Monate in ständiger Angst

Teil 7 – Berichte aus dem Häftlingsalltag. Begegnungen mit Frauen, deren Erinnerung in Leipzig wachgehalten wird. Und immer wieder Sorgen um ihr Kind bestimmten das Leben. Meine Mutter hat aufmerksam ihre Umgebung beobachtet trotz aller ihrer Ängste.

„Kümmere Dich um meinen Buben“.

Es war nun so ungefähr 15. oder 16. September 1944. Der nächste Sonntag darauf war Schreibsonntag. Ich schrieb an die Pflegemutter von meinem kleinen Andreas, Frau Weber nach Lörrach. 1/4 Stunden Schreibzeit. Ich konnte mich konzentrieren so gut es ging. Allerdings sehr schnell, fast im Telegrammstil. „Liebe Verena, kümmere Dich nur recht lieb um den Buben. So weit geht es mir so leidlich. Seit 3 Monaten bin ich in Haft. Tröste mich und erzähl mir was vom kleinen Andreas. Du wirst ihm ja immer eine gute Pflegemutti sein“. Den Vater meines Kindes habe ich im Brief nicht erwähnt. Frau Weber stand schon längere Zeit wegen der monatlichen Zahlungen mit ihm in Verbindung. Den Vater meines Andreas, der französischer Fremdarbeiter war, liebte ich damals schon nicht mehr, aber das Kind!

Doch nun weiter, ich will ja nicht abschweifen. Und so kam dann meiner heutigen Erinnerung nach, so ungefähr der 20. September 1944. Dann war wieder mal Zellenwechsel. Das war furchtbar, immer wieder andere Gesichter. Ich kam in eine kleine Zelle, 3 Quadratmeter groß. Wir waren zu viert in dieser Zelle. Drei Kriminelle und ich. Leider war nur eine Pritsche da und wir haben uns immer mal abgewechselt. Dann kam aber wieder der Zellenwechsel, schlimm —

Seitentrakt des Amtsgerichtsgebäudes Leipzig mit dem Eingang zur ehemaligen Justizvollzugsanstalt Moltkestraße. heute Alfred-Kästner-Straße. Die JVA ist inzwischen abgerissen. Ich vermute, dass meine Mutter diese JVA meinte. Sie hat sich in all den Jahren in Leipzig nie wieder in diesen Stadtteil des Leipziger Südens begeben, soweit ich mich erinnere.

(Quelle Martin Geisler, CC BY-SA 4.0 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0, via Wikimedia Commons)

Immer wieder neue Gesichter

Ich will Ihnen nun von einer Frau erzählen. Es waren alles ziemlich verkommene Typen. Doch die war die Schlimmste. Sie hieß Eva Rund, war aus Erfurt, mehrere Male vorbestraft und geistig sicher nicht ganz intakt. Die hatte ganz bestimmt einen „Jagdschein“. Und gerade die hing sich immer wieder an mich wie eine Klette. Sie war ungefähr Mitte der Dreißig. Im Hof wurde wieder der Zellenwechsel abgezählt. Immer Vier und Vier. Die Wachmeisterin Frau Hilme zählte ab, dabei schwang sie ihren Gummiknüppel wie einen Dirigentenstab1,2,3,4. Ich verlor mit Absicht einen Holzpantoffel und schleuderte ihn unauffällig bis in die Hofmitte, um von der Rund wegzukommen. Ich wollte mich beim Abzählen in die Reihe anderer Häftlinge einschmuggeln. Dann drehte ich mich um und da war doch das Aas wieder hinter mir. Ich kam in eine andere Zelle, aber die war auch mit hineingekommen. Sie war lesbisch- ach du Schreck- und ich sollte das Opfer sein.

