch sei ich sehr gutmütig und vielleicht auch manchmal unüberlegt in meinen Handlungen. Doch all diese Argumente, mit denen mich Dr. Jünemann verteidigen und entlasten wollte, es prallte alles ab an den immer wiederkehrenden Anschuldigungen des Staatsanwaltes, wobei er besonders den Ernst und die Schwere der Zeit hervorhob. Ich habe mich vor jedem seiner Worte gefürchtet und dachte an die schreckliche Vernehmung der Gestapo in der Auenstraße. Ich hatte wiederum die entsetzlichste Angst, auch der Staatsanwalt werde die gleichen Worte der Gestapo wiederholen „ich beantrage die Todesstrafe“. In meinem Innern war ein wirres Durcheinander und ich hatte das Gefühl, als stehe ich auf einem schwankenden Steg, zu beiden Seiten drohen Abgründe mich in einen kreisenden Strudel hineinzureißen, aus dem es kein Entrinnen mehr gäbe. Ich habe in diesen Minuten der Angst und Erwartung des Urteils den lieben Gott angefleht “Laß mich jetzt nicht allein, trage Du mich hinüber, über diesen schwankenden Steg an das rettende Ufer“. Doch der Staatsanwalt hatte die Todesstrafe nicht beantragt. Ich könnte und möchte hier noch Vieles hinzufügen doch davon später und ich will nun in meinen Schilderungen fortfahren.

Das Gericht zog sich zur Beratung des Urteils zurück, der Richter machte noch vorher die Bemerkung, die Öffentlichkeit kann wieder zugelassen werden“. Aber dann war der Saal ganz leer. Die Verhandlung muß ja „furchtbar“ interessant gewesen sein. Und als er den Gerichtssaal wieder betrat, schaute er sich verwundert um in dem leeren Raum.

Ein „mildes Urteil“*

Und dann sprach er das Urteil:

Das Gericht verurteilt die Angeklagte zu zwei Jahren Zuchthaus und fünf Jahren Ehrenrechtsverlust wegen ihrer sonstigen Unbescholtenheit.

Und damit war dann die Verhandlung geschlossen. Dr. Jünemann tröstete mich noch draußen auf dem Gang „ganz bestimmt brauchen Sie die Strafe nicht abzusitzen“, und gerne hätte ich ihn nach der politischen Lage gefragt. Aber das konnte ich nicht mehr, die Wachmeisterin Klepzig kam mir auf dem Gang entgegen. Ich habe mich sehr schnell von meinem Rechtsanwalt verabschieden müssen. Ich ging mit Frau Klepzig wieder hinüber ins Frauengefängnis. Zurück in dieses trübselige Einerlei , wo nur wieder graue Mauern, schmale Eisentreppen und eine düstere Gefängniszelle mich erwarteten. Alles in mir bäumte sich auf, über das Unrecht was mir angetan worden war. „„Warum nur?“ fragte ich mich, sperrt man mich hier en. Solche ein Widersinn, der Richter hatte doch selbst gesagt „wegen ihrer sonstigen Unbescholtenheit“: Aber wir waren ja Staatsfeinde und als solche wurden wir behandelt. Getreu nach den Parolen des „Herrn Propagandaministers Dr. J. Göbbels“: „Wer sich als Staatsfeind betätigt, den werden wir auch als Staatsfeind behandeln.“ Oh ja, Herr Pfarrer , das wurde gewissenhaft befolgt. Das ganze Gefängnispersonal, allen voran die Oberin, sie konnten es alle, schließlich wurden sie ja auch dafür bezahlt und da mußte man doch zeigen, was man kann.  Wenn wir unsere gute Frau Wachmeisterin Frau Hilme nicht gehabt hätten. Im Maschinensaal hatte sie immer die Aufsicht und in der Nachtschicht war sie ja meistens da. So muß ich sie doch immer wieder als rühmliche Ausnahme lobend erwähnen.

Ich war vom Hauptthema ein wenig abgekommen, doch nun weiter. Das passiert ja nun öfter mal. So wurde ich nun wieder in Zelle 52 hineinbeordert und die Wachmeisterin Klepzig knallte wieder einmal die Tür hinter mir zu. Das konnte sie am allerbesten. Die Türen knallen und herumschnauzen. Sie raste immer über die Gänge und Treppen als würde sie vom Satan verfolgt, nun vielleicht war sie es auch. Einmal, so erzählte uns die Kalfaktorin, war sie mit den Absätzen auf den Treppenstufen ausgerutscht. So waren wir dieses Biest wenigstens 14 Tage los. Doch dann, war sie plötzlich wieder da. Ganz gewiß konnte da Gefängnis „Elisenburg“ ohne Frau Wachmeisterin Klepzig nicht bestehen. ( Alter ungefähr 40 Jahre). Und wieder vergingen die Wochen. Es kam der 20. Januar 1945. Wir waren gerade aus der Nachtschicht in unsere Zellen gegangen und wollten uns auf die Strohsäcke zur Ruhe niederlegen, da wurde die Tür aufgeschlossen. Die Wachmeisterin Hilme rief mich auf den Gang „Geißler zum Transport in die Effektenkammer.“ Luise Gatscha und auch die anderen Gefangenen sagten mir schnell auf Wiedersehen, Luise rief mir noch nach „Geißlein, draußen sehen wir uns wieder“. Ich konnte ihr nicht mehr antworten. Man wurde immer nur angetrieben.

