Ein rettender Gedanke

Teil 6 – Meine Mutter musste lange auf ihren Prozess warten. Sie traf viele Mitgefangene und beobachtete viel in ihrer Umgebung. Sie „gewöhnte“ sich an die Untersuchungshaft und traf auf Menschen, die Schlimmeres verhüten wollten. Dennoch wurde lange kein Urteil gesprochen

Erste Vernehmung beim Untersuchungsrichter

Meine Mutter in ihren 30er Jahren – so um 1940

Am anderen Morgen nach dem Frühstück ( zwei Schnitten trocknes Brot und einen Becher Pfefferminztee ohne Zucker) wurde die Tür aufgeschlossen, „Geißler zur Vernehmung“. Die Wachmeisterin nahm mich mit hinüber ins Gerichtsgebäude. Ich wurde dem Untersuchungsrichter vorgeführt. Das Protokoll von der Gestapo lag vor ihm. „Ich werde nicht klug daraus, erzählen Sie uns nochmal den Grund Ihrer Verhaftung“. Ich sagte ihm, „ich bin dermaßen geschlagen worden und konnte mich nicht konzentrieren“. „Sie werden hier nicht geschlagen. Konzentrieren Sie sich und machen Sie ein neues Geständnis. Hier tut Ihnen niemand keiner was“.

Eine bedeutungsvolle Bemerkung

Die Sekretärin tippte eifrig auf der Schreibmaschine und dann, nachdem ich mich überhaupt mehr und mehr beruhigt und gesammelt hatte, machte ich eine bedeutungsvolle Bemerkung: „Herr Richter ich muß Ihnen etwas Wichtiges sagen“. „Ja, sprechen Sie sich in aller Ruhe aus“. „Ich bin mit Gietzolds jahrelang gut befreundet und genoß ihr vollstes Vertrauen und war auch manchmal allein in deren Wohnung , wenn sie beide Luftschutzdienst hatten, dann habe ich wie man so sagt, das Haus gehütet.

Sie hat oft gesagt „Kleine, mach Dir das Radio an, ein wenig Musik gegen die Langeweile“. Ich habe die Auslandsnachrichten allein abgehört, Herr Richter“.

Er hatte sofort begriffen. „Herr Wachtmeister, holen Sie Gietzolds herein“. Sie redeten gleich auf den Untersuchungsrichter ein. „Die Frau kennen wir gar nicht, haben wir noch nie gesehen“. Das war eine schlechte Logik. Das stimmt aber nicht, Frau Geißler war sehr oft allein in Ihrer Wohnung, wenn Sie beide Luftschutzdienst hatten. Sie haben ihr erlaubt, das Radio anzustellen, um ein wenig Musik zu hören, also kennen Sie sich sehr gut und Frau Geißler genoß Ihr vollstes Vertrauen, nicht wahr??“. Er betonte das ganz besonders. Nun hatten die Gietzolds begriffen.

Es gab Menschen, die bereit waren, Unglück zu verhindern

Und dann machte der Untersuchungsrichter zum Wachtmeister eine Handbewegung. Der Richter sagte noch vorher zu Gietzolds: “Sie haben mit dieser ganzen Sache nichts zu tun und sind hiermit sofort entlassen. Sie starrten den Richter und mich fassungslos an und dann weinten sie beide. Der Wachtmeister wischte sich über die Augen, so ganz heimlich, aber ich habe es doch gesehen. Ich durfte mitgehen bis zum Ausgangstor,

Marianne mit ihrem Sohn, meinem Bruder Andreas im Frühjahr vor ihrer Verhaftung. Andreas – vor zwei Jahren gestorben – ist der Sohn eines französischen Fremdarbeiters

Gietzolds versprachen mir, für mein Kind zu sorgen. Ob sie es wirklich getan haben, weiß ich nicht. Ich habe es nie erfahren. Auf jeden Fall wurde die Anklage gegen sie eingestellt. Der heilige Geist hatte mir diesen rettenden Gedanken in der Nacht eingegeben.