Bolzen bohren für Maschinengewehre

In dieser Zeit habe ich fast nur Nachtschicht machen müssen. Dann saß sie auch immer neben mir. Die anderen Frauen standen an großen Maschinen. Elsa Rund und ich, wir mußten in der Nacht von 21 Uhr bis 6 Uhr morgens 4.000 Bolzen bohren. Die wurden für die Maschinengewehre gebraucht. Die hohe Norm habe ich nie geschafft. Sie half mir dabei, mit ihren flinken Fingern war es ihr wie ein Kinderspiel. Wenn man das nicht schaffte, war es gleich Sabotage und dann gab es Dunkelarrest. Ich gab ihr immer meine Mittagsration ab als Entgelt. Meistens hatte ich Glück, es gab doch immer Nachessen, so brauchte ich nicht zu hungern und auch kein Dunkelarrest. Das ist etwas ganz Schlimmes. Einzelhaft kann den Menschen seelisch fertigmachen. Vor der Arrestzelle ist ein dunkler Vorraum, dann kommt erst die äußere Zellentür auf den Hauptgang. Wir waren öfter beim Fliegeralarm in diesen Zellen, sie sind nämlich alle unten im Erdgeschoß und daher weiß ich das. Ich muß nochmal auf Elsa Rund zurückkommen. Sie erzählte mir, sie käme ins Vernichtungslager, ich sollte der Wachmeisterin sagen, daß ich dorthin mitkommen soll, sie könne ohne mich nicht leben. Meine anderen Zellengenossinnen winkten ab und zeigten sich die Stirn. Doch eines Tages wurde sie geholt. Sie mußte einige Jahre Gefängnis absitzen und kam nicht ins KZ. Wie es ihr weiterging haben wir nie erfahren.
Und die Wachmeisterin Hilme hat bei mir nach der Zahl der gebohrten Bolzen nie gefragt. Schwein gehabt und eine Wachtmeisterin, die sich trotz allem ein wenig Menschlichkeit bewahrt hatte.

Dr. Margarete Blank* – Begegnung auf dem Gefängnishof

Manchmal erzählte sie uns in der Nachtschicht von anderen Häftlingen. Dann kam das Thema auf Frau Dr. Blank. Ich sah sie manchmal bei der Bewegung auf dem Gefängnishof. Diese Ärztin hat viel Gutes getan und war in Haft wegen antifaschistischen Widerstandes. Sie war Kommunistin. Frau Hilme lobte Frau Dr. Blank sehr, sie habe die anfallenden Arbeiten so gemacht, als habe sie nie in ihrem Leben etwas Anderes getan. Sie war der Meinung, sie würde wohl nach Ravensbrück kommen und dort als Lagerärztin eingesetzt werden. Ja, lieber Herr Pfarrer , es kam aber alles ganz anders. Eines Tages sahen wir sie nicht mehr und im 1. Stock hing wieder ein weißes Handtuch an der Zellentür. Frau Dr. Blank war zum Tode verurteilt worden. Sie kam vor den Volksgerichtshof nach Dresden und wurde dort erschossen.

*Erinnerungen an Dr. Margarete Blank sind hier zu finden:

https://hait.tu-dresden.de/ext/publikationen/publikation-99/

Anni Pluss – Todesurteil wegen Spionage

Und dann die Anni Pluss. Die saß wegen Spionage. Auch Todesurteil. Sie ließ sich vor ihrem Abtransport nach Dresden in ihrer Zelle das heilige Abendmahl geben und verlangte nochmal nach Frau Hilme. „Ausgerechnet ich“, sagte Frau Hilme, „wo ich in keine Todeszelle gehen kann, da kann ich den ganzen Tag hinterher nichts essen und sehe immer vor mir den hochgeklappten Spion und das weiße Handtuch an der Zellentür.“ Es stimmt schon, einem Todeskandidaten kann man solch einen Wunsch schwer versagen.

Ja, lieber Pfarrer und wieder spreche ich Sie nun so an. Die Sondergerichte Adolf Hitlers waren eine wohleingerichtete Mordmaschine. Wer diesen Leuten nicht paßte, wurde abgeknallt, geköpft oder im KZ vergast. Und zu diesen letzten Opfern sollte auch ich gehören—