Ich bekam meinen Kleiderbeutel ausgehändigt und zog meine Sachen an. Nun war ich immer gewöhnt, in Holzpantinen herumzulaufen, so mußte ich mich erst wieder an die bequemen Lederschuhe gewöhnen. Das war ja nun keine Kunst. Die Wachmeisterin Heine sah beim Umziehen meine zerkratzte Haut. „Warum haben Sie sich nicht verarzten lassen“, Ich bin von Frau Wachmeisterin Schmidt abgewiesen worden, es sei eine Hafterscheinung hatte die erklärt. Nun ja, auch hier: Kommentar überflüssig. Unten im Gang standen ungefähr 20 Frauen. Davon kannte ich auch Niemanden. Wir waren es schon gewöhnt, immer nur fremde Gesichter zu sehen. Es war furchtbar, Weiß Gott! Trotz aller Gewöhnung. Ich wollte weinen, weil ich auch an meinen Jungen dachte. Ich konnte nicht mehr an die Pflegemutter Frau Weber nach Lörrach scheiben und hatte von dort lange nichts mehr gehört. Aber ich habe nicht geweint, ich habe zum Hlg. Geist gebetet. „Tröster in Verlassenheit, Labsal voll der Lieblichkeit, komm o süßer Seelenfreund“. Diese Sequenz zum Heiligen Geist in der Pfingstmesse hat mich immer wieder getröstet. Wie oft habe ich sie gebetet.-

Ja, Herr Pfarrer, ich will mich nun nicht weiter in Betrachtungen verlieren. Also weiter.

Nun standen wir Frauen auf der Straße und wurden von SS-Beamten zur Straßenbahn gebracht. Sie hatten scharfe Wachhunde mit und ein Beamter sagte:“ wer versucht, auszureißen, wird umgelegt“. Ich war so müde, vorher hatte ich ja Nachtschicht gehabt, kein Frühstück, nichts. Und ich bin nicht umgekippt. Der Franzose sagt „quand même“ Trotzdem nicht. Verschiedene haben schlapp gemacht, ich nicht.

20. Januar 1945 –  Durchgangsgefängnis und Arbeitshaus Riebeckstraße

Während der NS-Zeit war die städtische Arbeitsanstalt in der Riebeckstraße kommunaler Akteur an der Verwahrung und Verfolgung von als asozial stigmatisierten Gruppen beteiligt. Zudem diente das Gelände als Sammelstelle für Juden, Sinti und Roma, die von hier in die Konzentrations- und Vernichtungslager deportiert wurden, sowie als zentrale Verteilerstelle von NS-Zwangsarbeit. (Quelle: https://www.zwangsarbeit-in-leipzig.de)

Es war so ungefähr 12 Uhr geworden. Ach Gott! Ich hatte Hunger und die Müdigkeit tat noch ihr übriges. Den anderen Häftlingen ging es ja nicht besser, warum nur klagen und jammern. Neben mir stand eine Russin, Mitte der zwanzig war das gute Kind, sie schaute mich traurig an und fragte mich „wann Krieg aus?“, ich wußte ja auch nichts. Sie erzählte mir, sie studiere Medizin. Sie sprach auch ziemlich gut deutsch, man merkte ihr die akademische Bildung wohl an. Weiter konnte ich von ihr nichts erfahren, sie war sehr verschlossen. Der Zufall wollte es, daß ich auch noch zu ihr in die gleiche Zelle kam. Sie konnte ganz wunderbar singen, eine herrliche Stimme hatte sie. Wir waren ungefähr sechs Häftlinge in einer Zelle und hatten dieses junge Mädchen alle gerne. Es war ein ständiges Kommen und Gehen, da hörte man nicht, wenn jemand sang. Dann wurde die Tür aufgeschlossen und wir bekamen endlich was zu essen. Im „Freßnapf“ schwammen die Maden herum, immer nur Dörrgemüse. Ich war so furchtbar müde. In der Zelle war keine Pritsche. Es waren ja auch nur Baracken. Das Schlimmste war auch noch, dort wurde „gekübelt“. Und die Abortkübel mußten wir ja selber hinaustragen, überall roch es nach Chlor. An den Wänden krochen die Wanzen entlang, genau wie in der „Beethovendiele“ Ach, Herr Pfarrer —

Mir gegenüber saß eine Frau in mittleren Jahren. Sie erzählte immer nur das Gleiche, sie wäre eine weltberühmte Hellseherin und hätte schon zur Zeit der Königin Marie Antoinette gelebt, sie war eine Jüdin auf dem Transport in irgendein Vernichtungslager. „Du armes Geschöpf“ dachte ich. Die tat mir leid, sie war schon vollkommen durchgedreht. Die Anderen waren ruhig und schwiegen. Das nette russische Mädchen sagte zu mir „auf Deinem Hals sind ganz viele Läuse, ich habe auch ganzen Kopf voll, immer kratzen“. Ich antwortete ihr, „das ist nicht alles ich habe auch noch am Körper Läuse“.