Aber ich fand neben meinem „rettenden Gedanken“ auch Menschen, die bereit waren, diesen Gedanken aufzugreifen und damit weiteres Unglück zu verhindern. Sie hatten zwar nicht den Mut, gegen das System aufzutreten, aber sie hatten die Menschlichkeit, Schlimmeres zu verhüten.

Auf dem Gefängnishof

Der Gefängnishof in der Beethovenstraße ist sehr klein. An der linken Mauer sah ich beim „Spaziergang“ immer zwei ältere Damen auf und abgehen. Man sah es, sie waren reih und brauchten nicht mit uns im Kreis zu gehen. Ich habe mal gefragt, wer sie sind. Eine Frau sagte mir, die Ältere hieße Frau Köhler, den anderen Namen wußte sie nicht. Die große Druckerei „Köhler und Amelang“ gehörte ihnen Sie hatten zusätzlich für ihre Freunde und Bekannten Lebensmittelkarten drucken lassen. Das wurde natürlich bestraft. Vielleicht hatten sie auch eine bessere Zelle??

Im Hof konnte man auf die große Figur sehen, die „Justitia“, die auf dem Reichsgericht steht (heute Dimitroffmuseum). Ich machte ein bestimmtes Zeichen und tippte mit dem Zeigefinger an die Stirn. Meine Nachbarin hatte verstanden. Die Wachmeisterin schrie mich an: “Geißler, sehe ich das noch einmal, dann gibt’s Dunkelarrest.“ Vor mir Im Kreise ging eine Polin hocherhobenen stolzen Hauptes. Die sind eben anders als wir. Schon, daß ich diesen kurzen Anblick nicht vergessen habe, zeigt Ihnen, welche große Hilfe das nur kurze Erlebnis von Unbeugsamkeit, Stolz und bewahrter Menschenwürde für mich in dieser schweren Zeit war.

Anmerkung: Das „Dimitroffmuseum in Leipzig war damals das Reichsgericht. Es ist heute Sitz des Bundesverwaltungsgericht

Auch ich denke heute, dass meine Mutter Glück hatte mit Ihrem Untersuchungsrichter. Zu bedenken ist aber, dass viele der Justizangestellten auch schon wussten, dass Deutschlands Niederlage unausweichlich ist.

­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­Ungefähr 20. oder 21. August 1944

Untersuchungsgefängnis Moltkestraße, heute Bernhard-Göring-Str. (Spottname „Elisenburg“) *

Das Datum kann auch später sein, ich weiß nicht mehr. Mir waren auch meine Armbanduhr und  zwei goldene Ringe abgenommen worden. Ich trug immer ein kleines goldenes Kettchen mit einem Kreuzlein dran, beides echtes Gold, es war aber gerade in Reparatur. Doch davon dann auch mal später. Früh, so gegen 9.00 Uhr klirrten wie an jedem Morgen draußen die Schlüssel. „Geißler zum Transport“, rief die Wachmeisterin. Dann nahm sie mich mit hinunter ins Erdgeschoß. Da standen auch wieder 10 oder 12 Frauen. Wir wurden aneinander immer zwei und zwei mit Handschellen um die Handgelenke angeschlossen, damit niemand „ausreißen“ konnte. So gingen wir nun durch die damalige Adolf-Hitler-Straße (heute  Karl-Liebknecht-Str.) zum Gefängnis „Elisenburg“. Die Straßenpassanten wandten sich entsetzt von uns ab. Wir kamen auch hier wieder in einen langen Gang. Wir mußten mit dem Gesicht zur Wand stehen, die Hände anlegen.

  • Es kann sein, dass meine Mutter sich mit dem Gefängnisstandort geirrt hat. Die damalige Moltkestraße ist die heutige Alfred-Kästner-Straße. Die JVA ist inzwischen abgerissen worden. .