Eine Sekretärin Dr. Goerdelers*

Doch nun wieder zurück zur Wachmeisterin Hilme. Sie gehörte eigentlich zum guten Aufsichtspersonal. Das werden Sie schon aus meinen Schilderungen entnommen haben und sie schaute mich manchmal an, als wollte sie sagen“ Sie gehören ja nun wirklich nicht hierher“. Das sind schließlich auch Menschenkenner. Ich will Ihnen nun auch von anderen Häftlingen erzählen. Da denke ich an Frau Steinmann. Was sie gemacht hatte, wußten wir alle nicht so recht. Sie war irgendwie mit in das Hitlerattentat verwickelt. Als eine der Sekretärinnen des Oberbürgermeisters Dr. Gördeler von Leipzig hing sie mit in der ganzen Sache. Näheres wußten wir alle nicht. Sie hatte eine Bemerkung gemacht zu einer Wachmeisterin Schmidt, die hatte die Wäscherei und war zufällig bei uns unten im Maschinensaal. „Sie müßten doch ganz ruhig sein, Steinmann, sie wissen doch wie es um Sie steht“. Die Wachmeisterin mußte es ja schließlich wissen und eines Tages war Frau Steinmann auch nicht mehr bei uns unten im Maschinensaal. Sie war eine sehr intelligente, selbstbewußte Frau, ungefähr Anfang 40 und auch hübsch. Sie hat mich auch viel getröstet.

*https://www.leipzig-lexikon.de/biogramm/Goerdeler_Carl.htm

Todesurteil wegen Spionage

Von Frau Hilme haben wir auch nichts über Frau Steinmann erfahren, unseren Fragen wich sie so komisch aus. Nun vielleicht auch hier 1. Stock. Dann war da noch eine Ursula Lindner. Sie war Nachrichtenhelferin an der Westfront oder am damaligen Westwall. Ihr Mann war desertiert. Sie war 28 Jahre. Sehr intelligent. Auf irgendeine Weise hatte sie den Amerikanern Karten von der Frontlinie an der Westfront zugespielt. Todesurteil! Volksgerichtshof Dresden. Tod durch Erschießen. Und so ging das immer weiter. Die Kalfaktorin vom 1. Stock hat uns mal erzählt, manche Todeskandidaten haben sich sogar noch Nachessen geben lassen.- Na, ich weiß nicht. Was soll man da noch denken. Wahrscheinlich hat jeder Mensch seine eigene Weise, mit den schlimmsten Dingen, selbst mit der eigenen Vernichtung fertig zu werden.

Ehefrau von Georg Schwarz – ein Leipziger Widerstandskämpfer

In dieser Zeit habe ich Frau Schwarz kennengelernt. War auch unten im Maschinensaal. Nach ihrem Mann ist hier eine Straße benannt. Die Georg-Schwarz-Straße in Lindenau-Leutzsch. Sie erzählte mir, sie wüßte garnichts vom Zeitgeschehen. „Wir sind Kommunisten, mein Mann ist drüben im Männergefängnis, ich habe Schreibverbot und erfahre überhaupt nichts von draußen. Ich wußte ja nun auch nichts Konkretes zu erzählen und dann hörte sie so schlecht. Man konnte sie ja garnicht richtig trösten oder ihr was erzählen, wenn man dann noch so schreien muß. Es war doch jegliche Unterhaltung verboten. Ich sehe sie immer noch daherlaufen in ihrem viel zu kurzen Gefängniskleid und dann war sie auch noch so dick und klein. Ein groteskes Bild. Da mußte man trotz aller Misere auch noch lachen. In einer Nacht wurden 14 Männer drüben im Gefängnis in die Todeszelle gebracht. Sie kamen dann auch nach Dresden und wurden erschossen. Der Mann von Frau Schwarz war auch dabei. Das hat sie erst nach 6 Wochen erfahren. Sie erzählte es mir, als wir nach unserer Befreiung uns draußen wiedersahen.-

