Eine Region – fremd und seltsam vertraut

Gladbeck ist eine kleine Stadt in Nordrhein-Westfalen, deren Name bei älteren ZeitgenossInnen u. a. „kriminelle“ Assoziationen auslöst: Banküberfall, Geiselnahme, medialer Supergau.
Im August 1988 überfielen Hans Jürgen Rösner und Dieter Degowski eine Filiale der Deutschen Bank in der Stadt. Als der Überfall missglückte, nahmen sie Geiseln und flüchteten durch Deutschland, begleitet von einem Journalistentross.
In einem gekaperten Bus erschossen sie den vierzehnjährigen Emanuele
De Giorgi, später kam noch die als Geisel genommene Silke Bischoff ums Leben.  Hier sind die ausführlichen Details

Und hier ein Hintergrund in der Welt

Beide Geiselnehmer haben ihre Strafe zwar abgesessen, aber entlassen ist bisher keiner von ihnen. Die medialen Begleitumstände wurden damals umfangreich und sehr kritisch diskutiert.

Jenseits dieser spektakulären Tat vor fast 30 Jahren ist die einstige Bergarbeiterstadt – die letzte Zeche wurde 1971 geschlossen – sehr unauffällig, aber nicht ohne Probleme. Wie viele Städte in Nordrhein-Westfalen hat auch Gladbeck immer wieder mit den Folgen des Strukturwandels zu kämpfen. Die Dienstleistungsbranche hat nicht genügend Arbeitsplätze geschaffen.

In Gladbeck gibt es die Steinstraße, die auch nicht weiter auffällig wäre, gäbe es dort nicht die Nr. 72. Wenn man im Gladbecker Lokalblatt Gladbeck recherchiert, findet man massenweise Beiträge über dieses Haus. Es ist ein L-förmiger Plattenbau, der die ringsum entstandene Einfamilien-Haus-Siedlung überragt und als ein Monument der jobcenter-finanzierten Prekarisierung gilt.

Es sei eine Totschlagadresse, wird in einem Beitrag des Lokalkompass Gladbeck erklärt. Menschen, die vom Jobcenter angewiesen wurden, ihre Mietkosten zu senken, fürchteten, zum Umzug gewungen zu werden und am Ende dort zu landen.

Ein Beitrag in der WAZ  aus dem vergangenen Jahr berichtet über einen Wohnungsbrand in der Steinstraße72. Es gab Mordfälle, Drogenprobleme und viele Alltagskonflikte.

Eigentlich sieht das Haus in der Steinstraße aus wie ein Plattenbau im Osten. Z. B. wie das Haus, in dem ich wohne. 33539500572_1ff32a4fdf_k
Unser Bau sieht freundlicher aus, weil vor einiger Zeit renoviert wurde. Das Umfeld ist anders, aber der Baustil ist der Gleiche.

Vielleicht ist das der Grund, dass ich mir bei einer Zufallsrecherche in der Mediathek des WDR ein altes Feature anhörte, das die „Platte“ in der Steinstraße behandelte.

Neun Stockwerke Deutschland  entstand im Jahr 2009. Ein Kosmos für sich, wie man so schön sagt, eine Welt, die das Leben von Menschen umgibt, die man gern als „abgehängt“ bezeichnet, die aber trotz allem recht lebensfroh „abhängen“. Z. B. im Laubengang, der die Stockwerke umrundet. Die meisten Mieter in jenem Jahr sind noch irgendwie „Originaldeutsche“, vor allem sind sie Originale. Da gibt es den „Bankräuber“, der immer mal wieder im Knast verschwindet, da gibt es einen polnischen Kraftfahrer, der seiner Ehefrau nachtrauert, die ihn verlassen hat.

Wie immer, wenn es um „öffentliche Räume“ geht, auch wenn sie sich hier ins Private verengen, sind es mehr die Männer, die sich artikulieren.
Die liefern eine Menge Weltsicht und Welterklärung und sie haben sich arrangiert mit der Welt und dem Leben.

Sieben Jahre später hat der Autor des Features die Steinstraße 72 Haus erneut besucht.
Neun Stockwerke neues Deutschland

Das Haus ist ein Spiegel der Veränderung, die die bundesdeutsche Gesellschaft gegenwärtig bewegen. Es sind mehr Migranten – Syrer, Bulgaren, Leute aus Rumänien – eingezogen. Es wird „fremder“ im Haus und die Mieter reagieren höchst unterschiedlich darauf. Philosophisch Gestimmte rufen das allgemein Menschliche auf, glauben an ein Miteinander und suchen Kontakt zu den Neuen. Eine junge Frau, die einen Flüchtling aus Nahost betreut und lieben lernte, erzählt von ihrer Abwehr gegen den schrecklichen Bau und ihr Entzücken als sie dann in der Wohnung war, die sie wunderbar fand. Aber: Es gibt in solch einem Haus wenig Möglichkeiten zur Abgrenzung, wenn sie nicht respektiert wird. Es gibt Lärm und Partys, aber auch – noch immer – Gemeinsames. Andere wieder erleben den Wandel als Bedrohung und gehen zur AfD. Schon immer aber hatte die Region viel mit Zuwanderern zu tun.
Aus Polen kamen sie früher um in der Kohle Geld zu verdienen, später aus Italien und der Türkei. Auch da ist das Ruhrgebiet ein Beispiel, manchmal im Guten und manchmal auch im Bedenklichen und Problematischen.