Den Häftlingen ist der Hitlergruß verboten

 Da standen überall Inschriften groß und dick aufgetragen „Den Häftlingen ist der Hitlergruß verboten“. Darüber waren wir aber gar nicht beleidigt. Vielleicht die Kriminellen! Für die war ja der Endsieg gewiß. Wenn der errungen war, dann gab der „göttliche Führer“, der ja immer recht hatte, eine Amnestie. „Wir kommen dann alle heraus und Ihr Politischen müßt immer drinnen bleiben“. Das wurde mir öfter gesagt. ( Die Kriminellen waren ja auch die Supergescheiten, die mußten es ja schließlich wissen)

Wir standen auf dem Korridor vor der Effektenkammer (Aufbewahrungsraum für die private Kleidung der Häftlinge). Unsere Sachen wurden in Hängebeutel gesteckt und aufgehängt. Wir bekamen die Gefängniskleidung ausgehändigt. Die Holzpantinen paßten so einigermaßen. Zelleneinweisung. Zuerst kam ich in eine Massenzelle. Ungefähr 12 Häftlinge waren drinnen und sage und schreibe, ein richtiges WC mit einer Tür davor. Oh—Die Häftlinge, die mit mir von der „Beethovendiele“ gekommen waren, kamen in andere Zellen.

Und nun ein wenig über einige der neuen Zellengenossen. In der Ecke saß eine Bibelforscherin. Sie trennte Säcke auf. Die Zellenälteste, deren Namen ich nicht mehr weiß, hatte die Verantwortung für Scheren und Messer usw. , wegen Selbstmordverhinderung. Diese Bibelforscherin, die ich eben erwähnte, war auch 1 1/2 Jahre schon in Haft. Ich quatsche sie an und frage sie „warum sitzen Sie denn eigentlich?“ „Aber nein, war ihre empörte Antwort, wollen Sie sich nicht gefälligst kultivierter ausdrücken. Sie befinden sich hier in einem vornehmen Hause „Hotel ohne Klinke“.

„Gut“, sagte ich, „Sie haben es erfaßt“. Dann war noch eine andere Frau in dieser großen Zelle. Das war ein besonderer Fall. Mit der war es auch besonders schlimm. Eine Frau Nötzig. War auf Anfang 60 wie die Bibelforscherin. Aber die war auch kriminell eingesperrt. Sie war beim Paketamt an der Hauptpost beschäftigt und hatte große Mengen Feldpostpäckchen „gemaust“ und in ihrer Wohnung aufbewahrt. Das haben mir andere Häftlinge erzählt. Wo die das immer so her wußten. Von Frau Nötzig habe ich nichts erfahren und die Kriminellen sind doch alle „so ehrlich“. Ich habe sie, das war dann schon Mitte September bei Fliegeralarm einmal wiedergesehen, wir waren durch den Zellenwechsel auseinandergekommen.

Gefangenengeschichte: Eine Berufung führt zum Todesurteil

Sie hatte die Gerichtsverhandlung hinter sich und hatte 3 Jahre Zuchthaus bekommen. Das Urteil nahm sie aber nicht an und legte Berufung ein. Sie erzählte mir das alles. Ich hatte ein großes Loch im Strumpf und sie lieh mir ihre Stopfnadel und Garn. Beim nächsten Fliegeralarm suchte ich sie und wollte ihr, das war unten im Maschinensaal im Erdgeschoß das Geliehene zurückgeben. Da war sie schon nicht mehr da. Ich fragte die Wachmeisterin nach Frau Nötzig. „Bei der Gaunerin geht der Kopf ab“, war ihre kurze Antwort. Frau Nötzig war schon im 1. Stock in der Todeszelle und da hing auch an der Zellentür das schmale weiße Handtuch. Denken Sie nur, Herr Pfarrer, durch ihren Einspruch war noch mehr herausgekommen—-Todesurteil— und die Stopfnadel habe ich heute noch.

(Fortsetzung folgt)

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