Post aus Lörrach und beinahe Zusammenbruch

Und nun weiter . Es wurde ungefähr Mitte Oktober. Ich war immer noch im Maschinensaal beschäftigt.. Auch hatte ich Post von Frau Weber aus Lörrach bekommen. Ich könnte ohne Sorge um Andreas sein, sie würden den Kleinen an Kindesstatt annehmen – wenn – achso, ich hatte verstanden! Ich war nahe daran, einen Haftkoller zu bekommen. Nein- nun gerade nicht, Frau Stange, auch eine politische Gefangene kam zu mir. „Reiß Dich zusammen, Dein Kind braucht Dir, ich zerreiße den Brief“. Ich gab in ihr. Sie meinte auch „Wir brauchen die Strafe nicht abzusitzen“, „Ja, wenn uns die Nazischweine nicht noch vorher kaltmachen“, antwortete ich. Das war die geheime Angst bei allen politischen Gefangenen. Diese Angst war wohl berechtigt. — Manchmal hatte auch die Wachmeisterin Frau Tkotsch Nachtaufsicht bei uns. Dann kam die Hauptwachmeisterin Heine mit herunter. Sie kochten sich unten in der Teeküche Kakao und Bohnenkaffee und aßen dazu weiße schöne Brötchen und ließen es sich wohlschmecken, auch noch vor den Gefangenen. Vielleicht bekamen sie Sondermarken, weil sie sich mit uns ungeratenen Geschöpfen den ganzen Tag herumärgern mußten.

So vergingen die Tage und die Wochen in einer düsteren und grauen Einförmigkeit. Es war furchtbar. Die Außenkommandos, Häftlinge aus der 2. Etage ungefähr 40 Frauen rückten früh 5.30 Uhr aus, abends 18. 00 Uhr rückten sie wieder ein. Alles immer im gleichen Schema. Die Holzpantinen hörte man über die Eisentreppen klappern. Das waren alles Kriminelle, von denen ich niemanden kannte. Einige Bekannte aus Plagwitz wollten mich in einem Gefangenenwagen gesehen haben. Das war gar nicht möglich, wir politisch Eingesperrten kamen aus den Haftanstalten überhaupt nicht auf die Straße. Das wäre ja auch zu interessant gewesen, mich in meinem Unglück zu sehen. Die Sensationsgier der Menschen ist manchmal widerlich.

Gespräch mit einem katholischen Pfarrer

So will ich Ihnen, Herr Pfarrer , doch nun wieder weiter erzählen. Es war so ungefähr Mitte November 1944. Als ich in der Tagschicht wieder einmal arbeitete, kam die Hauptwachmeisterin Heine, sprach mich an „Stellen Sie sich vor die Zelle 12 drüben im Gang, sie werden dann geholt“. Dann kam ein Wachmeister und nahm mich mit in die nebenan liegende Zelle. „Sie wollten doch einen katholischen Pastor mal sprechen“. Ich ging hineine, da stand ich nun in meiner armseligen Gefängniskleidung, das graue Kopftuch umgebunden und klapperte mit meinen Holzlatschen auf einen sehr liebenswürdigen Herrn zu. Er stellte sich mir vor „Mein Name ist Jung, ich bin Kaplan an St. Bonifazius und für die Haftanstalten Leipzigs als Gefängnisgeistlicher zuständig. Er konnte so Anfang der 30 sein und war sehr schlank. Da stand ich nun da und wußte vor lauter Verlegenheit nicht, wie ich mich eigentlich benehmen sollte und überall hätte ich mich gern gekratzt. Ich hatte Kleiderläuse, Kopfläuse usw. aber vor solch einem feinen Herrn mußte ich mich doch zusammennehmen. Gottseidank, wir waren allein, darüber wunderte ich mich aber sehr. Kaplan Jung erfaßte gleich die Situation und half mir liebevoll in einer netten, ungezwungenen Art, mich wieder zurecht zu finden. Ich erzählte ihm alles und mußte mich kurz fassen, denn die Unterhaltung durfte nur eine Viertelstunde dauern. Er sprach so zu mir, als überlege er vorher jeden einzelnen Satz: „Viel kann ich ja nicht für Sie tun, ich werde Sie immer in meine priesterlichen Gebete einschließen, jeden Tag, und das möge Sie mit einigem Trost erfüllen, je Frau Geißler, und wenn Sie auch noch keine Anklageschrift haben und in dieser Ungewißheit monatelang schon leben müssen, so legen wir beide, Sie und ich, Ihr Schicksal in Gottes Hände. Er macht alles recht“. Mit diesen Worten verabschiedete er sich und schüttelte mir auf das Herzlichste die Hand. Diese wenigen Worte hatten mich so getröstet und mir soviel neuen Mut gemacht und diese gütige Stimme klang noch lange in meinem Innern nach. Sie beruhigte ungemein meine aufgeregten Nerven. Man war von den Wachmeisterinnen nur noch den Kommandoton gewöhnt, immer anschnauzen und antreiben. Schließlich wurden sie ja dafür auch bezahlt und bekamen vielleicht eine Prämie dafür.

