Wladimir vom „schlechten“ Russentisch

Ich höre gerade mit großem Vergnügen Thomas Manns Zauberberg. Ich finde Hörbücher verstärken das Vergnügen nicht nur an diesem Text ganz enorm. Erneut für mich Anlass, das Hören als bildungs- und literaturfördernd zu belobigen und zu preisen.

Der aufklärerische Settembrini

Da kommt der herrliche Settembrini vor, der Aufklärer und  selbsternannte Pädagog, der dem jungen Hans Castorp, den es hinauf zur Lungenheilstätte verschlagen hat, den Menschheitsfortschritt nahebringt und sich und ihn gegen die jesuitischen Spitzfindigkeiten des reaktionären Naphta verteidigt. Settembrini hat ganz wunderbare Wendungen drauf. Er mahnt den jungen unerfahrenen gerade fertigstudierten Ingenieur, der sich aktiv in den geistigen Disput  Naphta – Settembrini einschalten will:  „Unterrichten Sie sich, aber produzieren Sie nicht“. Herrlich.

Die Tür fällt mit lautem Scheppern zu

Dieser Settembrini wettert wie wahnsinnig gegen die Russen, die er die Parther und Skythen nennt und denen er ein ungeordnetes Verhältnis zu Zeit, Pünktlichkeit und Ordnung nachsagt. Damit will er Castorps von seiner  Leidenschaft für Clawdia Chauchat, der aus Dagestan stammenden, leider auch lungenmäßig wurmstichigen jungen Frau befreien. Er ist zwar aufgeklärt, aber weiß nicht, dass Worte da kaum helfen.   Clawdia Chauchat sitzt im Speisesaal am sogenannten „guten Russentisch“. Am schlechten Russentisch sitzen völlig kulturlose Leute – z. B. ein Ehepaar, das durch seine sexuellen Krawalle den jungen Castorp nervt, denn er wohnt neben ihrem Zimmer und wird gepeinigter Zeuge ihrer Aktivitäten. Aber auch Clawdia vom „guten Russentisch“ hat ihre eigenwilligen, rücksichtslosen egozentrischen, unzivilisierten Lässigkeiten. Ständig schmeißt sie die Tür hinter sich mit lautem Scheppern zu.

Es ist so herrlich, wie Settembrini gegen die Russen wütet. Die ganze Kluft Europa gegen Asien reißt er in seinen langen Reden auf. Das „östliche“ ist ihm  das liederliche“, mit Nacht und Krankheit verbundene. Überall wittert er  zu viel „Asien in der Luft“.

Reden Sie nicht, wie es in der Luft liegt, junger Mensch, sondern wie es Ihrer europäischen Lebensform angemessen ist! Hier liegt vor allem viel Asien in der Luft, – nicht umsonst wimmelt es von Typen aus der moskowitischen Mongolei! Diese Leute« – und Herr Settembrini deutete mit dem Kinn über die Schulter hinter sich – »richten Sie sich innerlich nicht nach ihnen, lassen Sie sich von ihren Begriffen nicht infizieren, setzen Sie vielmehr Ihr Wesen, Ihr höheres Wesen gegen das ihre, und halten Sie heilig, was Ihnen, dem Sohn des Westens, des göttlichen Westens, – dem Sohn der Zivilisation, nach Natur und Herkunft heilig ist, zum Beispiel ​die Zeit! Diese Freigebigkeit, diese barbarische Großartigkeit im Zeitverbrauch ist asiatischer Stil, – das mag ein Grund sein, weshalb es den Kindern des Ostens an diesem Orte behagt.  

Naturverbunden und urwüchsig – Putin, ein „Kind des Ostens“. 

Also Settembrini – dieser unverdrossene Aufklärer  – misstraut „den Russen“ zutiefst.  Es stimmt schon , das waren andere Zeiten, aber schon immer gab es ein tiefes westeuropäisches Ressentiment in Richtung Osten offensichtlich ganz unabhängig davon, welches politische System dort gerade herrschte. Und Deutschland war immer sehr sehr zwischen den Stühlen.  Darüber gibts auch  ne Menge Literatur, die ich hier aber nicht umreißen kann.

Das ganze  Settembrini-Gerede und Castorps Chauchat-Geschwärme brachte mich auf die Idee ,ob Wladimir Putin nicht ein bisschen aussieht wie diese geheimnisvolle  Clawdia.

Sie hat hohe Backenknochen und Kirgisenaugen  – na, ist das nicht auch ein bisschen bei Putin so? Sie erinnert Castorp an jenen Schulkameraden namens Przibislaw Hippe, der einst Subjekt seiner kindlichen Faszination war.  Diesen Hippe hat Castorp einst um einen Bleistift gebeten. Daran denkt er ständig und noch immer ist mit dem „crayon“ eine ganz andere Assoziation für ihn verbinden.

Wo hätte Wladimir Putin , wenn er nach Davos auf dem Zauberberg eine Kur gebraucht hätte, wohl gesessen? Am „guten“ oder am „schlechten“ Russentisch?

Momentan sitzt er ja am absolut schlechten Russentisch in Europa. Und in den USA nun sitzt er gar unterm Tisch, zumindest soll er da irgendwie seine „Lauscher“ installiert haben.

Wer sitzt eigentlich am guten Russentisch? Vielleicht Chodorkowski? Kulturell aber auf jeden Fall viele. Zumindest in der Erinnerung. Die russischen Künstler waren immer gern in deutschen Kurorten.  Dostojewski in Baden Baden und Anton. Tschechow in Badenweiler habe ich gelesen. Da wurde viel Geld gelassen und verspielt.

Das ist länger her. Aber, momentan sind ja auch noch allerlei Russen unterwegs in Europa und die harren noch der Einordnung.

 

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