Ich war so müde, die Müdigkeit wurde immer unerträglicher. Es war so gegen Abend. Die Kalfaktorin brachte das Abendessen. Zwei Schnitten mit Pferdefett beschmiert, ich erkannte es an der gelben Farbe, dazu noch einen Becher Tee ohne Zucker. Als ich das Fett sah, wurde mir übel und ich mußte mich ( mit Erlaubnis gesagt) übergeben und dann noch über dem Chlorkübel. Das kam wohl auch noch von der Müdigkeit. Ich klingelte, die anderen Frauen haben auch nicht auf mich geschimpft. Da kam dann die Wachmeisterin und nahm mich hinüber in die Schlafzelle. Da waren auch Pritschen. Ich hatte ihr gesagt, ich wäre so furchtbar müde. Nun konnte ich schlafen und nochmal schlafen. – Doch dann wurde ich wieder wach! In die  Zelle kamen ungefähr 10 Frauen, ihre Holzpantinen klapperten und es waren nur vier Pritschen in dem Raum. Ich kannte keine davon-

Paulette auf dem Weg ins Vernichtungslager

Mir fiel ein junges Mädchen ganz besonders auf, sie war so klein und zierlich wie ich. Dann sprach sie mich an. „Ich bin Französin, ich heiße Paulette“. Ich habe sie nicht gefragt, warum du hier? und sie mich auch nicht. Sie sagte nur „morgen Abtransport Vernichtungslager“. Ich sagte „Ich Zuchthaus Waldheim“. Ach du arme kleine Paulette, Vernichtungslager ist ja viel schlimmer als Zuchthaus Waldheim. Armes Dingele du, du bist doch noch so jung, mit welchem Recht begeht man solche Verbrechen und warum schweigt der liebe Gott zu allem, was da geschieht. Ich hatte vor Paulette ein schlechtes Gewissen wegen der Pritsche und bot ihr an „Du kannst drauf schlafen, Du bist doch sehr müde und kaputt“. Darüber freute sich Paulette und war gleich eingeschlafen. Außer den vier Pritschen lagen auf der Erde kleine Matratzenteile. Wir lagen jeder auf einem, das reichte schon zur Not. Wir rollten unsere Kleider und Mäntel ein, als Kopfkissenersatz und es ging auch. Trotzdem der Raum mäßig geheizt war und der Fußboden sehr hart war, so hat mich das Liegen überhaupt nicht gestört, gefroren habe ich auch nicht und es war doch Januar und ich habe trotzdem gut geschlafen. Nun ja, wenn viele Menschen in einem Raum sind, das bringt auch Wärme. Aber die schlechte Luft, das Ungeziefer, die zwei Kübel, jeder in einer Ecke. Oh weh!!!

Frühmorgens kam die Wachtmeisterin – ich kannte sie nicht – zum Ausrufen der Kübelleerung. Ich habe auch mit einer Frau ausgeleert, ganz tief versteckt war die Grube, was man nicht alles lernt und draußen war ja frische Winterluft, wenigstens ein Vorteil. So vergingen noch zwei Tage mit Nichtstun. Und die Französin Paulette war schon nicht mehr da. Ich habe mich um Niemanden gekümmert, ich hätte heulen können, wie ein eingesperrter Hund, aber was nützt denn das, schließlich war ich ja nicht allein in Haft und ich dachte an die Worte Dr. Jünemanns „hier sitzen noch ganz andere Leute drin als sie“ und an Herrn Pfarrer Jung „ich werde sie ganz besonders in meine priesterlichen Gebete einschließen.“ Ich habe diese tröstenden Worte nicht vergessen und sie haben mir immer wieder neuen Mut gegeben. Heute könnte ich noch den beiden Herren dafür danken. Drei Tage waren wir nun in der Riebeckstraße im Durchgangsgefängnis der Stadt Leipzig.

Ich fahre so manches Mal durch die Riebeckstraße, weil ich in diesem Stadtteil wohne und immer, wenn ich an diesem Gebäude vorbei fahre, wende ich mich ab und schaue auf die andere Seite. Es sind nun 30 Jahre vergangen, eine lange Zeit und doch kann ich nicht vergessen, was man mir angetan hat.

* Meine Mutter hat später mir gegenüber immer vermutet, dass viele im Justizwesen, so wie alle anderen Leute schon sicher waren, dass die Naziherrschaft bald zu Ende ist. Nur die ganz fanatischen Parteigänger:innen waren unerbittlich und fällten harte Urteile. Meine Mutter hatte „Glück im Unglück“. Erst nach der Befreiung erfuhr sie, dass auf ihrer Akte Stand: Nach Verbüßung der Strafe, Rückführung zur Gestapo zwecks KZ-Einweisung.

(Fortsetzung folgt)

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s