Wir näherten uns dem Monatsende , so ungefähr konnte es der 28. oder der 30. November sein. Das weiß man ja nicht mehr so genau, wir hatten ja keinen Zeitbegriff mehr. Die Wachmeisterin Hilme sagte uns immer das Datum und die Uhrzeit an. Auf dem Hof bei der Bewegung versteckte sie den Gummiknüppel auf dem Rücken, das war anständig von Frau Hilme. Noch einiges über die Gefängniskost in der „Elisenburg“ möchte ich hier auch noch erwähnen. Herr Pfarrer. Die Mittagsspeisung war gar nicht mal so schlecht und auch reichlich. Aber das Frühstück und Abendbrot furchtbar und noch mal furchtbar. Früh zwei Scheiben Brot und Marmelade und einen Becher Malzkaffee und abends das Gleiche aber statt Marmelade gab es ein kleines Blechnäpfchen mit Pferdefett ( sieht gelb aus) und eine Scheibe Pferdeblutwurst. In der Zelle war nur eine Pritsche. Nun ja ich bin nicht so sehr auf meinen Vorteil versessen. In der Beziehung war ich immer großzügig und überließ sie den Andern. Wer wird sich denn auch um eine Pritsche zanken und schließlich hatte ich andere Sorgen. So lag ich mit den zwei anderen Frauen auf kleinen Strohsäcken, 1 Quadratmeter breit auf der Erde, ach das war mir so egal. Wir rollten unsere Kleider und Schürzen ein zu einer Rolle, das war der Ersatz für das Kopfkissen und es ging auch. Decken hatten wir ja auch. Sie waren sehr dünn, aber die Zellen waren so mäßig geheizt, es ging zur Not zu ertragen. Und schließlich wärmten wir uns gegenseitig. Am Tage wurde die Pritsche an die Wand hochgeschlossen, damit sich niemand drauf setzen konnte und auch das Eßbrett. So saßen wir ja meistens auf der Erde. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, jawohl — konnte man hier auch sagen.

Streit und Gewalt zwischen den inhaftierten Frauen

Beim nächsten Zellenwechsel kam ich mit einer Luise Gatscha zusammen. Sie war noch sehr jung, aber leider auch sehr labil. Hatte Lebensmittelkarten „gemaust“ und mußte zwei Jahre Gefängnis absitzen. Wir konnten uns gleich gut leiden. Das gute Mädchen nahm mich immer in Schutz, wenn die anderen mich gehässig beschimpften und eine sagte mir ganz unverfroren, das was ich gemacht habe, da stünde sowieso die Todesstrafe drauf, eine Elfriede Mühlberg, auch kriminell und mußte 3 Jahre Zuchthaus absitzen. ( Sie kam dann nach Waldhein). Luise Gatscha fuhr die Mühlberg an, „Ich knalle Dir gleich eine auf die Rübe, Du Schwein Du, sag das ja nicht nochmal, wir haben alle gemaust und die „Geißlein“ ist so nett und anständig und ist politisch hier. Halte Du Deine blöde Fresse, Mühlberg, Du hast ja nur Wut, weil Du drei Jahre Z. absitzen mußt“. Beinahe wäre es zu einer Schlägerei gekommen. Luise stellte sich schützend vor mich hin, ich hatte schon auf die Klingel gedrückt. Die Wachmeisterin kam, eine Frau Klepzig. „Was ist hier los?“, Mühlberg runter in die Transportzelle, Sie kommen sowieso nach Waldheim.“ Gottseidank, die waren wir los. Luise sagte gleich zu mir, deswegen geht der Kopf nicht runter und wenn wir wieder frei sind, besuche ich Dich mal. Schade, ich habe Luise Gatscha nicht wiedergesehen. Trotzdem möchte ich hier gerade über dieses junge Mädchen noch Einiges hinzufügen. Unsere Einladungen beruhten auf Gegenseitigkeit, und sie hatte solch ein schönes Zuhause, um das ich sie sehr beneidete. Sie war von Natur aus eigentlich ein guter Mensch und diese Tatsache war trotz allem, was sie gemacht hatte, nicht hinweg zu leugnen. Sie war aus Chemnitz und hatte ein gutes Elternhaus.