Von den Menschen und der Situation im Ruhrgebiet handelte auch die Lange Nacht beim Deutschlandfunk Tief im Westen.
Es ist schon seltsam, die Art, wie die Menschen dort ihr Leben meistern, wie sie denken und wie sie „ticken“, weckte in mir Erinnerung, scheint mir merkwürdig vertraut. Der Kultursoziologe Wolfgang Engler schrieb in seinem Buch „Die Ostdeutschen“ von der „arbeiterlichen Gesellschaft“  und Günter Gaus nannte in den 80ern die DDR ein Staatsvolk der „kleinen Leute“ . So ist auch das Ruhrgebiet eine Region der kleinen Leute, ein Gebiet, in dem die Familien vom Bergbau lebten, die Männer in den Schacht einfuhren und hart arbeiteten bis der Strukturwandel ihnen neue Lebensrisiken bescherte, die z. B. in ein Haus wie die Steinstraße 72 führten oder auch neue Chancen z. B. für die Frauen, denn für sie entstanden neue Arbeitsmöglichkeiten in der Dienstleistungsgesellschaft. Die Menschen vor Ort nennen als Kennzeichen der Region das Miteinander, die Hilfsbereitschaft, aber auch die lapidare Direktheit im Umgang ohne viel Theater. Hier erzählt Hagen Rether davon

Und ohne Jürgen von Mangers Tegtmeier kommt so eine Sendung auch nicht aus.

Tegtmeier

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2 Antworten zu Eine Region – fremd und seltsam vertraut

  1. dame.von.welt schreibt:

    Ich habe meine Kindheit am Rand des Ruhrgebiets verbracht und die „lapidare Direktheit im Umgang“ in Verbindung mit einer bestimmten Herzlichkeit waren für mich mit Gründe, später nach West-Berlin zu ziehen. Es gibt eine ganze Reihe Parallelen: die zeitgleiche Großstadtwerdung in Berlin und im Pott ab Ende des 19. Jhdts, die parallele Integrationsgeschichte der „Gastarbeiter“ ab Mitte der 50er, beide Regionen waren in beiden Zeiträumen das Ziel von Landflucht, in beide Gegenden zogen die „kleinen Leute“ und Malocher, in beiden hatte man in den 70ern Großes in der Bildung vor, Chancengleichheit, Lehrmittelfreiheit, Gesamtschule usw.

    Der Strukturwandel ab den frühen 80ern hat im Pott nur bedingt geklappt – jedenfalls für die Männergeneration, die im Feature von 2009 zu Wort kommt und die inzwischen alt oder tot ist. Ich bezweifele auch sehr, daß sich allzu viele der Malocher mit der Dienstleistungsbranche befreunden konnten.

    Die „neuen Chancen z.B. auch für die Frauen“ wurden damals nicht unbedingt als Chance empfunden, denn die Lebensplanung bis weit in die 70er Jahre war, daß Frauen nur dann arbeiten gingen, wenn ein Einkommen für die Familie nicht reichte – was im Bergbau, Chemie, Stahlverarbeitung aber der Fall war, dort wurde vergleichsweise gut verdient. Als auch die Frauen arbeiten gehen mußten, weil die Löhne nicht mehr stiegen und sehr viele Männer durch Bergbauabwicklung und Automatisierung der Produktion arbeitslos gemacht wurden, wurde das von vielen Frauen und Männern als fremdverfügter sozialer Abstieg und als politischer Betrug empfunden.

    Im Freitag-Blog schreiben Sie: „Ein Kultursoziologe meinte, viele Menschen vor Ort – tief im Westen – suchten ihre Identität eher im Blick zurück auf die Bergbauepoche. Auch da finde ich eine Ähnlichkeit zur Sicht von Menschen im Osten. Auch da gehen Blicke rückwärts.

    Mir scheint eher, daß ältere Leute dazu neigen, den Blick zurück zu richten. Aus meiner Sicht waren Identität und Stolz, die die britische Arbeiterklasse bis Maggie Thatcher hatte und die ich auch im Osten vermute, im Pott nicht so ausgeprägt – dazu wurde beides zu oft erschüttert und der Westen ist Kommunistenhasserland.

    Der Wandel in der Gladbecker Platte (ursprünglich geplant als Haus mit bezahlbaren Eigentumswohnungen) klingt für mich weniger nach einem „Spiegel der Veränderung, die die bundesdeutsche Gesellschaft gegenwärtig bewegen„, sondern nach Kaputtspekulation und -verwaltung und nach einem vom Jobcenter/Ausländeramt hergestellten Ghetto. Es ist zum Heulen, daß die gleichen Fehler immer und immer wiederholt werden.

    Danke für die beiden Feature!

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    • madge1946 schreibt:

      Vielen Dank. Dass die Probleme des Strukturwandels vielschichtiger sind, das ist schon klar. Aber ich fand die beiden Features sehr engagiert und menschenfreundlich. Übrigens habe ich gelesen,dass einem Hausmeister dort einige Wohnungen gehören. Bis demnächst im Leben 🙂

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