Der „Tiger zwischen den Beinen“ ?

Die Schweizer Komödie „Die göttliche Ordnung“ weckt eigene Reminiszenzen und stimmt auch ein bisschen melancholisch.

Wir waren gestern mal wieder im Kino – im so schön nahen, kleinen und werbefreien  Blauer Stern  in Pankow.   Bei dem sonnigen, warmen Wetter konnten wir uns vorher auf einer Caféterasse der Beobachtung hingeben, wie sehr sich dieses Gebiet durch massenhaften Zuzug verändert hat. Die jungen Frauen, die dort – so manche auch „guter Hoffnung“ – zugange waren, sie waren im Alter der Heldin, die in der Schweizer Komödie „Die göttliche Ordnung“ wider selbige aufbegehrt und  protestiert. So Anfang dreißig.

Die Schweiz im Jahr 1971 –

so weit entfernt von Ostberlin

Die Geschichte  spielt im Jahr 1971. Da wurde nämlich endlich in der Schweiz das Wahlrecht auch für Frauen durchgesetzt, wenngleich nicht in allen Kantonen, wie der Abspann nachweist. „Meine Güte,“ dachte ich, „im Jahre 1971 wäre es in meinen Gefilden, in Berlin-Hauptstadt der DDR – genau umgekehrt – höchst prekär gewesen, nicht zur Wahl zu gehen“.  Und der Wunsch der jungen Frau, die gegen ihren patriarchalen „Familienverband“ zu Felde zieht, einen Job anzunehmen, war für die DDR längst normal und wurde überhaupt nicht gefeiert. Ich hatte gerade mein Studium beendet und mir graute vor dem Wiedereintritt in ein Berufsleben, von dem ich mir nicht allzu viel versprach. Zwar hatte ich jetzt eine andere Berufslaufbahn vor mir, als vor dem Studium,  aber ich sah, dass mich die eintönige Routine, die mich vor dem Studium so herabgestimmt und deprimiert hatte, trotzdem wohl nicht verlassen würde.

Weniger Emanzipation –

mehr Weltflucht

Ich fragte mich, als der Ehemann der Heldin  – sympathisch gespielt von Maximilian Simonischek, dem Sohn von Peter Simonischek, („Toni Erdmann“)  – die Berufstätigkeit verbietet, weil „so das Gesetz“ ist, ob ich es damals nicht ganz gut gefunden hätte, wenn mich jemand „ernährt“ hätte. Aber, da war keiner und am Ende war das bei mir mehr eine etwas ängstliche Weltflucht als der Wunsch nach einem traditionellen Familienleben. Ich konnte es  kaum mit einem emanzipatorischen Anspruch verknüpfen, dass ich einfach keine Lust auf eine geregelte Arbeit hatte, ich war keine Aussteigerin, sondern eine missmutige Teilnehmerin an der DDR-Alltagsroutine.

Alice Schwarzer – nur ein Buchtitel

In den siebziger Jahren drang wenigstens der Titel eines Buches von Alice Schwarzer in die DDR „Der kleine Unterschied und seine großen Folgen“.  Ich fand einige Aussagen ganz interessant und manche Überlegungen erklärten teilweise eigene Erfahrungen, aber dann war eher Ruhe. Dass Frauen lange Jahre nicht entscheiden durften, ob sie berufstätig sein wollen oder nicht, wusste ich nicht, interessierte mich auch nicht so sehr.  Oder doch? Ich erinnere mich, dass ich bei meiner damals gepflegten Liederdichterei mal einen Vers verzapfte:

Ach, wenn ich das so höre,
die vielen Litanei’n,
 wie Frau’n zu sich gefunden
und nun befreit aufschrei‘n‘.

Shame on me. So richtig nahe bei feministischen Bestrebungen war das  nicht. Es war mir fern, meine Erfahrungen waren anders, mein Unbehagen betraf andere Bereiche meines Lebens.

„O-Ton  Frauen in der DDR“

Erst mit den beiden Büchern, die gewissermaßen einen „O-Ton Frauen“ in der DDR transportierten begann damals deutlicher und vernehmbarer eine Auseinandersetzung mit weiblichen Lebenswünschen, -entwürfen,  -realitäten  und den Diskrepanzen zwischen ihnen.  „Die Pantherfrau“ von Sahra Kirsch und „Guten Morgen Du Schöne“ von Maxi Wander begann in der DDR.

Christa Wolfs Vorwort zu „Guten Morgen, Du Schöne“ hatte dann schon etwas von einer Programmatik. Das Wahlrecht gehörte nicht zum Debatteninhalt, sondern eher die Frage, ob Frauen wirklich genau das auch wollen, was die Männer wollen. Oder auch: Ob Frauen frei sein können, solange es nicht alle Menschen sind.

Zurück zu diesem hübschen Schweizerfilm. Es ist  gut gelungen, auch visuell das Klima in diesem Lande seinerzeit widerzuspiegeln. Eine provinzielle Enge, umgeben von wunderbarer Natur, der man aber stets ansieht, wie hart die Menschen dort arbeiten, um ihr Ertragreiches abzuringen und – vor allem – es zu mehren.

Vielleicht ist es schwer, einen politischen Kampf, der über Jahre geführt wurde, in eine Komödie zu packen, die einen Anfang und – möglichst schnell – auch ein erfolgreiches Ende haben soll.  Alles drängt sich zusammen auf ein paar schicksalhafte Monate vor der Abstimmung und wird damit manchmal unplausibel, wie z. B. das schnelle Wachsen der Unterstützerinnen der Pro-Wahl. Aber trotzdem – als die junge Frau Nora sich gewissermaßen selbst ermächtigt – herrlich diese ironische Reminiszenz mit der  Entdeckung des „Tiger zwischen den Beinen“ – und über sich hinaus wächst, das war einfach hervorragend. Es ging mir deshalb nahe, weil ich inzwischen die Realitäten West kennengelernt habe.

Die Zeiten haben sich geändert. Heute würden manche tapferen Streiter den Frauen, die für ein Wahlrechte streiten, entgegenhalten, sie kämpften für ein politisches Instrument mit dem sie gar nichts wirklich verändern könnten, Ätsch und machten sich eigentlich – wie jene Frauen, die für eine Quotenregelung eintreten – zu Komplizinnen des globalisierten neoliberalen Kapitalismus. Es gibt immer neue „Runden“ in diesem Kampf um Vormacht und Definitionshoheit.

Und die Frauen selbst heute?  Die sind schon wieder dabei, Kräfte zu zerstreuen. Ein Teil von ihnen hat keinen „Tiger zwischen den Beinen“, sondern eine operativ optimierte Muschi. Naja, auch nicht die Mehrzahl, aber die veröffentlichte mediale Nacktmuschi ist jedenfalls kein Tiger. Nie im Leben. Traurig ist das.

 

 

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