Sonntags bekamen wir, wer Interesse hatte, auch Bücher. Die meisten lasen nicht viel, wer hat in solche einer Situation Freude an einem Buch. Ich habe mir einige Titel angesehen. Es waren anspruchslose Erzählungen von Ludwig Ganghofer. Solche Alpenromane usw. interessierten mich nicht.

Noch immer keine Anklageschrift

Und ich hatte immer noch keine Anklageschrift. Diese monatelange Ungewi0heit macht mich gegen alles apathisch. Das war gewiß auch verständlich.
Die Zeit verging. Der Weihnachtsmonat kam heran und Dezember 1944. Es konnte wohl in den ersten Tagen gewesen sein. Wir waren wieder einmal aus der Nachtschicht hinaufgegangen, da kam die Wachmeisterin Klepzig und brachte mir meine Anklageschrift, knallte die Zellentür zu und verschwand. Die Verhandlung war auf den 2. Januar 1945 früh um 10 Uhr festgesetzt worden. Ich hatte oder besser gesagt, ich mußte mich wieder einmal um einen guten Rechtsanwalt bemühen. Das muß ich Ihnen lieber Herr Pfarrer auch noch mal mündlich erzählen, wie das wieder zusammenhing. (meine Mutter hatte vorher ein Verfahren wegen Führerbeleidigung gehabt. Sie stand seitdem, hat sie erzählt unter Gestapoaufsicht und musste sich einmal im Monat melden.) Und so nahm ich auch in dieser neuen politischen Affäre den Rechtsanwalt Dr. Jünemann zu meinem Verteidiger. Das hatte ich schon an einem Schreibsonntag getan. und mich, da ich seine Adresse noch wußte, schriftlich an ihn gewandt. Es waren ungefähr 14 Tage vergangen, da wurde ich eines Tages in die Sprechzelle beordert. Die Sekretärin von Dr. Jünemann war gekommen, aber leider waren wir nicht allein, ausgerechnet unser „Stern“ Wachmeisterin Klepzig war bei der Unterredung zugegen.
Ich gab der Sekretärin die Adresse einer Arbeitskollegin an, die von mir Geld in Verwahrung hatte, es handelte sich hier um die Verteidigungskosten, das muß ja vorher auch geregelt werden)
Leider kann ich mich heute nicht mehr genau erinnern, ob ich der Sekretärin die Anklageschrift gegen habe. Ich glaube doch Dr. Jünemann wußte in seiner Verteidigungsrede über alles genau Bescheid. Ich hatte bei einer Arbeitskollegin 300,00 Mk. in Aufbewahrung. Ich gab der Sekretärin ihre Adresse und schrieb eine Vollmacht aus. Es handele sich hier um Verteidigungskosten, denn das mußte vorher ja geregelt werden. Es war tröstend und zugleich auch ermunternd für mich, daß die Sache nun endlich ins Rollen kam. Ich hatte wieder einmal einen Menschen von draußen sprechen können, es war für uns beide ein komisches Gefühl. Man möchte sich so viel sagen und kann nicht. Ihr warmer Händedruck bei der Verabschiedung sagte mir genug. Ich hatte wohl verstanden.

Heiligabend in Untersuchungshaft

Die Zeit verging, so kam der 24. Dezember 1944. Wir interessierten uns nicht dafür. Für uns gab es keinen Heiligen Abend. Um 5 Uhr nachmittags kam die Wachmeisterin Tkotsch und schloß alle Zellen auf. Nur die Zellentüren im 1. Stock bleiben verschlossen. Ich habe für diese Menschen ganz gleich ob politisch oder kriminell zum Tode verurteilt, den lieben Gott um Erbarmen angefleht. Ganz gewiß, lieber Herr Pfarrer, das habe ich getan.– Frau Tkotsch stand auf dem Zellengang und gab Anweisungen“ die politischen Verbrecher auf die rechte Seite, die Kriminellen auf die andere“. Unten in der Eingangshalle wurde ein evangelischer Gottesdienst abgehalten. Die Kriminellen durften daran teilnehmen. Sie waren vielleicht frömmer und besser als wir. Der liebe Gott wollte wohl nach der Meinung der Nazis von uns bösen Staatsfeinden auch nichts wissen. Wir Politischen standen nun auf dem Zellengang. Frau Tkotsch ging auf und ab, uns immer im Auge behaltend. Ich hätte gerne eine schöne Weihnachtspredigt gehört, leider konnten wir die Worte des Pastors nicht verstehen. Wir hörten bloß das Klappern der Holzpantinen, dann wurde geschnaubt und gehustet, alle waren zutiefst gerührt und schluchzten und weinten. Neben mir stand Hilde Vetter aus Wurzen – sie war in Haft wegen Vergehens gegen das Heimtückegesetz und Führerbeleidigung. Sie war auch noch in den zwanziger Jahren und auch sehr nett, wir kannten uns aus dem Maschinensaal. Die anderen Gefangenen kannte ich alle nicht, wir haben uns aber zugewinkt. Schließlich waren wir ja Leidensgenossen. Unterdessen ging nun unten der Gottesdienst zu Ende. Da kamen sie alle herauf und als wir wieder in den Zellen waren, war alle Rührung verflogen. Dann erzählten mir meine Zellengenossinnen, es habe sich während des Gottesdienstes herumgesprochen, daß wir zum Abendbrot Kartoffelsalat und Bockwurst bekämen. Die Kalfaktorinnen wußten es ganz genau. Und es stimmte wirklich. Sie waren im Gottesdienst alle brav und fromm gewesen und doch hatte diese Eröffnung überall die Runde gemacht. Vielleicht war der Kartoffelsalat doch noch verlockender als die Weihnachtspredigt des Pfarrers. – So passierte weiter nicht viel. Aber die Fliegeralarme wurden häufiger und wir waren unten im Erdgeschoß, wenn die Sirenen heulten. Manchmal nach der Entwarnung fingen Einige auch noch an zu singen. Meistens waren es Schlager und erbärmliche Schnulzen und alle erfaßte eine Nostalgiewelle, wenn ich diesen modernen Ausdruck mal gebrauchen darf. Ich will von diesen Klageliedern nur von zweien den Refrain herausgreifen–„Drum bin ich ein Mensch nur und werde kaum satt, vom Baume der Großstadt ein w-e-e-elkendes Blatt“. Und nun das Andere „So geht es in dem deutschen Reich, ach nur für arme Arbeitsleut, setzt man die größte Strafe gleich“. Es ist mir noch eins eingefallen „Nun bin ich hier und bin gefangen, welch bittres schweres Herzeleid, die Tränen unaufhörlich fließen, auf das gestreifte Zuchthauskleid“ – schön!!–

Einmal kam die Wachmeisterin Schmidt und schnauzte uns an, „ Ihr Verbrechergesindel, wir haben hier keinen Gesangsverein, ist jemand da zum Verarzten?“. Ich habe mich auch gemeldet, weil ich mich durch die Kleiderläuse überall zerkratzt hatte, sie sagte , „das ist eine Hafterscheinung“ und schob mich ab. Dann wurde ich zur Oberin heraufbestellt. ( Diese Frau war ein geborenes Scheusal). Sie fragte mich, ob ich dem Maschinenmeister Hermann auch einen Brief zur Besorgung nach draußen mitgegeben hätte? Ich wußte auf Ehre und Gewissen gar nichs „Ihr schwindelt doch alle, ihr verlogenes Pack, machen sie daß sie herunterkommen und gehen sie an ihre Arbeit“. —

(Fortsetzung folgt)

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